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Full text of "Die Mundart von Imst Laut und Flexionslehre"

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DIE 


MUNDART VON IMST. 


LAUT- UND FLEXIONSLEHRE. 


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«MIT UNTERSTÜTZUNG DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WI8SEN8CHAITKN 

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VERLAG VON KARL J. TRÜBNER. 
1897. 




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DIE 


MUNDART VON IMST. 


LAUT- UND FLEXIONSLEHRE 


von 


JOSEPH SCHATZ. 


MIT UNTERSTÜTZUNG DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER 
WISSENSCHAFTEN IN WIEN. 


8TRA8SBURG. 

VERLAG VON KARL J. TRÜBNER. 
1897. 


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<J. Otto’* Ilof-Buehdruekerei in Darmstadt. 


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C (C(- 10^^ 


HERRN 

PROF". D K JOSEPH SEEMÜLLER 

IN DANKBARKEIT 


GEWIDMET. 


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Oie Mundart, deren Laut- und Flexionslehre die vor- 
iegende Arbeit behandelt, ist die des Marktes luist im 
Oberinntale Tirols. Aus der historischen Entwickelung der 
Einzellaute ergibt sich, dass sie bodenständig und keine 
Mischmundart ist. Die ansässigen Bewohner, gegen 2400, 
sprechen sie einheitlich, es finden sich keine Unterschiede, 
welche auf eine getrennte Entwicklung Schlüsse gestatteten. 
Viele haben das Bewusstsein, dass die angeborne Mundart 
tiefer stehe als die Städtische in Innsbruck herrschende, und 
sie bemühen sich im Verkehr mit solchen, welche die 
städtische Mundart oder die Schriftsprache gebrauchen, die 
mundartlichen Eigenheiten möglichst abzustreifen ; die auf- 
fallenden Unterschiede zwischen der Imster und Innsbrucker 
Mundart werden dabei in der Regel richtig herausgefühlt. 
Es sind hauptsächlich o für das Imster on (mhd. om), e für a 
mhd. e vor l, r), in den Endsilben sonantisches »», m, v für » 
(mhd. -en). Da auch fast alle Handwerker und Handelsleute 
des Marktes Landwirtschaft betreiben, ist eine einheitliche 
Verkehrssprache in Imst gewahrt und dem Eindringen frem- 
der Bestandteile eine bedeutende Schranke gesetzt ; denn der 
Bauer ist so in die Lage versetzt, seine Geschäfte im Markte 
selbst abwickeln zu können und seine Mundart wird des- 
halb nicht unmittelbar von einer fremden beeinflusst. Die- 
jenigen Kreise aber, welche in engerem Verkehr mit Inns- 
bruck stehen, können nicht so sehr fremdes Sprachgut 
(abgesehen vom Wortschatz) in die Mundart bringen, 
weil sie mit den Bauern nur in der angebornen Mundart 
verkehren. Diese sind fremdem Einflüsse nur schwer zu- 
gänglich. 


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VI 


Die Imster Mundart wird ausserhalb des Marktes und 
der zu ihm gehörenden Weiler Gunggelrün (geschrieben 
Gungelgrün) und Brennbühel (Brennbichl) noch in Tarrenz, 
eine halbe Stunde nordöstlich von Imst., in Karree, eine 
Stunde, und Koppen, zwei Stunden südöstlich, gesprochen. 
Die nächsten Ortschaften, Wald, Arzl, eine Stunde südlich, 
Imsterberg, Mils südwestlich haben die Dehnung des », e, 
o vor r in weiterm Umfange als Imst lautgesetzlich durch- 
geflihrt. Nassreid zwei Stunden nordöstlich von Imst hat 
r vielfach zur stimmhaften, bezw. stimmlosen Spirans ent- 
wickelt; der musikalische Hochton ruht zum grössten Teil 
auf den exspiratorisch schwaehtonigen Silben. Östlich da- 
von und östlich von Koppen sind die n der Nebensilben 
erhalten. 

Dass unsere Mundart dem bairischen Dialektgebiete 
angehört, ergibt sich ohne weiteres aus den Vokalen der 
Stammsilben. Den Verlauf der West- und Nordgrenze des 
Bairischen in Tirol habe ich in der Deutschen Litteratur- 
zeitung 1895 Sp. 78 f. angegeben. Es ist die tirolische 
Landesgrenze: Graubündten, Vorarlberg und das Allgäu 
sprechen alemannisch. Nur der Weiler Lechleiten im obersten 
Lechtal, der noch zu Tirol gehört, hat die alemannische 
Mundart wie das eine Viertelstunde entfernte vorarl- 
bergische Wart; das nächste tirolische Dorf Steg im Lech- 
tal ist davon 14 km. entfernt. Die bairischen Grenzorte 
gegen das Schwäbische sind Forchach, Rinnen, Nassreid; 
schwäbisch sind Weissenbach, Berwang, Bieberwier. 

Eine wissenschaftliche Arbeit über die Imster Mund- 
art, ist nicht vorhanden. Vielfach wird das Sprachgebiet 
des Oberinntals dem Alemannischen oder Schwäbischen zu- 
geteilt. Vgl. Schöpf in Frommanns deutschen Mundarten 
II S. 832 f., Thaler ebenda III S. 317, beide mit unklaren 
Ansichten; Weinhold, bair. Gramm. S. 5 (alemannisch), 
ebenso Behaghel in Pauls Grundriss I S. 539. I. V. Zingerle 
nannte die Oberinntalcr und Vinstgauer „germanisierte Ro- 
manen, welche den alemannischen Dialekt angenommen 
haben . . siehe Tirol. Weisthümer 2, S. VIII f. V.Hintner 
in Österreich-Ungarn in Wort und Bild, Abteilung Tirol 


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VII 


und Vorarlberg 1893 S. 298 weist die ganze Mundart des 
Oberinntals dem Schwäbischen zu. Den Unterschied zwischen 
der Sprache des Oberinntals gegenüber dem Schwäbisch- 
Alemannischen betonen richtig Staffier, Tirol und Vorarl- 
berg, Innsbruck 1839 S. 105 ff. und Schneller, Zeitschrift 
des Ferdinandeums, Innsbruck 1877 S. 70. Dem Bairischen 
weisen sie zu II. Fischer, Geographie der schwäbischen 
Mundart 1895; vgl. auch Karte 26; Kauffmann, deutsche 
Grammatik 2 1895 S. 6 und 0. Bremer bei Mentz, Biblio- 
graphie der deutschen Mundartenforschung 1892. 

Die Urkunden des Imster Gemeindearcbivs reichen bis 
1448 zurück, die des Pfarrarchivs bis 1435. Für die freund- 
liche Zugänglichmachung der Archive sei Herrn Bürger- 
meister 0. Pfeifer und Herrn Kanonikus J. P. Rauch 
auch an dieser Stelle gedankt. Was sich aus ihnen zur 
Aufhellung der historischen Entwicklung der Mundart ge- 
winnen lässt, habe ich an Ort und Stelle verzeichnet. 

Von in der Imster Mundart verfassten Gedichten sind 
die von K. Deutsch, A Sträussla vom Barg, Imst 1890 
zu nennen, so wie das 'Gespräch über die Herren’ von 
Lutterotti in seinen Gedichten im Tiroler Dialekte, Inns- 
bruck 1854 (1896®). 

Die Lautschrift ist im Anschlüsse an Kauffmann ge- 
wählt; nur für den gutturalen Reibelaut habe ich / statt x 
verwendet- 

Herr Prof. J. E. Wackerneil und Herr Dr. Leo- 
pold Hüter haben den Verfasser durch manche Beihilfe 
zu Dank verpflichtet ; in besonderem Masse aber gebürt der 
Dank Herrn Prof. J. Seemüller, dessen Anregung und 
Förderung die Arbeit ihr Entstehen verdankt, der mich auch 
bei der Korrektur sämtlicher Bogen wesentlich unterstützte, 
und der kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Wien, welche in freigebiger Weise einen 
Teil der Druckkosten übernahm und so die Veröffentlichung 
des Buches ermöglichte. 

Innsbruck, am 11. Dezember 1896. 


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INHALT. 

Dio nicht mit § bezeichneten Zahlen beziehen sioh auf die Seiten. 


EINLEITUNG. 

LAUTLEHRE. §§ 1—84 

I. ZUR PHONETIK DER MUNDART. §§ i_32 . 

A. DIE EINZELLAUTE. §§ 1—20 

DIE VOKALE. §§ 1 — 5 

Reine Vokale 3. Nasalierte Vokale 4. Reine Diph- 
thonge 4. Nasalierte Diphthonge 5. Triphthonge 6. 

DIE KONSONANTEN. §§ 6—20 

Der Halbvokal j 6. Der r-Laut 6. Der /-Laut 6. 
Die Nasale 7. Die Lippenlaute 7. Die Zahlenlaute 8. 
Die Gaumenlaute 9. Der Hauchlaut h 9. 1) i e 8 t i m m - 
losen; Fortis und Lenis der Verschlusslaute 9. 
Fortis und Lenis der Reibelaute 11. Die sono- 
ren Konsonanten 13. 

B. LAUTVERBINDUNGEN. §§ 21-27 

Einsatz und Absatz der Laute 14. LautübergSnge 14. 
VERBINDUNGEN DER KONSONANTEN UNTEREINANDER. §§ 

23—27 

a) Änderungen der Artikulationsart 

Homorgane Konsonanten 15. Nicht homorgane 

Konsonanten 17. 1. Labiale und Dentale 17. 2. La- 

biale und Gutturale 17. 3. Gutturale und Labiale 18. 
4. Gutturale und Dental« 18. 5. Dentale und Labiale 
19. 6. Dentale und Gutturale 19. 

b) Änderung der Artikulationsstärke . . . . 
Das Zusammentreffen stimmloser Laute im Worte 

und Satze 19. Verstärkung der Lenes zu Fortes 20. 
Das Anlautgesetz der Mundart 21. Übereinstimmung 


Seite. 

3—116 

3—37 

3-14 

3-6 


6 14 


14—24 


15—24 

15—19 


19—24 


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IX 


desselben mit der Kegel Notkers 22; diese kann nur 
bei der Annahme, dass ahd. (obd.j b, <1, g stimmlos 
waren, erklärt werden 23. Die sonoren Kortes und 
Lenes 24. 

C. DIE SILBE. §§ 28—30 

Silbenbau 24. Silbentrennung 24. Silbenbetonung 
26. SilbenlBnge 27. 

D. ZÜR KENNTNIS DES EXSPIRATORI8CHEN WORT- 

UND SATZACCENTES. § 31 

E. ZUR KENNTNIS DES TONI8CHEN WORT- UND 

SA TZ ACCENTES. § 32 

Behiiuptungsaittze 31. Fragesätze 33. Hypotaktische 
Verbindungen 36. 

11. DIE HISTORISCHE ENTWICKELUNG DER 
LAUTE. §§ 33—34 

Behandlung der mundartlichen Entsprechungen der 
einzelnen Laute des Mhd., beziehungsweise des Ahd. 
oder des Germ. 

A. VOKALISMUS DER 8TARKTONIGEN SILBEN. §§ 

33—56 

Mhd. a und d 38. Das a junger Lehnwörter 39. 
Das ahd. umgelautete e 40 Das mhd. weite (offene), 
umgelautete e 43. Mhd. rr 45. Zur Geschichte dieser 
Urnlautvokale 47. Mhd. e 49; mhd. e vor /, r 50. 
Mhd. (• 52. Zur Geschichte der Qualität des mhd. e 
52. Mhd. i 53; mhd. i vor r 53. Mhd. i 54. .Mhd o 
54; mhd. o vor r 55. Mhd. d 55; mhd. ö vor r 56. 
Mhd. 6 56. Mhd. oe 56. Mhd. u 57. Der Umlaut 
ist teilweise unterblieben 57. Mhd. ü 58. Mhd. Ci und 
tu 59. Zur Geschichte der Entrundung der mhd. ge- 
rundeten Vokale 59. Mhd. ei 60. Mhd. ou, 'du 62. 
Germ, eu und etc 64; ahd. m, tu und io 64; das ahd. 
umgelautete iu 65. Germ, enges ( geschlossenes ) r 67. 
Mhd. uo, üe 67. 

B. VOKALISMUS DER NEBENTONIGEN SILBEN. §§ 

57—59 

1. Endsilben. Sämtliche auslautenden Vokale 
sind abgefallen 68. Schwund des e der mhd. End- 
silben -er 68. Auslautendes der Mundart ist 
entstanden aus -e«, -#«, - in 69. Inlautendes -d- ist 
entstanden aus -cn- 69, aus langem gedecktem Vokale 
(d, 6 , i, ei) 70. Die Vokale der Deminutivendungen 
- Id und dh 70. i in Nebensilbeu 71. 


Seite. 

24—28 

28 - 30 
31—37 

38—116 

38-67 


68-73 


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X 


2. Vorsilben. Mhd. be-, ge-, rer-; dir- der Mund- 
art 72. Schwächung der Vokale in pro- und enklitischer 
Stellung 73. 

C. KONSONANTISMUS. §§ 60 79 

1. Die Labialen. Oerm. p 73; germ, pp 75. 

Germ, b 75; germ. mb 76. Westgerm. bb 76. Germ. 
/ 77. Germ, w 78. Die Vertretungen des germ. b 
und w decken sich im In- und Auslaut 81. Geschicht- 
liches zur Entwicklung des germ. b und w 81. Obd. 
b war stimmlos 82. Mhd. m 83. , 

2. Die Dentalen. Germ. 184; germ U 85. Germ. 
d und dd 86. Germ, p 88: germ. pp 89; germ. p als 
t 90. Germ, s 91; ahd. sk 91, Is der Mundart 92. 
Ahd. r 93. Ahd. n 94. Schwund desselben 95. Satz- 
phonetisches n nach -» vor starktonigen Vokalen 95. 
Nasalierung der Vokale 96. Mhd. I 97. 

3. Die Gutturalen. Germ, k 97. Fremdwörter 
mit anlautender Affrikata 98. Tenuis k fehlt im Wort- 
anlaut 98. Germ, k nach /, r 99; germ. uk 100. Germ, 
und westgerm. kk 100. Geographische Verbreitung 
der Affrikata k% 101. Germ, k als </ in Nebensilben 
102. Germ. <j 102; germ. g ist durch die Affrikata 
k% vertreten 103. Westgerm. gg 104. Germ. / 106; 
ahd. ht als ks 107. Germ, ng 107. Germ, j 108. 

D. ÄNDERUNGEN IN DER QUANTITÄT. §§ 80—84 . 

1. DEHNUNG KURZER VOKALE. §§ 80 — 82 

Vor stimmlosen Konsonanten. Dehnung kurzer 
Vokale in offener Silbe und vor Lenis im Auslaut 109. 
Erhaltung der Kürze vor inlautender Fortis 109. 
Dehnung vor auslautender Spirans 109. Geschichtliche 
Entwicklung dieser Verhältnisse 110; sie sind durch 
die Art des Accentes bestimmt 110. Dehnung vor t 
(germ. einfachem d) 111. Erhaltung der Kürze vor 
auslautender Verschlussfortis 112. 

Vor stimmhaften Lauten. Vörden inlautenden 
sonoren Fortes ist die Kürze erhalten geblieben 113. 
Die Dehnung eines kurzen Vokals mit einem aus- 
lautenden Sonorkonsonant hängt von der Stellung im 
Satznuslaute ab 113. Dehnung vor r 114. 

2. kOrzuno langer vokale. §§ 83—84 

Vereinzelte Kürzung alter Längen 115. Kürzung 
heutiger Längen in der Flexion vor mehrfacher Kon- 
sonanz 116. Vereinzelte Fälle 116. 


Seite. 


73-108 

73-84 


84 97 


97 108 


109—115 
109 115 


115-116 


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XI 


Seite . 

FLEXIONSLEHRE. §§ 85-170 . . . 119—179 

I. DAS SUBSTANTIV. §§ 85-128 119-144 

DIE KA8ÜS DER MUNDART. §§ 85—87 119-121 


Der Nominativ, Dativ und Accusativ sind als syn- 
taktische Kasus erhalten 119. Der Oenetiv kann nur 
zu persönlichen Substantiven, für alle drei Geschlechter 
gleich, gebildet werden 119. Erstarrte Reste des 
Genetive 120. Im Plural fehlt der Genetiv. Die Kasus 
des Singulars lauten untereinander gleieh, ebenso die 
des Plurals 120. 

A. MÄNNLICHE 8UBSTANTIVE. §§ 88—109 . . . 121—131 

Die o- und »-Stämme. Die Flexion Bend, ingen 
sind verloren. Reste des Dativs Plural in adverbialen 
Wendungen. Bingular und Plural sind ohne Endungen 
121. Der Plural unterscheidet sich durch den Um- 
laut des Stammvokals vom 8ingular; die o-Su'tnime 
sind zu den »'-Stämmen übergetreten 121. Gnippen 
der im Plural umlautenden Maskulina 122. u zu »; 
ua zu i» ; au zu ui ; <? zu ß, öi, zu a ; <> zu ö ; ou zu ö» ; 
qa zu fei; Maskulina auf ■}, auf auf -» 125. Nicht 

untlautfähige starke Stämme 125. Bildung des Plurals 
durch -»r verbunden mit dem Umlaut 126. 

Die «-Stämme. Zwei Gruppen dieser M askulina : 

Die erste hat im Singular die apokopierte Form dos 
Nominativs, im Plural ■», die zweite in beiden Zahlen 
-3 127. Beispiele der ersten Gruppe, zu der alle 
Namen der Lebewesen gehören 127. Beispiele der 
zweiten Gruppe 128. Von dieser bilden mehrere den 
Plural durch den Umlaut 128. Stork gewordene »- 
Stämme 129. 

D i e jo-8tämme. Sie sind zur o- oder «-Deklination 
übergegangen 129. Die .7'0-Stämme auf ahd. Art 130. 

Nomina actionis der Mundart auf -3r 130 Anm. 

Reste anderer Stämme, teo- nnd «-Stämme 130 
— Belege aus den Imster Urkunden für die Dekli- 
nation der Maskulina. S. 130 § 109 Anm. 

B. WEIBLICHE SUBSTANTIVE. §§110—119 . . . .131—139 

Die d- und^'d-Stämme. Der Singular ist ohne 
Endungen 131. Der Plural geht auf ■> aus 132. Die 
y'd-Stämme sind mit den d-Stämmen zusammen gefallen 
132. 

Diedn-undjdn-Stämme. Lautliche Gestaltung 
des Singulars und des Plurals 133, Plurale auf n». 

Übertritt von 4-Stämmen zu den d»-Stämmen 134. 


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— XII — 

Heit«. 

Wörter mit dem Plural auf - n 3 134. Feminina, welche 
den Singular und Plural gleich haben 135. Gestaltung 
der mehrsilbigen Feminina 136. 

Die Feminina abstraota. Zwei Gruppen der- 
selben 137. 

Die »'-Stämme. Die Endungen sind verloren, 
ein Teil hat den Umlaut im Plural bewahrt 138; ein 
Teil ist zu den d-Stämmen übergetreten 138. 

Reste anderer Stämme 139. — Urkundliche 
Belege für die Deklination des Femininums. 8. 139, 

§ 119 Amn. 

C. SÄCHLICHE SUBSTANTIVE. §§ 120-126 .... 139-144 

Die 0- und jo- 8 tSminc. Die Endungen sind ver- 
loren. Die Pluralbildung auf -sr, in Verbindung mit 
dem Umlaut, ist herrschend 140. Selten ist der Plural 
dem Singular gleich 141. Die Deminutive 141. 

Die n-8tämme sind erhalten 142. Vereinzelte 
Pluralformen 142. Vereinzelte Wortgruppen 142. 


Urkundliche Belege 143 Anm. 

ÜBERSICHTSTABELLE über die Pluralbildungeu der 

Mundart. § 127 143 

Wörter, deren Geschlecht vom Nhd., beziehungs- 
weise vom Mhd. und Ahd. ubweioht. § 128 . . . 144 

II. DAS ADJEKTIV. §§129-134 145 153 


Die Deklination des Adjektivs; zwei Arten derselben 
145. Die Flexion des Pronomiualadjektivs lii (mhd. 
ein ) ist in vierfacher Gestalt vorhanden 147. Das 
Pronominaladjektiv k%t O, kjridr 150. Die Bildung des 
Komparativs und Superlativs 151. Isolierte Kompa- 
rative und Superlative 153. 

III. DAS PRONOMEN. §§ 135-147 154-162 

Das ungeschlechtige Pronomen der ersten Person 
154, der zweiten Person 155. Das Reflexivutn 155. 

Das gesohlcohtige Pronomen 155 Die Possessive 
157. Die Entwickelung von mhd der , diu , das unter 
starkem Accent (Demonstrativ und Relativ) 157, unter 
schwachem Accent (Artikel) 158. Reste von mhd. 
jener, selb, solch 160. Mhd. wer, waz 160. Reste von 
ahd. loelih, to'edar 161. Indefinite 161. Urkundliche 
Belege der Pronominalflexion 161. 

IV. DAS ZAHLWORT. §§ H8-149 163-164 

Die Grundzahlen 163. Die Ordinalzahlen 164. Zahl- 
komposita 164. 


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— XLII — 

V. DAS VERBUM. §§ 150-170 

Die Modi des Aktivs 165. 

Das starke Verbum. Konjugation des Indika- 
tivs Präsens 165. Die Formen des Konjunktivs Präsens 
166. Der Imperativ 167. Der Konjunktiv des Prä- 
teritums 167. Die Vorsilbe des Partizips des Präte- 
ritums mhd. ye 167. Die Ablautgruppen der starken 
Verba 168. Die Verba der 1. Ablnutreihe 168, die 
der, 2. Reihe 169, die der 3. Reihe a) 170 und b) 171, 
die der 4. Reihe 171, die der 5. Reihe 172, die der 
6. Reihe 172. Die reduplizierenden Verba 173. 

Das schwache Verbum. Seine Konjugation 
im Präsens 174, im Präteritum 175. Übertritt schwacher 
Verba zu den starken 175. Die Formen von hgwg 
haben 176. 

Unregelmässige. Die Präteritopräsentia 176. 
Mhd. weiten 177. Mhd. bin 178. Mhd. tuon 178. Mhd. 
g&n, stbi 178. Die Bildung der zusammengesetzten 
Formen des Zeitwortes 178. Urkundliche Belege für 
die Konjugation. S. 179 Anm. 


BERICHTIGUNG. 

S. 78 lese man § 63 statt § 53 


Seite. 

165—179 


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LAUTLEHRE. 


Schatz, Die Mundart von Imat. 


1 


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1. ZUR PHONETIK DER MUNDART. 

A. DIE EINZELLAUTE. 

DIE VOKALE. 

§1. ReineVokale, solche die dem Gehör von nasalem 
Beiklange frei erscheinen. 

1. Der Zungenrücken bildet am vordersten harten 
Gaumen bis zur Kante der Alveolen Enge; die Spannung 
der Zunge ist deutlich fühlbar beim langen i (?), weniger 
beim kurzen i (»'), bei dem auch die Ausflussöffnung etwas 
weiter ist. Der Klangfarbe nach unterscheiden sieh »' und i 
der Imster Mundart nicht von einander. Die Lippen be- 
wegen sich beim kurzen i schwach seitlich, beim langen t 
energischer, so dass die Mundwinkel sich öffnen. 

e. Die Artikulationsstelle liegt etwas weiter rück- 
wärts als beim i. Es hat die Klangfarbe eines mittleren e; 
die Mundwinkel bewegen sich nur schwach seitlich. Zwischen 
langem und kurzem e (8 und e) besteht kein merkbarer 
Unterschied der Artikulation oder der Klangfarbe. 

ö. Der Zungenrücken ist gegen den mittleren (hinteren) 
harten Gaumen emporgehoben, die Spannung ist fühlbarer 
als bei irgend einer anderen Vokalartikulation; die Engen- 
bildung geschieht weiter rückwärts als beim e, die Lippen 
nehmen eine Mittelstellung zwischen Längs- und Kund- 
öffnung ein, die Mundwinkel sind geschlossen. 

a. Es hat die Klangfarbe des rein gesprochenen schrift- 
deutschen er; der Zungenkörper senkt sich etwas und bewegt 

1 * 


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4 


sich schwach nach rückwärts, die Lippen bilden die grösste 
Öffnung, die bei Vokalen der Ma. vorkommt, 

o. Dieser Vokal nimmt seiner Klangfarbe nach ziem- 
lich genau die Mitte zwischen a und o ein. Der Zungen- 
rücken ist massig gegen den weichen Gaumen hin gehoben, 
die Lippen sind etwas vorgeschoben und bilden Uundöffnung. 
Die Längen ä und § unterscheiden sich von den Kürzen a 
und q nicht. 

o. Seine Klangfarbe entspricht der eines mittleren 
schriftdeutschen o. Der Zungenrücken artikuliert weiter 
rückwärts als bei q und u, die Lippen werden vorgeschoben 
und bilden eine Kundöffnung. Langes o kommt nicht vor, 
ebenso nicht langes ö (dafür die Diphthonge ou und öi). 

u. Die Engenbildung ist stärker als bei o, geschieht 
aber etwas weiter vorne; die Lippen werden stark vorge- 
stülpt, die Uundöffnung ist schmal, die seitlichen Teile sind 
geschlossen, u und ü werden gleich artikuliert. 

9. Es ist der Vokal, der sich bei annähernd passiver 
Lage der Artikulationsorgane ergibt. Seine Klangfarbe ist 
der des a ähnlich, vor Nasalen der des o, u. Steht a am 
Ende eines Satzes, vor einer Pause, so tritt Senkung des 
Gaumensegels ein, es ist schwach nasaliert. 

§2. Nasalierte Vokale. Das Gaumensegel hängt 
schlaff herab wie beim ruhigen Atmen. £, i, a, d, unter- 
scheiden sich der Artikulation nach nicht von i, I, a, ä ; bei 
e ist die Engenbildung etwas stärker als bei e, es kommt, 
abgesehen vom Nasalklang, der Klangfarbe des schrift- 
deutschen engen S am nächsten. «, ü, ü entsprechen einem 
weit gebildeten o, u in der Artikulation, in der Klangfarbe 
aber dem o, u der Mundart, e und ö kommen nur als Kürzen 
vor, die Längen dazu sind die Diphthonge ei, ou. 

§ 3. Die reinen Diphthonge der Ma. sind: 

19. i hat hier die Artikulation und Klangfarbe eines 
offenen *, die Lippen beteiligen sich nur schwach. 

öi. ö ist hier geschlossener als ö, es scheint überhaupt 
mit einem längeren Teile des Zungenrückens artikuliert zu 
werden (mouilliert?); das ? ergibt sich bei dieser Bildungs- 


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5 


weise von selbst, wenn die ö-Artikulation, noch während die 
Stimme tönt, von rückwärts gelöst wird. 

ea. q ist sehr weit gebildet; die Zungenartikulation 
nach vorne und oben ist schwach. Das a kommt dem a- 
Vokal am nächsten, doch liegt es um eine Stufe nach e hin. 

ai. Der Mund wird bei a nicht so weit geöffnet wie 
beim «-Vokal es hat auch etwas hellere Resonanz ohne sich 
vom a weiter zu entfernen; i ist weit gebildet, die Lippen 
artikulieren nur schwach; seine Klangfarbe kommt der des 
weiten i des Schriftdeutschen näher als der des engen e. 

au. a kommt dem isolierten «-Laut fast gleich : « ist 
sehr weit, hat aber «-Klang, nicht o-Färbung; die Vor- ' 
stülpung der Lippen ist nicht merklich, dagegen die Bildung 
der engen Rundöffnung energisch. 

na. Das q hier unterscheidet sich kaum von dem q. 
Die Lippenartikulation ist dieselbe, a ist dem a-Vokale 
sehr ähnlich, bei der Bildung senkt sich Zunge und Unter- 
kiefer. 

ou. Bei o nimmt man deutlich eine Bewegung der 
Zunge nach rückwärts wahr, bei u eine solche nach auf- 
wärts. Die Lippen nehmen ziemlich dieselbe Stellung ein 
wie bei o und schliessen sich bei u noch mehr ohne nach 
vorwärts sich zu bewegen. <> ist enger als isoliertes o, u 
weiter als u. 

a<>. u ist weit gebildet; ;> hat hier eine o-Färbung, 
doch tritt nicht irgend ein bestimmter Vokalklang zu Tage. 

ui. u und i sind hier dem Klange nach den isolierten 
Vokalen u und i gleich zu setzen, u auch der Artikulation 
nach, während i unter schwächerem Ausatmungsdruck ge- 
bildet und schlaffer artikuliert wird. 

oi (in lois Alois, mqthois Mattheus, moisos Moses), o und 
i sind weite Laute. 

§4. Die nasalierten Diphthonge U>, dl, du, du, 
Ü 9 , ui sind in Betreff der Mundartikulationen den reinen 
i 3, ai, au, ou, uo, ui gleichzustellen. Für etymologisch voraus- 
zusetzendes ea, qa erscheint io, uo. (Vgl. die geschlossenen 
e, 5 für *qn, *qn § 2). Für ö tritt bei Nasalierung die e-Arti- 


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— 6 — 

kulation ein. ei hat geschlossenes e. Das Gaumensegel ist 
bei all diesen Diphthongen vollständig geöffnet. 

§ 5. Die Triphthonge. Wenn sich in der Silben- 
folge ua-a, b-a, qu-a, qti-a, ein j (Halbvokal i ) als Übergangs- 
laut einstellt, so wird vor dem j noch ein i (offen) arti- 
kuliert, das sich mit dem Diphthonge zum Triphthong ver- 
bindet. uaija , bi ja, qaija , qaija z. B. ruaija ruhen, pliaija 
blühen, tiaija thuen (mhd. Konj. tüejen), mquija Mai (mhd. 
rneie, meije), gquijä gehen (Konj. Präs.), fr qaija Frohsein (ahd. 
*fröi). Doch wird in diesen Fällen überall auch die Form 
mit Schwund des j gebraucht, also : rua-a, plia-a, tb-a, mqa-a 
gqa-o frqa-a. Nasalierte Triphthonge sind nur im Satzgefüge 
möglich; k/uaijqr kein Jahr (k/u'a-), si gi3i jq sie gehen ja 
(gb-). 

DIE KONSONANTEN. 

§ 6. Der Halbvokal j ist ohne wahrnehmbares Reibe- 
» geräusch ; der Zungenrücken artikuliert in derselben Höhe 

und an der gleichen Stelle wie für ein weites i. 

§ 7. r ist in Imst. Tarrenz und Nassreid fast aus- 
schliesslich uvular; im weitern Oberinnthal werden Zungen 
r und Zäpfchen r neben einander gesprochen. Die Hinter- 
zunge bildet eine Längsrinne, in der das Zäpfchen schwingt. 
Je energischer diese Artikulation ausgeführt wird, um so 
deutlicher ist das r für das Gehör. Wird die Rinnenbildung 
lässig gemacht so hat das Zäpfchen nicht völlig freie Be- 
wegung zum Schwingen und es stellt sich leicht ein Reibe- 
geräusch ein. In Imst ist es im Durchschnitt deutlich hör- 
bar, auch wenn r unter sehr schwachem Ausatmungsdrucke 
gebildet wird, macht das Zäpfchen immer noch einige 
Schwingungen. Ich habe nur stimmhafte r beobachten 
können. In Nassreid tritt gewöhnlich für r stimmhafter guttu- 
raler Reibelaut ein ; der ma. Ausdruck dafür ist „scharren“, 
sqrra, %£?. 

§ 8. I. Das Zungenblatt bildet an der Kante der 
Alveolen mittleren Mundverschluss. Der Luftstrom tritt 
entwoder an beiden Seiten der Zunge aus, oder nur an 
einer, während die andere geschlossen ist (bilaterale und 


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unilaterale l). Bei der Bildung eines zwischenvokalischen / 
berührt die Zunge die oberen Schneidozähne nie. Nur nach 
den stimmlosen t, d ruht die Zunge bei der Bildung des 
medianen l - Verschlusses an den oberen Schneidezähnen. 
Nach den Labialen p, f legt sich die Zunge an den hintern 
Teil der Alveolen. Es kostet mich, wenn ich die l in ul, 
il, pla, flu an der gleichen Artikulationsstelle bilden will, 
eine gewisse Aufmerksamkeit. Der Zungenrücken ist aber 
bei allen l verhältnismässig gehoben. Auch der Zungen- 
rücken kann am harten Gauinen mittleren Verschluss bilden. 
Die so gebildeten l sind an die Stellung nach den Gaumen- 
verschlusslauten k, g gebunden. 

§9. Die Nasale, m. Der Mund Verschluss wird durch 
die Lippen hergestellt. Wenn stark artikuliertes m vor oder 
nach dem (labiodentalen) f steht, berührt die Unterlippe die 
obere Zahnreihe. Labiodental wird m gebildet, wenn es 
unter schwachem Ausatmungsdruck vor / steht. Die Unter- 
lippe liegt an den Oberzähnen, die Oberlippe ist frei und 
an der Artikulation nicht beteiligt. Vgl. z. B. tsum ßr/Ja 
zum fürchten, fum fqtar vom Vater; tsum, fum haben den 
Schwachton. Bei n bildet das Zungenblatt am Zahnfleisch 
hinter den Oberzähnen Verschluss, ij wird stets am weichen 
Gaumen durch den Zungenrücken gebildet. Die Artikula- 
tionsstelle hängt von dem voraufgehenden Vokale ab; am 
weitesten rückwärts liegt sie bei otj; dann folgen uij, atj, 
ey, ifj. 

§ 10. Die Lippenlaute. Die Artikulationsstelleu 
für die Laute sind die Lippen und Oberzähne. Von stimm- 
losen kommen vor die labiolabialen Verschlusslaute p, ft, 
und das labiodentale f. Bei p, b bilden beide Lippen Ver- 
schluss, bei f die Unterlippe an den Oberzähnen die Reibe- 
enge. Der Stimmton tritt bei /'nie ein. In der Verbindung 
pf wird p zwar bilabial gebildet, aber die Unterlippe be- 
rührt auch die oberen Schneidezähne. 

Der einzige stimmhafte Laut dieser Gruppe ist w. Das 
wesentliche Moment für seine Bildung ist, dass die Lippen 
bis auf einen minimalen Spalt geschlossen sind. Dieser 
Spalt ist bei mir regelmässig doppelseitig, die Lippen sind 


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in der Mitte geschlossen, zu beiden Seiten ist eine Öffnung 
kleinster Ausdehnung, die Mundwinkel sind geschlossen; 
*/•», kaum ’/'i der Lippen ist geöffnet. — Andere bilden wieder 
eine einheitliche Lippenöffnung, die oft auch etwas seit- 
wärts liegt. Die doppelseitige Bildung habe ich häutig be- 
obachten können. Ein Vorstülpen der Lippen findet nicht 
statt, ebenso wirkt auch die Zunge nicht mit; sie bleibt 
in der Ruhelage. Das Reibegeräusch fehlt immer, w kann 
daher eigentlich nicht zu den Geräuschlauten gezählt werden; 
es ist von einem bilabialen stimmhaften Reibelaut ebenso 
entfernt durch Mangel des Reibegeräusches, wie von einem 
Halbvokal u durch Fehlen der Zungenartikulation. Am 
ehesten könnte man unser w zu den /-Lauten stellen, inso- 
ferne bei l und w die Mundhöhle zum 'Feil geschlossen ist, 
die Stimme tönt und keine Geräuschbildung sich einsteilt- 
§ 11. Die Zahnlaute. Die Verschlusslaute t, d 
werden durch Artikulation des Zungenblattes oder -randes 
an den Alveolen hinter den Oberzähnen gebildet; die Zunge 
erreicht in der Regel noch die Zähne. Beim Reibelaut s 
bildet die Vorderzunge leicht eine Rinne und Reibeenge an 
den Alveolen. Die Zungenspitze liegt ’/ä cm hinter den 
Zahnreihen. Der Unterkiefer ist etwas vorgeschoben, die 
Zahnreihen stehen sich fast gegenüber, ohne sich zu be- 
rühren. Oft bewegen sich die Lippen stark seitlich, die 
Mundwinkel sind dann geöffnet. Durch diese Bewegung der 
Lippen erhält das s eine helle Färbung, weil der Resonanz- 
raum zwischen den Zahnreihen und Lippen verkleinert wird. 

s. Die Lippen werden etwas vorgeschoben. Die Zahn- 
reihen sind wie beim s gestellt. Die Zungenspitze ist nach 
oben gekehrt und steht der Kante der Alveolen gegenüber, 
mit welcher sie einen schmalen Spalt bildet. Mit der Zungen- 
spitze ist auch der Rücken gehoben. Wie weit der Rücken 
an der ^-Artikulation Anteil hat, entzieht sich der direkten 
Beobachtung. Die Rinnenbildung hinter der Zungenspitze 
wird gefühlt. Die Lippen wirken bei der s-Resonanz immer 
mit, die grössere oder geringere Verschiebung ist individuell- 
t, d, s, s sind immer stimmlos. 


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§ 12. Die Gaumenlaute. Die stimmlosen Ver- 
schlusslaute h‘, ff werden durch den Zungenrücken am 
harten Gaumen artikuliert wenn sie nach e, ö, i stehen, am 
weichen in den übrigen Fällen. Für den stimmlosen Reibe- 
laut / wird die Reibeenge immer am hintern weichen Gaumen 
gebildet. 

§ 13. Zu diesen kommt der Hauchlaut h, der vom 
praktischen Standpunkte aus den „Konsonanten“ zugezählt 
werden muss. In der Imster Ma. ist er durchwegs ein 
etymologisch entwickelter Laut. 

Wenn im folgenden von der speziellen Bezeichnung 
„Sonor-“ und „Geräuschlaute“ abgesehen und von Vokalen 
und Konsonanten die Rede ist, so sind diese Ausdrücke aus 
praktischen Gründen gewählt. Für die wissenschaftliche 
Betrachtung des Verhältnisses der Laute zu einander, für die 
phonetische und historische Lautlehre, sind die Bezeich- 
nungen Vokale und Konsonanten so eingebürgert, dass man 
mit rein phonetischen Ausdrücken die Verständlichkeit be- 
einträchtigen würde. 

§14. Die Stimmlosen ; Fortis und Lenis. Die 
Verschlusslaute, p, b — t, d — k, g, haben je die Artikula- 
tionsstelle gemeinsam. Sie unterscheiden sich durch die 
Stärke des Ausatmungsdruckes, durch die Art der Ver- 
schlussbildung und die Dauer des Verschlusses. Die letztem 
beiden Faktoren sind von der Exspirationsstärke abhängig. 
(Vgl. Sievers § 335). Je stärker der Ausatmungsdruck ist, 
um so ausgedehnter ist die Vorschlussbildung und um so 
länger die Dauer des Verschlusses. 

p, b. In loup Laub, werden die Lippen fest aufein- 
ander gepresst, der Druck der Exspiration ist sehr merk- 
lich, die Muskelanspannung wird deutlich gefühlt; sie zeigt 
sich äusserlich dadurch, dass sich die Lippen nach einwärts 
bewegen und während der Dauer des Verschlusses in dieser 
Stellung verharren. Die Dauer des Verschlusses dürfte der 
des om gleich kommen. Eine genaue Angabe ist ohne exakte 
Messung nicht möglich. Bei der Bildung des b in loub Lob, 
berühren sich die Lippen so zu sagen nur linear. Der 
Exspirationsdruck ist äusserst gering, die Dauer des Ver- 


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Schlusses nur momentan. Das b der Imster Ma. ist das 
überhaupt mögliche Minimum der stimmlosen Verschluss- 
bildung. Jeder Versuch sie schwächer zu bilden führt zu 
dem te- Laute, mit dem sich der Stimmton verbindet. — w 
ist auch die historische Vertretung des b vor Vokalen; b hat 
seine Stelle nur im Auslaut und vor (I) in (r). Es ist un- 
möglich für die Artikulationsverhältnisse der Imster Ma. 
das b, wie es in loub gesprochen wird, vor Vokalen zu bilden; 

und nicht *hQbg, haben. 

15. Analoge Verhältnisse wie bei />, b zeigen sich 
bei t, d. Bei der Bildung des t in raito reiten, rot Rat, 
wird die Zunge fest an die Alveolen und seitlich an die 
Backenzähne gedrückt ; die Zungenspitze berührt die Ober- 
zähne am Rande des Zahnfleisches , dieses ist durch die 
Vorderzunge bis zur Kante bedeckt. Der Umfang des Ver- 
schlussgebietes ist also, dem energischen Exspirationsdrucke 
entsprechend, gross. Die Dauer des Verschlusses ist wie 
bei p, also etwa gleich der des ui, ö. In rauh, drehen (ahd. 
ridaii), rQd, Rad, wird zur Artikulation des d der Zungen- 
rand so gehoben, dass er das (mittlere) Zahnfleisch und die 
Backenzähne gerade berührt. Der Druck der Exspiration 
ist sehr gering, die Dauer des Verschlusses minimal. 

§ 1(5. k, g. Bei der Bildung des k in nqaka neigen, 
trans. (*hnaiyjan~) presst sich ein Teil des Zungenrückens 
unter fühlbarer Muskelspannung an den Gaumen, der Ex- 
spirationsdruck ist stark, die Dauer wie bei p, t. — Beim 
g in tsqago zeigen, sind Exspirationsdruck, Ausdehnung des 
Verschlussgebietes und Dauer auf ein Minimum beschränkt. 

Die Bezeichnungen Fortis und Lenis (Sievers § 172) 
sind für die Imster Ma. vollkommen zutreffend, um die beiden 
homorganen Verschlusslaute ( p , b — t, d — k, g ) zu unter- 
scheiden. Unsere Verschlussfortes p, t, k sind energisch 
artikulierte Laute, die Lenes b, d, g weisen ein Minimum 
der Artikulation (in Ausatmungsstärke, Ausdehnung des 
Verschlussgebietes und Dauer) auf. 

Am. Wenn Lenis g am harten Gaumen artikuliert wird, nach 
i also, kann cs Vorkommen, dass die Yersclilusshildung, — Berührung 
des Gaumens durch den Zungeurüokou — nicht mehr vollständig uus- 


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II 


geführt wird. In diesem Falle stellt sich der Stimmten ein; eg ist kein 
Reibelaut sondern eine Art /, das den Übergang zur folgenden Silbe 
bildet; von einem Reibegeräuseh ist nichts wahrzunehmen. Staig» steigen, 
kann als Staij» gesprochen werden. RegelmSssig wird aber auch hier 
die Versolilussbildung durchgeführt; der Stimmton hört auf einen Moment 
auf. — Der Übergang des tj in i ist derselbe, weloher bei b (in w) seit 
Jahrhunderten schon durchgefülirt ist. Bei d kann ich eine derartige 
schlaffe Durchführung der Artikulation nioht beobaehten. 

§ 17. ff und f. Slffff'a schlafen, ItQfa Hafen. Die Unter- 
lippe liegt an den oberen Schneidezähnen und Eckzähnen 
und bedeckt sie zum Teil, d. h. sie berührt die Zähne viel- 
fach ohne völligen Verschluss herzustellen. Der zur Bildung 
des ff verwendete Exspirationsstrom ist stärker, die Dauer 
ungefähr der des Q gleich. Die Enge, welche die Unterlippe 
bei ff an den Zähnen bildet , ist stärker als bei f, ebenso 
die Berührungsbreite; die Unterlippe ist etwas mehr ge- 
hoben. Bei der Lenis / ist der Ausatmungsdruck bedeutend 
schwächer, die Dauer nicht so gross, doch ist der Unter- 
schied zwischen ff und f in Exspirationsdruck und Dauer 
nicht so bedeutend wie bei den Verschlusslauten p und b. 
Die Lenis / stellt nicht das Minimum der für die Bildung 
möglichen Artikulationsfaktoren dar. Dieses Gegenüber von 
Fortis ff und Lenis f hat die Mundart nur im Inlaut zwischen 
Vokalen in der Stellung nach der Starktonsilbe. Im Aus- 
laut ist nach kurzem, betontem Vokale die Fortis in der- 
selben Stärke wie in slqffa; vgl. sqff Schaff, hitff Hüfte (mhd. 
huf). Nach langem Vokale: k/ouf Kauf, (ahd. etymol. kouff) 
und houf Hof, hat die Artikulation, was Energie der Ver- 
schlussbildung, Exspirationsdruck und Dauer anbetrifft, eine 
gewisse mittlere Stärke. Nach meiner Beurteilung hält der 
Reibelaut f in dieser Auslautstellung die Mitte zwischen ff 
und /. 

§ 18. ss und s. hqusso heissen, hqasar heiser; bei ss 
ist die Ausflussöffnung sehr klein, die Zunge wird seitlich 
fest an die Backenzähne und an die seitlichen Teile der 
Alveolen gedrückt. Die Bildung der Reibeenge hat grössere 
Ausdehnung ; der Exspirationsdruck ist stark und das Zisch- 
geräusch scharf. Im gleichen Verhältnisse ist die seitliche 
Artikulation der Lippen energisch. Für s ist der verwendete 


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12 


Ausatmungsdruck schwach, die Engenbildung schlaff, die 
seitlichen Teile des Zahnfleisches werden nicht berührt oder 
nur schwach, die Reibeöffnung ist grösser. Auch die Bildung 
der Lenis s kann nicht das Minimum der möglichen Arti- 
kulation genanfit werden (wie f nicht). Im Auslaut: Nach 
kurzem, betontem Vokale steht Fortis ss, liqss Hass, nach 
langem ein s (hqas heiss, rqas Reise), das gleich wie aus- 
lautendes / eine mittlere Stellung zwischen Fortis ss und 
Lenis s einnimmt. Der Ausatmungsdruck ist schwächer als bei 
ss, stärker als bei s, die Enge der Reibung so, dass die 
Zunge noch die seitlichen Teile des Zahnfleisches berührt, 
ohne sie wie bei ss fest zu decken; ebenso ist die Dauer 
eine mittlere, (p : f : f = ss : s : s = 3:2; 1). 

§ 19. s und y. s kommt im Inlaute nur als Fortis 
vor. Zwischen dem s in was.) waschen (genauer wassa mit 
Geminata) und in flaisig fleischig, besteht kein Artikulations- 
unterschied. — Im Auslaut zeigt sich nach langem Vokal 
eine mittlere Stufe analog wie bei /, s. Ausatmungsdruck 
und Dauer sind in flais Fleisch, raus Rausch, etwas geringer 
als in wassa, fis Fisch. 

/ ist wie $ Fortis. Der starke Exspirationsdruck ver- 
langt hier starke Engenbildung. Der hintere Zungenrücken 
scliliesst sich fest an die seitlichen Mundwände und bildet 
mit denij hintern weichen Gaumen die schmale Reibeenge. 
Im Auslaut nach langem Vokal (Diphthong) ist die Arti- 
kulation des / etwas schwächer als bei s : tcqy wach, 
siyy >r sicher, rouyy.) rauchen, rouy Rauch ; § und y sind ener- 
gisch artikulierte Laute; sie sind als Fortes zu bezeichnen. 
Die Lenes dazu lassen sich leicht bilden, sind aber der Ma. 
fremd. 

Anm. (über die Lautschrift). Allen diesen Abstufungen der 
Reibelaute durch die Schreibung gerecht zu werden, gebt aus praktischen 
Gründen nicht an. Die Fortes ff, ss müssen, da ihnen Lenes gegenüber 
stehen, von diesen geschieden werden ; sie können am klarsten durch 
Doppelschreibung bezeichnet werden. Für s, y ist Doppelschreibung 
nur da verwendet, wo sie als Geminata nach kurzem Vokale stehen. 
Die Reibelaute mittlerer Qualität können leicht unbezeichnet gelassen 
werden, da sie an die Auslautstellung nach lungern Vokal (Diphthong) 


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13 


gebunden sind. Wo ein Abweichen von dieser Norm nötig ist, wird eg 
besonders nngemerkt. 

§ 20. Sonore Konsonanten, ü und l in fqU Fall, tql 
Tal ,/qlh fallen, tsqb zahlen. Bei ll ist der Stimmten kräftiger, 
die Artikulation der Zunge energisch. Die Zunge legt sich 
fest und breit an die Kante der Alveolen und lässt seitlich 
(bezw. nur auf einer Seite) nur einen Spalt offen. Bei der 
Bildung des l in t$, tsqln ist es nur eine momentane Be- 
rührung. 

rr und r in dirr dürr, fir für, k/qrrg Karren, spqtv 
sparen. Zur Artikulation des rr wird eine kleine Aus- 
flussöffnung für den Exspirationsstrom gebildet. Die seit- 
lichen Teile der Hinterzunge sind fest an die Mundwände 
gelegt, das Zäpfchen schwingt energisch in der Rinne. Bei 
r ist die Ausflussöffnung gross, das Zäpfchen macht nur ein 
paar Schwingungen. 

mm und m; stamm Stamm, poüm Baum. Für mm ist ener- 
gischer Lippen Verschluss in breiter Ausdehnung gefordert, 
bei m berühren sich die Lippen so zu sagen nur linear. 

Analog ist es bei nn und n. rinnt) Rinne, p n;> Bühne; 
für nn ist das Verschlussgebiet breit, für n möglichst 
gering. 

Ebenso ist es für tjtj und hmpp hangen, hüerprt 
Heimgarten. Bei ipj erstreckt sich der Verschluss über einen 
grossen Teil des weichen Gaumens und ist fest gebildet; 
bei fi ist nur schwache Artikulation. 

Die Fortis der Sonorlaute ist von der Stärke des 
Stimmtones bedingt (Sievers § 173). Die kräftigere Arti- 
kulation ist von dem Ausatmungsdrucke abhängig. Dazu 
kommt, wenn die Fortis im Auslaut oder zwischen Vokalen 
steht, ein drittes Moment, durch welches sie von der Lenis 
geschieden ist, die Dauer. Nach kurzem starktonigem Vokal 
ist jeder Sonorlaut Fortis. Folgt ihm ein silbenschliessender 
Konsonant, so ist seine Dauer nicht so gross, wie wenn er 
frei steht. In omt Amt, hunt Hund, wa.lt Welt, hqrt hart, 
sind m, n, l, r mit starkem Exspirationsdruck gebildet, aber 
die Artikulation wird nicht so lange eingehalten wie bei 


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— 14 — 

den obigen mm, nn, II, rr, (qv). Die Dauer ist also bei den 
Sonor-Fortes nur accidentell nicht essentiell. 

Für j und w sind, was schon durch ihre Artikulation 
bedingt ist (§ 6. 10), keine Stärkeabstufungen vorhanden. 
(Doch vgl. § 26) 

B. LAUTVERBINDUNGEN. 

§ 21. Einsatz und Absatz der Laute. Für alle 
Laute ist der leise Ein- und Absatz Regel. (Sievers 360. 367). 
Fester Ein- und Absatz kommt bei Vokalen vor, der Ein- 
satz am Beginne des Satzes, wenn der anlautende Vokal 
mit besonders starkem Exspirationsdruck erzeugt wird; z. B. 
'oha ! als Befehl, „herab“, ’ouder ? zornig fragend „oder“. 
Aber auch der leise Einsatz kommt hier vor. Der feste 
Absatz linddt sich bei einsilbigen, vokalisch auslautenden 
Wörtern wie jq zweifelnd „ja“ (aber es könnte doch andere 
sein . . u. ä.) na „nein“ (— doch nicht). Die h der Ma. stehen 
nur vor Sonorlauten und sind, vom phonetischen Standpunkte 
aus beurteilt, gehauchte Einsätze, 'qr (hqr), Haar, q'a(qlia), 
stq'J (Höhl), Stahl, n(Lmr (nähmr), näher u. a. Die Inter- 
jektion „hm“ (vgl. Sievers 371, Heusler, Alem. Kons, von 
Basel-St. S. 126) kommt in Imst in mehreren Schattierungen 
vor; 'm, nun ja, ’in'ni (mit Betonung des zweiten m) ja, qi 'm 
(mit Betonung des ersten in) ja freilich; 'm m „nein!“ (auch 
'm 'in) u. a. 

Gehauchter Absatz fehlt. Die Ma. hat keine Aspiraten. 
Nur wenn wortanlautendes h im Satze nach einem Ver- 
schlusslaut zu stehen kommt, bleibt der Hauch. Vgl. phaujth 
behaupten (paupta), thenm die Henne (l'entm), tsqaghqa zeig 
her (Silbentrennung tsqa-ghqä und tsqag-hqa), grqdliqlhro 
gerade hall) Uhr (grQ-dhqlhm und grqd-hqllws). Kehlkopf- 
verschluss kann bei Verschlussfortes eintreten, wenn sie 
aussergewöhnlich stark artikuliert werden. So beim Rufen 
auf weite Entfernung jqjckl printj llqttp nnuho Jakob, bringe 
die Latte herauf. In der gewöhnlichen Rede fehlt er. 

§ 22. Für die Berührungen der Laute im Worte und 
Satze gilt der direkte Übergang (Sievers 378 f.). Wenn 
Vokale, die verschiedenen Silben angehören, Zusammentreffen, 


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herrscht der direkte Übergang; es kann j als Übergangs- 
laut eintreten, wenn der die zweite Silbe anlautcnde Vokal a 
ist. j wird immer gesprochen bei der Silbenfolge i-a : rui(i)ja 
reuen ( *ruien ), pfui ja wurm pfui ein Wurm, saija seien (und 
‘sei ein 1 ), k/lqu-a und k/lqaija Klaue (mhd. klö), ruaa und 
ruaija ruhen (mhd. ruotcen, ruoen). Ist der erste Vokal lang, 
so ergibt sich bei einem ./-Übergang ein Diphthong mit 
langem erstem Komponenten : mag und nifiija mähen, sa-a 
und saija säen, k/rip) und k%rQija Krähe u. a. Ist der erste 
silbenauslautende Vokal so stellt sich immer n als Über- 
gangslaut ein. » guata n qrt, eine gute Art {■> guata tsait, eine 
gute Zeit), » n qrm, ein Arm, si göiwan qlls sie geben alles 
(» i göitca dar sie geben dir). Dieses Übergangs n hat sich 
aus historischen Gesetzen entwickelt (g 73). Über die Diph- 
thonge und Triphthonge der Ma. (d. h. über die zwei (drei) 
Komponenten einer Vokalreihe) vgl. g 3 und 5. 

Folgt in einem W orte auf den Vokal ein Nasal m, 
ti, y, so wird die Artikulation des Konsonanten in der Weise 
vorweg genommen, dass schon bei Beginn des Vokals (Diph- 
thongs) das Gaumensegel gesenkt wird und der Nasenzugang 
vollständig offen steht. Dies gilt nur für das Wort, nicht 
für den Satz, hont Hand, sümia Sonne, nimm nimm, lötjy 
lang, mitna neun, fsiiina zäunen, nouma Namen, liuayart Heim- 
garten, liämara hämmern, ihm Schiene. Aus praktischen 
Gründen ist im folgenden der Nasalvokal nur bei Längen 
(Diphthongen) bezeichnet (mit'), weil nach einem kurzen nasa- 
lierten Vokal immer der die Nasalierung bewirkende Nasal- 
konsonant erhalten ist ; bei Längen ist auslautendes n ge- 
schwunden (die Verschlussbildung wird nicht mehr ausge- 
führt). po'n Bahn, tsui* Zaun, nia Kain, st'a schön, mutig 
Montag, slst sonst, < Inn, s« Sohn. 

VERBINDUNGEN DER KONSONANTEN UNTEREINANDER, 
a) Änderungen der Artikulationsart. 

g 23. Homorganc Konsonan ten, p, h explodieren, 
wenn m auf sie folgt durch die Nase, k^lauptnar klaube mir, 
qarppibma Erdbeben (mhd. hibenen). p, b, m, behalten zwar, 


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16 


wenn ihnen / folgt, ihre bilabiale Verschlussbildung, zu- 
gleich wird aber durch die Vorausnahme der labiodentalen 
Artikulation des / die Unterlippe an die Oberzähne gehalten. 
In den Verbindungen pf (*kf erscheint als pf), mf ist p, m 
labiolabiodental. pfail Pfeil, loup fian Laub führen, fimmfa 
fünf, ummfqlla- Umfallen. — Über ein labiodentales m vgl. 
§ 9. Für die Verbindung mf ist noch der besondere Fall 
zu beachten, wenn / im Auslaut steht; es ist in dieser Stellung 
von mittlerer Stärke § 17. mf kann da regelmässig wie im 
Inlaut artikuliert werden, oft hört man aber dafür mpf 
fitnmf und fimpf 5. p ist hier erzeugt durch Hebung des 
Gaumensegels und Aufhören des Stimmtones vor der Lösung 
des Lippen(zahn)verschlusses für m. Die Ursache ist die 
energischere Artikulation des f. — In den Wörtern hompf 
Hanf, und nempf Senf (mhd. hanef , senef, germ. p) ist das 
mpf fest geworden. Für den umgekehrten Fall, für fp, fm, 
tritt keine Änderung der Artikulation ein. 

t, d werden, wenn sie mit s zusammentreten, etwas 
weiter rückwärts artikuliert als in der Stellung zwischen 
Vokalen (ds, id wird zu ts, st). Doch ist der Unterschied 
nicht gross. Die Zungenspitze, die bei t (zwischen Vokalen) 
in der Kegel noch das Zahnfleisch bis zu den Zähnen hin 
bedeckt, reicht in diesem Falle bei der Verschlussbildung 
bis zur Mitte der Alveolen. Die Ursache ist zu frühes 
Zurückziehen der Zunge für die s-Bildung, bezw. bei st der 
enge Anschluss der Verschlussartikulation an die Engen- 
bildung; pötstqt Bettstatt, rqtsuay Kadschuh, pistq? bist 
du da? Für die Verbindung nn und l (Lenis n und l kann 
nicht Vorkommen, weil auslautende Lenis n geschwunden 
ist) ist das Auftreten eines d charakteristisch, nndl. Das 
Gaumensegel wird immer einen Moment früher gehoben, 
bevor der Mundverschluss des n seitlich gelöst wird; dadurch 
wird eine d-Artikulation erzeugt, mit der sich ein momen- 
tanes Aussetzen des Stimmtones verbindet. Dieses d ist 
der Lenis d völlig gleich, l ist stimmhaft. In der gleichen 
Weise ist das t in der Fügung nn s zu nnfs zu erklären: 
Hebung des Gaumensegels und Aufhören des Stimmtones 
vor der Mittelöffnung des «-Verschlusses. Vgl. für nndl 


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17 


rnanndh Männlein, k/onndb Kanne (mhd. kanele), prinndh 
Brünnlein zu Brunnen, irenndh ein Kleid auftrennen (mhd. 
*trennlen ) , i pinn dlai/t tsfrtch ich bin leicht zufrieden, 
pann dlü/t beim Lichte, mennts Mensch, winnts» wünschen, 
i honn tsür ich habe schier, wenn tsiio wenn schon. Auch 
zwischen l und s wird t artikuliert; der mittlere Verschluss 
des l wird erst gelöst, nachdem die Zunge die seitliche 
Verschlussartikulation für das s gebildet bat. waltS wälsch, 
fölts.) fälschen, wilti willst, hqalts heilst du, tqaltitok/ 
Teilstock (am Brunnen), <»■ willtsetjk/9 er will schenken. 
Bei der Verbindung von nn, l mit s wird die Artikulation 
regelmässig durchgeführt: honns Hans, i pinns ich bin 
es, hqlls Hals. Der Grund der verschiedenen Behandlung 
in den Verbindungen von nn, l und s einerseits, nn, l und 
s anderseits liegt in der energischen Artikulation des s, zu 
dessen Bildung auch ein breiterer Teil der Zunge verwendet 
wird. Bei sn, sl wird die Bildung für beide Teile normal 
durchgeführt. In tl, dl explodieren t und l seitlich, in tn, dn 
durch die Nase, s und s wird zu s : ausüs Ausschuss, wqs- 
sraist ? was schreist du? 

§ 24. Nicht homorgane Konsonanten. 

1. Labiale und Dentale. Bei pl, bl wird die Zungen- 
stellung für l während des Verschlusses des p, b gebildet. 

Anm. Für bl wird häufig uueh u’l gesprochen, je nach der Silben- 
trennung. Man spricht sowohl yra-wl? als gräb-lg „Gräblein“. b steht 
im zweiten Falle im Auslaut, wo «> nioht vorkommt. Eine Aussprache 
grüw-te mit der Silbengrenze nach u> ist nioht vorhanden. 

Bei pn wird der Lippen Verschluss erst gelöst, nach- 
dem der Zungen Verschluss für das n gebildet und das Gaumen- 
segel geöffnet ist. Wir haben in diesem Falle ein n, das im 
Beginne einen Doppelverschluss, linguodentalen und labialen 
hat. Die Resonanz eines so gebildeten n ist nicht ganz 
dieselbe wie die eines bloss durch Zungenverschluss er- 
zeugten, doch ist der Unterschied nur eben wahrnehmbar. 
(Es muss also der zwischen den Zähnen und Lippen liegende 
Mundraum an der Resonanz teilnehmen), kynqp nöim knapp 
neben. 

2. Labiale und Gutturale, tn und k, </; der Verschluss 

Schaf*, Die Mundart von Imst. 2 


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18 


des k, tj wird gebildet noch während der Dauer des m. Es 
liegt in diesem Falle ein Nasallaut vor mit gutturaler und 
labialer Verschlussbildung. Selten ist es, dass die Lippen- 
verschlussbildung vollständig aufgegeben wird und tj für 
m ein tritt: utjgöigat Umgebung („Umgegend“). Doch wird 
auch bei dieser Lautverbindung das Aufgeben der m-Arti- 
kulation (Öffnung der Lippen und Schliessung des Gaumen- 
segels) und die Bildung des (/-Verschlusses gleichzeitig 
durchgeführt, wenigstens kann ich beide Arten an mir 
beobachten. 

3. Gutturale und Labiale. rp> und m. Der Lippen- 
verschluss wird gebildet, während die Zunge noch den weichen 
Gaumen abschliesst: lotpjtnsr lange mir. Bei tjtj und /: 
Während der Verschlussstellung für tj wird noch das Gaumen- 
segel gehoben und der Stimmton aufgegeben, also ein Teil 
der /-Artikulation vorausgenommen. Der so entstehende 
gutturale Verschlusslaut ist von kurzer Dauer, lotjtj kfqar 
lange vor. 

4. Gutturale und Dentale, k, g und s. s ist hier ein 
wenig weiter rückwärts artikuliert als in der Stellung 
zwischen andern Lauten. Die Färbung des Geräusches liegt 
eine Stufe gegen s hin, doch ist es immer noch deutlich als s 
gefühlt, qksh Achsel, i sqks ich sage es. Die Ursache ist 
die Zusammenzielmng der Zunge nach rückwärts bei der 
Bildung des gutturalen Verschlusslautes, sie wird für die 
»-Bildung nicht in die Lage der reinen »-Artikulation vor- 
geschoben. k, g und l. I ist hier am Gaumen gebildet, der 
Zungen Verschluss des g wird bloss seitlich gelöst. Doch 
fühlt man bei kl, dass sich mit der seitlichen Öffnung auch 
der hintere verschlussbildende Teil des Zungenrückens vom 
Gaumen entfernt,; der vordere bleibt in seiner Stellung. Bei 
tjtj und 5 entsteht ein k in gleicher Weise wie t in nnts aus 
*ns. otjtjks! Angst, he linkst hängst, i pritjtjk. sun ich bringo 
schon. Bei der Verbindung tjtj und s erscheint dieses k 
wohl im festen Wortkörper nicht aber im Satze: lotjksom 
langsam, aber i prhjtj s» ich bringe sie. Wahrscheinlich hat 
sich das g im ersten Falle erhalten in der Fügung ngs (als 
/.»); ks ist dann als l’rodukt etymologischer Entwicklung, 


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19 


nicht, phonetischer Faktoren anzusehen, n wird nach k und 
g zu t]. in wöigtjQy dem Wege nach, nqitkn neige ihn. 

5. Dentale und Labiale. Die dentalen Verschlusslaute 
t, d, n werden zu labialen vor den Lippenlauten p, m und 
vor /. — Natürlich treten dann die Modifikationen ein, 
welche oben § 23 erörtert wurden: or hqt pqld wird zu ar 
hop pqld er hat bald; a hompfoü aus » hont foll eine Hand 
voll, SnaidapmS aus snaidat ins schneidet man, grqpinni kyemma 
gerade bin ich gekommen, aus gröd pinnt; <> röid fiara wird 
zu » röip fiara eine Rede führen ; a somhmqyya aus 9 sond 
mqyya eine Schande machen. Hier und in hompfoll haben 
wir Beispiele, welche zeigen wie intensiv diese Assimilation 
ist; alle voraufgehenden dentalen Verschlusslaute werden 
zu labialen; wenn fqrst wird zu tremm fqrst wann fährst 
du? i hont) prQyt zu i komm jnqyt ich habe gebracht, i 
pinn mit gwöst zu i pim mit gwöst ich bin mit gewesen. 

(i. Dentale und Gutturale, t, d, n werden vor k, g zu 
k, g, tj : furt gilt zu ftirk kta fort gehen, gwont kyqsta zu 
gtvotjk kyqsta „Gewand Kasten“ Kleiderkasten, untars rqk 
kyemma aus rqd ky unter das Rad kommen. 

Anm. 1. Es muss erwähnt werdon, dass bei der Verbindung 
ms sieb kein /i als Übcrgangslaut einstellt, sondern direkter Übergang 
bestellt: »mH , nicht impsl , Inist: tyimis kämest du ; die Schreibung „Imst 1 “ 
kam erst im vorigen Jahrhundert zur Geltung. Früher findet man 
immer Vmbst geschrieben ( Ymbxt). Wahrscheinlich wurde der Über- 
gungslaut auch gesprochen. Für mt, yt herrscht heute direkter Über- 
gang. kyimt kommt (ahd. quimit), styl singt, um) Amt, hoyl hangt. 
t wird hier immer beibchalten, auch bei pt im Auslaut: löpt lebt, i/rqpt 
gräbt. Viele bairische Mn. haben mpt (mp), ykt (»_)/•' ), p für mt, yt, pt, 
vgl. Wcinhold, bnir. Gramm, § 122. 143. 

Anm. 2. Der Hauchlaut h wird zu y, wenn er im Satze sich an 
ein y anschliesst: » hüy yqa ich leihe her, mityyqfi Milchhafen, nufy 
striky yeyya auf den Strick hängen. 

b) Änderung der Artikulationsstärke. 

§ 25. Für die stimmlosen Konsonanten sind die Stärke- 
abstufungen, wie sie sich zwischen Sonoren und im Auslaut 
zeigen, oben § 14 — 19 erörtert worden. — Für die Berüh- 
rung stimmloser Laute im Worte oder im Satzgefüge gilt 

2 * 


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20 


das Gesetz: Treten Verschlusslaute aneinander, so haben sie die 
volle Fortisstärke. Die Lenes werden also, sowohl wenn sie mit 
Fortes, als wenn sie mit Lenes Zusammentreffen, zu Fortes. 
Treten Reibelaute mit Verschluss- oder Reibelauten zusammen, 
so ist ihre Artikulation um ein geringes schwächer als die 
der Fortes; dieselbe leise Schwächung haben die Verschluss- 
laute. Nur homorgane Spiranten (f und f, s und s, s und s) 
ergeben volle Fortes. (Vgl. Sievers § 175, Housler, Alem. 
Kons. d. Ma. v. Basel-Stadt S. 24, Kauffinann. Geschichte 
d. scliwäb. Ma. S. 11. A. 3, Schild, Brienzer Ma. I. S. 31). 
kytiqppan tqur knapp beim Tore, riptqal Ripp(en)teil, tsruk 
pritjyo zurück bringen, löptig lebendig und Lebtag, frqkt 
fragt, rött redet, or hakkqaro aus or hat gquro er hätte gern, 
xi söittors aus st siiil dar 8 sie sagt dirs (söit mhd. seit), 
trqkpqr tragbar, Tragbahre, tsrvktetjkyo aus tsruk detjkyo 
zurückdenken, dräkkqro „Drahtgarn“, gedrehtes Garn, iiiqki 
Magd, jqkt Jagd, i gip tor (i gib dar) ich gebe dir, grqt tury 
(grqd dnry) gerade durch, stiaik kuot (snaid guot) schneide 
gut, 3r hqp kqr ( hqb gqr) er habe gar, futjkkrimtta Fund- 
grube. 

Für- die Verbindung von Verschlusslaut und Reibelaut 
sind die Affrikaten an erster Stelle zu nennen, pf, ts , ky. 
hupf a hüpfen, slqupfo Fahrzeug, das am Boden schleift (zu 
mhd. sleipfen), sitso sitzen, uqatsa Weizen, sqky Sack, prokya 
Brocken. Es ist ein leiser Unterschied in der Energie der 
Lautbildung zu bemerken zwischen p in Iqapo übrig lassen, 
(*laibjan) und jenem in Slqupfo. Im ersten Falle haben wir 
volle Fortis, im zweiten ist zwar auch Fortis aber die Arti- 
kulation ist nicht ganz so energisch. Ebenso verhält es 
sich mit / in slqapfo und der vollen Fortis ff in Strqaffo 
streifen (mhd. streifen , streipfen). Das Gleiche gilt für alle 
Verbindungen mit Verschlusslauten, Lenis und Fortis. Vgl. 
an Beispielen: stompfo stampfen, sumpf Sumpf, loupfbro Laub 
führen, group/ah grob fehlen , plqpförtro blau färben (plöb 
blau), in tropf qro im Trabe fahren, (trqp Trab), oft oft, 
srqpforlioro das Rad verlieren, in houf ki3 in den Hof gehen, 
dowöikfjtffüh den Weg verfehlen, gaitsig geizig, hqast heisst, 
rqasl reist, pqst Bast, qstig ästig, iröspo Wespe, hqspl Haspel, 


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21 


nViua/ Radschuh, w ästig wasche dich, wlsparg AViesbcrg, 
glqstök/l Glasdeckel (dök/j), tsruksüUw zurücksehen, sqks sage 
es, gröskidl Grasgold (Weidegeld), nqypar Nachbar, nmytig 
mächtig, inoytig mache dich, nqykiä nachgehen, sraufs schraube 
es (iraiifi), lonfsalwor laufe selber (loitff 3 laufen), is krqsfqra 
ins Gras fahren, lqsfairqu\>(t) lass Feierabend (Abendgruss), 
houfstqt Hofstatt, war/Stqt Werkstatt {war-/), flaiSfarwig fleisch- 
farbig, nqysötsa nachsetzen, dur/saina durchscheinen, wassqal 
Wäscheseil. 

Bei der Verbindung homorganer Reibelaute erscheint 
volle Fortis. In as ist haus und houffarprunna, es ist Haus 
und Hof verbrannt, hat ff dieselbe Stärke wie in louffa 
laufen; shaussua/a, das Haus suchen, ss ist gleich wie in 
aussa hinaus. Die leise Schwächung der Verschlussfortis in 
der Verbindung mit Spiranten tritt nicht ein, wenn zwei 
Fortes vor einem Reibelaut zu stehen kommen. Sie be- 
halten ihre volle Stärke, die Lenes werden zu vollen Fortes. 
In tsrukk/emma zurückkommen, slqltsaü Zaun um ein Holz- 
schlag, hqlptsu» halb zu, hat k, p dieselbe Stärke wie in 
tsruktiä zurücktun, hqlptoü halbgetan. Zwischen dem y in 
loupk/ouffa Laub kaufen, und in qkyouffa abkaufen (q — 
ab) besteht kein Unterschied, wohl aber zwischen k in beiden 
Beispielen. 

§ 20. In der Stellung nach Pause, also im Anfänge 
eines Satzes oder Satzteiles, wird jeder stimmlose Kon- 
sonant .als Fortis gesprochen. Die Verschlusslenes d, g er- 
scheinen in dieser Stellung als t, k. — Lenis l> kommt im 
Wortanlaut nicht vor; dafür steht p: tcijky nqy denke nach, 
i deijky nq ■/ ich denke nach, tq dunto da drunten, tunta dq 
laits drunten da liegt es, tar fqtar issas der Vater ist es, 
i od.tr dar fqtar ? Ich oder der Vater? töis tua das tue, tua 
döis tue das, ktbhqu gib her, kcn gibips geh gib ihm’s, trur 
gqut der geht; im Wortanlaut fehlt Fortis k. fför iats fahre 
jetzt, mar fqra wir fahren, jfriaar grats it früher gehts 
nicht, wia fria ? wie früh ? ssQgmars sage mir’s, lern sqks geh 
sage es. 

Um den Grund dieses Satzanlautgesetzes zu erkennen, 
muss auch das Verhalten der Sonorkonsonanten und der 


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22 


Vokale nach Pause berücksichtigt werden. Vgl. mi.ir miosss 
wir müssen, na ina wearts sai neun Uhr wird’s sein, kt.tsn- 
louffa lass ihn laufen, rrar it weine nicht (mhd. riren), jöjö 
jaja, tron wilhr? was will er V urar wqas ? wer weissV Die 
tn, ft, l, r, j, w im Satzanlaut, sind unter erheblich stärkerem 
Ausatmungsdruck gebildet als die inlautenden. Demgemäss 
ist auch die Einstellung der Artikulationsorgane energischer. 
Ein Vergleich mit den inlautenden Fortes mm, nn, ll, rr 
kann nicht gemacht werden, da diese von dern voraus- 
gehenden Vokale abhängig sind (§ 20). Bei den betonten 
Vokalen ist es schwer genaues zu beobachten; sie haben als 
Silbenträger immer den stärksten Exspirationsdruck. Doch 
glaube ich im absoluten Anlaut einen etwas stärkeren Ex- 
spirationsdruck wahrzunehmen als im Satzinnern : öiuxi eben, 
und piöiw.i ganz eben (bi eben). Merklich stärker ist er 
bei schwachtonigen Vokalen: ar hot er hat, und hqttor hat 
er: das satzanlautende o ist energischer gebildet als das 
der Nebensilbe. Vor allem aber zeigt den stärkeren Aus- 
atmungsdruck im Satzanlaut h. ln haus und liouf Haus 
und Hof, ist das h von haus viel energischer gehaucht als 
das von houf. Hier kann von einem Fortis-Hauch gesprochen 
werden. Die Ma. beginnt also den Satz mit starker Exspira- 
tion. Nun ist für die Lenes der Ma. eben der schwache 
Ausatmungsdruck massgebend, die übrigen Faktoren, Energie 
der Artikulationsstellung und Dauer, hängen davon ab. (Vgl. 
§ 14—20). Die stimmlosen Lenes müssen also im Satzanlaut 
zu Fortes werden. 

An m. Ich unterlasse es die Verstärkungen der Lenes durch 
die Schreibung widerzugeben. In dieser Arbeit handelt es sich Imupt- 
sächlich um dos Ginzelwort und es würde die Deutlichkeit wesentlich 
beeinträchtigen, wollte man z B. die verstärkten Keibelenes durch Doppel- 
schreibung bezeichnen. 

Heusler hat a. a. 0. S. 27 A. die Schreibweise Notkers 
für den Inlaut nach den schweizerischen Maa. erklärt. Da 
die Imster Ma. — und mit ihr das westliche Oberinntal 
mit seinen Nebentälern (die Ostgrenze vermag ich nicht 
genau anzugeben) ebenso auch das bair.-österr. Lechtal — 
den Wandel der Lenes zu Fortes auch im Satzanlaut auf- 


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23 


weist, liegt es nahe diese Aussprache auch für die Ma. 
Notkers vorauszusetzen. Heute ist das Satzanlautgesetz im 
St. Gallischen nicht mehr wirksam. — Heuslers Annahme, 
dass Notker für den Satzanlaut einem traditionellen Schreib- 
gebrauch gefolgt sei, a. a. 0. und Anz. f. d. A. 19, 43 f. 
kann nicht richtig sein, da Notker doch im Inlaut aus 
phonetischen Gründen von der überlieferten Schreibweise 
abweicht. Wäre die Aussprache der Lenes im Satzanlaut 
in Notkers Ma. nicht eine andere gewesen als die nach 
Sonoren, so würde er gewiss nicht das Zeichen der Fortes 
dafür geschrieben haben. An letzterer Stelle hat Heusler 
daneben die Möglichkeit offen gelassen, dass in Notkers 
Sprache im Satzanlaut starker Nachdruck geherrscht habe. 
In der Ma. von Imst ist das der Fall und diese Vermutung 
Heuslers ist die einzig richtige Erklärung der Vertretung 
von b, d, g, (c) durch p, t, k, (/) im Satzanlaute. 

Bei dieser Ansicht über den Wandel von b, <1, g, (c) zu 
p, t, k, (/) in Notkers Schriften (und den wenigen Spuren 
bei andern) wird vorausgesetzt, dass die obd. b, d, g , («) 
im Ahd. stimmlose Lenes gewesen sind. Was in neuester 
Zeit Wilmanns, Deutsche Gr. S. 52 f. für die Stimmhaftig- 
keit von b, d, g vorbringt, kann nicht überzeugend genannt 
werden. In der Sprache Notkers ist z. B. t (aus germ. d) 
gewiss stimmlose Fortis; wenn nun d (aus germ. J>) im 
Anlaut und nach Stimmlosen als t geschrieben wird, so 
muss d in dieser Stellung doch eine Verstärkung zur Fortis 
erlitten haben. Wäre t hier nur das Zeichen für die stimm- 
lose Lenis, so müsste man annehmen, dass Notker dadurch 
zwischen stimmhafter und stimmloser ‘Media’ unterschieden 
hätte. Nun ist aber für einen phonetisch nicht Geschulten, 
der vorurteilslos beobachtet, ein solcher war Notker, der 
Unterschied zwischen stimmloser Fortis und Lenis bedeutend 
grösser und viel leichter wahrnehmbar als der zwischen 
stimmloser und stimmhafter ‘Media’ (Lenis). Notker hätte 
gewiss nicht für zwei so weit von einander abstehende 
Laute, wie es stimmlose Fortis und Lenis sind, dasselbe 
Zeichen gebraucht, nur um die stimmlose Lenis von der 
durch den Stimmton sich unterscheidenden stimmhaften aus- 


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24 


einander zu halten. Der Umstand, dass nur d (gerrn. ]>) 
als t erscheint und für t (germ. d) der Wechsel mit d nicht 
statt hat, erweist, dass b, d, g für Notker die Normalform 
der Laute gewesen sind und nicht p, t, k, wie Braune, ahd. 
Gr.' 2 § 103. 1, annehmen will. Die Normalform eines Lautes 
zeigt sieh doch da, wo sich seine Artikulation frei ent- 
falten kann. 

§ 27. Sonore Fortis (//, rr, mm, /in, g/j) kann nur nach 
kurzem starktonigem Vokale stehen. Wo diese Bedingung 
nicht eintritt, erscheint jede zu erwartende Fortis als Lenis. 
Vgl. alun allein, fUui/J vielleicht qlhmql allemale, aber ol/tnol 
jedesmal (mit dem Ton auf der letzten Silbe), pämoti aus 
pain mo'u beim Manne, tsunemma aus tsun nemma zum nehmen, 
damiss» (dar-raissa) zerreissen, forukyt aus f./rrukyt verrückt, 
mipmfqfaröida ( mit n fqtar röido ) mit dem Vater reden. Nach 
langem starktonigem Vokale : hv'nprt Heinigarten, das v geht 
auf tpj aus mg zurück. Vgl. po/jijart Baumgarten mit Kürzung 
des Vokals (ö aus ou), grü-mat Grummet (aus gru<mmät(d)), 
fqnreyt aus four reyt Vorrecht, flröida aus flr röida vor- 
roden (mild, mir reden), kywqlaida aus kytcql luida Qual leiden, 
tsahmqyya aus tsmtm mqyya zahm machen, * sämig aus i Säm 
mig ich schäme mich. 


C. DIE SILBE. 

ÜBER DEN 8ILBENBAU. 

Der Silbenträger ist der Vokal, in schwachtonigen 
Nebensilben kann auch l, m, n, tj als Sonant fungieren (J, w. 
n, /}) : k/ittl Kittel, gibrps gib ilim's, i prunyn ich brauche 
ihn, sqggs sage ilim’s. Sonantisches r (f) kennt die Ma. 
nicht. Wo ein solches zu erwarten wäre, ist immer a vor- 
dem r als Silbenträger vorhanden, fqtar Vater, hundart 
hundert, mqgardig ? mag er dich ? 

§28. Silbentrennung. Die Ma. hat nur Drucksilben, 
der Ausatniungsdruck beim Übergange von einer Silbe zur 
andern ist nicht einheitlich, nicht gleichmässig anwachsend 
oder abnehmend, sondern erreicht das Minimum [zwischen 
beiden Silben (Sievers § 510 f. 515). Sind die Sonanten 


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— 2R — 


zweier Silben durch eine Lenis getrennt, so wird diese zur 
Folgesilbe gezogen, sie bat an wachsende Exspiration: glou-toa 
glauben, Iw-fa Hafen, nm-ma Name, §Q-da Schaden, löi-sa 
lesen, UQ-h zahlen, dia-ne dienen, Stai-ga steigen, tsO-liar 
Zähre, ipo-ro sparen, hih-rprt Heimgarten, su-wls Schön- 
wies (Dorf), pa-fol-ki> befohlen, ga-dogk/a Gedanke, kxa-lendcr 
Kalender, da-rinnara erinnern (dar-), stui-guise Steigeisen, 
sQ-dissas schade ist es. Wenn zwei Sonore oder Sonor- 
konsonant und stimmlose Lenis zwischen den Silbenträgern 
stehen, so gehört der erste der ersten Silbe an, der zweite 
(die stl. Lenis) wird zur Folgesilbe gezogen: päm-la Bäum- 
lein, stamm-h Stämmlein, tcör-mar wärmer, gwqr-na gewahr 
werden, iöl-fa Obstschale (ahd. sceliva), guUdo Gulden, mqr-ga 
Morgen, k/öl-war Kälber, halm-la „Hälmlein“, han-s] Hansel, 
pem-s l Pinsel. Stimmlose Lenis und Sonorkonsonant werden 
entweder zur zweiten Silbe gezogen, oder die stimmlose 
Lenis bildet den Schluss der ersten Silbe; beides ist mög- 
lich: mäd-la und mä-dh Mädchen, haf-nor und ha-fner Hafner, 
liab-lig und lia-blig lieblich, lous-na und lou-sna horchen (ahd. 
losen), griXs-h und gra-sh Gräslein, gröid-nar und gröi-dnar 
Grödner, frng-la und frd-gla ausforschen (ahd. *frdgilon), 
luug-ga und lau-grp läugnen. Die Fortes sind zwischen 
stimmhaften Lauten immer Geminaten (ausser im Anlaute 
einer Starktonsilbe, der eine schwachtonige vorangeht): rqp-pa 
Raben, hit-ta Hütte, ruk-ka Rücken, hof-fa hoffen, ös-sa 
essen, wus-sa waschen, Iqx-X 9 lachen, fql-la fallen, spör-ra 
sperren, stem-ma stemmen , sig-tp singen , ton-na Tanne. 
Natürlich ist die Artikulation einheitlich, die Diskontinuität 
des Ausatmungsdruckes ist aber deutlich wahrnehmbar. 
Auch nach langem Vokal und nach stimmhaften Konsonanten 
( l , r, m, n, g) ist die Fortis Geminata. Der Wechsel in der 
Ausatinungsstärke während der Dauer der Fortisartikulation 
ist hier nicht deutlich wahrnehmbar, aber sicher ist, dass 
der Einsatz der Fortis noch der ersten Silbe angehört. Die 
Fortis nach kurzem Vokal setzt mit der vollen Exspirations- 
stärke ein; diese ist nach langem Vokal beim Einsätze der 
Fortis bereits abgeschwächt, weshalb auch der Absatz be- 
deutend stärker ins Gehör fällt. Dass in früherer Zeit nicht 


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26 


jede Fortis in dieser Stellung auch Geniinata war, beweisen 
die Dehnungen des Stammvokals vor t ; vor g, k , ff, ss, yy 
ist die Kürze immer erhalten geblieben. Inlautendes t war 
einfache Fortis, p, k waren Geminaten (aus westgerm. bb, 
yg). kylnup-pa klauben, buf-fa laufen, fqt-tar Vater, grias-sa 
grüssen, flaiä-sig fleischig, nqak-ka neigen, rouy-ya rauchen, 
half-fa helfen, gUt-tig giltig, rapk-kb ringen (im Scherz), 
uiry-yj weben (mild, urnrken), tsqay-ym zeichnen, gqas-sh 
Geissei, slaqk-ty Schlingel. Hei Attributen fällt die Druck- 
grenze in den Verschlusslaut: hup-pfa hüpfen, sit-tsa sitzen, 
hqk-kyo hacken, wqat-tsa Weizen, tqak-kyla anlocken, stomp- pfa 
stampfen, wint-tsig winzig, do/k-kya denken. Sind die Silben- 
träger durch zwei stimmlose Verschlusslaute oder durch stimm- 
lose Spirans und Verschlusslaut getrennt, so fällt die Silben- 
grenze zwischen beide: löp-tar lebt er, mqk-tatfbm Magdalena, 
liöf-ta heften, qä-tig ästig, may-tig mächtig, nqy-par Nach- 
bar, tcös-pa Wespe. Vgl. auch nqy-tlqg.fr Nachtlager, mqs-pfTy 
Mastvieh, gars-ta Gerste, hqlf-tara Halfter. Für den Satz 
gelten selbstverständlich alle die Angaben wie für das Wort. 
ar hqt-tns-salt-tdu er hat ihm’s selbst getan, a-sis-touk-kyuak- 
kyra-ra-phwa cs ist auch kein Kern geblieben, wqs-mqy- 
yi-gq-toor wen-nöis-niy-tqr-wa-tat ? (auch ii:q-smoy-yi-yq-war 
tcen-nöi-sniy-tqr-wa-tat) , was mache ich aber, wenn ihr 
nichts arbeitet, niy-kyon-nik-tta nichts kann ich tun. 

§29. Silbenbetonung. Die Exspiration einer Silbe 
ist beim normalen Sprechen einheitlich ; sie hat ihre grösste 
Stärke im Silbenträger und sinkt von da gleichmässig bis 
zum Schlüsse der Silbe; hqss Hass: Die Exspiration steigt 
rasch, erreicht in q den Höhepunkt und verliert sich, immer 
schwächer werdend, beim Absätze des ss. In tqg Tag, sqd 
schade, yrqb Grab, ist das Aufhören der Exspiration beim 
Absätze des g, d, b deutlich vernehmbar, ohne dass dieser 
etwa fest oder gehaucht wäre. Am Beginne des q hat die 
Exspiration die grösste Stärke, das Sinken ist von da an 
gleichmässig durch das og, qd, qb hindurch. Der exspira- 
torische Silbenaccent der Ma. ist einheitlich also eingipfelig 
(Sievers 542), Zweigipfelige Silbenbetonung fehlt der nor- 
malen Sprechweise; nur wenn ein starktoniges, einsilbiges 


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27 


Wort mit Nachdruck gebraucht wird tritt sie ein: jqq, un- 
williges 'ja’ (gleich: ich höre es ja, sei nicht so lästig), wüo 
starkbetontes 'wie' gleich nhd. „Wie, lass mich ungeschoren“ 
oder ähnlich. 

Für starktonige Silben gilt die Regel, dass kurze 
Vokale den stark geschnittenen Silbenaccent haben, lange 
den schwach geschnittenen. Lange Vokale haben nur aus- 
nahmsweise, wenn ein Wort besonders scharf markiert 
werden soll, den stark geschnittenen Accent. Die Exspira- 
tion hält dann in gleicher Stärke durch den ganzen Sonanten 
hindurch an. In nebentonigen Silben können auch kurze 
Vokale den schwach geschnittenen Accent haben. Vgl. nimm 
nimm, sqtt satt, öss,> essen, Iqyyo lachen, im ihm, not Nat, 
löiso lesen , prQxö brach machen, filalyt vielleicht, sgldqt Soldat, 
Iqgksum (auch lötjksömm) langsam, trynutj (reyni'ujij) Rechnung. 
Der tonische Silbenaccent lässt sich schwer von der Be- 
handlung des tonischen Satzaccentes loslösen, da die tonische 
Accentuierung einer Silbe stets von ihrer Stellung im Satze 
und, falls sie als selbständiger Satz fungiert, von der logischen 
Art des Satzes abhängig ist. 

§30. Silbenlänge. Ausser den auf Vokal auslautenden 
auch bei normalem Sprechen mit dem scharf geschnittenen 
Accent versehenen Interjektionen wie dq da (schau), s6 hier 
nimm (sieh), d ach, ach was, kennt die Mundart nur lange 
starktonige Silben. Ist der Vokal kurz , so erscheint die 
Konsonanz lang. Vgl. wohl wohl, wöll ja. 

Abstufungen in der Länge starktoniger Silben lassen 
sich nicht erkennen, wenigstens nicht ohne experimentelle 
Messungen, woul und woll beanspruchen dieselbe Dauer. 
söd schade, und sQdd schaden : söd und sq-(do) haben gleiche 
Quantität. In Beispielen wie gold Gold, hqlt halt, parg 
Berg, hqrt hart, [und Fund, hunt Hund, haben Id und 
U, rg und rt, nd und nt dieselbe Quantität. Nach dem 
Silbenaccentgesetze (Sievers 560 f.) ist, da diese Wörter den 
starkgeschnittenen Accent haben, zu erwarten, dass l, r, n 
als Fortes auftreten. Wie schon oben § 20 angedeutet 
wurde, fällt ein Teil der Dauer der Fortis l, r, n dem t zu, 


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28 


nur wenn Lenis folgt, haben die Sonorkonsonanten nahezu 
dieselbe Dauer wie als Fortes zwischen Vokalen. 

Abstufungen in der Quantität langer Vokale kommen 
vor. Q in rot Rat , ist dehnbar (also lang) aber nicht so 
lang wie Q in rqd Itad. Die Länge der ganzen Silbe ist 
bei beiden dieselbe; was in rqt das 5 kürzer ist, kommt der 
Dauer des t zu gute; die Dauer des d in rqd ist gering, 
folglich q länger. 

D. ZUR KENNTNIS DES EXSPIRATORI8CHEN WORT- 
UND SATZACCENTES. 

§ 81. Hierüber können die Angaben nur allgemeiner 
Art sein, da die Stärkeabstufungen der einzelnen Glieder 
untereinander sich nach dem blossen Gehör nicht mit der 
Genauigkeit bestimmen lassen, welche für eine eingehende 
Behandlung dieses Abschnittes wünschenswert wäre. Am 
kräftigsten ist die Ausatmung bei der Erzeugung der logisch 
bedeutsamsten Silbe des Wortes. In dotjkypQr dankbar, hat 
dotjky den Starkton, schwächer, aber noch immerhin kräftig 
ist die Exspiration in pqr. In hailig hat hat den Starkton, 
lig einen Nebenton, der schwächer ist als der von por. 
In söiho sehen hat söi den Starkton, ho ist schwach ge- 
bildet. In diesen drei Wörtern liegen vier Stärkeabstufungen 
des Accentes vor. Die Stammsilben tragen den Starkton, 
die Accentierung von pqr und lig kann nebentonig genannt 
werden , pqr hat starken Nebenton , lig schwachen ; die 
Silbe ho hat den Schwachton. Die Abstufungen sind deut- 
lich, der Stärkeabstand von söi und ho sehr gross. In dem 
Worte umfqll» Umfallen, ist das Verhältnis in der Aecen- 
tuierung von fol und h ziemlich dasselbe wie in söi-ho, wil- 
lst aber stärker gebildet als fql, es gibt also auch Ab- 
stufungen von starktonigen Silben. (Vgl. auch Sievers 613). 
In der Zusammensetzung von dotjky, pqr und kyait hat die 
erste Silbe dotjky den Starkton, kyait ist erheblich schwächer, 
am schwächsten ist pqr, jedoch stärker als ho in söiho, lo 
in umfollo ; es stellt sich dem lig im isolierten hailig gleich, 
hat schwachen Nebenton. dotjky pqr kyait Dankbarkeit (1 = 

1 3 2 




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29 


Starkton, 2 = starker Nebenton): Silben mit starkem Neben- 
ton können eine Schwächung der Accontuierung erleiden, 
wenn sie vor einer stärker betonten zu stehen kommen. 
In hailigapiltar, Heiligenbilder ist -U- stärker betont als 
-g»; der Unterschied ist nicht gross; in thailig 9 farqara die 
Heiligen verehren, verliert -li- den Nebenton zu Gunsten 
des -y». Silben mit schwachem Nebenton können in der 
rhythmischen Gliederung des Satzes den Nebenton an eine 
im isolierten Wortkörper schwaehtonige Silbe abgeben und 
sinken zum Schwachton herab. In rexnut} Rechnung, hat 
iitj starken Nebenton : tre/nut p tsqta die Rechnungen zahlen, 

I*' 2 4 lb 4 

tre/nui}* farprenna die Rechnungen verbrennen. Der starke 

l»’ 2 4 4 lb 4 

Nebenton bleibt einer Silbe erhalten , wo ferne nicht die 
darauffolgende Silbe stärker betont ist. Vgl. donkxpQrk/ait 

I 3 2 

und trexnui) tsqla die Rechnung zahlen, wo uu nur schwachen 

U ' 3 lb 

Nebenton hat. — - Silben, die sonst den Nebenton haben, 
können vor einer stärker betonten völlig schwachtonig werden. 
qaudkxait neben eaunk/ait Ewigkeit; vgl. wnatswüatsk ein 

14 2 1 3 ' 2 14 2 

und zwanzig. 

Dieselben Verhältnisse hat die Ma. im Satze, mqrga 

2 

muss | qls a dar \ qrwat \ sai Morgen muss alles an der Arbeit 

1b lb 2 

sein. Die Starktonsilben des 1. und 4. Taktes mqr und sai 
sind etwa gleich stark, erheblich stärker ist dagegen qls 
und qr-, letzteres etwas schwächer, muss sinkt hier vor 
dem am stärksten accentuierten qls zu einer Schwachton- 
silbe herab und wird in solchen Fällen oft auch als mas 
mit einem «-artig klingenden a gesprochen. — Starktonig 
ist es in mqrya muass ar gia morgen muss er gehen, 
wenngleich die logische Bedeutung dieselbe ist, wie im 
ersten Satze, hqt ma | u i dar \ ferStaigarut} | ni/t far \ k/ouft? 

2 4 (8| 4 4 2 4 4 1» 4 lb. 

Hat man in der Versteigerung nichts verkauft? — Den 
Satzstarkton hat ni/t ; am nächsten steht k/ouft. Mit diesen 
verglichen haben hqt und stai- nur starken Nebenton, sind 
aber in ihren Satztakten die dominierenden Starktöno. un 


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30 


stellt auf derselben Stufe wie /»r. Diese Schwächung des 
Nebentones vor Starkton ist die Ursache, dass das Suffix 
-W] auch als iij, ig erscheint: ist tlqa-sig gu»t? Ist die 
„Losung“ (der Erlös) gut? tsaitig löis» die Zeitung lesen. 
ig für ug ist heute noch an diese Bedingungen geknüpft, 
aber der Anstoss zu einem Wandel des Suffixes - ui j zu ig 
ist dadurch gegeben, ist tf»r stai | gerutj | firpai ? Ist die 

2 lb 2 la 

Versteigerung vorbei? Hier hat inj den starken Nehenton. 
— Von diesem Gesichtspunkte aus wird sich auch der Schwund 
des mhd. tu im Artikel Fern. Sgl. und Neutr. Flur, erklären 
lassen, da sonst auslautendes -iu nie schwindet. Er erscheint 
heute als t. Betonungen, wie die bei Sievers 612 ange- 
führte Iconstantinopel, oder im Satzgefüge 616 forlesutj sind 

1 2 1 13 2 

der Ma. nicht geläufig. Man spricht k/onStantinopl und 

fl* 2 3 la 

qhondlup Abhandlung. Schwere Nebensilben sind heute die, 

1 2 3 

welche die vollen Vokale erhalten haben, som, fndsom fried- 
sam, pqr, saipqr scheinbar, hqft, sQdhq/t schadhaft, sqfl 
faitsQß Feindschaft, -nn, -hait, ksunthait Gesundheit, -k/nit 
u. a. — Dass man aus der Erhaltung ihrer vollen Vokale 
nicht unbedingt auf die Accentverhältnisse in einer frühem 
Zeit allgemein schliessen darf, zeigen Beispiele, wie qrtctt 
Arbeit, hgatsst Hochzeit, kyropkyßt Krankheit, qrm»t Armut, 
nqxpsv Nachbar. Schwächere Nebensilben der heutigen Ma. 
sind die mit /-Vokal; in Adjektiven auf -ig (ahd. ig, ag, ug) 
auf -Mg (mhd. lieh) auf -iS, Substantiven auf ig, lig : süntig 
Sonntag, Snitlig Schnittlauch, hampflig Hänfling u. a. Der 
schwache Accent gehört den Silben mit -»-Vokal an. Reihen 
sich im Worte und Satze mehrere solche aneinander, so 
kann eine etwas stärker accentuiert werden als die um- 
gebenden : i ddr k/onnmr,) farstökyß in der Kammer ver- 

3 4 la 4 3 4 Ib *4 

stecken. Nur in der ma. Metrik kann auch ein » den Stark- 
ton haben: hossl », hossb, rait » (schaukeln, schaukeln, reiten), 

la 4 lb 4 la lb~ 

kens ku gsnopfar ( t gens gb) die Gänse gehen zum (gegen) 

la lb la lb 

Opfer, (x x, x x, *, x und *, x x). 


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31 


E. ZUR KENNTNIS DES TONISCHEN WORT- UND 
SATZACCENTES. 

§ 32. Die Behandlung des tonischen Accentes ist eine 
der schwierigsten Aufgaben für die Maa.-Erforschung. Der 
Beobachter ist sehr leicht geneigt, seine eigene Aussprache; 
als wirklich mundartliche Eigenheit anzusehen ; aber gerade 
der tonische Accent wird am leichtesten abgestreift, wenn 
man einmal längere Zeit sich der Schriftsprache bedient 
hat. Die folgenden Beobachtungen sind alle aus dem 
Volksmunde geschöpft und wiederholt durchgeprüft. Im 
Aussagesatz trägt die Starktonsilbe eines Taktes den Hoch- 
ton; die schwach accentuierten Silben sind im allgemeinen 
um V/i bis 3 Töne tiefer als die starktonige. Je schwächer 
der exspiratorische Accent einer Schwachtonsilbe ist, um so 
tiefer ist der musikalische. Doch sind die Intervalle zwischen 
den Schwachtonsilben nicht grösser als etwa '/-j Ton. 
tnqrg t röigqats morgen regnet es. 
e es g es 

rät hat den Stark- und Hochton. 

iats ist »r dq jetzt ist er da; der Starkton ist auf dö. 
es e es y 

dqur Hiss der ist es, mit dem Starkton auf iss-, 
e y es{d) 

dqar issss der ist es; der Starkton ruht auf diytr. 
g e cs 

Steht die Starktonsilbe ani Schlüsse eines Aussage- 
satzes, so kann sie, wenn ihr Sonant lang ist, einen Doppel- 
ton haben; derselbe ist stets fallend (Terz bis Quart). 
döis tusts das thut’s. 
e g~d 

9r hqt gör er hat gar. 

e e(es)g~es. 

Reihen sich in einem Satze mehrere Takte aneinander, 
so hat der am stärksten accentuierte den Hochton; die ihm 
untergeordneten Takte stehen zu ihm in demselben Ver- 
hältnis wie die sch wach tonigen Silben eines Taktes zu ihrer 
Hauptsilbe. Der tonische Accent der Silben eines Neben- 


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32 


taktes ist schwebend zu nennen, die Intervalle betragen 
etwa einen halben Ton. 

si frq | g» ni/t ] d»rnQ/ sie fragen nichts darnach, 
es e es g e es 
düis | gqat | nimm» das geht nicht mehr. 
e es yd 

dq ist tsuig | gqusg da ist Zeug genug. 
e d(es) es g~d 

»s ist | hqlw» | tswölf » es ist halb zwölf (Uhr). 
es e es d g d 
tswünig und | tsfll | ist snqrr» teil 
e es d g e g e es 

zu wenig und zu viel ist des Narren Ziel. 
es mues sät es muss sein; es muss säi. 

es e y~es es g d 

hdid ist 9 r ou wid»r in wqid gtröst 

e es d g es d — es d 

heute ist er auch wieder im Walde gewesen. 
mit soln» lait k/onnm» ni/t duforjq» 
es e es e es g e d des 
mit solchen Leuten kann man nichts anfangen. 
tmaur» nist utnkfqlh die Mauer ist umgefallen. 
g e es f e es 

i glops it gqar » ich glaube es nicht gerne. 
es e g d des 

mqrg » irqar» töpfj. fu dem » drai pem prok/t 
e - es - e - es g e es e d 
Morgen werden die Apfel von diesen drei Bäumen 
gepflückt. 

Auch bei der parataktischen Verbindung zweier Aus- 
sagesätze hat der stärkste Takt den Hochton. Im ersten 
Gliedo tritt, wenn dem Starktone noch Silbenfolgen (schwach- 
tonige und Satztakte) ebener Ton ein bis zum Schlüsse des 
ersten Satzes; das zweite Glied wird wie der einfache Satz 
behandelt. 

i»ts gqa ig tsun prunn» n und houl » wqsssr 
es e es d g g es f e g d 
jetzt gehe ich zum Brunnen und hole (ein) Wasser 


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- 33 


fargössats it | und k/emmat pqld 
es g e es es g e es 
vergosst es nicht und kommet bald. 
i gotjy sua | qwar 9s ist tüptU 
es g g es - - d g 
ich gienge schon, aber es ist zu spät. 

»r hqt da hunt gsöih 9 j drum ist ar it pliwa 
es e es g g g(d) es e es d g d 
er hat den Hund gesehen, darum ist er nicht geblieben. 
Im Befehlsatze herrschen dieselben Verhältnisse wie 
in der Aussage. Der tonische Accent ist mit dem exspira- 
torischen verbunden. Je stärker dieser ist, desto höher ist 
jener. Die Intervalle sind häufiger Quart (manchmal auch 
V* Ton darüber) als Terz. Vielfach sind im Befehlsatze die 
exspiratorischen Accente schärfer markiert als in der Aus- 
sage. Der Exspirationsdruck ist durch die ganze stark- 
tonige Silbe hindurch energisch (scharf geschnittene lange 
Vokale); der tonische Accent kommt deshalb im Befehl- 
satze bei solchen Silben mehr zur Geltung. Öfter ist auch 
mit dem Befehlsatze höhere Stimmlage verbunden (etwa um 
einen halben Ton). Vgl. 

i raum tstüic 9 n au ich räume die Stube auf. 
es e g es d 

raum tstüw» u au, als Befehl aber auch: 
e g es d 

ges a Je 

gqa in wqld | und houl a liolts 
e es g es e es g(ges) 
geh in den Wald und hole (ein) Holz. 
holdst da wqga hqu und löigat nq/j(9 n au 
e es dg ges g es e es e(es) es g 
holet den Wagen her und leget dann (nachher) auf. 
Auch hier ist wie beim Aussagesatz ebener Ton von 
der stärkstbetonten Silbe des ersten Satzes bis zum Schlüsse. 

FRAGESÄTZE. 

Besteht ein Fragesatz nur aus einem Satztakte, so 
kann dieser einsilbig sein, ictis? was? Die Silbe ist exspira- 

Schatz, Die Mundart von Imst. 3 


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34 


torisch eingipfelig, hat aber einen musikalischen Doppelten 
in aufsteigender Folge. Der Unterschied der beiden Töne 
beträgt zum mindesten eine Terz; in der normalen Sprech- 
weise mag der Gebrauch eines Tonunterschiedes von einer 
grossen und kleinen Terz gleichwertig sein. wQs ? 

e~g oder e~as. 

Dieser Doppelton der einsilbigen Frage ist nicht auf die 
Schallfülle der Silbe beschränkt, da er auch Wörtern zu- 
kommt, deren kurzer Vokal zwischen stimmlosen Konso- 
nanten steht. piä? bist du? tsukyst ? zuckst du? gqats ? geht es? 

e~as e~as e~g 

Gehen der doppoltonigon Silbe Nebensilben voran, so gilt, 
die Kegel: Die unmittelbar vor der Starktonsilbe stehende 
ist etwa */- Ton tiefer als der erste Ton jener. 

icos willst ? was willst du? f »rinnst ? verlierst du. 
es e~g es e~as 

Gehen mehrere Nebensilben voran, so haben sie ebenen Ton. 
qw»r bald? aber heute? 
es es e~as 

Folgen schwachtonige Silben, so schliessen sie sich, konti- 
nuierlich fallend, dem zweiten Tone der Hauptsilbe an. 
hqwots? habt ihr? houlsss? holst du's? wöllssss? wollen sie es? 
e~g ges e~g ges e~g-ges 

Der zweite Ton wird manchmal der Nebensilbe zugeteilt, 
wenn der Vokal der Starktonsilbe kurz ist. 
istsrs? ist ers? und istsrs ? glop&s du? „glaubst es du“? 
e as e~as g e g ges 

Wenn vor und nach der Starktonsilbe Nebensilben stehen, 
so haben wir eine Kombination der angegebenen Verhält- 
nisse. Eben (leise steigend) bis zum ersten Ton der Haupt- 
silbe und leise fallend nach derselben. 
u>Qs söit ar? wis mqytmss»? Was sagt er? Wie macht man sie? 
es e~ g ges es e~g - ges 

Besteht der Fragesatz aus mehreren gleich starken Takten, 
so hat der erste den Doppelton, der zweite nur einen, den 
Hochton des ersten. 

wi<> hqast ms döis ? Wie heisst man das ? 
es e~ g ges g 


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35 


wqar isses gtröst? Wer ist es gewesen? 
es K 9 9es g 
'[eg 

Wenn dem zweiten (letzten) Takte schwachtonige Silben 
folgen, sinkt der Ton von der Starksilbe ab um eine Terz 
(auch Quart). 

wie hqt man k/qass» ? Wie hat man ihn geheissen? 

eS {V ^ 9 

Haben die Satztakte verschiedene Stärkeabstufung, so kommt 
der den Fragesatz charakterisierende Doppeltou dem stärkst 
betonten Takte zu, die- andern Takte haben den höliern Ton 
dieser doppeltonigen Silbe, wenn sie ihr nachfolgen, den 
tiefern, wenn sie vorangehen. 

hqwasas kxoult ? Haben sie cs geholt? 
e es d e~ g 

Iqt ma dig mit? Lässt man dich mit? 
e es d e~ g 

geqyats öis mqrga n it k/ir/9 ? Gehet ihr Morgen in 

, , f e q qes die Kirche? 

e es d e es , 

[fas g 

liqt dar mölskar sfhiis prq/t? Hat der Metzger das 
e es e es e e~g Fleisch gebracht? 
saits naxt is wiartshaus gotjija? 
es e es e~g ges ges d 
Seid ihr gestern ins Wirtshaus gegangen? 
wqs wqare sa n öppa widar wolle? 
es e~ g - ges ges f ges f g d 
Was werden sie etwa wieder wollen? 

Wie eng in der Imster Ma. der Hochton mit dem Starkton 
verbunden ist, kann man aus der Variation eines Frage- 
satzes ersehen. 

mqrga ge> mar? Morgen gehen wir? 
es~g ges g e 

mqrga gd mar? Morgen gehen wir? 
e es es~g ges 

mqrga gio miar? Morgen gehen wir? 
e es d(es) es"~g 

3 * 


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36 


sa its nayt is wisrtshaus gotjq»? 

es g ges f gcs es es c 
Seid ihr gestern ins Wirtshaus gegangen? 
saits n ay t is Wirtshaus goipjs ? 

cs e~g ges g f f d 
Seid ihr gestern ins Wirtshaus gegangen? 
saits nayt is wisrtshaus g o y g 9 ? 
es e es e es eg ges 

Seid ihr gestern ins Wirtshaus gegangen? 
saits öis nayt is wisrtshaus gonge ? Seid ihr u. s. w. 
es e~g ges f ges f f d 
Vgl. dazu das Beispiel oben. Für die Doppelfrage ändert 
sich die Betonung nicht. 

wqar geat \ i \ oder dü? Wer geht, ich oder du? 
es e~g g e g 

stcast an \ odsr it ? Stehst du auf oder nicht? 
es eg es g ? 

sui ss n in wold gu'öst odsr a dsr ojb ? 

e es d e g ges e - d c g 
Sind sie im Walde gewesen oder auf der Alpe? 
hqttsr sgalt , odsr musss srs tat Its ? 

e g ges , es e es e ~ g ges 
Hat er das Geld, oder muss er es leihen? 

In hypotaktischen Verbindungen hat auch das am stärksten 
accentuierte Wort den Hochton. 

wenn gust wöttsr ist , kyonn mss wqgs 
e es g ges g e e g d 
Wenn gutes Wetter ist, kann man’s wagen. 
ss ist qlwig ssou wenn dsr summsr dqhqa kyimt 
e g f e e ges f e f e 

Er ist immer so, wenn der Sommer daher kommt. 
sr hqt gwist dass ss niyt ist (dass ss niyt ist) 
es g es f es es - es f 
Er hat gewusst, dass es nichts ist. 
dass ss ssou kyimt hat nibmst gmu'ot 
e es - f f es g e es 
Dass es so kommt, hätte niemand gemeint. 


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37 


»r rät nimm» wail m»n auslqyt 

es e g e es d f d 

Er redet nicht mehr, weil man ihn auslacht. 

toi» mos traibt so gggts Wie man’s treibt, so geht’s. 


e es 


J \as e 


nu k/onns it qlwig höwo toi» mos grqd me/t 
d es e g e es d es d d e 
Man kann es nicht immer haben, wie man es gerade möchte. 
du muost öss», qars Icy.qlt weart 
e es g d es f es 
Du musst essen, bevor es kalt wird. 
qar geat f qar tsunno n au ist 
es e g e es d des 
Er geht, bevor die Sonne auf ist. 
fqar hat den stärksten Ton des Satzes und deshalb auch den 
Hochton. 


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II. DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER LAUTE. 


A. VOKALISMUS DER STARKTONIGEN SILBEN. 

.§ 33. Mhd. a erscheint als q, gedehnt als q; vor 
Nasalen als ö, gedehnt als um: Iqst Last, sott» Schatten, 
Iqttd Latte, nqss nass, roste rasten, fqst fast, rnts Ratte 
(mhd. ratze), kyrqts» kratzen, pqrt Bart, kyqrt» Karte, (ter- 
pqrms erbarmen, gqrwa Garbe, qrg arg, gqlg» Galgen, polte 
Ballen, uqld Wald, kyql w» Kalbin, hqls Hals, k/nqp Knappe, 
hofte haften, soff a schaffen, pqxx 9 backen (alid. bahhan), 
iivsrnqyte übernachten, k/qyp Kachel, trqyt Tracht, sqky 
Sack, wqkks grosser Stein in einem Bache (ahd. tcaggo), 
tcqks Wachs; tql Tal, tsqte zahlen, wqs:> Rasen (mhd. icase) 
sqda Schaden, Stqdf, Stadel, fqr» fahren, orfig artig, gor gar, 
niQr mürbe (ahd. maro), wqte waten, f qter Vater, grqw» 
Graben, hofs Hafen, tqlte Tafel, stob Stab, liqg Hag, m Qg» 
Magen, §tqh\ Stahl, plqh» Blähe (mhd. blähe), ksmqy Geschmack 
(ahd. smah), lotpj lang, tsomp Zange, otpjsr Anger, swogkyjt 
schwanken, dotjky Dank, hont Hand, sronts Schranz, tonn » 
Tanne, tsond Zahn (ahd. zand), hond \ Handel, homnte Tier- 
schenkel (ahd. hamma), fardomt verdammt, stomm Stamm, 
kyommdra Kammer, saurompfsr Sauerampfer, lornp Lamm, 
du an, moun» mahnen , wo« Mann , hon Hahn , pou Bahn, 
noutn 3 Namen, loum lahm, kyrdum Krampf (mhd. kram), 
houmtr Hammer, woltmte wimmeln (Ablautbildung). 

§ 34. Mhd. ä wurde zu q, gekürzt zu q, vor Nasalen 
zu du: qw9t Abend, Sqf Schaf, slqffa schlafen, gab Gabe, 
grqf Graf, strqffs strafen, grqt Grat, qter» Natter (mhd. 


\ 


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39 


ndtere), plqtar» Blatter, mqd Mahd, nqdla Nadel, Optp Atem, 
plQs» blasen, mos Mass, qs Aas, hör Haar, kfqr Gefahr, mol) 
malen, nql» Ahle (mhd. die), frqg» fragen, stcqgar Schwager, 
sprQx Sprache, pro/» brachen, dqyt Docht (mhd. ddht), kyrqa 
k/rqij» Krähe (ahd. krdwa), war wahr; mdu Mond (Mann, 
vgl. § 33) (mhd. mdne), moümt Monat (mhd. mänöt), o7i, 
oh» 9 ohne (mhd. dne), spöu Span, todünnniq wahnsinnig, 
k/roum»r Krämer (mhd. krdmer), so um» Samen, oumar Be- 
gierde (ahd. dmar), jöumar Jammer ( jdmar ), droit m» Dach- 
balken (mhd. drüme), Iqss» lassen (mhd. läßen), strqss Strasse 
(mhd. strä'ie), nqyy» nachher, dann (mhd. nach-), nqypar 
Nachbar (ndchbür), kyrqpf» Krapfen ( krdpfo ). 

§ 35. Mhd. a und d sind heute qualitativ nicht von 
einander geschieden. Dass auch das kurze mhd. a als q 
(bez. als ein weiter rückwärts gebildeter Vokal) erscheint, 
kann ein Kennzeichen dieses westlichen Teiles des bairisch- 
österreichischen Dialektes gegenüber dem angrenzenden 
schwäbisch-alemannischen, welcher die Qualität des mhd. 
kurzen a bewahrt hat, genannt werden. (Über die Ent- 
sprechung q für a Weinhold, bair. Gr. S. 17. 37). Für die 
Imster Ma. ist wieder kennzeichnend, dass a und d dieselbe 
Entsprechung q, q, vor Nasalen oii, haben. Sie erstreckt 
sich über das ganze Oberinntal und das bairische Lech- 
tal und reicht bis in die Nähe von Innsbruck. Auch das 
obere Vintschgau hat q für a und ä. In dem Bereiche von 
Innsbruck und Meran ist eine Differenzierung zwischen dem 
kurz gebliebenen mhd. a und dem gedehnten (<J) und langen 
d vorhanden. Vgl. die Angaben bei Maister, die Vokal- 
verhältnisse der Ma. im Burggrafenamte, S. 5 f. , die im 
wesentlichen auch für Innsbruck gelten. Dem kurzen a 
entspricht q wie in Imst, dem gedehnten und langen jedoch 
ou mit offenem o, vor Nasalen #5. 

Fremdwörter, die erst spät in die Ma. aufgenommen 
wurden, haben ihr a bewahrt: watt» Watte, praf brav, 
pat»r Pater, Mönch, dp»r aper, schneefrei. (Vgl. Kluge, 
etym. Wb. 5 s. v.). Wäre unser Wort urgerm., so müsste 
kurzer Vokal herrschen (aus westgerm. *ahl>r- hätte nie 
üp»r entstehen können, da vor p nie Dehnung eintritt). 


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40 


kspass Spass, sakkere Interjektion aus lat. sacramentum, 
mars Marsch, maks Max, martere martern, kyasarm e Kaserne 
(ital. casarma , caserma), pal Ball, prakytis praktisch, tawak 
Tabak, muss» Masse, sül Shawl, tsatjk linkischer Mensch 
(grödner. zanco link), prants Bande, Trupp (frz. brauche )» 
laks schlaff (lat. laxus), rar köstlich ( rartis ), grosse Mut 
(wälschtirol. curagia) u. a. m. 

§ 36. Dem umgelauteten a entspricht in der Ma. ö, 
öi im allgemeinen in jenen Wörtern, in denen der Umlaut 
bereits im Ahd. durch e bezeichnet wird. 

söpfe schöpfen, sröpfe schröpfen, kylöpp e kleben (west- 
germ. *klabjan), spinneteöppe Spinne (ahd. spinnaweppi), löffl 
Löffel, höfte heften, hä ft Heft, kyröftig kräftig, öpfj, Sgl. u. 
PI. Apfel; der Umlaut wurde aus dem Plural *ephli, epliili 
(Braune, ahd. Gr. a § 27. 4) in den Sing, übertragen, bez. 
der Sing, aphul nach dem Plur. ephili zu aphil ephil umge- 
wandelt. höiwe heben, höifomm e Hebamme, höif\ M. Hefe 
zum Ansäuern des Teiges (zu *hafjan), söiwig schäbig (zu 
schaben), söiwe Hautkrankheit, frohes freuen, fröid Freude 
(ahd. freiem, frewida), mild . f röuwen, fröude gehen auf ahd. 
frauwen (aus frawwjun) *frauida zurück; lägen diese der 
Ma. zu Grunde, müsste man fraij e, fraid, erwarten, wie sie 
tatsächlich bereits in Flaurling, 4 Stunden westlich von 
Innsbruck, gesprochen werden ( f rain fraid). ströiw e streuen 
(ahd. strewen), pöt Bett, wötte wetten, kyättne Kette, f öfter 
Vetter, sättige sättigen, rötte retten, glätte glätten, trotte 
treten (tradjan Paul, mhd. Gr. 4 § 75), tsöttle Garn zetteln, 
frötte fretten (mhd. ereilen), stüemöts Steinmetz, wötse wetzen, 
hötse hetzen, sötse setzen, lots schlecht (westgerm. latj- ; zu 
ahd. Inf), kyrätse krätzen , ötse ätzen (davon ötstijl Otztal)i 
nöts Netz, nötse netzen, zu ‘nass’, mösser Messer, föst fest, 
ö sie Esche, lösse löschen (schw. Ztw.), kyästne Kastanie (ahd. 
ehestinna), mötsk» metzgen, mäste mästen, prennössle Brenn- 
nessel, wöidle wedeln, röide reden, öidl edel, gröide gerado 
machen, ois| Esel, Häutige schädigen, löid Bretterzaun an 
Wegen, zu Iqde Laden ( *lapja -), stöitig widerspenstig (mhd- 
steter), dökye decken, pöky Bäcker (mhd. hecke), wökye wecken’ 
sök/l Säckel, ßäkye Bodenbrett (zu flach’ *ßakja ?), smökys 


\ 


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schmecken, stük/9 stecken, kyVöky\ h i n reichen, genügen (mhd. 
Merken), rök/3 recken, ökk» eggen, Egge, iik Ecke, lökk<> Holz 
anfschichten (ahd. lecken ans *lugjan-), wökk » Weck, srök/s 
in Schrecken setzen, sröig schräg, löigs legen, kyöigl Kegel ; 
öihtr Ähre, ist das einzige Beispiel mit h ; dies hat den 
Umlaut nicht gehemmt, (Braune ahd. Gr. § 27. 2c); viel- 
leicht gehört slöisl, slöit hierher, wenn nämlich ahd. slehis, 
flehit die Grundform ist: möglicherweise trat schon im Ahd. 
slegis, slegit dafür ein. das sich dann zu slöist, slöit entwickelt 
hätte, wie tröist, tröit (trägst, trägt) aus tregis(t), tregit , söist, 
söit (sagst, sagt) aus segis, segit (Braune a. a. 0. § 368. 2), 
ksöit, gesagt, aus gisegit, löist, löit, glöit, legst, legt, gelegt, 
aus legis, legit, gilegit, das seltene jöist, jöit , gjöit aus jegis, 
jegit, gijegit jagst, jagt, gejagt, entstanden sind. Die Ent- 
wicklung des öi in diesen Wörtern ist -egi- (mit geschlossenem 
e) -eji-, ei (zweisilbig), ei, oi. Dass demnach Reime wie 
mhd. breit : seit, treit, leit, in der Imster Ma. nie verwendet 
werden konnten, liegt klar. (Hartmann von Starkenberg 
(bei Imst) v. d. Hagen. M. S. No. 85 reimt seit : leit (Leid)). 
Vgl. Kauffmann, Geschichte d. schwäb. Ma. S. 91. 281. — 
wölls wollen (mhd. wellen Faul, mhd. Gr. 4 § 43. 2), allst 
Elend (mhd. eilende), öl l Elle, höll Hölle, kyöll» Kelle, ksöll 
Geselle, swölls schwellen (trans.), swöllsr Schwelle, snölla 
schnellen, knallen (zu mhd. snal); pröll» prellen, stöll» stellen, 
fäll» fällen, fölst, fölt, fällst, fällt, hallig ermattet (mhd. 
heller) , fällig fällig, kföllig gefällig, tswölf zwölf, sölfs 
Obstschale (ahd. sceliva), hölp Axtstiel {* halb ja Kluge etym. 
Wb. Halfter), wölgls wälzen (mhd. welgeln), wöltss wälzen, 
dsrgölt» , galt machen, gqlt keine Milch gebend, smölts 9 
schmelzen (trans.) , föltss fälschen, gwölm Gewölbe, kyöltm 
k/ölts Kälte, öltsr N. Alter ( jo- Stamm?), öltsn Eltern, 
öilendig elendig, wöiU wählen, tsöiU zählen, lwortsöilig über- 
zählig, stöil Stelle (mhd. stele), söils schälen, tröils beim 
Essen verschütten (Schmeller bair. Wb. I. 660), dsrwöil 
welcher (Braune, a. a. 0. § 292. 1 ; kaum ist welih Grund- 
form, Paul mhd. Gr. 4 § 43. 3), dörrs dörren (geht auf Jtarr- 
jan- zurück, Kluge, a. a. 0. „Darre“), örws erben, spörrs 
sperren, fsrdöncs verderben (trans.), örm\ Ärmel, sorg 


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— 42 


Scherge, hörpst Herbst, giaörms wärmen, förws färben (trans.), 
örgsr, Arger, örgsra ärgern, honorig Herberge, hört hart (ahd. 
herti ; daneben in gleicher Bedeutung hqrt. hart, * hur tu), 
örts- Präfix ‘Erz’, örtslump Erzlump, swörtss schwärzen, mörkys 
merken; die Schreibnamen hörting Hörting (vgl. hartung), 
hörtnqgl HOrtnagel, Ruine Hörtenberg bei Telfs. kyorkysr 
Kerker, pöir Beere, möir Meer, fairst fährst, föirt fährt, 
kföirt N. Fahrzeug, kyöin > kehren, wöirs wehren, gtcöir Ge- 
wehr, nöirs nähren, swöirs schwören, tsöirs zehren , möirts 
März, kyöirts» Kerze, öidl» (*öirls) Erle. 

A nm. ör wird auch mit e als er (sperr*, siverts *) gesprochen, eine 
junge Aussprache, vgl. unten. 

Vor Nasalen erscheint; dieses ahd. e als c (ft) : hemmst 
Hemd,/rand fremd (auch frend gesprochen), stemms stemmen, 
stempfl Stössel (mhd. stempfel), tempfs dämpfen, suemms 
schwemmen, kyremmig, etwas wie Krämpfe fühlend zu mhd. 
kram, § 33, remis sich balgen (zu mhd. rum), kylemms 
klemmen, temm » dämmen, slemms Liegerstätte auf Alpen 
(Sehmeller bair. Wb. II. 522), dsrgremms in Grimm bringen 
(Ablautbildung *grammjan), kyeim Nische für das Stuben- 
feuer (ahd. kemi aus lat. cuminus , dies wurde später wieder 
entlehnt; Icyami Kamin), ent Finde, ment* Mensch, heims 
Henne, kyenns kennen, nenn* nennen, prenn» brennen, trans., 
seltener wie nhd. intrans., dafür das starke prinns, swentss 
ein Gotass durch Schwenken ausspielen (aus swenkazzen), 
glenlso glänzen, srentss sclirenzen, zerreissen, wents, wends 
wenden, auswendig auswendig, endsrs ändern, sents schänden, 
plents blenden, o'ugentss „angänzen“ vom Ganzen ein Stück 
wegnehmen, tenns Tenne, sennsr Senne (Kluge, a. a. 0. 
S. 347), eij-g enge, streipj streng, ey&stigs ängstigen, tswerpy* 
zwängen, teggls dengelu (toggl die Schneide der Sense, 
mhd. tengein), kyeijg Gehänge, kstetjij Stangengitter (ahd 
*gastengi), megijs mengen, Menge, wegkys wanken machen, 
tregkys tränken , seijkys schenken (soykytum Geschenk, ab- 
strakt), degkys denken, fsreijkys verdrehen (mhd. renken ) i 
segkyj, Senkblei, dreipj* drängen, hetjtjs hängen, spreijij* 
sprengen, geij g guten Gang habend (ahd. gengi), dsrge.iiij* 
zergehen machen. 


v 


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§ 37. In jenen Fällen, in welchen der Umlaut erst im 
Mlid. geschrieben wird (vgl. dazu Wilmanns deutsche Gram. 
S. 192 f. Paul, a. a. 0. § 40. 1), hat die Ma. «, ä, vor Nasalen 
«, ä: hayle Hechel, gma y N. schlecht Gemachtes (ahd. *gimahhi), 
kämayyig schmackhaft (ahd. *gisitiahhig), nayt Nächte, ge- 
stern (Dat. ahd. nahti), traytig trächtig, fruchtbar, mayHg 
mächtig, pfaytig das rechte Mass habend (Kluge, a. a. 0. 
„Pegel“), slaytig (mhd. siebter), kshyt von einer Gestalt, 
ifotsayt vereinzelt (mhd. einzeht), waytl», mit einem Gegen- 
stand rasche Bewegungen machen, fächeln (zur Wurzel germ. 
wag weg (bewegen)?), gwaks Gewächs, gicaksig gut wachsend, 
aks Achse (mhd. ahse ehse), kyrakss Tragreff (mhd. krehse), 
haks» Fuss, Bein (ndid. hehse), flaksss n. adj. zu ‘Flachs’ 
(ahd. flahshiez), wakss mit Wachs bestreichen. 

Der Vokal des sog. spätem Umlautes tritt also in der 
Ma. vor y gleich germ. k und yt, ks gleich germ. ht, hs (cht 
chs?) durchwegs auf, nie der des frühem. Vor r haben 
einige a, die Mehrzahl aber ö, öi, vgl. die Beispiele im 
vorigen §. Den Grund der Differenzierung vermag ich nicht 
anzugeben; einzelne mögen spätere Bildungen sein, wider- 
wärtig, widerwärtig, wartse Warze (mhd. warze, werze) marya, 
mit einer Marke versehen, Snaryle schnarchen (vielleicht 
Deminutivbildung dazu), s adlig hoher Grasstengel (Schmel- 
ler, II 447), mjgwadlig nicht sicher (mhd. ungewerUrh), 
karb herbe, garw» gerben, farw» färben intrans. vgl. oben 
form mit ö vor rw, arws Erbse (mhd. arweii , , erwrig), 
pfaryo einpferchen (ahd. pfarrih), lary Lärche (lat. laric-), 
tsarro zerren, narre narren, narris närrisch. Vor l und 
Konsonant tritt a als Umlautsvokal nur in ugfaltig ein- 
fältig, walts wälsch (ahd. walhisc ) und in den i-Stämmen 
palg Bälge, hals Hälse, auf. Andere Beispiele sind nicht 
sicher. 

Auf ein i der dritten Silbe (Braune ahd. Gr. 2 § 27. 4) 
ist a als Umlautvokal mit Sicherheit zurückzuführen in: 
gOtsr Gatter (nach Ausweis von mhd. geter liegt ein jo- St. 
vor), atjija abgefallene Baumnadeln , aus agetie (vgl. mhd. 
egen), kylaffj Glockenschwengel (mhd. khffel), staff j, Stufe, 
Staffel. Der Vokal stammt aus dem Plur. ; ahd. klaffali 


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staffali. tsilher Zähre (ebenfalls durch Einwirkung des Plurals 
uingelautot), hdfner Hafner ahd. *hafnäri , Jäger Jäger. 
glayter Gelächter, gwasser Gewässer, kyräinet Wachholder 
(mild, kranewite) , ärts Erz (ahd. arnzzi ), uw/a Ente (ahd. 
anut, PI. atiuti), antere nachäffen (mhd. unteren , enteren), 
hämere hämmern, tämere klopfen (mhd. temeren), wassere 
wässern, stähle stählen, (adle fädeln, sainle sammeln, ky läppere 
klappern, pflastere pflastern. 

Vielfach lässt es sich nicht entscheiden, weshalb a als 
Umlautvokal erscheint. Vgl. ksaftig geschäftig, saftig, saftig, 
hantig bitter (ahd. Iiantag), kspraqy lästiges Herumspringen 
(ein /o-Neutr.), gtoante mit Gewand versehen, Icyampe Radauf- 
satz, k/umpl Kamm, slarffl Schlingel (beiden scheint Suffix 
-il zuzukommen), säme schämen (mhd. scheinen hat Umlauts 
e, nicht e wie Beiträge 13, 217 angenommen wird), tsunie 
zusammen, huntsig Handschuh (mhd. hendeschnoch) kyantlig 
kenntlich, santlig schändlich, trdgig trächtig, jägig brünstig, 
waitiräsig weitwasig, kspärig sparsam, spärlich, satse schätzen, 
swatse schwätzen, raffe raufen (mhd. reffen). Vor s sind 
einige ahd. « umgelautet worden (vgl. Paul mhd. Gr. 4 
£ 40, 9): fasse Tasche, wasse waschen, was Wäsche, ntasse 
Masche, aS Asch (Flussfisch), asser Asche, mit sekundärem 
Suffix. 

Mehrfach hat sich a als Umlautvokal zu q zum Bildungs- 
prinzip entwickelt ; so bei der Pluralbilduug der masc. Sub- 
stantive, deren Stammvokal im Sing, q ist; nur fünf ursprüng- 
liche «-Stämme: göst Gäste, söky Säcke, äst Aste, söts Sätze, 
slöig Schläge, haben den Vokal des ersten Umlauts bewahrt, 
die übrigen sowie alle o-Stämme lauten q in a um; organisch 
ist letzteres entwickelt bei pay Bäche, (ahd. bahhi, behlii ) 
wegen des y, vielleicht auch bei den oben genannten pulg, 
hals. Vgl .fall Fälle, part Bärte, napf Näpfe, sn&h\ Schnäbel, 
stähl Stähle, akysr Acker, J'dde Fäden, mander Männer u. a. 
Nur ö (aus«) wird zu e: tsend Zähne, stend Stände, stemm 
Stämme, tenipf Dämpfe, prent Brände, kyrents Kränze, kyletjij 
Klänge, Immer Hämmer, enger Anger, metjgl Mängel. Bei 
den Neutren, deren Plur. durch den Umlaut und das Suffix 
-er (ahd. ir ) gebildet ist, überwiegt ü, üi. platter Blätter, 


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kyöltrar Kälber, pöidar Bäder, rötetet- Bäder, gröiwar Gräber, 
grötear Gräser, glöisar Gläser, töiter Täler, aber dayy»r 
Dächer, niarynr Kennzeichen (mhd. march N.), Saff»r zu sqff 
Schaff. — Die Mehrzahl hat den \ r okal des ersten Umlautes 
und man kann wohl schliessen, dass er auf lautgesetzlichem 
Wege entstanden ist, dass also das Suffix -ir schon frühe 
weit verbreitet gewesen ist. 

Die Deminutive zu Substantiven mit Q im Stamme 
haben alle den Umlaut a. Der herrschend gewordenen 
Deminutivendung - / » entspricht mhd. elbi. Da das i in der 
dritten Silbe steht (wo ahd. -illn als Suftix vorkomint, hat 
das zweite lange ? den Ton und nur betonte Vokale können 
auf ihre Umgebung eine bedeutende Wirkung ausüben), ist 
das a als Umlaut regelmässig entwickelt, payte Bächlein, 
sayte (Sache), salbte Sälbchen, kyalbte Kälblein, kyastl» Käst- 
chen, kyarrite (Karren), slthfal » (Stadel), icügate Wägelchen, 
fädate Fädchen, rädte Bädlein, grasl » Gräschen, affl » Äffchen, 
arm!» Ärmchen, sakyte Säckchen, Strassl» Strässchen, wassarte 
Wässerlein ,fän»te Fähnchen, tsandte Zähnehen, lampte Lämm- 
lein, landte Ländchen, wandte Männlein, gartte Gärtchen, 
u. d. übr. — Bei Deminutiven zu Verben: snatste schnitzeln 
(Ablautbildung), jaytete gern jagen (zu jqyt Jagd) , layyate 
lächeln, rankte spielend raufen (zu rotjka zerren), pantte 
bändeln, Stumpfste leicht stampfen vor Zorn u. a. Der Vokal 
des ersten Umlautes ö, öi ist herrschend geworden bei der 
Bildung der Komparative und Superlative sowie der Femi- 
nina abstracta von Adjektiven: Smöiter schmäler, smäite 
Schmalheit, lenkst längst, legi] Länge, wönnar wärmer, 
worin» Wärme, Sörffar schärfer, sör/J'a Schärfe, nässaSt nässest, 
näss» Nässe, glätter glätter, glätte Glätte, föltsar falscher, 
fälts» Falschheit, gräidar gerader, grätete Geradheit, swörtsar 
schwärzer, suörtsa Schwarzheit, Story» r stärker, Swöyyar 
schwächer, suöyy a Schwäche. Hier zeigt sich die Analogie 
deutlich, da ä vor y erscheint. 

§ 38. Der Umlaut des langen ä, mhd. ce, erscheint 
als a, vor Nasalen als ä: tsäy zähe, mly stolz (mhd. waslie), 
gdy jäh (mhd. geelie), o'ulug ansteigend (zu ahd. lägt steil), 
Idr leer (mhd. leere ) ; der o-Stamm ahd. *ldr liegt im Flur- 


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namen Iqrsenn Alptal westlich von Inist, „leere Senn(alpe)“ 
vor; suär schwer, aumär offenkundig ( üf-mcere ), räs zu stark 
gesalzen (mhd. raye), spat spät, stat langsam, ruhig (mhd. 
state), hal glatt, schlüpfrig (mhd, hak), sflr Schere, ky/is 
Käse, kfras schlechtes Essen (mhd. gevraje), prat Gebräte, 
gmtil das Gemalte, räfs Dachbalken (alid. rävo neben *r«vjo, 
wie die Ma. durch den Umlaut erweist), s affsr Schäfer, 
gäddr das Geäder, nahm Nähe, gaplas Gebläse, tüsig herab- 
gestimmt (mhd. taste), assig gut essbar, schmackhaft (mhd. 
agec), kf rassig gefrässig, massig massig, flatig schön (mhd. 
fla'tec), gnädig gnädig, kfadlig gefährlich, girqltätig gewalt- 
tätig, rätlig rätlich, salig selig, ämarig verlangend, gnka 
atzen, ässen, die Jungen füttern, ( *ga-(ttjan ), pfala pfählen, 
lärs leeren, waija weben, maijs mähen, päija bähen, dräs 
drehen, pla» blähen, sät ja säen, nüijs nähen, kyräija krähen. 
Die Umlaute erweisen, dass in der Ma. die /-Ableitungen 
zu Grunde liegen. (Vgl. Kauffmann, Gesch. d. schwäb. Ma. 
S. 55. A. 3). jämsrs jammern, mätig Montag (mhd. masntac 
vgl. Kauffmann, a. a. 0. S. 57), jäls kleines Stück Acker 
(Kluge, et. Wb. 5 S. 178 Jahn), say sähe (mhd. Konj. Prät. 
scehe), ksäy geschähe, prayt brächte, tat täte, wär wäre, 
gab gäbe. — rats\ Rätsel, ratig Rettich (mhd. ratich), jädlig 
jährlich, gevg und gab gang und gäbe. Auch wo Kürzung 
eintrat, erscheint a: hat hätte (mhd. heete), ass ässe, sass 
sässe, fr ass frässe, fergass vergässe, drakshr Drechsler 
(ahd. drähsil). Wenn zu mqd (mhd. m&d) der Plur. auch 
möidsr lautet, zu nqha nahe, der Komp, auch nöihnar, Superl. 
nöihnsst, so liegt es klar, dass es Analogiebildungen zu den 
im vorigen § genannten Gruppen sind. 

In einigen Wörtern erscheint e als Umlaut von a; es 
ist durch die Schriftsprache in die Ma. gekommen : tlglig täg- 
lich, Heft Geschäft (dagegen oben künftig echt mundartlich) 
helcs Hexe (im Lechtal haks), preytig prächtig, lestig lästig, 
kywetsa quetschen aber kywatskyopf ‘Dickkopf, ncky» necken 
(f oder S?), feig fähig (müsste *ftthig lauten), tetig tätig 
(vgl. oben gwqltatig). Aus einem benachbarten schwäbischen 
oder alemannischen Dialekte scheint das e in pefsra höhnend 
nachplappern (von Kindern) zu stammen; ahd. avaren. 


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§ 39. Klar ist, dass der Umlaut des alid. ä mit dem 
spätem des kurzen « zusammengefallen ist. Das heutige a 
als Umlaut von ahd. a und a ist über das ganze bairisch- 
österreichische Gebiet verbreitet und ein Charakteristikum 
desselben. (Vgl. Weinhold, bair. Gr. S. 17 unten, S. 46 f.). 
Das angrenzende Schwäbisch-Alemannische spricht für das 
bairische a einen offenen «-Laut und hat damit das Ursprüng- 
liche gewahrt. Sicherlich hat auch das Bairische in spät 
ahd. Zeit noch den offenen «-Laut gesprochen, der erst 
später zum heutigen a wurde, vor diesem Wandel muss 
aber das nicht umgelautete « zu q geworden sein. Nagl 
(Blätter des Vereins f. Landeskunde von Nieder-Österreich, 
Jgg. 24, 25, 27 jetzt Sonderabdruck, Wien 1895 und Paul- 
Braune, Beiträge 18, 268) will den Wandel des « zu q schon 
der ahd. Zeit zuweisen und den sog. 2. Umlaut als Wandel 
des q zum heutigen u fassen. Nach unserer heutigen Auf- 
fassung des «-Umlautes muss diese Vermutung fallen gelassen 
werden. Die beiden Umlautsvokale für a sind wohl zur gleichen 
Zeit entstanden; nur qualitativ wurde ein Unterschied hervor- 
gerufen durch die bei Braune, ahd. Gr. 2 § 27. A. 2—4 ge- 
nannten Faktoren. Vgl. die zu Beginn des § 37 genannten 
Arbeiten von Wilmanns, Paul. Die Scheidung in zwei Um- 
lautsperioden (Braune, a. a. 0. § 51 A. 2) könnte also nur auf 
die Qualität des Umlauts von a bezogen werden nicht auf die 
zeitliche Verschiedenheit; diese bezieht sich dann nur auf die 
Schreibung; die Chronologie des Umlauts, welche Kauffmann 
Gesell, d. schw. Ma. S. 50 § 63 so sehr betont, wäre nur 
der sekundäre Faktor in dieser Frage. 

Nach den Belegen, welche Weinhold, bair. Gr. S. 18 
für die Schreibung von a für o verzeichnet (ich bin der 
Ansicht, dass darin der <?-Laut des a zum Ausdruck kommt 
und nicht eine Aussprache des o wie «, wie Weinhold meint) 
kann man sagen, dass im 13. Jh. a als q (bez. als ein o- 
artiger Laut) gesprochen wurde. Eine genaue Zeitbestim- 
mung für den Übergang des offenen Umlauts-e in den «-Laut 
ist bis jetzt nicht möglich. Im 15. Jh. war er sicherlich 
vollzogen. An Wörtern, in denen heute a gesprochen wird, 
bieten die Urkunden folgende Belege: 1448. nämleichen, 


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gnädigen (2), gnedigen, gänzlichen , münigkleichen ( 2), Järlirhen, 
steten, steten (2), fetten (mhd. taten); 1450. stäten , sfeYc« (2), 
tetten, Tänzlein , Tenzlein (heute Name tants( Danzel u. ähnl.) 
nämlichen, gänzlichen (2), Berchtold t eschen (Name 07s Tasch), 
gäiber (mhd. gatbe), inenigklichen, Jarliches, schaden Plur. (sädi). 
1451. gnedign, gerwstuhen ( garb Gerberei), gäbe (Kouj. Prät. 
(mhd. gcebe),hett, menigklich, nächsten , 1455. a) stättn (2 staete) 
tätten, b) gäbet-, hättn, wär (wäre). 1458. scheden, 1467. ge- 
schafft s, mit hass (hce$e) 1468. allermänigklich, beschwätzung (2), 
geschäft, gnädigen, tn&ttgl, wär, warn, ägker (Plur.), agkher 
(Plur.). 1471. Arzill (Flurname artsill), perchtold täschen, 
Conrat Nageli (nagsfo Nägele), Oswald Hätly. 1478. arbis 
(arw»s Erbsen). 1476. änichleins (Enkelein), das Spängler 
(spatjghr), drt$ knapp, Jenwein Hendl (Handl, Häbnel). 1478. 
Larchach (Flurn. laryig). 1493. Jarnlich,st(U, Händl, Spengler, 
1500. Rägkleins (Raggl rakk\) ungevarlich, tätn, 1503. un- 
gecerlich tet, saligen, 1516. gagenwertig , pigenatz Flurname 
piganats). 1526. nächer (näher). 1535. weinachten (wainayta). 
1541. weihenacht, 1543. negsten weihenechten. 1550. Hanns 
Jäger (jägsr). 1557 erscheint Oswald Schrey Jäckli(2) heute 
Schreiegg, eine Bildung aus schrei und jakkd Jakob, (srai- 
jakks), die zu Schrei egg (ck) wurde. Im 17. und 18. Jh. 
ist die gewöhnliche Schreibung für heutiges a das bekannte ä. 
Das grosse Schwanken in der Schreibung des Vokals führt 
zum Schlüsse, dass er wie heute als a gesprochen wurde ; 
den Schreibern stand kein bestimmtes Zeichen zu Gebote. 
Für das geschlossene e und für mhd. e wird durchwegs e 
geschrieben; a dient zur Bezeichnung des nicht umgelauteten 
ahd. a. Die Fälle in denen heutiges a als a geschrieben 
wird, sind den andern gegenüber häufig genug, um die Ver- 
mutung, es liege etwa ein Schreibfehler, ein Vergessen des 
6 ' über « vor, von der Hand zu weisen. 

Der dem ahd. e entsprechende Umlautvokal ö (öi) 
kommt seinem Klange nach unter den nhd. Vokalen dem 
ö am nächsten. (Vgl. § 1). Ein ö-artiger Laut scheint auf 
dem ganzen bairischen Gebiete zu herrschen (YVeinhold, 
bair. Gr. S. 41, Schmeller, Baierns Maa. S. 69/70). Aus 
Weinholds Belegen geht auch hervor, dass er im 15. Jh. 


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bereits vorhanden war. Die Imster Urkunden bieten sehr 
wenig: 1473 Spiegelfröd (Flurname Spisglfröid), toman Pröll, 
Kerösten Ortsname, heute k/aröiSt » oder öistz , Osten bei 
Imst, ölst» ist der Plur. zu dem in Imst nicht erhaltenen 
asten (Schöpf tirol. Idiot. S. 20) Niederalpe. 1568 Georg 
Schabenseckhl von Kdrrerösten, 1503 und öfters wollen. In 
den Ratsprotokollen von 1611 an mehren sich die ö-Schrei- 
bungen, 1611 Fol. 4 Gsöllbriester, pösser, Fol. 5 söckhl da- 
neben lierbrig (Herberge), 1612 Fol. 12 kelberskopf , gröber 
(Gräber) u. a. m. Für fremde Gebiete ist es eine heikle 
Sache, über den phonetischen Wert der heutigen Entsprechung 
zu urteilen. Ich kann deshalb nur eine Vermutung wagen, 
wenn ich sage, dass wir in dem 6 einen ursprünglichen Laut 
haben, der aus dem Umlaut des o entstanden ist. Die 
Artikulation der Zunge rückt beim Wandel von gasti zu gesti 
(Sievers, Phon. § 676) allmählich nach vorn hin. Phonetisch 
wäre es sehr leicht zu erklären, wenn das ahd. (bair. ?) a 
nur bis zum ö-Laute, der nicht so weit vorn artikuliert 
wird wie der wissenschaftlich angesetzte geschlossene «-Laut, 
entwickelt wurde. Dagegen könnte man einwenden, dass 
ö in der Schreibung erst seit dem 15. und 16. Jh. auftritt ; 
allein in dieser Zeit war die Entrundung der gerundeten 
Vokale bereits vorhanden; das Zeichen, welches für das ge- 
rundete ö überliefert war, wurde naturgemäss auf den Umlaut 
von «, mit dem der Umlaut von o zum Teil zusammen- 
gefallen war. angewendet. 

§ 40. Mhd. e: Es erscheint als ö, öi: höpfs Hefe (Bei- 
träge 12, 518), öpptr, öpp»s rnlid. etewer, etwas, Giffi treffen, 
stöfts F. Stift (weibl. *stefta), pföffsr Pfeffer, öiw» eben, göiwd 
geben, löitco leben, löiwsr » Leber, Swöiw» schweben, nöiwl 
Nebel, wöiw» weben, swöifl Schwefel, k/öifsr Käfer, k/löiwsr» 
Klette (zu ‘kleben’), swöstsr Schwester, nöit ( öst ) Nest, dröss» 
dreschen, dösti desto , lös& löschen (Berührung mit dem 
schwachen mhd. leschen ) , wöSt wüsste (mhd. weste), öss» 
essen, fröss» fressen, srgöss» vergessen, wött»r Wetter, jötts 
jäten, kxnött» kneten, trötts treten (möglich ist bei allen 
dreien Vermischung mit schwachen mit Umlauts e), pöit) 
beten, pöitl» betteln, iötdj Schädel, löidsr Leder, löidig ledig, 

Schatz, Die Mundart vou Imst. 4 


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entwöidar entweder, pröit Brett, löisa lesen, gwöisa gewesen, 
pöisa Besen , söiha sehen, kiöih a geschehen, pöiy Pech, plöiy 
Blech, röiga Regen, söiga Segen, patröiga bewegen, pluatöigl 
Blutegel, pflöig Pflege, swöigl a Schwegel, söigasa Sense, slöig 
Steg, uöiga wegen, uüig Weg, kyöky keck, dröky Dreck 
(Beiträge 12, 516, 3), spöky Speck, ir'ökya Schrecken, aioöky 
weg (mhd. emcec), snök Schnecke (Beiträge 12, 521), tsökkat 
scheckig, söksa, söks sechs, woks] Wechsel. In folgenden 
Wörtern wird teils ö teils e gesprochen ; beide Aussprachen 
sind gleich gebraucht: leyt\, Vöyt\ Lechtal, reyt, röyt recht, 
Sleyt, ilöyt schlecht, kyneyt, kyn'öyt Knecht, feyta fechten, 
fleyta flechten, leyjsk» lechzen, preyy 3, pröyya brechen, steyyp 
stechen, slekya schlecken, lekya lecken. Auch Umlauts ö 
kann vor y (und r) als e gesprochen werden ; man hat es 
hier also wohl mit einer neueren Aussprache des öy als ey 
zu tun nicht mit einer Bewahrung des ursprünglichen ey. 
— Als e tritt mhd. e auf in : reyna rechnen, seytsk sechzig, 
seytsenna sechzehn, freyy frech, reyy» (selten röyya) Rechen, 
tswelcy Zweck, spekyar kleine Steinkugel (zu spicken’), sprekl a 
sprenkeln (Kluge, et. Wb. s. v.), kyreps Krebs, snepf Schnepfe, 
tsepf Zehnkreuzerstück (Neubildung zu ‘Zipfel’?), leftska Lippe 
(mhd. lefsa), seps schief (Beitr. 12, 535), fetsa Fetzen, neffa 
abreibon (an der Wand u. s. w. Schmeller I, 1731), sessl 
(selten sössf) Sessel, letta (selten liitta) Letten, presthqft (selten 
preist-) bresthaft. Fremdwörter behalten ihr e bei : eyt echt, 
net nett, press a pressen, reit Rest, peyy»r Becher, tseJl Zelle, 
fet fett (? Beitr. 12, 535), ekstara extra, pesta Bestie, seppl 
Josef (ital. Giuseppe), tres Theres, spetsial Spezial, kyetsar 
Ketzer, reg ] Regel, tsekkar Handkorb, Schmeller II, 1081. 

Mhd. el, er treten, wenn die Kürze des Vokals be- 
wahrt wurde, als al, ar auf, als qal, qar aber, wenn Dehnung 
eintrat: walt, Welt, galt Geld, satt selbst (die Entstehung 
des t ist nicht klar), salta selten, sattsam seltsam, was man 
selten hat (nie = absonderlich), galta gelten, salta schelten, 
tsalta Zelten, maltsa Speise mit der Zunge zerdrücken (Kluge, 
et. Wb. Malz’, ags. m'eltan), fald Feld, staltsa Stelze (Heim- 
burger setzt falsch e an, Beitr. 13, 220), kyalpara Hunde- 
halsband (aus mhd. kel und bern ), snall schnell, hall hell, 


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wall» wellen (den Teig), sali» schellen, Schelle, n all » Genick 
(zu ahd. hnSl), kstcall» anschwellen, kyalUr Keller, pall» 
bellen, smal% welk (mhd. smelhe schmal, gering; also über- 
tragene Bedeutung in der Ma.), smalh» Schmiele (mhd. smelhe), 
halff» helfen, mal y» melken, salha selchen (ist mit e anzu- 
setzen nach Ausweis jener Maa., welche el als el haben: 
seilt#). Dieser Lautwandel el zu al erstreckt sich über das 
ganze Oberinntal (und das bair. Lechtal) bis gegen Zirl. In 
Hötting wird el gesprochen. Wo Dehnung eintrat, ist qal: 
gqnl gelb, mqal Mehl, stqul » stehlen, fqal Fell, hqal» hehlen; 
<‘a herrscht auch für gedehntes er: qar er, dqar der, utqar 
wer, pqar Bär, hqa her, smqar (mhd. smer), dartswqar» 
schwären, gqar» gern, kyear» Kern, woufqat » woferne, fqar» 
Fern(pass), fqarn»r Ferner, Gletscher, sqar» scheren, Iqarn» 
lernen, stqar» Stern, qarnit Ernst, tcqat •» werden, qurt Erde, 
hqart Herd, fqart voriges Jahr (mhd. vert auch bei Hart- 
mann v. Starkenberg), trqart Wert, fqarsn » Ferse (ahd. 
versana), kxqadsr Köder (mhd. kerder). Die Dehnung des 
el, er zu qal, qar erstreckt sich über das oben angegebene 
Gebiet und geht darüber hinaus (Maister, a. a. 0. 7). Dem 
er mit Bewahrung der Kürze des Vokals entspricht in Imst 
ar. Westlich von Imst ist hier überall Dehnung eingetreten. 
Die Grenzorte sind Imst, Karres, Koppen ; das Lechtal hat 
wie Imst ar. Nach Osten deckt sich die Grenze mit der 
von al aus el. hart Herde (ahd. herta), harts Herz, smarts 
Schmerz, klarst» Kirsche (mhd. kerse), garst» Gerste, war x 
Werk, Werg, starte» sterben, warff» werfen, parg Berg, f»r- 
parg » verbergen, /»rdarte» verderben, Verderben, parg»l» 
Halsband (Demin. zu mhd. berc), kx.arr » ein Tier reizen 
durch Zischen, Pfauchen (mhd. kerren), sarr» Rinde in der 
Pfanne {2 nach Ausweis der westlichen Maa. sear»), sarw» 
dahinsiechen (mhd. sSrwen, westl. Maa. sqarw»), farkal» Trag- 
himmel, früh entlehntes ferculum, kyßdl, aus kxarl mit später 
Dehnung, Kerl, tsuary zwerch-, slarp», schlürfen, lecken, 
(der Zusammenhang mit ‘schlürfen’ ist wahrscheinlich, doch 
nicht klar; westl. Maa. slqarp»), tarp[ Maismehlspeise (westl. 
Maa. tqarpl), tswergl Zwerg, kann kein echt mundartliches 
Wort sein; es wäre *tswarg zu erwarten. Das Deminutiv 

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tsicargsls zeigt die regelrechte Form. Die westlichen Maa. 
(s. oben) haben er durchwegs zu qa gedehnt. 

Vor Nasal ist $ zu el geworden, prelm 9 Bremse (mhd. 
breme ), streln » mit dem Haspel gewickeltes Garn (mhd. 
strSne), sein » Sehne, tsei, tselns zehn, neben tsöihs, tsöihns. 

§ 41. Mhd. & hat sich zu qa, vor Nasalen zu iä ent- 
wickelt: qar Ehre, rqars weinen (mhd. reren), plqars häss- 
lich weinen (auch von Tieren, mhd. bleren, blerren ist daraus 
gekürzt; vorahd. Hlairrjan) , sqar wund (mhd. sir), liqar 
Herr (mhd. hör), mqarsr mehr (-er), Iqar Lehre, qarst erst, 
der erste, kyqars kehren ( vertere ), qa Ehe, sqa See, kylqa 
Klee, wqa Weh, rqay Reh, slqaho Schlehe, tsqahs Zehe, Iqah» 
Lehen (selten, Eigenname Iqahnsr Leeliner), sqal Seele, snea 
Schnee, oyqsnqas alte Form für Agnes, heute meist dgijis, 
trnsnig wenig, mtä mehr (mhd. mi mit progressiver Nasa- 
lierung), gib gehen (mhd. gen), itO stehen (s Uri), mqktaUsn» 
Magdalüna. 

In den Urkunden sind die Schreibungen ee für mhd. 
e seit 1450 häutig, z. B. Seelhaws, geet, eebig, Eeren , See, 
steen u. a. Da der Übergang von e zu ea eine Vorstufe es 
voraussetzen lässt, haben wir in der Schreibung ee wohl die 
Bezeichnung eines Diphthongs zu sehen. 

§ 42. Vor l, r erscheint mhd. e in der Imster Ma. 
anders behandelt als vor andern Konsonanten. Die Ent- 
sprechung a, qu muss auf eine offene Aussprache des e vor 
l, r zurückgeführt werden. Der Übergang von el zu ul 
(und gewiss auch von er zu ar ) war im 15. Jh. bereits 
vollzogen; urkdl. 1467 wält Welt, 1473 gälty Geldes; ü ist 
der Laut des heutigen a, wie oben ausgeführt wurde. Die 
Differenzierung zwischen e vor l, r und e vor den übrigen 
Konsonanten reicht in frühe Zeit zurück; es mag hier auf 
die Schreibung halm, parht in Eigennamen des 10. Jh.s ver- 
wiesen werden (Weinhold, bair. Gr. S. 15). Vor dem Ein- 
tritt der Dehnung war e vor /, r sicher ein einheitlicher 
Laut und wie die Dehnung zu qa beweist, verschieden von 
dem offenen Umlauts-^, das gedehnt als a erscheint; el, er 
kann erst nach der Dehnung zu al, ar geworden sein. Die 
Fälle, in denen ö, öi für e erscheint, sind so zahlreich, dass 


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man einen spontanen Übergang des e zu ö, öi annehmen 
muss. Zu demselben Ergebnisse kommt Brenner, PBB. 20, 
87. Die wenigen Wörter, in welchen e als e auftritt, ver- 
mag ich nicht hinreichend zu erklären. Man vgl. z. B. 
dröky Dreck, gegenüber tsweky. Beide gehen auf 2 zurück, 
sind o-Stämme. — Ein i der Folgesilbe kann nur für wenige 
nachgewiesen werden: ötlig» (mhd. etliche) pölts Pelz (belli$), 
pröidig Predig, vielleicht föh» Felsen , so ferne nicht Um- 
lauts-« vorliegt (Paul, mhd. Gr. 4 § 43. 3). 

Für die Zeit des Überganges von e zü ö erweisen die 
Belege bei Weinhold S. 41, dass er im 16. Jh. vollzogen 
war ( wollen hat Umlauts e). Eine Imster Urkunde von 1507 
schreibt lüchleitner Lechleitner; vor / wurde also ö gesprochen, 
ein deutlicher Hinweis dass die offene Aussprache vor / 
erst jungem Ursprunges ist (‘Lech’ aus röm. ‘Licus’). 

Anm. Zu erwähnen sind die Fremdwörter mit e y welche in 
der Ma. als a erscheinen: tulUr N. Teller, lärm* Lärm, flaks? Flechse, 
fäfr fehlen, fälaitf kleiner Wagen für die Briefpost („Felleisen“ lat. 

valisia). 

§ 43. Mhd. i. Es erscheint als i, gedehnt als l; vor 
Nasalen * gedehnt t. mit mit, tsittar» zittern, Swits» schwitzen, 
triss» wissen, piss» gebissen, fiS Fisch, kyistn» Kiste, still still, 
hilft hilft, silh» schielen (mhd. schilhen), tsipf J Zipfel, griff» 
gegriffen, wipp» Witwe, fliky» flicken, strikt Strick, ksiyt 
Gesicht, Htriyy» gestrichen, sinn» singen, rinn leicht, gering, 
sinn Sinn, kswind geschwind, Spinn» spinnen, himm \ Himmel, 
tsimmannou Zimmermann, himpöir Himbeere ( hintber ), rTg\ 
Riegel, lig» liegen, striy Strich, /r/_ Vieh, tsih» geziehen, 
glih» geliehen, wldsr Widder, smTd Schmied, pis» das Laufen 
des Viehs, wenn es von Bremsen gestochen wird (mhd. bisen), 
tswislt in zwei Teile geteilt (mhd. zwisel), Stil Stiel, lis» 
Elisabeth, stfsr Schiefer, plTw» geblieben, grif Griff, shi» 
Schiene, hl hin, i Inn, tritt» Kathrine, int ihm, strhn» Narbe, 
Wulst (ahd. strimo ). Vor r haben die westlichen Maa. i 
durchwegs zu i» entwickelt. In Imst (samt Roppen, Karres, 
Tarrenz, Nassreid) ist i»r für ir nur in folgenden Wörtern: 
i»r irre, i»r» irren, ksiar Geschirr, mi»r mir, diar dir, iar ihr 
(geschlechtig), tswiara Zwirn, hiar» Hirn, wiart Wirt, fiarst 


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First (Dach-), hart Hirt, hars Hirsch, ptorlig kleiner Heu- 
haufe (mhd. hirlinc), Stator» schmieren, Sltor» den Speichel 
fliessen lassen (Schmeller, b. Wb. II 582). Dagegen: kyiryj» 
Kirche, g»pirg Gebirge, piry» Birke, wirft wirft, stirpt stirbt, 
westlich von Imst: k^är/p, geparg, pär/p, warft, Starpt. 
Diese Erscheinung hängt mit der Dehnung des i vor r zu- 
sammen, die in Imst nicht eintritt, wenn Labiale und Gutturale 
auf das r folgen. Die Entwicklung zu to scheint an Zuge- 
hörigkeit des r zur selben Silbe gebunden zu sein ; vgl. 
pW Birne (mhd. hi -re) girig gierig, und die Nebenformen 
tswir», hw (aus zwi-rtn, hi-ren?) neben tsirtor», hdr». 

§ 44. Mhd. t. Es tritt durchwegs als ai auf bis an 
die Landesgrenze hin, das angrenzende alemannische Gebiet 
(Schweiz, V orarlberg) hat ? nach bestimmten Gesetzen erhalten : 
sait seit, paij » Biene (mhd. hie), kyaid » keimen (zu mhd. leide), 
rais Reis, tswaig Zweig, faigo Feige, gaitig geizig (mhd. 
gitec), aiffsr Eifer, swaits Schweiz, ai ein (mhd. in), Mita 
scheinen, pai Pein, laist, tait liegst, liegt, gaist, gait gibst, 
gibt (mhd. list llt, gtst git). ürkundl. regelmässig (eit, legt, 
leitt 1450, 55, 67 u. ö. In den Urkunden ist kein einziger 
Fall, dass i als solches geschrieben wäre, es herrscht aus- 
nahmslos ei. — Vielfach ist es auch in der Nebensilbe 
lieh diphthongiert. Heute herrscht in der Aussprache -ig 
mit kurzem i. 1448 eieich und dich, 1435 (Pfarr-Areh.) giftig- 
kleichen geschenksweise, 1448 Hainreich u. a. m. 

§ 45. Mhd. o. Es entspricht o, gedehnt ou, ausser 
vor r: proky» Brocken, als Ztw. pflücken ('zu brechen’), reikk» 
Roggen, jo% Joch, kstoyy 3 gestochen, kyloky» klopfen (ahd. 
klocchön), tokyp hölzerner Auslass an einem Weiher (zum 
Sehliessen und Öffnen, zu mhd. tocken, vgl. g 75), pougi 
Bogen, gebogen, roug\ locker (mhd. rogel), glotig» gelogen, 
fort gl Vogel, kyouy Koch, ksott» gesotten, rote Rotz, gott] 
Gottlieb, pfost» Pfosten, kyost Kost, ross Ross, foll voll, 
holts Holz , gold Gold , k/ront» Kröte (ahd. chrota), loud» 
Loden, moudarfaul, moderfaul, hous» Hose, kslons Schloss, 
soula Sohle, moul weich (durch Schlagen, zu mhd. miillen), 
houUrstaud a Holunderstaude, tropf» Tropfen, ropfa rupfen 
(ahd. rophön), sopp a schoppen, oft oft, hoff» hoffen, off offen, 


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souwar Schober (Heu-), houf Hof, groub grob, kylouua ge- 
kloben, toniforo donnern, hdUnig Honig (selten mit Umlaut 
he'inig), toii Ton, parsou Person. Die Dehnung des o zu 
ou weist darauf hin, dass mhd. o in den Maa., welche 
heute ou für o haben, ein geschlossener Laut war (Wein- 
hold, bair. Gr. S. 103). 

Vor r wurde o offen gesprochen; es erscheint heute 
als q, wo seine Kürze bewahrt blieb (vor Labialen und 
Gutturalen bewirkte r keine Dehnung im Gebiete von Imst 
bis gegen Zirl), als qa wo Dehnung eintrat, im Auslaut und 
vor Dentalen. (Die westl. Maa. haben die Dehnung qa 
überall), fqrh » Föhre (ahd. foraha), fqryt Furcht (mhd. 
vorlite), dqrra dorren, sqrgd sorgen ; urkdl. 1468 versorgen (2) 
ist das einzige Beispiel, das ich aus den Urkunden anführen 
kann; es beweist, dass q gesprochen wurde, tnqrg» morgen, 
kyqrh Korb, stqrfa dürrer, schlechter Baumstamm (zu mhd. 
storre mit labialem Suffix, vgl. sölf» Obstschale ahd. sceliva 
und „Schale“), gworffa geworfen, kstqrwa gestorben, f er dorm 
verdorben, dqrf Dorf, farporga verborgen. Westlich von 
Imst wird in all diesen Fällen qa gesprochen. Im Ötztal 
wird dieses qr als ar mit reinem a gesprochen. Dehnung 
zeigt sich in: fqar vor, tqar Tor, qart Ort, wqart Wort, 
pqara bohren, kyqar» Korn, hqara Horn, tsqaro Zorn, dqara 
Dorn, fqarn» vorne, fwlqar 9 verloren, gwoar » geworden, 
ddrtiwqara Part. z. dtrtSwqnr» schwären, kfrqara gefroren, 
qarna ordnen, spqara mit den Füssen stossen, scharren (mhd. 
sporn), qarhdU Auerhahn (mhd. orhan Kluge, et. Wb.) pqar- 
kyiryd Emporkirche, fqadar 9 fordern, fqaihr vorder, pqart» 
Borten. Demnach sindnhd. Einflüsse zuzuweisen: forsl Forst, 
ports Pforte (lat. junges Lehn wort), ksironr» geschworen, gepour» 
geboren; «rfür or zeigen: form M. Form (Lehnwort), fort fort 
(jetzt dringt nhd. ‘fort’ wieder ein), murts in murtslär ganz 
leer ; wie mortskyßdl ein ganzer Kerl (neue Bildung) beweist, 
liegt der Gen. morde s (zu morts ) vor. 

§ 46. Mhd. ö. Ausser vor r entspricht dem mhd. ö 
derselbe Laut ö, öi, der für ahd. Umlaut e auftritt: pölhr 
Böller, davon abgeleitet pöldar » lärmen, löyyor Löcher, pöky 
Böcke, fölkylo Völklein, jöyyor Jöcher, stöky Stöcke, kyöpfij 


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köpfisch, fällig völlig, öil Öl, söi/l so viel (aus mhd. stivit), 
pöitin Botin, hui fl 9 Höflein, pöida Böden, sröifl » Schröflein 
u. a. Da ö als Umlaut zu o analogisch gebildet ist (vgl. 
ahd. loh PI. luhhir), ist es erklärlich, dass zu qr aus or der 
Umlaut a ist, k/urb Körbe, darffl» Dörflein. Mhd. gedehntem 
ör entspricht qa(r), mqarS»r Mörser, frathr das vordere 
(Kompar. Umlaut), mqad»r» (mhd. Mördern) mit einem stumpfen 
Messer die Haut abzielien, mqart\ Mörtel, spqar trocken 
(mhd. spüre), dqtvr» Dorn (cf. oben dqar»), qart»r Örter, 
wqartir Wörter, peurst»r M. vielleicht nach dem Plur. börster 
zu mhd. borst N. gebildet, nqad»r- aus nörder, nqadrig nörd- 
lich, auf der Schattenseite. Vor r muss auch ö offen ge- 
wesen sein. 

§ 47. Mlid. 6. Die heutige* Entsprechung ist qa, vor 
Nasalen ü»; ö war also ein offener Laut, tqat tot, tqad 
Tod, rqat rot, nqat Not, prqat Brot (häufig auch prout, nhd. 
Einfluss), k/q/tt, Kot, stqass» stossen, grqas gross, pqashqft 
boshaft, Sqas Schoss, plqas bloss, flqas Floss, rqast Rost (im 
Herde), qast»r» Ostern, kylqast»r Kloster, trqast Trost, Iqasuq 
Losung, Erlös, rqas» Rose (dagegen rous» Rosa, nhd.) rqar 
Rohr, qar Ohr, fiqay Floh, hqay hoch, kylqaij» Klaue (mhd. 
klö u. klae, ahd. klätca), frqa froh, strqa Stroh, Iqay M. Lohe 
(Gerber-), rqay roh, pu.m» Bohne (Imster Marktordnung von 
1524 poenen und arbis), stt'/n» schonen, lus Lohn, in'/ schon, 
kyruJtcttrg Kronburg, Ruine westlich von Imst, aber kyro'un» 
Krone als Geld, Wirtshausschild. 

§ 48. Mhd. «. Die Diphthongierung zu qa entspricht 
der von 6 zu qa : hqar» hören, kyqar» gehören, k/qar Gehör, 
Zugehör; Flurname für das Klostergut, kjrqar» gefrieren 
machen (mhd. gevroeren), tqas» lösen, flqass » flössen , srqat 
Plur. (auch als Sgl. gebraucht) Schrot, qad öde, plqad blöde, 
fade schmeckend, nqat» mühsam arbeiten, gtjqatig viel be- 
schäftigt, tqat» töten, rqat» Röte, trqast» trösten, pqas böse, 
rqast » rösten, rqas rasch, stürmisch (verlangt mhd. roesche 
vgl. K. Luiek, Beiträge, 14, 132), trqait»l» Drossel (vgl. Bei- 
träge 18, 330, Kauffmann, Gesell, d. schw. Ma. S. 185), 
kyrqas Gekröse, tqar störrisch (mhd. toere), k/qal Kohl (koele). 
Vor Nasalen erscheint qa als u : iü schön, hün» wild weinen 


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(mhd. hoenen nhd. liöbnen), kyriil» Krönlein. Auch für ntlid. 
a ist offener Laut vorauszusetzen (für unsere Ma.) 

§ 49. Mhd. u. Es erscheint «, gedehnt «; vor Nasalen 
«, m: tuky Tücke (mhd. tuck), truky » trocken, ruky Ruck, 
fuks Fuchs, tsüg Zug, püg Biegung, fing Flug, siig\ Lamm 
ohne Mutter (Ablaut zu saugen’), trüh» Truhe, gruy Geruch, 
sprüx Spruch, fury Furche (ahd. furuh), dm y durch, wurm 
Wurm, surts M. Schurz, gurgl» Gurgel, tiirs Turm, ar Uhr, 
g»pürt Geburt, sür Salzwasser zur Aufbewahrung des Fleisches, 
überhaupt saure Flüssigkeit, sür» in Salzwasser legen, ein- 
säuern (im Ablaut zu sauer *sur -) , truts Trotz , smfits 
Schmutz, puttar M. Butter, kyutt» Herde, Menge (chutta), 
k/uttl » Kutteln, sut einmaliges Sieden, trutt» Drude (mhd. 
trute), hüd»r Hader, Fetzen, sndl» sudeln, güs Guss, guüs 
Genuss, tüs still, niedergeschlagen (Ablaut zu mhd. f-rtge), 
lull» lullen, Suld Schuld, pull» Lockruf für die Hennen (roman. 
Abkunft, lat. pullus), futjk y» Funken, ksutjtj» gesungen, sunn» 
Sonne, gwunu» gewonnen, grunn» geronnen, nitnn» Nonne, 
summ»r Sommer, psund»rs besonders, trumm» Trommel, 
ksinimm» geschwommen; u ist hier in der Ma. durchwegs 
bewahrt. kyupf»r Kupfer, snupf» schnupfen, snüß> schnüffeln, 
huff Hüfte (mhd. huf), ruf» Eiterkruste (zu ahd. hriof, hriuf 
Aussatz), stüw» Stube. 

Der Umlaut des u ist vielfach nicht eingetreten. Vgl. 
unter anderen v. Bahder, Grundlagen S. 199 ff. prukk» 
Brücke, rukk» Rücken, tsruk zurück, mukk» Mücke, luk 
locker (mhd. lücke), gtikk» gucken, rukk»s roggenes (mhd. 
ruckt iit,), pukkf; Buckel, Rücken (Suffix -i/? ahd. buggil? Es 
gehört zum Stamm bug- biegen und ist nicht von bücken 
abgeleitet, wie v. Bahder a. a. ()., Wilmanns, Deutsche Gr. 
S. 188 annehmen), puk y» bücken, tsuky» zucken (? ahd. 
zucchen und zucclwn ) , ruk/» rücken, druky» drücken, luky» 
Lücke, kyruky» Krücke, stuky Stück, luky N. Deckel (zu 
Loch ;o-St. *lukja-), kyuyy » Küche, purt Biirdo (ahd. burdt? 
oder ein i'-St. ?), slurfl» schlürfen, purg»i Bürger, nuts nütze, 
nuts» nützen, wulUs wollenes (wullintf), guld» Gulden, duld» 
dulden, suldig schuldig, tumj» düngen, tunky» dünken, imm 
um (ahd. um bi), hupf» hüpfen, tupf» tupfen, stupf» stechend 




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stossen (mhd. stapfen, stapfen ), lupf» aufheben (mhd. lupfen, 
lüpfen), supf» schlürfen (zu saufen’), rupf » grobes Tuch (mhd. 
rupf in ) , tupp » geklobener Baumstamm (zu mhd. tu bei), 
kyluppa Kluppe. Die Konj. Prät. der starken Verba der 
2. Klasse und der 8. Klasse haben nie den Umlaut: lüg löge, 
püg böge, flüg flöge, tsüy zöge, flüy flöhe, farlür verlöre, 
dorfrür erfröre, goss gösse, Suss schösse, fardruss verdrösse, 
sujf „söffe“, sluff „schlöffe“, ebenso luff würde laufen, kylüb 
klöbe, Süb schöbe, — Sturb stürbe, wtirf „würfe“, uiir würde, 
hilf „hülfe“. Die der 3. a haben das u des Konj. durch 
o ersetzt. 

Mhd. ü wurde zu i : tsikk\prunn» Ziehbrunnen (*zvgil-), 
tiky» tiicken, tikyiS tückisch, gliky Glück, "(vgl. uvglukysom, 
kein Glück bringend), trikyn» Trockenheit (Fern, abstr. 
*truckant), nitslig nützlich, Sprits» spritzen, hitt» Hütte, tsritt 
verrückt, zerrüttet, sitt» schütten, flitt» dünne Schnitte Speck 
(*fludja- zu idg. Wz. plt die in ‘Fladen' vorliegt, vgl. Kluge, 
et. Wb,), grist Gerüst, pisSala Büschelchen, griss » Kleie (mhd. 
griiscli, das gewöhnlich zu ital. crusca gestellt wird), sprissl 
Sprüssel, Sissl» Schüssel, Sliss J Schlüssel, sits Schütze, ptts» 
Wiesenteich (ahd. puzzi lat. puteus), tsinta zünden, simmsr» 
das Vieh den Sommer über füttern, tointS» wünschen, ginstig 
günstig, kyimftig künftig, ptn» Bühne, kyhtig König (ahd. 
kuning), hitjijar» hungern lassen, jünger, jitjgl» Junge 

werfen, dind dünn, tintstig dunstig, sind Sünde, kyind » künden, 
frimm» bestellen (vrämmen), ins uns (aus unsih), insar unser, 
tipfla tüpfeln, tsippl eine Anzahl von Gegenständen (zu schieben 
*scubil-), ripß Heurupfer (*rupfil zu ‘rupfen’), siff’ig süffig, 
sipfl» süpfeln), kyipftrwar kupferner (-?«), lifta lüften, stipß 
Lochbohrer zum Pflanzensetzen (zum obigen Stupf»), kynipf» 
knüpfen, fitt» füllen, tsill» Zülle, hild»r » hallen (zu hohl, 
*huliron), miliar Müller, gilla Gülle, gmill Kehricht (zu mhd. 
midien), hüs» Hülse, hilts»m9r hölzerner, tslgla zügeln, züchten, 
rigla rütteln (zu mhd. rogel, *rugljan ), füg] Flügel, stir» stöbern 
(mhd. stiirn), plr» an etwas herumbohren ( biirn zu bohren), 
Sir» schüren, kspira verspüren, fir für, pirsta Bürste, first 
Fürst, firyta fürchten, wirga würgen, pirg Bürge, tnirk mürbe, 
feucht (;'o-Adj., mhd. untre o-St.), fidara fördern (vürderen), 


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tirmlig taumelnd (inhd. türmelic), tir/lk/ölla durchlöcherte 
Siebkelle (zu mhd. dürchel)\ es ist zu beachten, dass Xr aus 
iir nie zu ia diphthongiert wird ; iwar über, Tu>J übel, k/Xw} 
Kübel, tlu'l Zapfen (mhd. tülael). 

Anm. Beachtenswerte Neubildungen sind muv Michael, zu mijgjrZ 
und kyruSt Christian, 'zu k/ristl. 

§ 50. Mhd. ü, Umlaut tu, Es entspricht au, dem tu, 
ai: prau / Brauch, pan/ Bauch, hauh» hauchen, rau/ rauh, 
k/raut Kraut, haut Haut, staud» Staude, taus»t 1000, k/latts a 
Klause (Eindämmung beim llolzschweinmcn), «ms aus, uuss a 
aussen, hinaus; im Stanzertal und Paznaun lautet es ussa, 
huss», auf die Ablautsform mit kurzem u zurückgehend, 
grausa grausen, raus Bausch, taus » tauschen, maul Maul 
('Mund' fehlt der Ms..), faul» faulen, paar Bauer, Saura hageln, 
saur Hagel (mhd. schür), maura Mauer, taura dauern, saur 
sauer, ein Adjektiv mhd. siir ( süre ?), s. § 49, möchte ich 
auf Grund des Flurnamens slrapuit erschließen ; puit ist 
mhd. hiunt eingezäumtes Feld, der Name würde also ‘saure 
Wiese’, Feld mit schlechtem Grase bedeuten, vgl. den Flur- 
namen sauronyar der saure Anger, den Ortsnamen saurs Saurs? 
2 Stdn. westlich von Imst. Urkdl. ist 1483 ain stugk mad 
genandt dg Süessatc erwähnt, pan Bau, paua bauen, traua 
trauen, hanffa Haufen, traupa Traube, tauwa Taube, hauu-a 
Haube, stwufa schnauben, au auf, tsdu Zaun, Iduna Laune, 
prau braun, daXima Daumen, rdum Baum, rduma räumen, 
farsduma versäumen (mhd. rümen, stimen). jü/tska hat die 
Diphthongierung nicht mitgemacht; es ist eine lautnach- 
ahmende Bildung in lebendigem Zusammenhang mit dem 
Naturlaut jü. (Läge mhd. u vor, so wäre die Dehnung nicht 
erklärlich). 

Für den Umlaut vgl. fai/t feucht (ahd. fühti), puit J 
Beutel (ahd. bütil), k/raits Kreuz, paila Beule (Kluge, et. Wb. 
s. v.), sail Säule (ahd. snl i-St.), aitar Euter, raisa (ahd. rüssa, 
*rüsga) Reuse, haiffig häufig, daxmlig, Däumling (des Hand- 
schuhs), aissorlig äusserlich, graislig eckelhaft (zu grausa), 
hnitar Häuter, haisar Häuser, raiha Rauheit (Fern, abstr.) 
saiwara säubern u. a. 

§ 51. Die Entsprechung i für mhd. U, ai für mhd. 


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Monophthonges tu, ö der Imster Ma. für mhd. ö, en für oe 
zeigen, dass die Ma. in historischer Zeit die mit Vorstülpung 
und Rundung der Lippen gebildeten Vokale verloren hat. 
Gewiss ist das Aufgeben der bezeichneten Lippenartikulation 
auf einen und denselben Prozess bei allen zurückzuführen, 
der für alle im gleichen Zeitraum eingetfeten ist. Zur Zeit 
der Dehnung muss noch ein Unterschied zwischen i und ü 
gewesen sein. Wie schon angedeutet wurde, ist i vor r und 
Dental zu io geworden, ii wurde nun zu I, wo Dehnung 
stattfand. Mhd. mir zeigt sich als mi»r, mhd. viir als flr; 
mhd. virst als furst, mhd. viirste als first. In dieser Behand- 
lung des mhd. ür stimmt das ganze Oberinntal (speziell 
die westlichen Maa.) mit Imst überein. Die Dehnung der 
kurzen Vokale wurde wahrscheinlich im 13. Jh. durch- 
geführt; es geht wohl kaum an, die Entrundung des ü schon 
ins 12. Jh. zu versetzen (Weinhold, bair. Gr. § 19). Über- 
haupt lässt sich aus den Angaben bei Weinhold S. 26 ( e für ö) 
S. 41 (ö für e. i\ ii) S. 82 (ei für en) S. 90 (eu für ei) eine 
sichere Datierung für den Übergang gerundeter Vokale nicht 
gewinnen. Im 16. Jh. war er vollzogen. Die Imster Ur- 
kunden schreiben bis zur Mitte des 16. Jhs. immer ö, ü, 5, 
oe, ti, soweit der Umlaut überhaupt bezeichnet wird: 1543, 
gewentUich (gewöhnlich), 1550 ebenso, 1569 geherig gehörig. 
In der Baumeisterrechnung von 1600, Schneeftichten (Schnee- 
flüchte: Zufluchtsorte vor Schneewehen in den Hochalpen), 
hurten (2), (liierten 2), beträft, hüten Hütten. Im Ratsprotokoll 
von 1611: dariber, unmiglich unmöglich, sovil miglirh, gebirt 
(Fol. 3), mindtlich, besen bösen (Fol. 4), von neten (Fol. 5), 
aisserlichs, gepreichig (auch in der Baumeisterrechnung 1600) 
(Fol. 6), Creiigang, peucht (Fol. 8). 

§ 52. Mhd. ei. Es entspricht durchwegs qa: loab Laib, 
suoaf Schweif, rquf Reif, prqat» breiten, soudo scheiden, 
Iqad leid, trqad M. Getreide, mqastor Meister (in diesen beiden 
ist das ursprüngliche agi frühe zu ei, ui geworden, wahr- 
scheinlich ist das g geschwunden (palatalisiert worden), 
bevor a durch den Umlaut geändert worden ist), hqado 
Heiderieh, gqas Geiss, gqasslo Geissei , glqus Geleise, maa 
Mai, tqulo teilen, gqal fad schmeckend (mhd. geil), tsqugn 


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zeigen, mqar Name Mair, pqar Baier u. a. Vor Nasalen 
erscheint rnlid. ei (V>a) als u<>: stiw Stein, hiülig heimlich 
(heinliche), sui)dlz (aus *seindleti, zu rnlid. seine) nachlässig 
arbeiten, In'.in » lehnen (mhd. leinen), lui'nprt Heimgarten, 
Plauderei, Besuch, mifonuq Meinung, tO ein, ftüm Feim, 
siioin Schaum (mhd. scheint), lc/hün» klein machen, tswuntsk 
(mhd. zweinzec). ai für mhd. ei haben folgende Wörter: 
gaiist Geist, hailig heilig, gnistlig Geistliche; die Urkunden, 
welche altes ei als ai, neues ei aus t als ei, ey konsequent wider- 
geben (nur 1542 maines mhd. mtnes, gemeinlich mhd. gemein- 
lirhe), schreiben 149S Heglign, 1500 heylign gaist, 1509 heiligen, 
1512, 16 geistlich, geystlich , 1517 heiligen geyst . 1451 hui- 
ligen. Nach diesen Schreibungen zu schliessen, drang (durch 
eine Kirchensprache?) ei für ai {ai für qa) in der zweiten Hälfte 
des 15. Jhs. durch. Für flais Fleisch, vgl. 1467 fit tisch, 1611 
(Fol. 4) fleisch. Auch im 17. Jh. werden die Schreibungen 
ei und ai auseinander gehalten, Verwechselungen sind ver- 
einzelt. aigstlig eigentlich, neben qagd eigen ; k/aissr Kaiser, 
selten k/qas»r, fcrstnagsr» und ferstaigsr » versteigern, unag»r» 
und waigsrs weigern, huid Heide (mhd. beiden ) ; das Suffix 
-heit erscheint, wo es nicht zu hat abgeschwächt ist, als -halt, 
ksunthaü Gesundheit, eawik/ait Ewigkeit ik/ronk/nt Krank- 
heit, wqrhst Wahrheit); dagegen schreiben die Urkunden 
regelmässig -halt, 1467 siechait, 1450 warhait, auch in den 
Katsprotokollen immer -liait. ln Zams, Landeck stehen die 
Komponenten des qu einander näher; q ist mehr dem a ge- 
nähert; im Stanzertal und Paznaun wird reines a für Imster 
qn gesprochen: lad leid, plüys bleichen, was Stück gerodeter 
Waldfläche (= Reut) davon der Name Maass = Bauer der 
eine mds bewohnt, (zu mhd. meinen ) ; da auch vor Nasalen 
mhd. ei als ä erscheint, haben wir es in diesem « mit einem 
lautlich entwickelten zu tun. stä Stein, alä allein, m än» 
meinen; Nagl (Zs. f. österr. Volkskunde I S. 34) will « für 
mhd. ei als fremdes, nicht im Bairischen entwickeltes Sprach- 
gut fassen. Aus den Angaben bei Weinhold, bair. Gr. S. 52, 
Schöpf, in Frommanns U. Maa. 3, 89, ist zu ersehen, dass 
a für mhd. ei auch auf bairischem Boden organisch ent- 
wickelt wurde. Eine Art »-Umlaut des ei scheint in pcatl» 


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beide, vorzuliegen, wohl schon ahd. (Braune, ahd. Gr. § 43, 5) 
bede durch das Neutr. beidiu zu bidiu ? Zu qa kann nach 
dem Muster von mhd. u: oe (heute qa, e.d) ein Umlaut qa 
gebildet werden: preat Breite, hqas Hitze, wqayg Weichheit; 
alle Fern, abstract. haben den Umlaut. Für die Entwick- 
lung des Qa vgl. man aus den Urkunden: 1477 Plaeckh 
Anger (heute zu plqakyengl, Flurname bei Obtarrenz, ge- 
worden, vgl. Schmeller I, 323), 1479 ztcoe (neutr. 1504 Oswald 
Muer (Mair). Aus diesen Abweichungen vom gewöhnlichen 
ai ist doch zu entnehmen, dass bereits qa gesprochen wurde. 
1504 den man nembt Poener , 1524 Jacob Poener , 1543 Hans 
Poener, 1569 Jacob Payner. Zu Grunde liegt diesem Namen 
ö, dessen Diphthongierung man zu bezeichnen versuchte; 
sie deckte sich aber mit der des mhd. ei ( ain ), daher 
die Schreibung Payner statt Pöner (zu mhd. böne F.) ; 1585 
Hans Joes, der Name wird heute Jais geschrieben (wie vom 
17. Jh. an) (jqas) ; es ist eine Kurzform zu ‘Josef’ und ver- 
langt eine frühe Form jös. In Innsbruck kommt der Familien- 
name Joas vor (dialektische Schreibung). 

§ 53. Mhd. om, öu. Die Ma. bietet zwei Laute dafür, 
ou ( o'u ) und au: oug Auge, longo Lauge, goukU herumfuchteln 
gaukeln, rou% Rauch, rouy» rauchen, ou auch, glouw » glauben, 
dsrlouw» erlauben, gonfl» hohle Hand (mhd. goufe), slouf 
Masche (zu mhd. slöufen), kyovff'o kaufen, louffs laufen, 
trouf M. Traufe, stoup Staub, loup Laub, soup Schaub (Stroh-), 
toup erzürnt (mhd. toup), touffs taufen, roups Koppen ; der 
Diphthong geht auf altes au zurück ; die Schreibung ‘Koppen’ 
ist falsch ; im 14. Jh. ist Rauppen geschrieben, vor p kann 
in der Imster Ma. kurzes o nie gedehnt werden; vielleicht 
hat auch altes ou der Name roufs (Kolon, Rofenstein und 
ähnl.). roupd und rouf» lassen sich unter einer idg. Wz. rup, 
Ablaut roup, vereinen (vgl. beim Konsonantismus), träum 
Traum, dsrtroums träumen, poum Baum, roum Kahm, soltm 
Saum. Da sich die ou dieser Wörter vollständig mit denen 
aus mlid. gedehntem und langem a vor Nasal decken , so 
ist es erklärlich, dass ihre Deminutive analog diesen gebildet 
werden: poiim Baum, penn Bäume, pumls Bäumlein, wie 
ro'iims Rahmen räml>, soums Samen, sämls: rämla dünner 


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Rahm (zu röiim). Für die Umlaute zu diesen vgl. man: 
göik»l» zwecklos sich beschäftigen (zu mhd. gouckeln und 
nicht wie bei Loxer I, 1044 zu gogeln), r'öiy» räuchern; in 
Tarrenz und westlich von Imst: rauchen (Tabak), utjglöiwlig 
unglaublich, löiffig läufig, stöip» stäuben, d»rtöip» erzürnen 
zu toup, u»nökk»t einäugig, entstand aus *einöuggent (ahd. 
einoucki). 

au haben : laugir» längnen, taug» taugen, august (junges 
Lehnwort) August (Monat und Name); hauptsqy Haupt- 
sache, haupmöii Hauptmann, (das einfache Haupt fehlt der 
Ma.), tsauw»r » zaubern, raute» rauben, der Einfluss des Nhd. 
auf die Gestaltung des ou zu au lässt sich heute beobachten, 
da neben den oben genannten ou auch au gesprochen wird 
bei aug Auge, glauw » Glauben, tauff» taufen, ürlaub Ur- 
laub. (Urkdl. 1485 hopf, hobt, als Flur, von mhd. houbet). 

Nur au und dies in lautgesetzlicher Entwicklung kommt 
den Wörtern zu, die ihr ou (mhd.) aus germ. aw entwickelt 
haben : frau Frau , au Au , hau» hauen, giiau genau, tau 
Thau, saug» schauen; der Umlaut dazu ist ai, all» kleine 
Au, frail » Fräulein, taijsl » leicht regnen (zu Thau), haij»l» 
Tätschchen, zu hau » ; gai Gau, hai Heu, gehen auf altes 
gauwj- mhd. göutee zurück. Von Telfs an östlich und vom 
Vintschgau an spricht man für das ou der Imster Ma. (ahd. 
ou) ä, a ; nur vor altem tv und teilweise vor g wird au 
gesprochen. Inwieweit au vor g lautgesetzlich ist, kann 
nur auf Grund von reichlichem Material aus den Maa. ent- 
schieden werden. (Vgl. die Angaben bei Maister, a. a. 0. 
S. 10. u. 16). Gewiss ist, dass der aus germ. amo, auw ent- 
standene Diphthong ahd. oute eine andere Behandlung erfuhr, 
als der aus germ. au entstandene. Dies lässt sich bereits 
fürs 12. Jh. erschliessen; für den Fall, dass z. B. ahd. houwan 
und koufön gleiches ou besassen, muss w vor dem 13. Jh. 
den Diphthong in houwan so beeinflusst haben, dass er als 
au erscheint gegenüber dem ou in koufön. Der Schwund 
des w fällt bereits ins 12. Jh. (siehe beim Konsonantismus). 
Wenn wir nun heute in der Ma. des Ötztales finden, dass 
die ou der Imster Ma. als ö gesprochen werden, (vgl. hof, 
lödan für Imster houf, loud», kyöffan, röy gegen kyouff», 


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rouy) so wird man zugeben, dass ahd. ou einst zu 5 wurde, 
von dem aber das ahd. 6 (germ. ou) verschieden war. 
Dies haben wir für unsere Ma. anzusetzen. Die ahd. ou 
wurden Monophthonge, nur so ist es begreiflich, dass die 
Entwicklung des alten ü zu au (über *ou) die alten Diph- 
thonge nicht berührte. Wo w folgte, behielt ou sein diph- 
thongisches Element, gai Gau, hat Heu, geben die Erklärung 
für kyröil Krauel, ihm liegt mhd. kreirel nicht krötiwel zu 
Grunde (ahd. Jerewil, nicht krouioil). Vgl. § 36. 

§ 54. Germ, eu und ew. Es erscheint im Ahd. obd. 
als io und iu, Braune, ahd. Gr. § 47. — Ahd. io entspricht 
ia, für iu zeigt sich ia, ui, ai. Auf ahd. io geht ia der 
Imster Ma. zurück in : lud Lied, riad der häufige Ortsname 
Ried, fast jedes Dorf hat sein Ried, Beiträge 18, 331, niata 
Niete, nur» Niere, stiar Stier, tiar Tier, diarna Dirne, dCma 
dienen, giassa F. Seitenarm des Innes, kynia Knie, liayt Licht, 
siay hässlich (o-St.). Die starken Verba der 2. Klasse a, haben 
ia lautgesetzlich im Ind. Plur. Präs, im Konj. Inf. Part. 
piata bieten, siada sieden, giassa giessen, siassa schiessen, 
Sliassa schliessen, gqiassa geniessen, fardriassa verdriessen, 
spriassa spriessen, fliassa fliessen, niasa niesen, ferliara ver- 
lieren, kfriara gefrieren, tsiaha ziehen, fliaha fliehen. Auf 
ahd. iu geht ia der Ma. zurück in : liab lieb, diab Dieb, tiaf, 
tief, riama Riemen, siay Scheltwort: gierischer Mensch; 
kyliawa klieben, stiawa stieben, siaica schieben, triaff'a triefen, 
Sliaffa schliefen , riaya riechen , rauchen , kxriaya kriechen, 
liaga lügen, piaga biegen, fliaga fliegen, triaga trügen, ui ent- 
spricht heute ahd. in im Präs. Sing. Ind. Imp. der ange- 
führten starken Verba der 2. Kl.: i puit ich biete, du puigst 
du biegst, ar darfruirt er erfriert, tsuiy ziehe, fluig fliege. 
Hier konnte keine Brechung eintreten, da in der Folgesilbe 
«, i stand oder kein Vokal (Imp.). Wo dem ahd. obd. iu 
heute ia entspricht, ist die Brechung später durchgedrungen; 
die labiale, gutturale Konsonanz hemmto die Entwicklung 
zu io-, doch nur teilweise: Die Qualität des iu z. B. in piugu 
muss eine andere gewesen sein, als die des iu in riumo, 
piugent-, die Veränderung, welche iu vor Dentalen durch 
Brechung erlitt, war grösser als die des iu vor Labialen 




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und Gutturalen. Vgl. Wilmanns, deutsche Gr. S. 167. Es 
kann hier auf die im Grunde analoge Erscheinung beim 
Umlaute des ahd. a verwiesen werden. Das Verbum zeigt 
die Brechung des germ. eu klar: piugii mit reinem iu, piugan 
mit afficiertem iu (m). Nach dieser meines Erachtens unan- 
fechtbaren Aufstellung, die ich Wilmanns (a. a. ü.) entnehme, 
können wir für die ahd. Zeit ein Paradigma mit Doppel- 
formcn konstruieren. Lautlich entwickelt flektierte z. B. 
diub : Nom. S. diub, G. (liebes, D. diqbe, A. diub. PI. N. dinha, 
G. dhfJbo, Dat. diubun. Ausgleich konnte nun nach zwei 
Seiten hin eintreten ; einerseits konnte der Diphthong iu 
(mhd. ie) über alle Kasus ausgedehnt werden (Imst diub, 
mild, diep), oder das ungebrochene iu herrschend werden 
(Schöpf, tir. Id. S. 93, duib, doib , mhd. diup). So erklären 
sich die Doppelformeil von mhd. tief , tiuf, liep , liup, Prät. 
lief, Huf. Für Imst sind die vorauszusetzenden Doppel- 
formen überall ausgeglichen worden, teils zu Gunsten des 
ii{ (heute in), s.oben, teils des iu (heute ui) : ßitign Fliege, 
gruipd Griebe, suir» Eiterbläschen (vgl. Scluneller b. Wb. 11 
322), luiksn Leuchse, stuifmuntnr, -k/ind Stiefmutter, -kind, 
tauig N. Zeug, tauig M. Zeuge (mhd. geziuge); ui hat das 
isolierte Neutrum drui (mhd. driu) drei Uhr, huirn heuer 
(ahd. hiuru). ui für iu erscheint in luits deutsch (diutisc), 
Init (Plur. liuti), daitn deuten (ahd. dititen), natu» neun (uat) 
aus dem Neutr. mhd. niuniu, gaid» geuden (* giudjan), tai/tn 
leuchten ( liuhtjan ), fai/Jn Fichte (*fiuhtjön- Kluge, et. Wb. 5 
s. v.). In diesen Beispielen liegt i-Uinlaut des iu vor, vgl. 
Braune, ahd. Gr. § 49 und die dort verzeichneten Verweise. 
Die Brechung trat nicht ein vor w (Wilmanns, a. a. 0. A. 1): 
ruij» reuen (riutren), pluij» bläuen (bliuuen), k/uijn kauen 
(kiutcen), pruijn brauen ( briuwen , häufiger ist heute praijn, 
sicher durch nhd. Einfluss), k/rtuidf. Knäuel (mhd. kniutoel)-, 
der Name zweier Hochalpen (Imster, Natnloser) truij» dürfte 
auf ein ahd. *trimra zurückgehen, das mit ahd treu, got. 
tritt, zu verbinden wäre. Der Umlaut des iu trat nicht ein 
vor w: nui neu (ahd. nittwi), trui treu (ahd. triuwi), auch 
nicht vor h, vgl. sui% scheu, in ihn scheuen (mhd. schiuhe, 
schiuhen), ebenso nicht vor r: tuir teuer (ahd. tiuri). Die 

Schatz, Die Mundart von lmt«t. 5 


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gleiche Aufstellung vor u\ r hat Brenner, PBB. 20, S. 84. 
Demnach muss stuir Steuer ein jd-Stamm sein, da es ahd. 
ein starkes Fern, ist und in hat, nicht *stiora wie man nach 
don Gesetzen erwarten sollte. Den jä-Stamm *stiurja weist 
Sievers, ebenda, 20, 81 A. 1, nach, altsüchs. heristiuria. 
Die 2. 3. Sing, der angeführten starken Verba hat ui in 
Analogie zur 1. Fers, (und zum Imp.); die lautlicho Ent- 
wicklung müsste heute ai ergeben (Brenner, a. a. ().). 

Als ui erscheinen die mhd. in folgender Wörter: fruit 
Freund, puit (mhd. Hunt) Kluge, et. Wb. B Bounde, tuif\ (und 
tat fl) Teufel, pfui pfui, hui Interjektion, fnir Feuer hat wohl 
immer ui gehabt, ahd. vuir Braune, ahd. Gr. § 49 A. 3. ui 
kann aus tu kaum anders als durch Metathese entstanden 
sein. Jedenfalls ist kein Monophthong Vorstufe des ui ge- 
wesen. Dieser ist nur für jene tu anzusetzen, welche heute 
als ai auftreten, also umgelautet wurden, iu zu iü zu »I, 
Braune, a. a. 0. § 49. — ui war im 15. Jh. bereits vor- 
handen. Urkdl. 1485 puitet , 1500 genant der Nuipruch , 
truilich und ungevarlich, in truien (in Treue), gezuige (Zeuge). 
1501 truilich , mit handt gelobten truien an aydesstat, gezuigen. 
1504, 1506, 1507 (2) truien, zuign, truilich. Das sind deut- 
liche Belege für das Leben des ui zur damaligen Zeit. Früher 
und später wird immer ew, eu geschrieben, 1448 lewt, 1476 
frewndes, 1477 peuntt (‘puit’), 1516 neuest (geniesst). iu muss 
noch zur Zeit des Schwundes des w (12. Jh.) geherrscht 
haben, da w nach i nicht wegfällt.. Nach diesen Aus- 
führungen haben wir für das Ahd. (Obd.) drei Schattierungen 
des iu anzusetzen: iu, iu, das mhd. als ie auftritt, und iu, 
das monophthongisiert wird und zu ai sich entwickelt; Nagls 
Bemerkung (Zs. f. österr. Volkskunde I, 59), ai = mhd. 
iu sei nicht bairisch, entbehrt der Begründung. Wenn 
Nagl im Euphorion II, 645 zur Stütze seiner Ansicht, ahd. 
iu sei im Bair. einheitlich vertreten, nach Schöpf (Frommanns 
Dtscli. Maa. 3) tirol. loit, doitsch anführt, ist er durch Schöpf 
irre geführt; mhd. iu wird in Teilen Tirols als oi gesprochen, 
wo es dem Diphthong entspricht, als gi , wo es auf das 
umgelautete mhd. in zurückgeht; foir, toir, noi aber Igit, 
tgiti wie kyrgits. 


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§ 55. German, geschlossenes 1 ) P. Es erscheint im Mhd. 
als ie, in der Ma. als ia: tsiagl Ziegel, siar schier, miata das 
Vieh auf den Alpen mit Salz, Mehl füttern (Schöpf, tirol. 
Id. S. 437 f.), priaf Brief, spiag] Spiegel, kyi> Kien. 

ia haben auch: iats jetzt, nta nie, dar iad (der) jeder, 
s iattcöidar jedes. 

§ 56. Mhd. uo, üe. Die Ma. bietet ua, ia, vor Nasalen 
iß, ia : muatar Mutter, pruadar Bruder, tsua zu, huaf Huf, 
Stual Stuhl, rua Ruhe, Spuala Spule, fnadar Fuder, tua tue, 
truala wühlen, fuar Fuhre, suaya suchen, suoha Schuhe machen, 
sua/tar Schuster (aus schuorhsutcere , *schuochtcere), fltiaya 
fluchen, stuaffa Stufe, puayas buchenes ( buochin g), hua Huhn, 
nuasla aus der Nase reden, näseln, geht auf idg. nüs- zurück 
und beweist, dass die Ablautsstufe mit ü auch im Germanischen 
vorkommt (Kluge, et. Wb.), massig russig; iewa üben, riawig 
(ruaijig) ruhig, siapa Kopfschuppe (westgerm. *scöbjü-), triab 
trübe, fiara führen, kyial kühl, kyiala kühl machen, vgl. kyual 
(o-St.) von Speisen: nicht mehr heiss, abgekühlt. Vgl. das 
Lied: »s riiigijalat , as snaiwalat , as g<ut a kyualar wint, es 
regnet und schneit durcheinander, es geht ein kühler Wind. 
kxuala kühl werden, wiata wüten, pliata bluten, riaßa rufen 
(mhd. rüefen), miassa müssen, miad müde, mia Mühe, mialig 
lästig (mhd. miielich), pria Brühe, miadar Mieder (mhd. 
»nieder), prial kleine ruhige Wasserquelle, Brühl, (vgl. Kluge, 
et. Wb. s. v.), totest wüst, gijiaga F. Genügen, riara rühren, 
spiala spülen, triag trüge, sliag schlüge, hiala Hühnlein, wiar 
Schutzmauer im Bachbett, auf altes wörja- weisend, wie 
Schmeller, bair. Wb. II 972 unten, das Wort richtig zu wur- 
(idg. war, Vollstufe dazu idg. *wflr-, germ. *M.'ör-) „wehren“ 
stellt, sias süss, hiata hüten. Der Übergang von üe zu ia 
beruht auf demselben Vorgänge der Entrundung, der § 51 
dargelegt ist. Die ersten urkdl. Belege von ie für üe sind 
1588 ob berierter sacken, 1600 hieten, 1611 Fol. 4 behieten, 
Fol. 6 Caspar Siessmagr, dagegen aber noch 1501 rüebigldich 
(mhd. ruowiclich). 


! ) Dafls das germ. e* kein geschlossenen (enges) 
van Helten, PBB. 21, 43R f., zu begründen. 


war, sucht. 


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R. VOKALISMUS DER NEBENTONIGEN SILBEN. 

1. ENDSILBEN. 

§ 57. Sämtliche auslautenden Vokale sind abgefallen. 
Die vokalischen Endungen des Mhd. fohlen heute. Vgl. 
pay mhd. buche, nayt mhd. nehte, klart mhd. hirte, kyds mhd. 
kwse, iod schade, ong mhd. ouge, tswöig zuwege, qhcig immer, 
(ulleuege), npi enge, lür leer (ahd. Idri), spat spät (mhd. spa-te), 
trüb trübe ( trüebe ), pqas böse; die Adverbien: lotpj lange, 
tswgr zwar, gguag genug (mhd. genuoge), fest fast (vaste), 
sie) schon (schöne) ; die Verbalendungen: 1. 8. Präs. Sing. 
Konj. staig (mhd. stige), 1. 8. l’rät. Konj. stig (mhd. stige), 
2. Sing. Imp. der schwachen Verba; frQg (mhd. präge), die 
Femin. abstracta auf Iiqay (ahd. Iw hi), grqas Grösse, leipj 
Länge, prqat Breite, gmuü Gemeinde (mhd. gemeine) u, a. 
bald heute (mhd. hiute), fröid Freude, röid Rede, kyais Ge- 
häuse u. s. w.). Im Inlaut ist mhd. e unter gewissen Be- 
dingungen ausgefallen: Immer in ursprünglich zweisilbigen 
Wörtern, ausser wenn e zwischen zwei Verschlusslauten, 
deren erster p, t, d, k ist, oder zwischen den Spiranten s, 
s und s steht; in diesem Falle erscheint es als ». mqrkyt 
Markt (mhd. market), mqkt Magd (mhd. maget), jqkl Jagd 
(mhd. jaget), omt Amt (mhd. ambet), kyreps Krebs (mhd. 
krebtf) ; das e von mhd. zec in den Zehnerzahlen: draisk 30, 
(mhd. dri^ec), fuftsk 50 (mhd. fünf zec); in der Konjugation 
staigst, staigt (mhd. stigest, stiget), tsuiyt (ndid. zinket), plost 
(mhd. blüset), ropft (mhd. rupfet), nimt (nimet) , kfrqgt ( gevräget ); 
der Vokal des Superlativsuffixes mhd. -est, raiyst (riebest-), 
le^kM (lengest-), dagegen: pint»st bindest, sqdat schadet, 
paisssst beissest, aber paist beisst, waitnst weitest, pqasast, 
bösest. Diese Erhaltung des e ist dem Bestreben der Sprache 
Konsonantenhäufungen zu vermeiden zuzuschreiben. Vgl. 
die Belege aus den Urkunden § 170 Anni., welche erkennen 
lassen, dass diese Regelung jung ist. — Vgl. Flexionslehre 

Mhd. -el ist zu l geworden; löff\ Löffel, pih\ Bühl (mhd. 
bühel) ; mhd. -er erscheint immer als -»r: fqtsr Vater, tsqagor 
Zeiger, fn»t*r» füttern u. s. w. ; dies kann nicht immer so 


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69 


gewesen sein; die Entwicklung eines d in Verbindungen 
nihd. -/er- -«er- ist nur möglich, wenn der Vokal ausge- 
fallen ist. Vgl. sfadar schöner ( *schoenr -), [urkundl. 1611 
Fol. 4, erinndercn (aus erinnren , heute dar binar,)) |, ferner 
solitär Söller (mhd. solre) ; im einfachen Wortkörper ist die 
zu erwartende Folge von Konsonant und r immer durch 
getrennt. Schwund eines langen Vokales (Diphthongs) 
weisen einige Zusammensetzungen auf: fqart] Vorteil, icolfj, 
wohlfeil, sou fj sinfl so viel ; wahrscheinlich geht »qzpar auf 
nachpr zurück. Ungewiss ist auch die Herkunft des a in 
potpjart Baumgarten, huHjart Heinigarten, es kann das abge- 
schwächte ii von garte sein oder auch sich aus f (pongft) 
entwickelt haben. 

Der Vokal der Schwachtonsilbe ist in der heutigen 
Ma. a. Auslautendes -a geht zurück auf mhd. -en (nicht 
anlautende Lenis » ist in der Ma. geschwunden): wi/ga Wagen 
(mhd. wage»), fgda Faden (mhd. rndett), hrara Flur. Herren 
(mhd. hören), fraua Flur. Frauen ( vrouwen ); in der Verbal- 
ttexion endet die 1. 3. Präs. Plur. Ind. Konj., Prät. Plur. 
Konj. auf -a (mhd. en), staiga Präs., stlga Prät., auch das 
Part, (der starken Verba, z. B. kstiga gestiegen ; tsöiha 10 
(mhd. zehen), öiwa eben (eben), trukx» trocken (trucken), niana 
nirgends (mhd. nienen ); das -a in huira weist auf früheres 
*hiuren mit adverbial ableitendem », Kluge, et. Wb -5 s. v. 
'nun; auf mhd. in in den Zusammensetzungen mit -hin : 
««dahinauf, qha hinab, tsuaha hinzu, oh ha hinan; auf mhd. 
in: rupfa (mhd. rupf in), gulda Gulden (mhd. guldin); die 
Deminutive lauten alle auf -la aus (mhd. elin): plattla Blätt- 
lein, pissla (ein) bisschen, wiigala Wägelein. Östlich, von Silz 
und Mieming an, ist heute silbisches l Deminutivsuffix in 
zweisilbigen Wörtern: platt], pfaiff] Pfeifchen; bei mehr- 
silbigen kommt la vor: fögala Vögelein, unigala u. a. Auf 
in zurückzufUhren sind die -a der Fern, abstracta, da » ge- 
schwunden ist (s. o.): waita Weite, swörtsa Schwärze. Die 
Mehrzahl dieser Fern, hat die Bildung auf -a, im Gegensatz 
zum Mhd., das die Bildungen auf i, mhd. -e, fast ausschliess- 
lich hat (Paul mhd. Gr. § 126. 3). 

Inlautendes -a- entspricht: Mhd. en: qardalig (mhd. 


i 

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ordenliche), söigasa Sense (nihd. segense ) ; -ent der Part. Präs, 
ist zu at geworden: löiwat lebend, louffat laufend; die 2. Plur. 
Präs. Ind. Koxij., Prät. Konj. lautet 9t, auf ent zurückgehend: 
sqgat sagt, öis gdwat ihr gäbet, öis saijat ihr seiet. Lange 
gedeckte Vokale einer schwachtonig gewordenen Silbe sind 
zu 9 geworden: hairat Heirat (mild. hirAt), gruömat Grummet 
(gruonmät), mounat Monat (mänt'd), huamat Heimat; hqatsat 
Hochzeit (hochzit), qrwat Arbeit, artcas Erbse (artceiz), kyrop- 
kyat Krankheit, wqrhat Wahrheit, ommasa Ameise, ornpas 
Amboss; die in in Stoffadjektiven: puayanar buchener, pu»x»s 
buchenes (mhd. buochiner, buochini), wullanar wollener, trullas 
wollenes, tiayanar, tia%as (mhd. tüechtner , tiiechinz ) , goldas 
goldenes (u. gnldas), faiytas, jtiryds holts Fichten- Birken- 
holz (mhd. viuhtinz , birchin%). Das Deminutivsuffix erscheint 
heute teils als l» teils als ab ; la ist die organisch ent- 
wickelte Form ; bei den starken Substantiven , z. B. mhd. 
wegelin, steteün, wibelin trat Schwund des e ein: tcöigla, 
stattb, waibl » ; bei den schwachen trat mhd. elin an das e 
des Nominativs: gertelin (zu garte), züngelin (zu zunge) 
öugelin (zu ouge), auch hier musste e schwinden. Vgl. payl» 
(zu pqy Bach), pargb (zu parg Berg), kyiwpfl» (zu kynopf 
Knopf), natb (zu nqt Nat), höftl» (zu höft Heft), dayla (zu 
doy Dach), kyaktl» (zu kyqkb Kasten), palkyl» (zu pidkyJ 
Balken), gräwb (zu grqwa Graben), tsapfl» (zu tsqpfa Zapfen), 
sä mla (zu souma Samen), kattla (zu kqtta Schatten), prökyl» 
(zu prokya Brocken), kyölbb (zu kyolwa Kolben), pföktl» (zu 
pfosta Pfosten), tropft» (zu tropf» Tropfen), slttb (zu Mit » 
Schlitten), rthtnb (zu riem» Riemen). Die heute auf Kon- 
sonant auslautenden Feminine haben alle die Deminutiv- 
bildung -b ; von denen, die heute auf Vokal ausgehen (-»), 
haben viele -h, andere-^: prikl» (zu prukko Brücke), wish 
(zu uns» Wiese), Itöisl» (zu horte» Hose), kyiryl» (zu kyiry» 
Kirche), pltöml» (zu plrnm» Blume), pfaiffb (zu pfaiff 9 Pfeife), 
salbt » (zu sqlw» Salbe), kqadta (zu soad» Scheide), tasl » (zu 
taSsa Tasche), flasl» (zu flqss» Flasche) u. s. w. Nun ist aber 
das Deminutiv gewiss nicht bei allen im Gebrauche gewesen, 
die es heute haben. Neubildungen wurden nach dem Muster 
der genannten hergestellt, an die Form des Substantivs trat 


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-b; lautete dieses auf -3 aus, so hatte das Deminutiv die 
Gestalt -dU. In dieser Gestalt war das Suffix in jenen 
Wörtern organisch entwickelt, welche mhd. auf -en aus- 
gehen; vgl. wdgah (zu mhd. wagen), pöisaü (zu mhd. besetn, 
beiten ); ferner in den Wörtern auf -el z. B. mhd. vögeliin 
heute föigtla ; die Geniinata U erforderte für die Silbe eil 
einen stärkeren Ausatmungsdruck, wodurch ihr ein Neben- 
ton gewahrt blieb, der den Vokal vor Schwund schützte. 
VSffil» (zu löffl Löffel), pis&l» (zu puÜ Büschel, Blume), 
itlweU (zu staw3 Stube), gas&la (zu goss,) Gasse), rinnal» 
(zu rinn 3 Rinne), pWh (zu pW Birne), stuiignb (zu stotjtj3 
Stange), tonnal » (zu tonn» Tanne), fuiytnb (zu fai/U Fichte), 
trih»l» (zu trab 3 Truhe), sritgzl» (zu irngn Schrägen), pöigala 
(zu poug» Bogen), kyragal» (zu kyrog» Kragen), k/arr»l9 (zu 
kygrrd Karren), wdsab (zu wgs3 Rasen), haiffil» (zu hauff» 
Haufen), stokyjb (zu stiiky» Stecken), fänab (zu föhne M. 
Fahne), rikksb (zu rukk.3 (Berg-) Rücken). Die einsilbigen 
auf l auslautenden Substantive haben -»13 ; tdl9l9 (zu tql Tal), 
itibl» (zu stil Stiel), sqabb (zu sqal Seil), stalbb (zu st oll 
Stall). Dass wir es hier mit dem sekundären Suffix -ab 
zu tun haben, erweisen alem. Formen wie tqlb (tabb) (Vorarl- 
berg), das aus mhd. telelin durch Synkope entstanden ist. 
Auch bei zweisilbigen mit l im Stamnmuslaut tritt das er- 
weiterte -ab an. inalUl » (zu snqlb Schnalle), kyölbb (zu 
kyölh Kelle) , tsill»l9 (zu tsilb Zülle) , gralbb (zu grqlb 
Koralle, Kügelein am Rosenkranz), fälbln (zu fglb Falle), 
piilbb (zu polb Bollen), siiibb (zu soub Sohle), iabb (zu 
iqb Schale) u. a. 

§ 58. i erscheint in Nebensilben im Adjektivsuftix 
('s (ahd. isc): swainis, schweinisch (geschwunden ist es in 
tais unreinlich, „säuisch“), pairis bäurisch, pqaris bairisch, 
hqarü, was zu den Herren („den gebildeten Ständen“) gehört, 
herrisch, imStaris imsterisch, roignaris regnerisch u. a. m. 
Das Suffix -ig kommt Substantiven und Adjektiven zu. kytnig 
König, hounig Honig. Auf Guttural auslautende Stämme, 
die als zweiter Teil eines Kompositums der Vokalschwächung 
unterliegen, erscheinen heute als -ig: suntig Sonntag, mutig 
Montag, örytig Dienstag (mhd. erchtac ) , mittig Mittw'och 


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(selten, liäufigor mitiro y), pfintstig Donnerstag (mild, pfinztac), 
fraitig Freitag, somstig Samstag, fairtig Feiertag, icarytig 
Werktag, hantsig Handschuh (dagegen -haustny Hausschuh), 
Artig Schürze (mhd. ciirtuoch), snittlig Schnittlauch, kynouflig 
Knoblauch, lailig Leintuch (mhd. Itnlachen, Machen), ptirlig 
(inhd. bi Hin c), hampflig Hämpfling, gruacig, plötsig (Name 
von Hoehalpen, im 17. Jh. noch gruebach, plötzach). Das 
Adjektivsuffix mhd. -ec (ahd. -ag -ug) erscheint heute als 
-ig gleich dem ahd. lg\ vgl. tsaitig (mhd. zitec) zeitig, artig 
artig, tcqldig waldig, netsig einzig, wititmg winzig. kyröftig 
kräftig, (ahd. kreftig), maytig mächtig (ahd. mahttg) u. a. 
Mhd. -lieh ist durchwegs zu -lig geworden': frailig freilich, 
tsaitlig zeitlich, giHlig gütlich. Die Urkunden des 15. und 
16. Jhs. schreiben noch häufig -leich, das sich aus stark- 
tonigem -liebe entwickelt hat. Das Feminin-Suffix *innja 
tritt als in (inri) auf, das aus früherem -inne entstanden ist; 
daneben erscheint n sekundär aus in geschwächt, pöitin 
(pöitn) Botin, Kaiserin Häuserin, kyelhrp Kellnerin u. s. w. 

2. VOKSILBBN. 

Mhd. be- ge- ; be- zeigt sich als ps- vor p, w, m, t, d, 
n, k, g, f; ge- als gf>- vor p, t, d, k, g, vor den andern 
Konsonanten und vor Vokalen ist der Vokal abgefallen. 
p.ipuua bebauen, p&wais Beweis, pnnörky» bemerken, pitrqyti 
betrachten, pidetjkyi bedenken, pwuts» benutzen, p^kylqg» 
beklagen, piggan begehren, p»folh» befohlen ; psitsi besitzen, 
psaiss » (betrügen), phondl» behandeln, plogrp sich sehnen 
(mhd. belangen), plaiwi bleiben, gepüit Gebet, gidogkye Ge- 
danken, gitdimr Klopfen (mhd. getemer) ; aber kfund» ge- 
funden, kft}r Gefahr, gtntkd gemeint, gnädig gnädig, ggomm» 
genommen, ksiyt Geschichte, ksaid gescheit, glih» geliehen, 
groß gerade, gwöir Gewehr, gwqrtit gewartet, kyqan (ky 
aus gli) gehören, kyilf Gehilfe, kyolff '» geholfen. Mhd. Jur- 
ist heute f»r. Für er, zer, ent hat die Ma. dir (geschwächt 
aus ‘durch’): dirsami erscheinen, deraissi zerreissen, vgl. 
dirp/ßn empfangen, begriissen (mhd. emphähen), dvrpfind» 
empfinden. Eine andere Auffassung dieses dir vertritt Kauff- 
mann, deutsche Gr.‘ 2 1895 S. 65. 


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§ 59. Die Schwächung der Vokale vorzüglich einsilbiger 
Wörter in pro- und enklitischer Stellung betrifft zumeist 
die Präpositionen und Pronomina: tsua zu (mhd. zuo) betont, 
tsu, tsur zu der, tsun zu dem, tsu da zu den, ts zu, vor dem 
Inf. (mhd. ze), darf ult da von, als Präp. fu von, für von der, 
fun von dem, fu da von den; au auf, af, auf , afp, au ft} 
auf dem, af di auf den, oh an, an an dem, a dar an der, 
a di an den, in in, i dir in der (vgl. ai, ein alter Ablaut 
mhd. in); pai bei, pan beim, par bei der; tirar , itvar über 
u. s. w. mir wir, betont miar, qar, ir er; du, du du, l, t ich, 
sl, si sie; »s es, hat keine starktonige Form mehr; es steht 
immer proklitisch as oder enklitisch -s. Die Formen des 
Artikels: dir der, di den, t die, s das, in (aus en) dem. 
Proklitisch sind unter andern: ana ihnen, an ihr ( iren ), mar 
mir, dir dir, mig mich, dig dich, sig sich, um einem u. a. 

Die Erscheinung der Apokope und Synkope hat Wein- 
hold, bair. Gr. § 14. 15 schon aus dem 13. Jh. belegt. Die 
Imster Urkunden haben die auslautenden Vokale nicht mehr, 
von den heute synkopierten inlautenden werden nur ver- 
einzelte noch geschrieben. 


C. KONSONANTISMUS. 

1. DIE LABIALEN. 

§ 60. Germ. p. Im Anlaut erscheint die Aff'rikata pf. 
Die Hauptmasse der Wörter iffit anlautendem pf sind Lehn- 
wörter. pfqat Hemd (mhd. pfeit), pfonna Pfanne, pfa/tig das 
rechte Muss habend (zu mhd. pfehten, vgl. Kluge, et. Wb. 5 
s. v. Pegel), pfüsi brodeln (zu mhd. pfiisen), pfar/a ab- 
grenzen (mhd. pferchen), pfaiffa Pfeife, pfenta pfänden, pftp r 
Pfarre, pfqrrar Pfarrer, pfluag Pflug, pftliiga pflegen, pfiauma 
F. Flaumfeder (mhd. pflüme), pfrauma Pflaume (mhd. pflume 
*pfrüme lat. prunum), farpfrtatna sich verpfründen, pfnlha 
schwer atmen (vgl. mhd. pfnehen ). Zu beachten sind pttea 
Teich, Bache auf Wiesen (wie in nhd. Pfütze liegt lat. 
pvteus zu Grunde, das wegen der Aff'rikata ts wohl als 
*pidtjus *buttjus entlehnt wurde) vgl. Schmeller bair. Wb. 2 1 


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418, und pöi/ Pech. Das lat. p dieser Wörter muss zur 
Zeit der Entleimung anders (sicher nicht aspiriert) gesprochen 
worden sein, als die anlautenden westgerm. p. Das t ( ttj ?) 
und c haben an der Verschiebung Teil genommen. (Vgl. 
Heusler, Al. Kons. v. Basel-St. S. 2 f. ; für das Ahd. Braune, 
ahd. Gr. 2 § 133, 1). pf hat pflqst»r Pflaster, p haben press» 
pressen, pdi Pein, port » Klosterpforte (s. o. § 45.). Zu pq/t 
Pacht, pq/t» pachten, vgl. Kluge, et. Wb. 5 

Im In- und Auslaut entspricht germ. p die Affrikata 
in der Verbindung mp: tsimpforlig zimperlich, empfindsam, 
glimpflig milde, zart (mlid. gelimp flieh), simpf» schimpfen, 
schelten, Simpfl» spielen (von Kindern) hat die ursprüng- 
liche Bedeutung „scherzen“ bewahrt; Stumpf Stumpf, Strumpf 
(Strumpf), Stomp f» stampfen, Stern pfl Stössel, „Stempel“, 
k/umpf Holzgefäss für den Wetzstein (mhd. kumpf), k/rompf 
Krampf, tompf Dampf, tempf» dämpfen, sieden (westgerm. 
dampf an), sumpf Sumpf, impf » impfen, saurompf»r Sauer- 
ampfer; mpf haben auch die jungen Lehnwörter trumpf 
Trumpf, gompfar Kampfer. In allen übrigen Fällen ist 
germ. p durch die Spirans ff vertreten, die im Auslaut zur 
llalbfortis wird (§ 17), wenn die vorausgehende Silbe lang 
ist. Soff» schaffen, hoff» hoffen, gqff» gaffen, griff] Griffel, 
k/lafff Klöppel (mhd. kleffel), ksliff '» geschliffen, pfiff» ge- 
pfiffen, siffig gut zu trinken (mhd. *süffie zu ‘saufen 1 ), griff 
Konj. Prät. 1. 3. ich, ergriffe, qff Affe, off offen, Sqff Schaff, 
huff Hüfte (mhd. huf), Stoff sich abgestossen, verletzt fühlend 
(zu stupfen'), Stoff, Name eines steilen Waldhanges bei Imst, 
wohl zu mhd. stouf (vgl. PBB. 18, 223); hauff» Haufen, 
sauff» saufen, k/ouff» kaufen, touff» taufen, louff» laufen, 
graiff» greifen, rniff» Reif (mhd. rife), sqaff» Seife, Strqaf» 
streifen (mhd. streifen), ri»ff» rufen (mhd. rüefen), slisff» 
schliefen, Slöiffl » ein Band einfügen (zu mhd. sloufen), Sti»ff- 
mn»t»r (Stuiff-) Stiefmutter, ti»ff» Tiefe, Stoff» schlafen, Saff»r 
Schäfer, warf)'» werfen, Sörff» Schärfe, tarff» dürfen (germ. 
purp- vgl. Kluge, et. Wb. 5 S. 81); rqaf Reif, ti»f tief, raif 
reif, Sqf Schaf, k/aif fest, derb (mhd. Mf), Swquf Schweif, 
trouf M. Traufe, hilf Hilfe, wurf Wurf, Sqrf scharf, dqrf 
Dorf. Die Fortis ff ist von der Lenis f streng geschieden 


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(§ 17), die Schwächung zur Halbfortis im Auslaut nach 
langer Silbe kommt nur dem Satzauslaut zu. Im Wort- 
und Satzgefüge tritt immer das etymologische ff auf. (Einzelne 
Fälle, in denen heute gorm. p Lenis / entspricht, siehe 
unten § 80). iqf Schaf, Mffl» Schäflein, trouf Traufe, trouff- 
ritin» Traufrinne, Dachrinne, in dqrff aiha ins Dorf hinein, 
i hilf ich helfe, i hilft} ich helfe ihm u. s. w. 

Die Geminata pp erscheint in der Ma. als Affrikata: 
sitpf » stossend schieben (zu ‘schieben’, germ. senpp-), hupf » 
hüpfen, snupf » schnupfen, rupf» grobes Tuch (mhd. rupfin), 
ropf» rupfen, raufen (ahd. ropfön), ripfl Haken zum Heu- 
rupfen, stupf» stechen, stossen (vgl. PBB. 18, 217), kynopf 
Knopf, köpf» liefe (PBB. 12, r>18), impf M. Schnepfe, tsupf» 
zupfen, tsipß Zipfel, tsepf Zehnkreuzerstück, wohl zum 
vorigen (man vgl. dazu Kluge, et. Wb. 5 S. 276 Ort 3 ), gipß 
Gipfel, k/ropf Kropf, tsqpf » Zapfen, tropf » Tropfen, slipf» 
schlüpfen (zu schliefen’, mhd. schlüpfen), Uff» gleiten (mhd. 
xchlipfen, zu ‘schleifen’), yripf» (mhd. gripfen) zwicken, kratzen, 
zu ‘greifen’, öpß Apfel, söpf» schöpfen, sqpf»r Schöpfkanne. 
tqpf»r tüchtig, stark gewachsen, sröpf» schröpfen, sripf» 
schürfen, schinden, pfiff Pips, tupf» Tupfen, strupf» die 
Milch sauber abmelken (zu mhd. ströufen), supf» schluck- 
weise trinken, zu ‘saufen’, k/ipf» Stemmleiste am Wagen 
(wohl zu kyaif mhd. kif), Hopf» F. Fussstapfe, kyopf Kopf, 
lcyupf»r Kupfer; iloapfo (zu mhd. sleipfen), Halbwagen zum 
Holzführen, kyrqpf» Krapfe (ahd. kräpfo, PBB. 7, 123), sitpf» 
schürfen (mhd. schürpfeti ) , harpf» Harfe, harpf» klettern 
Schöpf, tir. Id. 246, Schmeller, bair. Wb. 2 I 1165 (Etymo- 
logie ?). 

§ 61. Germ. b. Im Wortanlaut entspricht p, im Wort- 
und Silbenauslaut h, im Silbenanlaut w ; wortanlautendes b 
fehlt der Ma. Vgl. die Darlegung $ 14. pqy Bach, pihl 
Bühl, pear Bär, pöss»r besser, pissig bissig, pqld bald, pai 
bei, pint» Binde, binden, plits Blitz, plf) blau, privtj» bringen, 
pröyy» brechen, prunts » brummen ; grfib 'Grab, li»b lieb, liöib 
Halt, Stütze (*habja), pibm» beben (ahd. bibinön), gloubm»r 
glaube mir, hqw» haben, glouw » glauben, li»w»r lieber, lw»r 
über, iw»r»diw»r über und über (über den Haufen), hqw»r 


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Hafer (mhd. hoher), löiwara Leber, örb Erbe, örtra erben, 
starira sterben, kyqlb Kalb, ky Ultra r Kälber, hqlwar halber 
Kreuzer. 

Die Verbindung mb erscheint als mp: lomp Lamm, 
lempar Lämmer, kyomp Kamm, kyamp » Radfelge, kyamp} 
Haarkamm, womp » Bauch (ahd. uiamba), kyrump krumm, 
simpl Schimmel (ahd. scitnbal ), rttmpla rumpeln, stumpa 
Stumpf, Stummel, timpar dumpf (mhd. timber), kylompara 
Klammer (vgl. mhd. klampfer mit anderer Stufe des Labials), 
kylumpa Klumpen, das Wort ist gut mundartlich, sicher 
nicht dem Nhd. entlehnt, und zu anord. klumba zu stellen 
(das nhd. ‘Klumpen ist ndd. Herkunft, Kluge, et. Wb. 5 s. v.). 
Vgl. empar Eimer (Kluge s. v.) und tsüwar Zuber (Kluge 
8. v.). Als mm zeigt sich altes mb in umm um (mhd. umbe). 
tumm dumm, entspricht mhd. tum flect. tumm- (nicht tump ); 
tsimmara zimmern (mhd. zimberti, got. timrjan). Die p in 
slornpa umherschlendern (Schmeller, b. Wb.- II 528), gump» 
(mhd. gumpen, westg. mbb?), gimp\ Gimpel (Kluge, et. Wb.) 
entziehen sich der genauen Beurteilung. Dass trompa, 
trompla trampeln, dem Ndd. entlehnt ist (Kluge, et. Wb.) 
scheint mir zweifelhaft ; vgl. mhd. trampeln und die Labial- 
stufen in stumpf, stumpa, stumm. 

Westgerm. bb. Es tritt als Fortis p auf: rip Rippe, 
grip Gerippe, kyrippa Krippe, sipSqft Sippschaft (verächt- 
lich), kylupp» Feuerzange, Kluppe, tuppa grosses Stück Holz 
(zu mhd. lübeJ), kylöppa kleben (fact. klabjan -) trans. u. 
intrs., spinnatoöppa Spinne (mhd. spinneweppe), ksrap Stein- 
Schiefergeröll (zu mhd. schraf, *scrab), kyrtqp Knappe (Berg-), 
‘Knabe’ fehlt, dafür pita Bube, rqp Rabe, rqppa zusammen- 
raff'en (mit rgffa raufen (mhd. reffen), zu idg. rap- lat. 
rapio), Iqp Laffe (mhd. lappe), soppa schoppen (zu schieben), 
tqppa tappen, erwischen, tqppar plumper Fuss, lappig täppisch 
(vgl. Kluge, et. Wb. 5 S. 372), snqppa schnappen (zu snqbl 
Schnabel), i nappla schnitzeln zum vorigen (Heusler, Aleni. 
Kons. S. 118) gtjqppa nicken (mhd. gnaben, gnappen), trqppla 
Falle (ahd. trappa), kynipp] Knüttel, mit westgerm. Dehnung 
zu mhd. knilbel; in mhd. knüpf el liegt urgerin. bb (zu pp, 
hd. pf) vor. tiippl Schopf, Büschel, und tslwl mhd. schiibel, 


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kxnoppara feine Knollen der Gerberlohe, mit k%nippl, k/nopf 
zum Stamm germ. knüb-, slqppara (mhd. slappern) vom 
Wassertrinken des Hundes; die ursprüngliche Bedeutung 
muss „herabhängen“, „baumeln“ gewesen sein. Zu diesem 
Stamme auch Slapsuap Lederhausschuhe ohne Hinterteil 
(Schmeller, b. Wb. 2 II 530). grqppte herumgreifen, krauen, 
zu ‘graben, rippl» und ribla reiben (mhd. rippein). West- 
germ. bb nach langer Silbe: Sirpa Scherbe (vgl. ahd. scirbi) 
setzt ein westgerm. *scirbj- voraus, sqrpa scharren, kratzen 
(wohl zum Stamm des vorigen, vgl. Scharben bei Schöpf, tir. 
Id. S. 591), hölp Axtstiel ( * halb ja -), silparn Holzsplitter, zum 
Stamm scel- in ‘Schale’ mit Labialsuffix, vgl. sölfa Obst- 
schale (ahd. sceliva), Slarp» schlecken ( ar aus er) zu slarfl '» 
schlürfen, Iqapa übrig lassen ( *laibjan -), Jcylqaper was kleben 
bleibt, hinfällig (Ableitung zu *klaibjun- ahd. kleiben), stepa 
Schuppe (seübja- mhd. schuope), traupa Traube (PBB. 12, 527), 
gruipa Griebe, roupa Ortsname Roppen (§ 53), riap a Schutt- 
Steinrinne, die Schreibung riiep Schöpf, tir. Id. S. 567, lässt 
sich nicht rechtfertigen; beide lassen sich unter einer Wurzel 
idg. rup- vereinen. Germ. Ablautstufen raub- reub-, vielleicht 
auch rauf- (§53) ; aus raub-, westgerm. raubn-, entwickelte sich 
roupa, aus reub-, westg. reubn-, wurde *riupa, riapa. Schwierig- 
keiten bieten der Erklärung die p folgender Wörter: toup 
erzürnt (mhd. toup) es bietet sich keine Flexionsform, welche 
die Geminata (bb) hätte erzeugen können; vgl. < tertöipa, toup 
machen, erzürnen, ( taubjan ); vielleicht ist die Fortis vom 
Zeitwort übertragen worden, loup Laub (ahd. loub); vgl. 
glöip Laubwald (Flurname) (*galaubja-), und ahd. louppa 
Laube, stoup Staub, stöipa [staubjan) stäuben, aber stiawa 
stieben, soup Schaub, Strohbund (mhd. schoub); war das 
Wort ursprünglich ein «-Stamm (vgl. Schaupen bei Schmeller, 
b. Wb. 2 II 436), so erklärt sich p einfach; vgl. Tropf (heute 
stark) und Tropfen (schwach) u. a. m. 

§ 62. Germ. /. Es ist als Lenis f erhalten. Anlaut; 
frl viel, fuactei Fuder, foug j Vogel, fqast fett (mhd. reizet), 
feal Fell, fqar vor, far- ver-, flr für u. s. w. Vereinzelt 
erscheint pf an Stelle von anlautendem f : pflenna flennen, 
pflarra breiter Schmutzfleck (mhd. vlerre), pflittara kichern 


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(mhd. vlittern ), pflqttdra flattern. Es sind satzphonetische 
Scheideformen, die in andern Gebieten grössere Verbreitung 
haben; vgl. Kauffmann, Gesell, d. sehw. Ma. S. 183, Heusler, 
Al. Kons. S. 92 f., Weinhold, bair. Gr. S. 132 f., Schöpf, 
tir. Id. S. 494 ff. Inlaut: ouf» Ofen, srouf '» Schrofen, hqf» 
Hafen, Topf, sif»r Schiefer, houfdiy achtsam (mhd. hoveltch), 
tsiraifl Zweifel, k/öifar Käfer, tuifl Teufel, kauft» Schaufel, 
ruf» Eiterkruste (Braune, ahd. Gr. 2 § 139, 5), gouft» hohle 
Hand (mhd. youfe), güf\ kleine Felsenhöhle (zum vorigen), 
raff» Dachbalken (ahd. rav jo), elf» eit, tswölf» zwölf (mhd. 
elviu, tswülviu), knttfl» schnüffeln, knauf» schnauben, krau f» 
Schraube, stöf\ Stange zum Stützen der Schlingpflanzen 
(Fisolen), mhd. stivel Schmeller, b. Wb. II 736; PBB. 18, 
224, tswlfl Zwiebel, tsifar allgemein vom Kleinvieh, (vgl. 
ahd. zebar), unt.vf»r Ungeziefer, k/nouftig Knoblauch, hoi fl 
Sauerteig (PBB. 12, 518; 14, 423), höifonun» Hebamme, 
ppf9r9 gesprochenes nachäffen (von Kindern) Braune, ahd. 
Gr. 2 § 139, 5, klurft» schlürfen, -Hif»r» Eis laufen, fordert 
idg. p, kann also nicht zum Stamme germ. slfp „schleifen“ 
gestellt werden, in füg Weiberrock der alten Volkstracht, 
(zu ahd. weibön, idg. Wurzel vip, Kluge, et. Wb. s. v. Wippe); 
möglich ist auch beim vorigen ein Nebeneinander von idg. 
slib und slip. k tqrfd dürrer Stamm (§ 45); die / in der Ver- 
bindung ft sind erhalten: luft Luft, srift Schrift, kxrqft 
Kraft, ksaftig geschäftig u. s. w. Im Auslaut ist / selten ; 
es muss im Satzauslaut zur Halbfortis werden, zwischen 
stimmhaften Lauten im Satzinnern muss die Lenis / er- 
scheinen ; houf Hof, houfund- Hof und. Etymologisches ff 
wird im Auslaut nach langer Silbe zur Halbfortis. Wenn 
nun in griff Graf, in den inlautenden Formen ff erscheint 
für etymol. /, kann die Ursache nur eine Neubildung der 
inlautenden / nach dem Muster von etwa k/ouf Kauf und 
k%ouff» kaufen, klqf und kläff» schlafen, sein. Auf derselben 
Stufe wie griff stehen: pri»f Brief (vgl .f»rpri»ff» verbriefen, 
prtffflig brieflich), ktaif steif, in den flektierten Formen mit 
ff, ebenso kiff schief. 

§ 53. Germ. w. Es ist im Wortanlaut vor Vokalen 
erhalten: wqrm warm, toqs&r Wasser, wint Wind; die gerrn. 


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Anlautverbindung wl, trr erscheint als /, r wie schon im 
Ahd. (Braune, ahd. Gr. § 106); über was» Wasen, Hasen 
(dies fehlt der Ma.) vgl. Kluge, et. Wb. s. v. Germ, qu 
tritt als kytc und ky auf: kywidrd ächzen (ahd. *quirren zu 
queran), kywgl Qual, kywöil» quälen ; ohne w sind kyiiky keck 
(ahd. quer), kyitto Quitte, kynnm» kommen (ahd. qneman), 
kyead»r Köder (mhd. qnSrder ) ; kynat, Kot, geht auf kot zurück, 
6 entstand aus wd (ahd. quät), in k/uttl » ist kyn wahrschein- 
lich aus qui zu erklären (Kutteln) Kluge, e. W. S. 222. — 
Lehnwörter sind kywQdsr viereckiges Gartenbeet (mhd. quäder 
aus dom Latein.), kywit quitt, kywökysilw»r Quecksilber; über 
den Schwund des w in hmsta Husten, si»s süss (aus hwost- 
swbti-) vgl. Braune, ahd. Gr. § 107 A. 1. In den anlautonden 
Verbindungen von Dentalen und w ist «c erhalten: sicqrts 
schwarz, swöll» schwellen, kswind geschwind, tswoa zwei, 
tsicölf zwölf, txuimq,) zwingen, tswary (zwerch-) quer; eine 
Neubildung ist das w in gwunn» gönnen (ahd. ga-untwn 
wohl über *gu-unnan zu gwunnd). Das heute gesprochene 
w hat seine Stellung nur im Silbenanlaut, im Auslaut wird 
es zu b, genau wie das dem germ. h ensprechende tc, b. 

Inlautendes w ist erhalten in: fröiw 3 freuen (ahd. 
frewen), ströiu# streuen (ahd. streiten), öib Mutterschaf (ahd. 
Nom. om, Gen. ewi), spaiw 3 speien (ahd. sphvati), snaitv» 
schneien (ahd. sniican), riswig (mhd. riiewic ) ruhig, mirig 
ewig (mhd. etoic), aiw3 Eibe (mhd. hoe), löib Löwe (ahd. 
lewo ) ; plijb (flekt. plqwar) blau, grob ( grfpoir ) grau und h)b 
(Ifpwr) lau, haben das w aus den Formen, in welchen w 
inlautend stand, in den Auslaut übernommen, in welchem 
das w ahd. als Vokal auftritt (bldo, gräo ); hnrb herbe (ahd. 
baratm), förtcs färben, garws gerben (ahd. ferwen, garawen), 
arwos Erbse (mhd. erwei$), sartr » siechen (mhd. serwen), 
harte»» Stoffadj. Neutr. ‘flachsenes’ ; dagegen das Substantiv 
Iwr Flachs (vgl. Kluge, et. Wb. Haar 1 ); kyilb mild (von der 
Witterung) mhd. gehilwe bewölkt, swqlm » Schwalbe, mit 
sekundärem Übergang des Iw in Im, vgl. gtrölm Gewölbe 
(zu mhd. weihen) ; weitere Beispiele für diesen Übergang 
bietet Weinhold, bair. Gr. S. 143 f. Geschwunden ist w in 
hau 3 hauen (ahd. houwan), pluijo bläuen (ahd. bliutcun), 


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ruij» reuen (alid. riuwati), kyuij» kauen (ahd. kinwan), pruiju 
brauen (ahd. briuwan), nui neu (fickt. nuijer neuer, mit je 
neue, neuen), trui treu (selten) ahd. triuwi, truij» Flurname 
ahd. *triuira nach der Erklärung im § 54, hat Heu (mhd. 
höuwe ahd. houwi), gai Gau. Landgegend (selten) ahd. gouivi, 
slrga Stroh (ahd. struo zu stro), frga froh (ahd. frao zu 
frd), m » Ruhe (mhd. ruowe), ruse, rueije ruhen, sgg See 
(ahd. seo), kylea Klee (ahd. kUo), kynis Knie (ahd. kneo), ra 
Ehe (ahd. Owa), smier» schmieren (mhd. smirwen). In ggal 
gelb (ahd. geh), mgal Mehl (ahd. nwlo), ffil falb (ahd. falo), 
mgr mürbe (ahd maro), wirkten die auslautenden Formen, 
deren vokalisiertes w dem Schwunde unterlag, auf die 
inlautenden. Durch g vertreten ist heute altes w in sauge 
schauen (ahd. scouwan) ; vgl. Wilmanns deutsche Gramm. 
S. 98, A., Weinhold, bair. Gr. S. 185, Pfaff, Paul-Braune, 
Beitr. 15, 192, wo andere Beispiele dieser Art angeführt 
werden, d für w liegt vor in kynuid$ ; es ist dies vereinzelt, 
scheint aber alt zu sein: Maister, Vokalism. d. Ma. im Burg- 
grafenamt S. 10 verzeichnet haudn hauen ( hotiwen ). h für 
w zeigen Iqay M. Gerberlohe {% ist im Auslaut Vertreter 
des inlautenden h, vgl. Adj. Iqaliig mit Lohe vermengt); 
rqay roh, ungekocht, mhd. ro und (dial.) roch, rdher. Die 
h in diesen Wörtern sind weit verbreitet; vgl. Schöpf, tir. 
Id. S. 396, Schmeller, b. Wb. 2 I 1467, II 85. Nach Kluge 
(e. W. s. v.) sind die Grundformen germ. lau- hraw-. Im 
Ahd. findet sich manchmal für ursprüngliches w im Inlaute 
h (Braune, ahd. Gr. § 110. 3). Fasst man die h in den 
beiden Wörtern als sekundär entwickelte Übergangslaute, 
so ist die Entstehung so zu denken: Germ, law-, hraw- 
wurden im Ahd. auslautend zu lao, hrao, diese zu 10, ro; im 
Inlaut ist die regelmässig entwickelte Form z. B. lawes, 
ratrßr; die ö der auslautenden Formen wurden nun in den 
Inlaut übertragen, 16 wes, rower ; für w trat h ein (vielleicht 
schon lahes, rahir), löhes, röhSr, das später über alle Kasus 
sich ausdehnte. 

Vereinzelt sind Wandlungen des w, wie in mier wir 
(in aus x, w bei enklitischer Stellung nach dem Verbum 
sagen wir zu sage mir vgl. mhd. sage wir Paul, mhd. Gr. 


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§ 155. 3), kyrämat Wachholder (mhd. kranemte; Kranebitten, 
1 Stunde westl. von Innsbruck, heisst in der Ma. kyrämate), 
wipp» Witwe (mhd. witwe), wippar Witwer (sec. gebildet), 
iippär jemand, „etwor“ (mhd. ettcer), bppos etwas, öpp» etwa. 

§ 64. Die erhaltenen inlautenden -w- (auslaut. - b ) 
stehen mit den aus germ. b entstandenen -w-, -b heute auf 
derselben Stufe. Treten sie im Wort- und Satzgefüge vor 
stimmlose Konsonanten, so werden sie zu p. Vgl. die 
Flexionsformen: fröim freuen, i fröib ich freue, du fröpst 
du freust, »r fröpt er freut, fröptig freue dich, kfröpt ge- 
freut; plqb blau, » plqwar ein blauer, » plqps ein blaues; 
höiw» heben, i höib ich hebe, du hopst du hebst, »r hupt er 
hebt, höps hebe es, kyöpt schw. Part, gehoben ; groub grob, 
» grouu»r ein grober, » groups ein grobes, dar griiipst der 
gröbste. Schwund eines b zeigen einige Formen zu hqwa 
haben: i honn ich habe, du hqst du hast, »r hqt er hat (mhd. 
h&n, hdst, hdt); hommar haben wir, nur in dieser Stellung 
(hän mir), i hat, hatSt, hat, hatt », hattet, hatte (Konj. Prät. 
mhd. haete u. s. w.), Part, kyüt gehabt (ahd. gahebit ent- 
sprechend, Braune ahd. Gr. § 368. 2. 4). Zu g'oiw a geben 
lautet die 2. 3. Sing, gaist gibst, gait gibt (schon mhd. gist, 
git). Manchmal tritt Angleichung des b (tc) an m ein im 
Imp., gimm»r und glbmtr gib mir. Mhd. ab erscheint als q 
überall in hochtoniger Stellung; nur in qpsqts Absatz des 
Schuhes, ist b als p (vor s) erhalten, in schwachtonigor ist 
b vorhanden, qb, qbm poum „ab dem Baume“ (vom Baume 
herab). Es wird ebenso behandelt wie mhd. tif auf; in 
hochtoniger Stellung als Adverb ist / verloren, in schwach- 
toniger als Präposition ist / erhalten: austte aufstehen, 
tu 9 au tue auf; auf ter ponky auf der Bank, afippoud » auf 
dem Boden. 

§ 65. Über die historische Entwicklung von germ. b 
und w sei folgendes beigebracht. Die Belege, welche Wein- 
hold, bair. Gr. S. 128 f. für die Schreibung von b für histo- 
risches w und S. 140 von ip für germ. b bietet, erweisen, 
dass die heute herrschende Vertretung des nachtonigen b 
durch w (-5) bereits im 13. Jh. vorhanden war. Ihre Ver- 
breitung über das ganze bairische Gebiet bezeugt Schmeller, 

Schatz, Die Muudart von Imst. G 


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- 82 - 

Maa. Bai. S. 82; aus den Imster Urkunden sei angeführt: 
1455 ebig ( ewic ), 1473 arbis (mhd. arweig), 1509 albeg (mhd. 
allewege immer). Es ist meines Erachtens nieht richtig, ans 
der Vertretung des germ. b durch w den Schluss zu ziehen, 
dass das obd. b ein stimmhafter Laut gewesen sei (Wilmanns, 
deutsche Gr. S. 55). Vor dem Wandel zu w war b ein 
stimmloser bilabialer Verschlusslaut schwächster Artikula- 
tion und kürzester Dauer, wie ihn unsere Ma. heute im 
Auslaut und vor m spricht: grqb Grab, grüb-l» Grüblein, 
ib-rig übrig, höibnar hebe mir. Um von stimmlosem b zu 
w zu gelangen, ist es nicht nötig, dass b zuerst stimmhaft 
wird und dann erst die Verschlussbildung aufgegeben wird. 
Vielmehr ist der Übergang so zu denken, dass die äusserst 
schwache Artikulation der Verschlussbildung nicht mehr aus- 
geführt und der Stimmton durch das so entstandene w hin- 
durch beibehaltcn wurde; denn das wesentliche für einen 
stimmlosen Laut dieser Artikulation, die Verschlussbildung, 
fehlte; (z. B. graben zu grawen). Einen genau analogen 
Vorgang zeigt die lebende Ma. bei der Aufgabe der ^-Arti- 
kulation nach i (s. § 16 Anm.). 

Das ahd. w war ein Halbvokal mit «-Artikulation der 
Zunge (Braune, ahd. Gr. § 104); dem w der Imster Ma. 
kommt nur die Lippenartikulation zu. Von einer Entwick- 
lung des ahd. w zum Spiranten, wie Wilmanns,' a. a. 0. 
S. 98 und Behaghel, Pauls Grdr. I S. 579, annehmen, kann 
für das Bairische nicht die Rede sein. Die Schreibungen b 
für w und w für b lassen keinen andern Schluss zu , als 
dass für b dieselbe Aussprache herrschte wie für te, und 
zwar die des tv des heutigen Bairischen. Wäre die ange- 
führte Ansicht von der spirantischen Aussprache des b und 
tc im 13. Jh. richtig, so müsste man unnehmen, dass einer- 
seits b zum stimmhaften Spiranten, anderseits w vom Halb- 
vokal zum Spiranten und beide in der weiteren Entwick- 
lung zu unserm w geworden seien. Dafür, dass das ahd. b 
(obd.) ein stimmloser Verschlusslaut war, spricht die Ver- 
tretung des germ. mb durch mp. Wir haben keinen Grund 
zur Annahme, dass mb durch die Lautverschiebung anders 
entwickelt worden sei, als etwa Ib oder b zwischen Vokalen. 


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83 


Die Entwicklung des stimmlosen b in mb zu p entspricht 
der des anlautenden b zu p, welche über ein grosses Gebiet 
verbreitet ist. (Schmeller, Maa. Bai. S. 81, Schöpf, tir. Id. 
S. 24 f., v. Bahder, Grundlagen d. nhd. Lautsyst. S. 226 f.). 
In wieweit die heutigen bairischen Maa. Lenis oder Fortis 
im Anlaute sprechen, ob germ. wortanlautendes b überall 
einheitlich vertreten ist, wie in der Imster Ma., bleibt des 
Nähern zu untersuchen. In einigen romanischen Lehnwörtern 
entspricht dem anlautenden b in der Ma. w : warb\ Bar- 
bara, wqstl Sebastian (vgl. 1524 Bastion Schaz), weinsdik/t 
Benedikt (vgl. Weinhold, bair. Gr. S. 140). Zur Zeit der 
Entlehnung wurde also das einheimische b im Anlaut wohl 
sicher als Fortis, zum mindesten als stimmloser Laut ge- 
sprochen. Die Zusammensetzungen k/ruatvurg Schloss Kron- 
burg, hörwrig Herberge, sqatvrig Name einer Hochalpe „See- 
berg“, in denen das anlautende b des zweiten Bestandteiles 
gleich den inlautenden b behandelt wurde, sprechen dafür, 
dass die Differenzierungen der heute herrschenden Ent- 
sprechungen des germ. b in unserer Ma. eine jüngere Ent- 
wicklung sind und nicht in die früh ahd. Zeit zurückreichen 
(also nicht durch die Lautverschiebung hervorgerufen wurden). 
Da b schon im 13. Jh. als w erscheint und durchwegs er- 
halten geblieben ist, muss der Schwund des inlautenden w 
(gleich ahd. «-) bereits im 12. Jh. durchgeführt gewesen sein. 
(Vgl. § 54). Über vereinzelten Schwund des b vgl. § 64. 
Dazu noch pu» Sing. Bube, der Flur, hat w: pu»wo, Demin. 
jriabh Büblein; das bairische Lechtal scheint den Schwund 
eines auslautenden b in grösserem Umfange zu kennen, vgl. 
wai Weib, gl gib; es ist offenbar ein später Vorgang. 

§ 66. m. Es ist im An- und Inlaut erhalten: mu»t»r 
Mutter, mu9ii9 meinen, movn» mahnen, nugß Magen, Mohn 
(mhd. möge), rahn » prahlen (mhd. rimen Ileime machen). 
houmar Hammer, swimmo schwimmen, Simm»r9 schimmern. 
sttmm»r Sommer u. a. m. Die m im Auslaut sind aus den 
inlautenden Formen übertragen (Braune, ahd. Gr. § 124): 
stamm Stamm, tumin dumm (mhd. tum, tummes), loum lahm. 
poiim Baum, husm (Heim) heim, lalm Leim. Den alten 
Übergang des auslautenden m zu « zeigen heute noch: 

6 * 


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hiülig heimlich (auslautende Lenis n schwand), türa Turm ; 
es geht auf türm zurück, das aus turn, türm entstanden ist. 
Vgl. dagegen: wurm Wurm, qrm Arm, dorm Darm, sinn 
Schirm, hqlm Halm. In schwachtonigen Silben ist auslautendes 
m geschwunden, wie alle n: pouda Boden (mhd. bodem), fQda 
Faden (mhd. rudern), göda Schlafgemach (mhd. gadem), pöisa 
Besen (mhd. besem) ; von diesem bewahrten das Demin. 
pöismal» (neben pöisala) und das Verb pöisma mit dem Besen 
rühren, das suffixale m. 

2 . DIE DENTALEN. 

§ 67. Germ. t. Es ist als t erhalten in den Ver- 
bindungen tr : trnna trauen, troug Trog, ft: luft Luft, k/röftig 
kräftig, st: sh'i stehen, miit Mist, lit: mq/tirq/tar Nacht- 
wächter; im Inlaut zeigen sich einige germ. tr im Hd. als 
ttr: pittar bitter, tsittara zittern, lattara locker angebracht 
sein (gehört zu ahd. la% und geht auf westgerm. Intr- zurück). 
Die Affrikata ts erscheint für germ. 1 im Anlaut vor Vokalen 
und nach l, r, n: tsqrga Zarge, Rand, tsqrt zart, tsonna zäunen, 
Gesichter schneiden, tsQude zappeln, tsühar Zähre (ahd. zahar), 
tsaiha zeihen, tsöira zehren, tsöttl Zettel, tsiaha ziehen, tsil/a 
Ziille, Kahn, tsirwa Zirbel (mhd. ziehen) ■, germ. tw ist heute 
zu fstr geworden, ebenso auch germ. dir, Jnc: tswaif] Zweifel, 
tsu'ölfa zwölf, tswik/a zwicken, tsicaig Zweig, tswissa zwischen, 
tstroa zwei , tswtslt gabelförmig geteilt , tsicittar Zwitter, 
tswiara Zwirn; tsirnr / zwerch, tswitjga zwingen, tswerg 
Zwerg u. a.: holts Holz, filts Filz, wqltsa walzen, milts Milz, 
mqlta Malz, maltsa weiche Speisen mit der Zunge zerdrücken 
(Fact. *nialtjun- zu germ. (ags.) m eit an zergehen), Smqlts 
Schmalz, polts Bolz, fqlts M. langes Bindseil, mit dem das 
Bergheu auf die Schlitten gebunden wird (zu mhd. valze») 
stidtsa Stelze; Swqrts schwarz, wurtsa Wurzel, uurtaa Warze, 
hurts Herz, k/urts kurz, surts M. Schürze, partsa refl. sich 
auf die Zehen stellen (Scluneller, b. W. 1 284), slqrfsa Pflanzen- 
strunk (aus dem Boden hervordringend) zu mhd. sterzen hervor- 
stehen (vgl. Streitberg, urgerm. Gr. S. 1 39), miiirls Mürz, k/öirtsa 
Kerze; gonts ganz, srontsSchranz.pflontaa Pflanze, »»«/«»Minze, 
pfintatig Donnerstag (mhd. pfinztac); ts wiuitsk z w a n zig, sitvatsk 70 


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| (mhd. sibenzee), ndüsk 90, fizrtsk 40 ; nach diesen Formen 
trat ts ein in fuftsk 50, wo aus vorahd. *fuftug t nicht zu 
ts hätte werden können, da ft erhalten blieb; ebenso sind 
die ts analogisch eingeführt in fuftaöih» 15, desgleichen 
auch in draitsöih» 13, gegenüber draisk, das lautgesetzlich 
entwickelt ist (mhd. drtzec aus westgerm. *pritug). 

Nach Vokalen entspricht dem in- und auslautenden 
germ. t der Spirant ss (- 3 ), der heute an derselben Stelle 
artikuliert wird, wie s (aus ahd. s). Der Unterschied 
zwischen beiden ist heute im allgemeinen der von Fortis 
und Lenis. Über den Wandel des ahd. Spiranten z (zz) zu 
ss vgl. Braune, ahd. Gr. § 168. 1, Paul mhd. Gr. § 29. Im 
Auslaut wird dieser Spirant nach langem Vokal als Halb- 
fortis gesprochen (analog wie bei ff und lih). Der Wechsel 
zwischen der geschwächten Fortis im Auslaut und der vollen 
im Inlaut eines und desselben Wortes ist regelmässig be- 
wahrt. gqss» Gasse, fqss Fass, pissig bissig, tvisss wissen, 
griss 9 gerissen, prennösslz Brennessel, pösszr besser, fsrgösss 
vergessen, rqssls sich bei der Arbeit unmässig anstrengen 
(mhd. rayßebi, zu rage), ksmisss geschmissen, kslossz ge- 
schlossen, smss Konj. Prät. schösse (mhd. schule), nnsss F. 
Nuss (die obd. Maa. setzen ein schwaches Fern. mhd. nupie 
voraus, vgl. Schweiz. (Brienz) nussäti), wasssra wässern, gqas 
Geiss, gqassar Geisshirt, mqas gerodete Waldfläche, mqussf 
Meissei (beide zu mhd. weisen), hqass» heissen, grqas gross 
Komp, grqassar, ruds Russ, massig russig, ruassl Kamin- 
kehrer , puzs Busse, piassa büssen , miss » reissen , sms» 
schiessen, 4 Urqas Schweiss, gruas Gruss u. a. m. 

Germ. tt. Ihm entspricht Affrikata ts: switsa schwitzen, 
hits Hitze, k/its N. Kitze, k/qtsz Katze, rqts Hatte (mhd. 
ratze), k/rqtsa kratzen, mqts» F. durch einen Stoss erzeugte 
Vertiefung im Holz, in der Mauer, ktüemöts Steinmetz (beide 
gehören zur germ. Wurzel mat vgl. Kluge, e. W. Metze 1 ), 
möts» M. kleines Getreidemass (mhd. metze) , wötso wetzen, 
sötsa setzen, sitsa sitzen, nötsa netzen, nöts Netz, höts» hetzen, 
öts3 ätzen, l(its schlecht, übel daran (mhd. letze), tratst» necken 
(mhd. tretzen), steats » schwätzen, nutsa Nutzen, Suts» in die 
Höhe werfen (zu ‘schiessen’ *scutt-), woatsa Weizen, hqatsa 


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heizen, iwatsf (neben pQass\) Sauerdorn (Schmeller, b. W. I 
287) zu ‘beissen’, poatse beizen (zu ‘beissen’), spraits 9 refl. 
sieh spreitzen, zum Stamme germ. spreut- ahd. spriuzen ; 
eine Form sprüt- setzt das Subst. Spraus M. Stütze, voraus; 
Snaits» schneuzen, sna'uts Schnauze, kylqats» F. gedörrte Birne, 
zu mhd. Mot, auf westgerm. klautt- weisend (Schöpf, tir. 
Id. S. 326), gats» zu essen geben ( *ga-dtjan ), gats N. Ein- 
geweide, ursprüngl. das Gegessene. 

§ 68. Gertn. d. Er erscheint als Fortis t an allen 
Stellen des Wortes. Für den Anlaut vgl. man: tomm Damm, 
tompf Dampf, tumm dumm, tutjk/j dunkel, tuvg» düngen, 
teijgl» dengeln, tunst Dunst, tu ft Duft (selten), tift» eine 
Flüssigkeit leicht durchsickern lassen (intrans.), trutt» »Drude“ 
mhd. trute, trqky ein im Verhältnis ungewöhnlich grosses 
Tier (ahd. traccho, lat. draco),taiyl, hölzerne Brunnenröhre (mhd. 
tiuchel), toul» überdecktes Rinnsal eines Gassenbaches, gehört 
mit tu»l» kleines Loch im Boden, zu ‘Tal’ (idg. dhf- und dhU-), 
tasig in gedrückter Stimmung (mhd. dwsec) ; nach Sehmeilers 
Belegen, b. W. I 545 liegt hier westgerm. d- vor. Im In- 
und Auslaut: föter Vater, gat»r Gatter, wqt» waten, pöite 
beten, kyroute Kröte, sllt» Schlitten, prüit Brett, pout Bote, 
wait weit, sait» Seite, sqat» Saite, rqat rot, hqater heiter, 
giftig gütig, tötete wüten, rüste Hute, muster Mutter, fustsr 
Futter, ptqtsr» Blatter, qter» Natter (mhd. nätere), spät spät, 
gaitig geizig (mhd. gitec), prqt» braten, Igate löten, haut 
Haut, niete Niete, nqat Not, gmust gemeint, kfölt gefällt, 
tsöirt zehrt, »r Srait er schreit u. a. 

Dem westgerm. dd entspricht Fortis t (Geminata tt ) ; 
da bei der Silbendehnung in der Lautfolge kurzer Vokal + 
einfachem t (= germ. d) vielfach die Kürze des Vokals 
erhalten blieb und t gedehnt wurde, ist die sekundäre 
Geminata mit der ursprünglichen (westgerm. dd) zusammen- 
gefallen. tutts Zitze (mhd. tutte), kyutt» F. Herde, Menge (zu 
mhd, kütte), sqtt» Schatten, trotte treten, pritte F. Brettchen 
(*britja-), sitter locker, dünn (mhd. schitere jo-Adj.), pitt» 
bitten, wötts wetten, wöttsr Wetter, wittere wittern, hüte 
Hütte, kyuttl» Kuteln. Sicher einfaches t liegt den Parti- 
zipien zu Grunde: ksotte gesotten, dsrsottsrst ausgemergelt, 


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erschlafft, ksnitt» geschnitten, gritta geritten, kstritt» ge- 
stritten, glitt» gelitten; plqtt» Platte, glött» glätten, glqt glatt, 
mqt matt, stqt Stadt, sqt satt, sättig » sättigen, sitt» Sitte, 
mit mit, hqttl» Ziege (mhd. hatele), grill» die Beine ausein- 
ander strecken (mild, griten) , k/nqttl» Kotballen in den 
Haaren der Tiere (von Schöpf, tir. Id. S. 327 richtig zu 
‘kneten’ gestellt), fötUr Vetter, platt » weibliches Hühnchen 
(zu mhd. Mate-, weil der Kamm fehlt?). 

sqrtd Scharte, hart Herde (ahd. herta), swqrt» Schwarte, 
tsqrt zart, hört » härten, gart Gurt, wiart Wirt, hidrt Hirt, 
dar fort der vierte, xcqrt» warten, gartnar Gärtner, wqart 
Wort, gart Ort; hqlt» halten, sqltara Barnbaum (mhd. schultere), 
Spiltar» Zaunstecken (mhd. spiltere), walt Welt, galt Geld, 
gadult Geduld, gsdultig gedultig, salt» selten, swdifqltsr» 
Schmetterling (umgebildet aus ahd. vtvaltra), gwqltig ge- 
waltig, silt Schild; wint» winden, wintl» N. Windel, pint» 
binden, nt herrscht in allen Ableitungen: pont Band, pentig» 
bändigen, wnpentig unbändig; tont» schinden, sunt Schund, 
slint» schlingen (mhd. slinden), sinnt Schlund, hints hinten, 
rinta Kinde, plint blind, voint Wind, grint Kopf (mhd. grint), 
hont, Hand, sorit Sand, ront Rand, gwont Gewand, gwant » 
bekleiden, pfont Pfand, pfent» pfänden, ksuni gesund , M. 
Gesundheit, hunt Hund, unt» unten, ent N. Ende, front Brand, 
out» ahnden (ahd. antun), tsinta zünden, tsuntl Zündschwamm, 
tsxxntar» F. Zwergkiefer (Schmeller, b. Wb. II 1134), grünt» 
F. Riss in der Haut (mhd. s chrnnde), glent N. Feldname 
„Gelände“ zu ‘Land’, hier kann z. B. westgerm. ddj vor- 
liegen *ga-fandj-; doch ist im Ahd. wohl kaum ein Unter- 
schied zwischen nt aus *nd und dem aus *ndd-', Stein t» 
schwinden, swintl » schwindeln, ( kswitjkl » den Schwindel haben 
refi. ; es hat nk für nt, die leichte Umbildung wurde durch 
das anlautende k veranlasst), unt»r» nachäffen (ahd. antaren), 
sent» schänden, farsantla herabsetzen, t in aut» Ente (ahd. 
anut); in wintsr liegt germ. ntr vor. In der Partizipial- 
endung des Präs, erscheint altes -nt- als t (-»t)\ raiss»t 
reissend, » stiünatar ein stehender, slqffH» schlafende, löiwahr 
lebender. Dieser grossen Zahl von Wörtern, in welchen 
germ. nd zu nt verschoben ist, stehen einige gegenüber mit 


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Lenis d statt der zu erwartenden Fortis t: lond Land (ahd. 
laut), haid heute (mini. Mute), pfund Pfund (ahd. pfunt), 
wincte Winde, weinte wenden, aus-, ul-, nqatieendig aus-, ein-, 
notwendig, ipvendig abwendig, innute Wunde, tvuudor Wunder, 
fsrsweiute verschwenden, und und, psunder 'besonder’ in allen 
Abteilungen. In jenen Fällen, in welchen d auf idg. t 
zurückzuführen ist, konnte man an grammatischen Wechsel 
denken, dass also neben den in den germ. Dialekten allein 
überlieferten Formen mit nd solche mit np bestanden; die 
Annahme einer Beeinflussung durchs Xhd. lässt sich schwer 
erweisen. Sicher ist, dass diesem Wandel des ahd. nt zu 
nd (soferne wir ahd. nt anzusetzen haben) kein Gesetz der 
Ma. zu Grunde liegt. Das nd in hundart (ahd. hunt) beruht 
auf fremdem Einflüsse; die Form hundert erscheint erst 
seit dem 12. Jh. in der Litteratur (Braune, ahd. Gr. § 274). 
Auffallend ist nd in allen Formen zu ahd. stuntan : Präs. Plur. 
sternte , Konj. steml, steinte, Konj. Prät. Stand, Statute, Part. Prät. 
kstomte, pstendig beständig, stond Stand, kstumter Geständer, 
pstond Bestand, Pacht, stund Stunde, stund 9 eine Pause machen, 
aussetzen; alle diese d statt des zu erwartenden t aus fremder 
Beeinflussung zu erklären, ist bedenklich. Es liegt idg. t zu 
Grunde; doch hat das Germ, nur nd, nie np. Stammbetonung 
zeigt das analog wie standan gebildete got. fraihnan. (Vgl. 
Braune, got. Gr. § 177. 3). Demzufolge könnte man denken, 
dass das nd der Imster Ma. auf urgerm. *stanp- zurück- 
gehe. (Kann die Verschiedenheit der Betonung, welche got. 
hausjan, laisjan, nasjan einerseits, ahd. hören, leren, nerien 
anderseits aufweisen, als Stütze für die Annahme, dass 
germ. nebeneinander stanp- und stand- vorkam, geltend ge- 
macht werden?), sind Sünde, sonil Schande, zeigen in den 
Wendungen sint mit sod Sünde und Schade, » sont und 9 spot 
eine Schande und ein Spott, dass ursprünglich Fortis nt 
vorhanden war. Heute ist hier die Lenis nd herrschend. 

§ 69. Germ./>. Ihm entspricht im spätem Ahd. d, in 
der Ma. Lenis d. Wo t erscheint, liegt eine spätere Wand- 
lung vor. dqx Dach, dq da, dq/t Docht, deijk/9 denken, 
dqks Dachs, dik/ dick, dinimo Daumen, dirr dürr, dqm 
Darm, digg Ding, dur/ durch, durst Durst, dilte Dachboden 


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(mhd. dile) , düst Dienst, diab Dieb, darf Dorf, 
diar dir, gadult Geduld, padaita bedeuten, fardarwa vc 
dritpja dringen, druky) drücken, drai drei, drössa d 
drakslar Drechsler, draij a drehen, drqt Di'at, drökx 
drumm Trumm; röida reden, k/aül » keimen (zu ahd. 
cht di), laida leiden, load leid, maida meiden, raida drehen 
(ahd. ridan), rtd Wegbiegung; hierher auch der Ortsname 
Nassereit, der fälschlich mit t ( th ) geschrieben wird, nqs- 
raid und nqssraid wird gesprochen, daher ist der Name als 
Kompositum von nass und *rid zu erklären; die Betonung 
des zweiten Bestandteiles erklärt, dass Lenis s für mhd. g 
erscheint, hqada Heiderich (mhd. heule), ul du F. Weiden- 
strang (zu mhd. wide), wqad Weide, tqad Tod, (Adj. tqat 
tot), Sqada Scheide, pruadar Bruder, liadarlig liederlich, miad 
müde, mqd Mahd, grqd gerade, stqdl Stadel, m&dla Mädchen 
(Deminut. zu mhd. magst, ahd. magad), tvldar wieder; Widder, 
söidiga schädigen, pqada beide, pouda Boden, fqda Faden, 
luadar Luder, fuadar Fuder, ftqda Fladen (nach Kluge, e. W. 
idg. plut, dazu flitta F. dünne Schnitte Speck idg. plt- germ. 
*fludj-?); finda finden, lind lind, kswind geschwind, k/iitd 
Kind, f ind Kind, tsornl Zahn (ahd. zand), ondar ander, frend 
fremd, glandar Geländer, Inn da F. Karrendeichsel (mit n 
Erweiterung zu germ. lap- (Laden) s. Kluge, e. Wb. Ge- 
länder); nd zeigen auch die Lehnwörter sindla Schindel, 
spenda spenden; wqld Wald, wild wild, suld Schuld (ahd. 
seit Id Braune, ahd. Gr. § 103. 6), gold Gold, pqld bald, fqlda 
und fqlta Falte (mit Bewahrung der Doppelform *faip, 
*fald). 

Germ, pp wurde im Hd. über dd zu tt: smitta Schmiede 
(Stnida schmieden), Spotta spotten, Iqtta Latte (zu Iqda Laden), 
k/lötta Klette, motta langsam ohne Flamme brennen, glimmen 
(Schmeller, b. Wh. I 1693) zu moudar Moder; es setzt germ. 
mopp- voraus — hei der Annahme eines westgerm. modd- 
bleibt die Gemination unerklärt. 

An m. Nhd. ‘Schotter’ hat in der Ma. sondir als Entsprechung; 
demnach ist mir wahrscheinlicher, dass westgerm. scop- u. scoppr- neben- 
einander bestanden, als dass ‘Schotter’ dieselbe Dentalstufe (germ. d) hat 
wie ‘schütten’. 



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/ 


Zusammen gehören auch: tsodara Fleischfaser und alid. 
zata (tap- u. tad-) (Schmeller, b. Wb. II 1085, 1166), tsoutl 
M. ungeordnetes Haar, weist auf germ. tod-, mhd. zotte auf 
auf germ. topp; (Kluge, e. Wb. „Zote“). 

Die Fälle, in denen einem westgerm. p in der Ma. 
Fortis t entspricht, sind: Anlautend: taiti deutsch, tait» 
deuten (dagegen d in padaita), tausat tausend, tarff» dürfen, 
tir/ll/dll» Siebkelle (mhd. Adj. dürkel ), toudar» donnern, toasa 
tosen (mhd. dosen), tiiqk/a dünken, treastala Drossel (Kluge, 
e. W. s. v.), triass a Drüse, traupa M. Traube, t als Artikel 
des Fern. Sing. Nom. Acc., des Flur. Nom. Acc. „die“ ar 
u ill, t qruat er will die Arbeit, a t ouga an die Augen, 
t qlta die Alten; die Erklärung, dass die Fortis t, welche 
im Satzanlaut und nach stimmlosen Konsonanten gesprochen 
wird, die etymologische Lenis d verdrängt hat, (Behaghel, 
Pauls Grdr. I 589 o.), befriedigt am meisten; dazu stimmt, 
dass in der Ma. alle Fremdwörter mit anlautendem d mit 
Fortis t erscheinen: tüsa Dose, tukqta Dukaten, topplt doppelt, 
lutsat Dutzend, tüdlsqk % Dudelsack, taura dauern [dura re), 
tetsemmar Dezember, takyret Dekret, tifadiara dividieren, 
tok/tar Doktor, toll Ton (mhd. don ) , tat tum Datum, tek/u, 
tek/a Deka, telik/at delikat, tesartir Deserteur, tikxtiara 
diktieren, tiskant Diskant, ttipens Dispens, ti&kariara dis- 
kurieren, tetta detto u. a.; fremde Wörter werden immer als 
einzelne aufgenommen und nicht im Gefüge des Satzes, 
ihnen kann also nur Fortis t zukommen. Unklar sind mir 
die t in pilt Bild (mhd. bilde); /-Dehnung (westgerm. *bilipju-) 
ist in nebentoniger Silbe wohl ausgeschlossen, ebenso auch 
grammatischer Wechsel (es ist nach Kluge, et. Wb. bi-lip- 
/«-); sait seit (ahd. std), aber saidar seitdem (mhd. *sider ) ; 
alid. sld ist germ. ein K-Stamm, bei denen suffixale Betonung 
Regel ist (Kluge, Nominale Stammbildungslehre § 182); 
doch ist germ. *sid nicht belegt, fort, furt fort (ahd. rord), 
faltarar Feldhüter zu Marktzeiten, eine Bildung aus dein 
Plur., mhd. *veldercere. Germ, rp ist mit Schwund des r zu 
d geworden, wo es nach der Wirkung der Auslautgesetze 
inlautend blieb: fqudara fordern, fqadar vorder, fqadar 
nach vorne liegend (Komparativbildung), ßdara fördern, 


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fertig machen (mlid. viirdem), kyeadsr Köder (mlid. quSrder), 
mqadir» zerfetzen (mlid. *inördern, miirdern), mqdsr Marder, 
nqadsr nördlich, nqadorsaits Schattenseite, nqadrig auf der 
Schattenseite (an einem Nordabhange) gelegen. Nur mlid. 
werden erscheint in allen Formen mit Schwund des d und 
Bewahrung des r; wqara werden, icftr würde, gieqara ge- 
worden. (S. Kauffinann, Gesell, d. scliwäb. Ma. S. 182, A. 2). 
Germ, rp ist heute im Auslaut rt: wqart Wert, fanoqart» 
verwerten (spätere Ableitung), qart Erde, analog < yrtig 
erdig, hrart Herd, furt fort (abd. vord). Dass diese Ent- 
wicklungjung ist, liegt auf der Hand; vgl. ahd. herta Herde, 
hart, und i'rda Erde, mW ; sie kann erst nach der Dehnung 
eingetreten sein. Alter ist der Schwund des r im inlautenden 
rd; Belege bei Weinhold, bair. Gr. S. 168. In den Imster 
Urkunden: 1468 er f odern, 1473 erfodertt, 1476 vodrung, 
oordrung — (Vgl . ' eardiipft 'Erdapfel', Kartoffel). 

§ 70. Germ. s. Es ist in der Umgebung von Vokalen 
erhalten: soh so, sigg» singen, sqlts Salz, suntt» Sonn e, söih» 
sehen, sai sein, löisa lesen, miss Wiese, nqs» Nase, rfasoh 
leicht rösten, zu 'Rost’, germ. Wurz. *raus-; *rus liegt vor 
in rouslig mit Sommersprossen bedeckt, rilsote Plur. Masern 
(also „Flecke“), vgl. mlid. rosel, rosem; aisig eisig, aiso Eisen, 
plqsa blasen, pqas böse, gh]s Glas, gräsla Gräslein, muss 
Mus; hs erscheint als ks: wqks» wachsen, söks sechs. Erhalten 
ist s auch nach l, n: hqls Hals, fölss Felsen, gons Gans. 
Altes ss haben: ross Ross, kyröss M. Kresse, pusss küssen 
(Schmellor, b. Wb. I 295), gwiss» Gewissen, tsusslo nach- 
lässig gekleidetes, unordentliches Weib (Schöpf, tir. Id. 835, 
Bchmeller, b. Wb. II 1157), misslig misslich, gqussls Geisel, 
Peitsche, der nhd. Schreibung ‘Geissel’ liegt ss zu Grunde; 
ss ist westgerm. Dehnung durch tr, *gaisioala- nach Kluge, 
o. Wb. s. v., trissss Drüse (germ. Jtrösjn-). 

Ahd. sk wurde zu s: sabm scheinen, susy Schuh, sqlo 
Schale, säms schämen, teass» waschen, misss mischen, pussf, 
Büschel, Blume, ments Mensch, pairis bäurisch; s wurde zu 
s in den alten Verbindungen st, sp an allen Stellen des 
Wortes: stun Stein, stoll» Stollen, rnöuSlsr Meister, ist ist, 
wqust meist, gaiSt gibst (mlid. gist), reynsst rechnest, spqni 


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sparen, sprentp sprengen, hqSpl Haspel, wösps Wes| \ rqäpl » 
raspeln, tswospa Zwetsche; sl, sm, an, sw sind im Wortanlaut 
zu sl, sm, sii, sw geworden: slo/t schlecht, slqga schlagen, 
kslalna refl. sich beeilen (zu schleunig’), Smaissa schmeissen, 
smql schmal, stiuar Schnur, snall schnell, snatifa schnauben, 
swqrts schwarz, Swöirs schwören, swär schwer, kswind ge- 
schwind. Inlautend erscheint sl als sl nur in omsl » Amsel. 
Der Übergang war hier durch die Stellung des sl im Silben- 
anlaut hervorgerufen: qmsl» aus ain-sl ? (ahd. amsaUi). Vgl. 
hqsla Haselnuss, -strauch, möismar Mesner, lousn » horchen 
(zu mhd. losen). Altes rs wurde zu rs: Qr§ Arsch, mqarsar 
Mörser, k/lrsnsr Kürschner, fqarSns Ferse (ahd. versana), 
pisrS * unmässig arbeiten (mhd. birsen), pnr§ Bursch, fers 
„Vers“, Spruch-, Sinngedicht, hintarsig rückwärts, hinter 
sich, %w»räig darüber, über sich, flräig vorwärts ( viir sich ) ; 
diese drei sind frühe Zusammenfügungen zu einem Wort. 
Wo s in Flexionsfoi men vor t zu stehen kommt, oder als 
Endung des Adj. Neutr. an r antritt, bleibt es als s: löisa, 
lesen, ar löist er liest, glöist (schw. Part.), ondars anderes, 
dagegen: ondars, ondarst anders; psundars besonders, uaitars 
weiters, s sau war s ein sauberes. Da diese Scheidung genau 
durchgeführt ist, muss der Übergang des s in s in den an- 
geführten Fällen schon frühe eingetreten sein, jedenfalls 
vor der Synkope der Flexionsvokale. (Vgl. Kaulfmann, 
Gesch. d. schwäb. Ma. S. 194 A. 2). Ahd. Spirans z wurde 
zu s in löst letzte, mhd. lezte, teste, grqaSt grösste, pöSt 
beste. Die Synkope des Mittelvokals muss frühe schon 
eingetreten sein; vgl. fqast fett (mhd. veigft). Auch r% ist 
einmal zu rs geworden in hiars Hirsch (ahd. hiruz, mhd. hirf). 

§ 71. tS. Es ist eine junge Lautverbindung. Im An- 
laut der Wörter mag ts durch satzphonetische Scheide- 
formen gewonnen sein (auslautend t und anlautend s). fslirj, 
tkippl Schopf, Büschel (mhd. schiibel), tsopf Schopf, tsa~up\ 
Schopf, Kamm der Vögel, tsüdare sprudeln. (Wrz. skup--, 
Schmeller, b. W. II 490), tieppsr» klappern (Schmeller, 
b. Wb. II 354) Isfikl» schief drein schauen , schielen (zu 
mhd. schiec schief). In tsivkah geht ts wahrscheinlich auf 
gs (ks) zurück ; es gehört zu singen’ (Heusler, der alem. Kons. 


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v. Basel-St. S. 65). tsark » beim Gehen mit. den Füssen den 
Boden streifen (vgl. ’schergken’ bei Schmeller, b. Wb. II 467). 
Für den Inlaut ist es schwer eine sichere Erklärung des 
ts zu geben ; für einige Wörter bat die von Winteler, l’BB. 
14 , 455 ff. dargelogte Deutung grosse Wahrscheinlichkeit. 
Anspruch auf allgemeine Gültigkeit kann die dort gegebene 
Kegel nicht erheben. 

Anm. Ich muss mich begnügen, dio Fälle, welcho die Imster 
Mn. bietet, anzuführen: rätst rutschen (l’BB. 14, 443. 461 aus ruckezen) 
mlid. rutschen, gratis mit gespreizten Beinen gehon (Beitr. 14, 461), 
fatss Windel, Wickelbnnd (nach Woinhold, bair. Gr. 8. 163 aus lat. 
/tischt, s. Kauffmann, a. a. 0. S. 183), kjpiatis zerdrücken (B. 14, 492. 
463), frülil» schwätzen (zu ‘fragen’ B. 14, 465), p/Oiti» M. Aste der 
Nadelholzbäume (s. Schöpf, tir. Id. 8 591), ritfc Gassenbach (nach 
Schöpf, 8. 559 zu ital rnscello), M. grobe Hausschuhe aus Tuch, 

Filz; grosser Schmutz- Blutfleck. (Schöpf, a. a. 0. 490, Beitr. 18, 310); 
glati N. Schmutzlache, Nässe auf Wegen bcs. von geschmolzenem Schnee, 
(nach Wintelers Kegel zu takjp, Lache?), miti' Ohrfeige (Schöpf 804), 
glati* einen Baum durch Abschälen eines Stücke» Rinde kennzeichnen 
(Schweiz. Idiot. I 1235 verzeichnet Jliits in der gleichen Bedeutung), 
fnti'i mit der Hand flach aufschlagen (Beitr. 14, 462), pfiti> zischen, 
sausen, rätst schwätzen (mhd. retschen, Kauffmann, a. a. 0. S 194 o), 
plüts j F. grosses Pflanzenblatt (ders. ebda ), tutssls von Kindern, sich 
anschmiegen um zu schlafen (naoli Wintelers Regel zu ducken?), tnatii 
Kotfladen (qa aus ö, «/? verwandt mit schwäb. dotst Kauffmann, 
a. a. O. 8. 194), nouts M. 8chopf, dichte Baumkrone, nqati M. Haus- 
käppchen (der Geistlichen), plutfo F. durch Vorscbiehcn der Lippen 
verzerrtes Gesicht, p^uts männliches Schwein (8chöpf, tir. Id. 39). 

§ 72. r. Das abd. r war Zungen -r; in der Ma. herrscht 
jetzt das Zäpfchen -r. Es ist überall erhalten: rigtj Bing, 
raitrt> reiben, rQd Bad, pqard bohren, riw rühren, hqrt hart, 
sirps Scherbe, prenn» brennen, frqa froh, traurig traurig, 
sraij» schreien, graut Grund, k/ru»g Krug, vuiar Maier, tsarr» 
zerren, vqrr Narr, k/qrr » Karren, clirr dürr. Alte Fortis 
rr ist zur Lenis geworden in i»r irr, tar» irren, ksitr Ge- 
schirr. (Über den Schwund des r bei inlautendem rd vgl. 
§ 69). Schon in abd. Zeit zurück reicht der Abfall des 
auslautcnden r (Bebaghel, Grdr. I 581 § 75) in dq, trott 
(mhd. da ; trott ist spätere Entwicklung aus *teö), » mra aus 
am e früher (ahd. er), qak/üdt» Fl. „Frühkare“, Bergspitze 
nordwestl. v. Imst (in den Karten zu ‘Oder Karlekopf um- 


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gedeutet), m Ce mehr (das ahd. Adv. mir, Braune, ahd. Gr. 
§ 268. 1, musste sich zu me (mlid.) entwickeln; fi> ist aus 
späterer progressiver Nasalierung zu erklären). Vereinzelt 
ist bqa her (ahd. hera). Der Diphthong weist auf späten 
Schwund des r (mhd. er zu qar). Heute wird vor l jedes r 
im Worte und beim Zusammentreffen im Satze als d ge- 
sprochen: kyßdl Kerl (mhd. kerl), öidle Erle, piedlig Heu- 
haufe (mhd. birlinc), sqdlqy Scharlach, swadlig schwerlich, 
tiedle Tierlein, kyßdl Karl, wqadlouft wer lauft, sksiedlaihe 
das Geschirr leihen u. a. Die Erklärung ergibt sich daraus, 
dass alle r einstens als Zungen-r gesprochen wurden. Beim 
allmählichen Verdrängen desselben durch das Zäpfchen-r be- 
hielt man die bei rl zur Verwendung kommende Artikula- 
tion der Vorderzunge bei. Die Aussprache rl ist für den, 
der nur die Artikulationsbasis der Imster Ma. sich ange- 
wöhnt hat, mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Aus 
der ursprünglich alveolaren Bildung des r sind auch einige 
d zu erklären, die sich als „Übergangslaute“ zwischen nr 
und Ir gebildet und erhalten haben. 

Einen parallelen Vorgang kennt heute die Ma. bei der 
Artikulation von nl (§ 23): solder Söller (mhd. solre ), pöldere 
poltern (mhd. bölren), bildere stark widerhallen (zu hohl, 
mhd. *hiilren), kyoldere lärmen, schreien (zu mhd. kolre), 
derSöldere (eine verbale »--Ableitung zu ‘schälen’) aus den 
Fugen schütteln, sich durch einen Fall, Schlag das Fleisch 
losschälen, mander Männer, tonder Donner, dind dünn ; hier 
ist das d aus den Formen mit r im Suffix zu erklären 
(z. B. Gen. Fern, dünre, Komp, dünres , dünre). Die Adj. fai 
fein, griä grün, s& schön, kylwe klein, praß braun, rut rein 
(nicht rein mundartlich, es sollte nie lauten, mhd. rein, vgl. 
rint swqsser itver nai sttih, isses wichr nie, rinnt das Wasser 
über 9 Steine, ist es wieder rein) haben neben den regel- 
mässigen Komparativbildungen f inner, gr firner, 5&uer, kylueuer, 
(kylCntor), pr (Einer, nuner, Formen mit d statt n. fätder 
grteder, Sieder, kylu'eder, (kylieder), präider , (rfftder) ; dies 
weist auf einstige Doppelformen. Wo r auf n folgte, ent- 
wickelte sich ein d. 

§ 73. n. n ist im Wort- und Silbenanlaut erhalten. 


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— ftr> — 

In starktoniger Silbe nach kurzem Vokal ist n Fortis, weil 
jeder kurze betonte Vokal unter scharfgeschnittenem Accent 
gesprochen wird. Geschwunden ist Lenis n nach langem 
Vokal und im ln- und Auslaut schwachtoniger Silben. Als 
Silbenträger (#) kommt n nur als Vertreter des Pron. der 

з. Pers. ‘ihm, ihn’ vor: ar kqt$s er hat ihm’s, ar hqty er hat 
ihn, ferner als Abschwächung des Fern. Suffixes mhd. -inne: 
pairn und pairin Bäuerin, haisarq, haisarin Häuserin, und 
als Dat. Acc. des Artikels nach Präpositionen: mihi mit dem, 
hintirQ hinter dem, den. Der Schwund des n nach langem 
Vokal ist dem Bair. zum grossen Teil eigen. (Weinhold, 
bair. Gr. S. 172 f.). Den lautgesetzlichen Schwund des nicht 
anlautenden n in nebentoniger Silbe weist nur das Oberinn- 
tal und das bairische Lechtal auf; die Grenzorte nach 
Osten sind Roppen und Nassreid (2 Stdn. östlich von Imst). 
Gemeinsam ist diese Erscheinung dem genannten Gebiete 
mit dem angrenzenden Alemannischen (Vorarlberg) und Schwä- 
bischen (Reutte, Ausserfern). Ein Charakteristikum dieser 
Mundarten kann sie nicht genannt werden, da z. B. die Maa. 
des Kantons Bern die auslautenden n ohne Nasalierung des 
voraufgehenden Vokals bewahrt haben (Schild, Brienzer 
Ma. I. an der betr. Stelle). n(js» Nase, noum a Name, ni/t nichts, 
nenn 3 neun (flect.) mhd. niuniu, nenn» nennen, nunna Nonne, 
pont Band, tsond Zahn, prunn» Brunnen, sunna Sonne, tonn a 
Tanne, pfonn a Pfanne, kenn» Henne, hohnig Honig, hantig 
bitter (ahd. hantag), gwohna gewöhnen intrans., gwema trans. 

и. intrs., reyria rechnen, tefsna Plur. Wiesen, ical Wein, sät 
sein, Ma schon, fruit Freund, du mu'aät, ar muat du meinst, 
er meint, i tnüb ich meine, dar u'a der eine (mhd. der ein), 
t nena die einen (andern). Alle mhd. auslautenden -en sind 
heute -9: mtiäna meinen, tqlta die Alten. 

Im Satzgefüge waren die auslautenden n schwachtoniger 
Silben seiner Zeit berechtigt; vor Vokalen wurden sie als 
Anlaut zur Folgesilbe gezogen, also z. B. mhd. die alten 
und die jungen wurde zu tqlt» nuut das n von alten 

bildete den Anlaut des und (alte »und), das von jungen fiel 
ab. Aus solchen Silbentrennungen im Satze stammt, der 
Gebrauch, dass heute zwischen -» und einen folgenden Vokal 


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n geschoben wird; dabei bleibt es gleichgültig, ob -9 auf 
mild, -en oder -tu zurückgeht: » nqlte ntjrt eine alte Art 
(mhd. ein altiu art). So erhielten im Satzgefüge vokalisch 
anlautende Wörter nach -» ein n. Aus der Verallgemeine- 
rung der satzinlautenden Formen mit «-Anlaut erklären 
sich: nql» Ahle, nein» Grossvater (mhd. ene), näl a Grossmuttei- 
(Deminutiv zu ahd. uno), nann» Dem. nannel» Anna, nqssh 
Assel ; umgekehrt wurde nach dem Muster von etwa t qd»r» 
und a nqd»r» die Ader, eine Ader, aus der Fügung a nqt»r» 
mit stammhaft anlautendem « ein t Qt»r» entnommen (eine 
Natter, die Natter); qt»r» ist allein geltend. Doppelformen 
hat Nest: nöst und öst. Dass die heute allein gebrauchte 
Negation it nicht, Fortsetzung des mhd. iht ist, wie Wein- 
hold, S. 171 Anm. annimmt, ist fraglich, da wir keine 
Anhaltspunkte dafür haben, dass mhd. iht im Behauptungs- 
satze ohne en (ne) als verneinende Partikel gebraucht wurde. 
Das n schwand hier in derselben Weise, wie in qt»r», öH. 
ni/t nichts, hält sein n fest. 

Vereinzelt ist der Schwund des n in rouft Itanft (vgl. 
sompft sanft, f»mumpft Vernunft, k/impftig künftig), ebenso 
in irhsl» winseln, auch die Fortis ss bleibt hier unklar. 
Weite Verbreitung hat der Schwund des inlautenden n vor 
Spiranten im Alemannischen, s. Staub in Frommanns deutsch. 
Maa. 7, 18 ff. Auch im Bairischen ist inlautend n vor 
Konsonanten vielfach geschwunden; doch ist hier noch die 
Nasalierung vorhanden, Weinhold bair. Gr. § 166 b. 

Im Wortkörper wird jeder dem m, «, i] vorangehende 
Vokal mit geöffnetem Nasenzugange gesprochen. Als Zeit 
für den Eintritt der Nasalierung bestimmt Kauffmann, a. a. 0. 
S. 165, fürs Alemannisch-Schwäbische das 12. .Th. ; wie die 
Behandlung der nicht anlautenden Lenis n zeigt., steht Imst 
auf derselben Stufe mit dieser Dialektgruppe. In den Ur- 
kunden finden sich nur spärliche Schreibungen, welche auf 
Nasalierung sehliessen lassen: 1467 one ohne (mhd. One) 
(1448, 50 ane), 1472 an ohne, von da an immer, nur 1493 
an, 1472 getan getan, 1451 wontag (ob mundartlich? heute 
nultig *mcmtag). Im Pfarrarchiv: 1452 gethon, 1466 an, 1497 
mit nomen. Dass die Nasalierung schon früh eingetreten 


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97 


ist, lässt sicli aus der verschiedenen Behandlung der Vokale 
vor Nasalen schliessen. (Vgl. Vokalismus). Progressiv ist 
die Nasalierung in snuuts M. „Schnauze“ Schnurrbart, no'u 
noch, snouka Schnake, mw mehr (mhd. we), m> nie, ntiasla 
näseln (*mioslen). Unklar ist sie in kya'uts Kauz, tsaupl 
Schopf. Kamm (zu mhd. schoup), houka Haken. Isolierte 
Wandlungen des n in m liegen vor in möismar Mesner, 
perttsjj Pinsel, pimmassa Binse (mhd. bineg); Sievers, Phon. 4 
8 699. 

8 74. /. Es ist überall erhalten: laiha leihen, lomp 
Lamm, Iqatara Leiter, laut laut, half» helfen, halb halb, 
wild wild, hqls Hals, \>qlg Balg, mily Milch, wolk/a Wolke. 
kylqr klar, pftöiga pflegen, fing Flug, Slqaha Schlehe, glqt 
glatt, wolla Wolle, Still still, wqul Mehl, tqala teilen, plh\ 
Bühl, fougj, Vogel, sqtt] Sattel, Stqdl Stadel. Fortis II kann 
nur nach starktonigem kurzem Vokal stehen; etymologisches 
II ist nach schwachtonigein Vokale vereinfacht: alna allein, 
filaiyt vielleicht, lüffah Lötteichen (mhd. leffelltn). Vereinzelt, 
ist ii für l in kynuidl Knäuel (mhd. kliuwel). Die Konj. 
Prät. von sölfa, wolla sollen, wollen, haben immer tt für It: 
i sott, wött ich sollte, wollte, mar sötta, wötta wir sollten, 
wollten (Heusler, a. a. 0. S. 114). Selten ist pqll für pqld 
bald, gall für galt (mhd. gelte) gelt. 

3. DIB GUTTURALEN. 

g 75. Germ. k. Ihm entspricht im Anlaut vor Vokalen 
und vor l, r, n (w) die Aff'rikata ky ; ebenso in der Gemi- 
nation, gern), kk: kyqlb Kalb, kyqSta Kasten, kyqrwoyy a Char- 
woche, kyenna kennen, kyöigl Kegel, kyind Kind, kyopf Kopf, 
kyoid Kohle, N. kyoufja kaufen, kyumpf Holzgefäss für den 
Wetzstein (mhd. kumpf), kyail Keil, kyits N. Kitz, kyöifar 
Käfer, kyüs Käse, kyössl Kessel, kyittl Kittel, kylqa Klee, 
kylemma klemmen, kyliawa klieben, kylokya klopfen (ahd. 
clilocchön), kylua klein, kylufff Klöppel (mhd. kleffei), kyluky 
Riss (mhd. kluc), kylqaStar Kloster, kylöppa kleben, kylqftar 
Klafter, kyluag klug, fein, kyliipja klingen, Klinge, kylaupa 
klauben, kylötta Klette, kyneyt Knecht, kyiiouda Knöchel, 
kyitqp knapp, Knappe, kyiiia Knie, kynoyya Knochen, kynopf 

Schatz. Die Mundart von Imst. 7 


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Knopf, kynilla prügeln (mhd. knüllen), kyrnft Kraft, kyripp» 
Krippe, kyrump krumm, kyrouta Kröte, kyrotjky krank, 
hyraij 9 krähen, kyrumat Wachholder (mhd. kranewite), kyreps 
Krebs, kyrQbla kriechen, krabbeln, kyruig Krug, kyrqts » kratzen, 
kyraks» Traggestell (mhd. krehse), kyröil Krauel, Spat (ahd. 
*chrewil mit dem Vokal des ersten Umlautes, der des zweiten 
liegt vor in kyrala kratzen), kyrisy» kriechen, kywiara ächzen 
(""ahd. quivren), kyöky keck, kyitta Quitte, kyuökySilwar Queck- 
silber (vgl. § 63). 

Fremdwörter mit anlautendem ky (zum Teil schon früh 
entlehnt) : kyar&ta Kirsche (mhd. kerse), kyirwas Kürbis, 
kyqtcas Kohl (aus lat. cuput), kyontsl» Kanzel, kyqpp a Kappe, 
kyqppd» N. Kapelle, kyqrra Karren, kylQr klar, kyqrta Karte, 
kyeim Stubenkamin (ahd. chemi), kyanü Kamin, Rauchfang, 
kyanäl Kanal, kyaputs a Kaputze, kyapitt} Kapitel, kyqplou 
Kaplan, kyarukytar Charakter, kyandima Kanone, kyamill » 
Kamille, kytmarqt Kamerad, kyapitäl Kapital, kyapul kaput, 
kyasarm» Kaserne , kyamot bequem , kyalendar Kalender, 
kyadaStar Kataster, kyunta Konto, kyüfar Koffer, kyatoUiü 
katholisch, kyädar Cadre, kyamed a „Komödie“, lärmende 
Unterhaltung, kylaus Nikolaus, kylausa Klause u. a. m. 

Anlautende Tenuis k fehlt der Ma. als etymologischer 
Laut. Beachtenswert ist gitsala kitzeln (gitsl, güts | Kitzel). 
Die Grundform der germ. Wurzel muss tig- gewesen sein, 
die mit urgerm. Dehnung englisch als tickte erscheint ; unsere 
Mundart hat tsekya mit den Fingern stossen, um zu necken, 
(vgl. alem. zirkle Kluge, e. Wb. „Kitzel“). Durch Ver- 
tauschung der Konsonanten der urgerm. Form tig- entstand 
git-, das mit westgerm. /-Gemination [gittl) sich zu dem 
gltsal 3 der Ma. entwickelte. Die von Kluge, a. a. 0. auf- 
gestellte germ. Grundform kit, kut kann nach Ausweis der 
Imster Ma. nur sekundär sein. Das Verhältnis von gitsala 
zu „kitzeln“ ist genau dasselbe wie das von ‘Geiss’ zu ‘Kitz’ 
(Kluge, e. Wb. „Ziege“), grqaib M. Schustermesser (Lexer, 
mhd. Hwb. I 1042, Schmeller, b. W. I 1349), gtjikke knicken, 
knausern (vgl. engl, knife und to knicke). Wie sich in 
beiden giq und engl, kn verhält, ist nicht klar ; sollte gern. 
ga-hni- zu Grunde liegen? Vgl. Kluge, a. a. 0. kneipen. 


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glokk* F. Glocke, ist Lehnwort. In gompjsr Kampfer, golfar 
N. Koller, gimmsrl* Gurke (ital. cucummero), gütS» Kutsche, 
grqlla Koralle, graul* Kreide, entspricht das anlautende g 
einem k der fremden Sprache, das in dem entlehnten Worte 
sicher unaspiriert gesprochen wurde und mit dem allein 
herrschenden ^-Anlaut zusammenfiel. 

Im In- und Auslaut entspricht gern), k nach Vokalen 
und l, r die Spirans Fortis y: kyOyy) kochen, mqyy* machen, 
8QX Sache, Stöyy* stechen, siyy9r sicher, rqyy* Rachen, rqyyh 
schnarchen, röcheln, wqy wach, iroyy» Woche, $oyy»r Stroh- 
lmufen (zu 'Schock’), siy/Jd Sichel, tlqy flach, kstmayyig schmack- 
haft, schmeichelnd, Ableitung zu mhd. gesmach, Imst, klmoy 
Geschmack, payyl * Bächlein, Iny Loch, töyyßt Dechant (lat. 
decanus), proyy» gebrochen, kStriyy* gestrichen, ploy Block, 
pqyy* backen, tsöy Zecke, laiy Leiche, glaiy gleich, tcaiy» 
weichen, Slaiy * schleichen, taiyj Brunnenröhre (mhd. tiuchel), 
prauy» brauchen, plqay bleich, tcqay weich, ri»yd riechen, 
rouy» rauchen, si*y Geizhals, Nimmersatt, Iqay» (von den 
Gelenken, Augen) den Dienst versagen, tsqay* Zeichen, 
qny»ld N. Eichel , Spqay* Speiche , Spnayl Speichel , prqy» 
brachen, das Feld umbrechen, tsi»y» Zieche, Decke, Smaiyl » 
schmeicheln, pu*y» Buche, flioy* fluchen, farStauy * refl. sich 
(Hand, Fnss) verrenken (PBB. 18, 221), Stauy» Nonnen- 
schleier (mhd. stürhe), su»y* suchen u. a. Germ, rk ist als 
ry, lk als ly vertreten: piry» Birke, Snaryl» schnarchen, 
wiry * wirken, tcury * wirken, wary Werk, Werg, mqry Marke, 
mary * kennzeichnen , abgrenzen, Mqry stark, lary* Lerche 
(aus mhd. lerrhe, rk nach ags. lawerce), qry » Flussmauer 
(Lexer, mhd. Hwb. I 92), kyqly Kalk, mily Milch, maly* 
melken, wqly* walken. In kyiry » Kirche, lary M. Lärche, tswily 
Zwilch, kyöly Kelch, ist der Mittelvokal etymologisch be- 
rechtigt gewesen; diese y aus k sind zwischen Vokalen ent- 
wickelt. ln tirylkyöll » Sicbkelle, muss tiryl auf eine germ. 
Form ptirkil- zurückgeführt werden, das k (aus urgerm. gn) 
entspricht dem in got. Jtairkö Loch; ‘durch’ gehört zum 
selben Stamme. Wäre ry in tiryl auf germ. rh zurück- 
zuführen, so müsste man annehmen, dass h durch l geminiert 
worden sei. Aber Synkope des i in *purhil- ist ausge- 

7 * 


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100 


schlossen, da dieses * Umlaut bewirkte. Den Übergang von 
rh zu rk, den Wilmanns, deutsche Gramm. § 92, aufstellt, 
vermag ich aus der Imster Ma. nicht zu bestätigen. Wie 
die angeführten Beispiele von ry, l y zeigen, haben wir in 
den Iky, rky von polky» Balken, Fenster, teolky» Wolke, 
gwilky Gewölke (rnlid. gewülke), m'örky» merken, Ikk, rkk zu 
suchen (westgerm. balkn-, wolkn-, gawulkj-, murkj-); ky in 
folky Volk, kann nicht mundartlich entwickelt sein (ahd. 
folh), mqrkyt Markt, ist ein Lehnwort. 

Germ, nk ist heute ijky: poijky Bank, Üorßcy schlank, 
kyrotjky krank, doijky 3 danken, stroijky» schwanken, sirjkyB 
sinken, setjkyl Senkblei, detjky» Denken, weqky» wanken 
machen, Stitjky» stinken, trhjky» trinken, frogky frank, Sigky» 
Schenkel, äeqky» schenken, kylnijkyl » mit dem Glocken- 
schwengel anschlagen, muss mit mild, klenkeu auf germ. 
klank zurückgeführt werden, äreijky» schränken, tutjky» dünken, 
ttnjkyl dunkel, witjky } Winkel, ßijky Fink, liitjky» hinken, 
gletjkyig gelenkig. 

Germ, und westgerm. kk. Die Geminata kk zeigt sich 
als ky: truky » trocken, lukyo Lücke zu 'Loch’ ( *lukkja -), die 
bei Kluge, e. Wb. „Lücke“ erhobenen Bedenken gegen die 
Zusammenstellung von ‘Loch’ und ‘Lücke’ sind nicht stich- 
hältig; Schweiz, lugg ist eben vom Stamme lug (locker) ab- 
geleitet und hat dieselbe Bedeutung wie ahd. luccha, das, 
wie es scheint, dem Alemannischen verloren gieng. puky» 
bücken (zu ‘biegen’, urgerm. bugu- zu bukk-), tsuky» zucken, zu 
‘ziehen’, dukys ducken; Zusammenhang mit ‘tauchen’ ist mir 
wegen des anlautenden d nicht wahrscheinlich ; es wäre der 
einzige Fall in unserer Ma., dass anlautend t zu d ge- 
worden. Sriky» M. Schrecken (mhd. schricken), tuky M. Tücke 
(PBB. 18, 220), poky Bock, loky» locken, Locke, döky» decken, 
diky dick, sikyor» sickern (gut mundartlich), toöky» wecken, 
dröky Dreck, Spöky Speck, tsweky Zweck, tswikys zwicken, 
rökyd recken, ätöky » stecken, Stecken, kyöky keck, floky 
Fleck, floky» Bodendiele (Ableitung zu ‘dach’ *ßakkja-), pikyl 
Pickel, u'ikyld wickeln, daritiky » ersticken, ätikyj steil (Kluge, 
Nom. Stammbldgl. § 188), ruky» rücken (zu mhd. rogel, Imst. 
rougl locker, also urgerm. *rugn- zu *rukkj ), Smukynl» sich 




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101 


ansclimiegen (Paul PBB. 7, 133 A. 2 zu ‘schmiegen’), okypr 
Acker, trqky grosses Tier (westgerm. w-Gem., ahd. traccho), 
kyrikyp brechen, schadliaft machen (zu ‘krachen 1 ), hakx] 
Hautausschlag an den Händen zu ‘Hechel’, vgl. Heusler, der 
alem. Konson. v. Basel-St. S. 69, nqkypl nackt, hoky» sitzen, 
verschieden davon ist hukyprl» X. kleiner Heuhaufe, es ge- 
hört zu ‘hoch* (germ. *liauh-, *haug -, *huyn-), trikyp Wicke, 
plik blicken, Stuky Stück, luky N. Deckel (mhd. lue, Ab- 
leitung zu belucken), tsiiJ lukx » zudecken, Spekyp mit dem 
Finger fortschnellen, mit Spöihs verjagen, zusammenhängend 
und auf idg. spik- weisend (lat. spiculum?), germ. spegn- 
und speh-, lekx » lecken, Hekyn schlecken, plekx » blecken, 
hqk/» hacken, wqkytr wacker, ätoky Stock, ätriky Strick, 
Strökx » strecken, kStokyii» von Flüssigkeiten , dick werden 
(PBB. 18, 223), Smökyp schmecken, filukyp schlucken, $ikyp 
schicken, rokx Kock, prokyp Brocken, pflücken (zu ‘brechen’), 
pqkyp packen, tokyp M. hölzerner Auslass an einem Weiher, 
zu mhd. tocken versenken (zu ‘tauchen’), sokfl Socken, sqky 
Sack, sökxh Säckel, kxlokx * klopfen, ttekyp necken, gl'ökx N. 
Hofnamo bei Obtarrenz; ein /o-Neutr. zu ‘Lache’, *ga- 
lakjct- „der Hof bei den Lachen“, lak/p Lache, kxJökyp intrans. 
ausreichen (mhd. klecken). Nach langem Vokal haben wir 
ky nur in Iqakyl» anlocken, zu mhd. leichen, westgerm. *laikkj-, 
teakyiid Holzgefässe ins Wasser tauchen, um sie wasserdicht 
zu machen; es lässt sich am leichtesten zu ‘Teich’ stellen. 
( *daikkj -); der Flurname plgakpengl bei Obtarrenz ist 1477 
urkdl. als Plaeck-Anger verzeichnet, man vergleiche dazu 
die Verweise im § 52. 

Die Vertretung des germanischen k durch ky im An- 
laut, nach n und in der Gemination erstreckt sich über das 
ganze bairisch -österreichische Westtirol (Oberinntal und 
Etschtal). Die Ostgrenzen vermag ich derzeit nicht an- 
zugeben. Dass wir hier eine Stufe der lid. Lautverschie- 
bung vorliegen haben, ist ohne weiteres klar. Die zahl- 
reichen Fremdwörter mit anlautendem ky beweisen , dass 
die Ma. die Affrikata seit den frühesten Zeiten besessen 
hat. Gegenüber den Angaben bei Behaghel, Pauls Grdr. I 591, 
welcher die Attrikata nur einem beschränkten Teile des 


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102 


Alemannischen zuschreibt, muss das Vorhandensein der Affri- 
kata auf bairischem Boden nachdrücklich betont werden. 
Vgl. Jellinek, Zs. f. d. A. 36, 77 ff. Wilmanns, deutsche 
Gramm. S. 29, hat seine Darstellung der Verbreitung von 
A^nach Behaghel gemacht, 'obwohl er den genannten Aufsatz 
Jellineks kannte (vgl. Deutsche Gr. S. 57 § 70). 

Als g erscheint germ. k heute in dem nebentonigen 
-ig, das der Ableitung mhd. -Liehe entspricht: frailig freilich, 
hauslig häuslich, sparsam, iiMig schonend ( *schdnlich ) ; ferner 
in den enklitisch gebrauchten mig, dig, sig mich, dich, sich, 
in hochtoniger Stellung ist hier ch geschwunden, ml, di (*f); 
weiters in k/nouflig Knoblauch, ünittlig Schnittlauch, lailig 
Leintuch (mhd. linlachen), rätig Rettich. In den Urkunden 
und selbst noch in den Ratsprotokollen des 17. Jhs. wird das 
etymologische / immer als ch geschrieben und von g (Suffix 
mhd. ec) getrennt gehalten. Die Ma. des Otztals hat die 
alten / >'i nebentonigen Silben bewahrt. Der Übergang zu 
g ist also sehr jung und wohl durch Angleichung an das 
Suffix ig (ahd. ig, ag, ug) bewerkstelligt worden. An phone- 
tischen Ursprung kann kaum gedacht werden. Für die An- 
nahme, dass rein analogischer Übergang des Suffixes -ich 
zu ig vorliegt, spricht der Umstand, dass diese neuen g 
durchaus fest sind (im Gegensatz zu schweizerischen Maa., 
vgl. Heusler, a. a. 0. S. 58). Im Stanzertal ist neben- 
toniges g im Auslaut geschwunden; Imst: frailig freilich, 
rätig Rettich, * Stanzertal : fraili, räti aber auch: tsaiti, 
zeitig , Iqssmi lass mich, für tsaitig, Iqssmig der ‘Imster’ Ma. 

A n ra. Die Namen der Hochalpen ‘Grubig, Plötzig, Plattig’, nord- 
weatl. (5 Stdn.) von Imst (gruMcig, plötsig, plqttig ) werden im 17. Jh. 
als Gruebach, PlBtzaeh, Vlattach geschrieben; es liegt da» Suffix ahd. 
-all vor, Kluge, Nom. Stammbldl. § 67, 202. Ihr -y (gleich germ. y) ist 
in derselben Weise behandelt worden wie das nobentonige y aus 
germ. k. 

§ 76. Germ. g. Die regelmässige Entsprechung ist g: 
gcard gerne, galt Geld, gift Gift, guet Gut, goß Gast, glouw » 
Glauben, glonts Glanz, glqs Glas, gliky Glück, grqas gross, 
graiffe greifen, grünt Grund, grqt Grat, gqu»g genug, gmul) 
Gemeinde (ahd. gimeini), grQd gerade, grqast gereist, trog» 


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103 


tragen, fluigs Fliege, U»<ß lügen, parg Berg, folg» folgen, 
troug Trog, slgg Schlag, kylqg Klage, stöig Steg, tcöig Weg, 
tswaig Zweig, tsüg Zug. 

Schwund des g oder vielmehr Vokalisierung (vgl. die 
zutreffende Darstellung bei Heusler a. a. 0., S. 67 u. f.) 
zeigen: mqastar Meister, troad Getreide, wie qa aus agi 
zeigt, sehr alte Zusarnmenziehungen ; später sind: tröist, 
tröit trägst, trägt, söist, söit sagst, sagt, löist, löit legst, legt, 
ksöit gesagt, glöit gelegt, selten jiiist , jöit, gjöit neben jqkst, 
jqkt , gjqkt jagst, jagt, gejagt, luist, lait liegst, liegt (mild. 
Hst, Itt), madla Mädchen (Dem. zu ahd. magad *magadelln) 
mit dem Vokal des spätem Umlauts. 

Statt des zu erwartenden g im Auslaut haben folgende 
Wörter ky'. » wüky weg! (mhd. etiwec), purkymqd Bergmahd, 
park/mqastsr Bergmeister (Aufseher über die Alpen), park %- 
nytsr Bergrichter (des einstigen Bergbaus), (pqarkywqarys- 
k/opf wird im Westen von Inist eine Spitze genannt „Berg- 
werkskopf“), dagegen parg Berg, loijkywailig langweilig, 
leiik/lig länglich, loqkywfd die hintere Stange am Wagen 
(vgl. Frominanns D. Maa. 3, 299) qrkyuou Argwohn. Es 
sind isolierte Formen (ivbig Weg, parg Berg, loipj lang, qrg 
arg); ihre Affrikata kann kaum anders erklärt werden, als 
dass einst in einer frühem Sprachperiode die auslautenden 
g nicht als einfache Verschlusslenes gesprochen wurden. 
(Vgl. Jellinek, PBB. 15, 268 ff, Braune ahd. Gr. § 149, 5, 
Jellinek, Zs. f. d. A. 36. 77 ff). Eine Media affrikata, welche 
Jellinek annimmt, scheint mir phonetisch nicht möglich, 
da bair. g sicher stimmlos war. Sollte bairisch auslautendes 
g als Media aspirata gesprochen worden sein? Der Wandel 
zur Affrikata würde sich dann auf eine Stufe stellen mit 
dem von anlautendem gh zu k/ : wo im Wortanlaut die 
synkopierte Partikel ge, g mit h zusammentrifft, wird Affri- 
kata ky gesprochen: kyilb (mhd. gehilwe bewölkt) mild (vom 
Wetter), kyaij» umwerfen (mhd. gehlen), kyqar» gehören, 
kyqlts behalten (gehalten), kyais Gehäuse. Dagegen könnte 
man nicht einwenden, dass die Vorsilbe ge bei Schwund 
des Vokals zur Fortis k geworden sei (wie tatsächlich in 
schweizerischen Mundarten, Heusler, a. a. 0. S. 3 A. 1), 


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104 


dass also diese anlautenden ky aus kh entstanden seien. 
Unsere Ma. (das Bairische überhaupt?) hat für die Vorsilbe 
ge überall, wo der Vokal geschwunden ist, Lenis <j, na- 
türlich vor Stimmhaften. Dass ky für auslautend y nur in 
so wenigen Wörtern erhalten ist, erklärt sich, wenn man 
bedenkt, dass die obigen Wörter und Zusammensetzungen 
isoliert sind; den übrigen Wörtern standen Formen zur 
Seite, in welchen g den Anlaut der Flexionssilbe bildete. 
(Also etwa N. S. ztvik y, G. ewiges, Imp. Sgl. Irak/, Plur. 
traget). Die Ausgleichung geschah überall zu Gunsten des g. 
In den Urkunden finden sich die Doppelkomposita der Adj. 
-iglich häufig mit gk, ck, ckh geschrieben, 1450 münnigklich, 
1435 g iftiy bleichen, 1477 ewicklich. Ferner junckfratv, jungk- 
frair, jtmckhfrau im 15. Jh. — Die ersten Batsprotokolle 
(von 1611 an) schreiben gerne hinwögkh , perkhrichter, perckh- 
maister. 

mqry N. Mark, lautet im Ahd. marg. Mhd. ist in bair. 
Denkmälern eine Form march belegt (Lexer, mhd. Hwb.). 
Vielleicht ist ry hier auf folgende Weise zu erklären. Das 
Nebeneinander von marg, marges erscheint im Bairischen 
als marky, marges. Nun kann ganz wohl eine Ausgleichung 
in der Weise erfolgt sein, dass das auslautende ky in den 
Inlaut drang : markyes ; das so entstandene marky, markyes 
stellte sich bezüglich der inlautenden Form rky mit G. starches 
(d. h. sturkyes, vgl. Braune, ahd. Gr. § 144, 5) auf eine Linie. 
Dem starches mit inlautendem rky stand auslautend rh, stark 
aus starah zur Seite. Wie starkyes zu stark bildete sich 
markyes zu marh ; mury wurde allein geltend. Es ist eine 
gewundene Erklärung, wie ich zugebe, aber unmöglich ist 
diese Umbildung nicht. Eine Stütze dafür kann das Lehn- 
wort pstsiry Bezirk, bieten. Es ist in ahd. Zeit nach der 
Lautverschiebung entlehnt (ei zu tat) ; re muss als rkh ge- 
sprochen worden sein nicht als rk ohne Hauch, kh trat in 
unserer Ma., welche keine (reine) Tenuis Aspirata kannte, 
mit ky zusammen. Wie starches zu stark bildete man zirkyes, 
zirky (zirkhes, zirkh) zu tsirkyes, tsiry um. 

Westgerm. gg. Die Entsprechung ist Fortis k (Genii- 
nata kl)-, mukk<> Mücke, rukks Kücken, tsruk zurück, prnkk » 


S 


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105 


Brücke, luk locker (nilid. lücke), öle N. Ecke, Ökk» eggen, 
Egge, * rokk» Weck, löbh Holz aufschichten, fikk» sich die 
Haut wundreiben (zu ‘fegen’), gijak Genick, das lautliche 
Verhältnis zu ahd. ttacrh ist nicht klar, pfpakks dickes, 
schwer atmendes Weih (zu pfnlh» schwer atmen, Schmeller, 
b. Wb. I 451), pukkj, Buckel (westgerm. gg, Kauffmann, 
a. a. O. S. 197, setzt fälschlich urgertn. gg also germ. kk 
an, es gehört zu püg) biegen vgl. puky»), tsikkl» aus dem 
Ziehbrunnen ( tsikklprunn ») Wasser schöpfen (zu ‘ziehen’ *zng-), 
stukkU schlürfend trinken, zu saugen’, Hak kl Eisenspitze am 
Bergstock (PBB. 18, 224), lakk] nachlässiger Kerl, möglicher 
Weise zu löb lau (Kauffmann, a. a. 0. S. 197), gicqkkh 
wackeln, tcqkks Bachstein, Wagge (Kluge, e. Wb. 5 393) 
tsqkkl» Troddel, Quaste (zu zagel), snök M. Schnecke, rokk» 
lioggen, pokk» Backen, eine Form mit ky, ahd. baccho ent- 
sprechend, fehlt, pqkk 3 setzt Haggo- voraus, also westgerm. 
*bagn-, es ist mit mlid. buog Schenkel, zu verbinden, dessen 
idg. Form bhügh- ist. Die Schwundstufe dazu, bhagh-, ent- 
wickelte sich im Germ, zu bag-; idg. bhügh- verhält sich zu 
bhagh- wie mägh- zu m»gh- (Streitberg, urgerm. Gramm. 
S. 44). sprekkl » sprenkeln (Kluge, e. W. s. v.), grqkka dürre 
Zweige (vgl. Schöpf, tir. Id. S. 205, 207) Schweiz, grageln, 
rigöre PBB. 14, 461, ßokk» flackern (zu ahd . ßagarön), tsökkH 
scheckig (ein Lehnwort? Kluge, e. Wb.), fsrmvkkl » ver- 
heimlichen, weist mit fsrma'ukl» dass, auf eine germ. Form 
*müg, die als Nebenform zu muk zu betrachten ist (Kluge, 
e. Wb. unter „meucheln“), gukk » gucken (bei Kauffmann 
fälschlich mit germ. kk angeführt a. a. 0.), nqaks beugen 
(hnaigjan), goukls herumfuchteln, gaukeln, hm kl heikel (auf 
westgerm. gg iin Gegensatz zu Schweiz, heikyel Kluge, e. W. 
s. v., weisend) , stiouk 9 Schnake (bei Kauffmann, a. a. O. 
fälschlich als mit westgerm. kk), houlc » Haken, tm&k» Zacken 
mit sekundärer Nasalierung (vgl. Kluge, e. Wb. „Zweig“), 
tsükls schielen, zu mbd. schier, tsigksls nach Brand riechen, 
zu ‘sengen’, stoß:» F. Staijkdr M. Stange, Pfahl (zu ‘Stange’), 
rorßes zerren (mhd. ranken), rnijkl» sich balgen, ranker un- 
artige Kinder, po>jk»r dass, zu mhd. bangen stossen, tsoiße» 
zanken, zerren („zanken“ ?), slaßl Schlingel, sletjkls schlenkern, 


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— 106 — 

pugk» stossen, schlagen, punk»r » klopfen, lärmen, pigk] durch 
Stoss, Schlag entstandene Geschwulst (alle drei zu mhd. 
bunge), fletjk» Fetzen, Zipfel (Heusler, a. a. 0. S. 67), link 
link, teijk link, glatjkh baumeln (zu 'lang’), ilitjk» Schling- 
pflanze, in irk mürbe (;'o-Adj. zu mhd. murc), tsark» mit den 
Schuhen den Boden streifen (vgl. ahd. scurgan bei Scluneller, 
b. Wb. II 467), slqrkd geht auf dorken zurück, Oberinntal 
slqarki schlechte Schuhe, zu schlurken bei Schmeller, b. 
Wb. II 533. 

S 77. Germ. y. Es ist regelmässig erhalten und zwar 
als h im Wort- und Silbenanlaut, als y vor stimmlosen Kon- 
sonanten und im Auslaut. Nur in den anlautenden Ver- 
bindungen hl, lir, hte, hn ist h geschwunden wie schon im 
Ahd. (loiijf.) laufen, riipj Hing, wqgr wer, nqpf Napf), komm» 
Schenkel (ahd. humma), haus Haus, höiw» heben, hqr Haar, 
ItiiaU heilen, halffd helfen, hint» hinten, holts Holz, söih» 
sehen, öih»r Ähre (ahd. ehir), tsäh»r Zähre, früh» Truhe, 
plqh» Blähe, fix \'ieh, filiis viehisch, icaih» weihen, laih » 
leihen, saih» seihen, tslh» geziehen, t$i*h» ziehen, flizh» fliehen, 
itiih-i scheuen, suiy scheu, pihl Bühl, stähl Stahl, pailtl Beil 
(mhd. hihel) lenk» als Ortsname „Lehen“, silh» schielen (mhd. 
schUhen), p»folhd befohlen (mhd. bevolhen), fqrhi Föhre (ahd. 
voraha), u <1/ stolz, a wähsr ein stolzer (germ. weh-), dazu 
sicher wiiy üppig wachsend (mhd. *wüehe germ. *wöhi-, aus 
idg. wök, wak ?), tsüy zähe, gäy jäh, si»y unschön, fury Furche 
(ahd. furiih). Dem organischen Wechsel von auslautendem y 
mit inlautendem h steht und stand eine Vertretung mit 
auslautendem / (in langer Silbe) und inlautendem y (gleich 
germ. Ä-) gegenüber. Die auslautenden y sind heute in beiden 
Fällen dieselben (Halbfortis). Daraus ergibt sich die Er- 
klärung, dass einige Wörter, deren auslautendes y gleich 
germ. k ist, heute in den inlautenden Formen li aufweisen. 
putiy, pauhig Bauch, bauchig, </a pauhausnaid» den Bauch 
aufschneiden, püiy Pech, ftrpöih » mit Pech verkleben, plöiy 
Blech, plöih»rn»r blechener, inily Milch, inilhig milchig, aber 
maly) melken, kyqly Kalk, kyolhig kalkig, ksmQy Geschmack 
(Geruch), Dem. k&nuihb feiner Duft; so auch in allen, in 
welchen kurzer Vokal vor auslautender Fortis y (aus k 




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107 


s. § 80) gedehnt wurde. Umgekehrt ist auslautend y * n 
den Inlaut gedrungen in tmar y, a tswarya hont eine quere 
Hand (seltener a tswarh»). Vielfach ist im Bairischen in- 
lautendes h durch y vertreten, z. B. im Zillertal; wie weit 
der Wechsel von -y und -h-, wie ihn die Imster Ma. auf- 
weist, nach Osten reicht, bleibt noch festzustellen. West- 
germ. Dehnung des h liegt vor in Iqyya lachen, kyti»ya 
Schlittenkufe (PBB. 12, 524), tsöyy» zechen, kaum in Qy 
Ache, Qy»tql Achental (got . a/iru); eher ist hier Verdrängung 
des inlautenden -h- durch das -y des Auslauts anzunehmen. 

Altes h: s wurde zu kn: drakslar Drechsler, toqksa wachsen, 
wqks Wachs, wiksa wichsen, oks Ochse, fuks Fuchs, daiksh 
Deichsel, piksa Büchse, luiksg M. Leuchse, aks Achse, söks 
6, haksd Fuss (mhd. hehse), höiradaks eine eigene Umformung 
des mhd. egedehse; frühe Synkope zeigt nahst Sup. der nächste 
in der Folge, aber nähyst, nähmst der nächste, hökstns höchstens, 
ist auffallend, da Ö durch qa vertreten sein sollte, siks 
siehst, neben styst. Schwund des li liegt vor in gäliga plötz- 
lich einmal, mhd. gcehdlchen , tvairouy Weihrauch (mhd. 
wilirouch), trdinayt Weihnacht (mhd. uihenehte), tselno, tsei 
zehn, neben tsöilnw, tsöiha (hier ist der Schwund des h nicht 
identisch mit dem in ahd. zen vorliegenden; zen hätte zu tsü 
werden müssen). Die drei ersteren standen nicht mehr im 
Zusammenhang mit gtehe, uth - ; hl, hr, hn wurden wie im Ahd. 
im Wortanlaut zu l, r, n. Die untrennbare Verbalpartikel dar 
ist aus schwachtonigem durch entstanden (= nhd. er-, zer-, 
ent) § 58. Schwachtonigkeit ist auch Ursache des Schwundes 
in it nicht, nou noch ; ebenso ist der Schwund des h (y) 
gleich germ. k zu beurteilen in ou auch (mhd. ouch), glai 
Adv. gleich (mhd. gelich). Vgl. nqrrst närrisch (mhd. narreht), 
rqatlayt neben rqatalat rötlich, mtsayt einzeln. 

§ 78. Germ. ng. Es ist zu ijtj geworden : shpja singen, 
hegt ja hängen, \sloijija Schlange, tswoijij Zwapg, riijq Bing, 
sprutjtj Sprung, hiniyar Hunger. Altes gn erscheint als tjtj, 
also mit Artikulationsausgleichung in: aijya Baumnadeln 
(mhd. agene ), oyy.incas Agnes, motjtj Magnus; Vgl. noch 
potjijsrt Baumgarten, huatjart Heimgarten. In diesen wurde 
das auslautende w des ersten Kompositionsteiles zuerst nach 


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108 


dem Gesetze zu n, dann vor g zu n, poumgarto zu poungarte 
zu poyyart — Urkdl. 1455 pongartii. 

§ 79. Germ. j. Es ist anlautend erhalten: jQr Jahr, 
j ii g jung, jügH Jugend, jo'umar Jammer, j Amara jammern, 
j'}g.i jagen, jnyj Jagd, jütska jauchzen, jäh Dem. zu dem 
seltenen jou kleiner Fleck Acker (Kluge e. W. S. 178), 
jötta jäten. Über den Schwund des j in o'umar (ahd. dtnar) 
Gier, Sucht und ethtjlb (mhd. enhalp ) vgl. Sievers PBB. 18, 
407 f., Streitberg urg. Gr. S. 60, Hoffmann-Krayer, Kuhns 
Zeitschrift 34, 144 ff. Über die heute zwischen Vokalen 
stehenden inlautenden j vgl. § 10. Darnach stehen neben 
den Formen mit j solche ohne j. j muss stehen nach den 
Diphthongen, deren zweiter Bestandteil » ist, also nach ai, 
ui. saija seien, ruija reuen. Hier ist eine Aussprache saia, 
ruh ausgeschlossen. Als g ist j erhalten in tilga Ottilie 
(tifjt j, gilg» Lilie (mhd. gilgtt ), sorg Scherge (ahd. scerio), 
loücerga Latwerge (mhd. latwerje). 

Anm. Auf j geht das /.• in mötzka zurück (mhd. metzjen). Wie 
die k in Uftska (mhd. lefse) Lippe, saiftsk ) seufzen, dtlyUka ächzen, jütska 
jauchzen, zu erklären sind, steht dahin. (Tgl. Winteler, PBB. 14, 455 f.). 
plintska ist aus blinkazzen blinzen, entstanden, eine ähnliche Metathese 
mag vorliegen in suttks (Beitr. 14, 461), grutek ) vom Knarren der Schuhe 
(B. 14. 461) (grügla murren) grugatzen ? stqtska stottern, q geht auf o 
zurück, vielleicht stakatzen, stak zu ‘stecken’ u. a. 

Auf Erhaltung des j weisen die s in pläsa F. Schale 
der Hülsenfrüchte (Erbse, Bohne. Fisole) *bläsja zu 'blasen’, 
roiSa Reuse, *rfisja (Kluge e. Wb.), sj wurde zu sk (sg) 
dieses zu 5?') Im Gegensatz zum Nhd. und vielen deutschen 
Maa. ist der Diphthong mhd. ie als ia erhalten in: an tader ein 
jeder, dar iad jeder, iets jetzt (mhd. ieze). Für Georg ist 
im allgemeinen jörg im Gebrauch; vgl. honserg Hansjörg. 
Das lateinische 'Ingenuin’ erscheint als jennawal und gennarla\ 
geschrieben wird es als Schreibname ‘Jennewein’ und Genne- 
wein’. 


') niafo F. Schimpfwort für 'Geeicht, Antlitz’, kann in dieser Weise 
als germ. nösj- F. erklärt werden ; idg. nae-, vgl. § 56, also gleich ‘Nase*. 


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109 


D. ÄNDERUNGEN IN DER QUANTITÄT. 

1. DEHNUNG KURZER VOKALE. 

Vor stimmlosen Konsonsanten. 

§ 80. Kurzer Vokal in offener Silbe wurde gedehnt. 
Silbenauslautend waren kurze Vokale vor den intervoka- 
lischen Lenes b, d, <j, f, s, h. grpu® Graben, löitca leben, 
plitcs geblieben, ouwa oben, hqfd Hafen, höifomim Hebamme, 
riifa Eiterkruste (ahd. hrufa), houfslig schonend, achtsam 
(mhd. hovelich), sqd& schaden, röid;> reden, löidiy ledig, kiids 
geschieden, poud» Boden, posa Base, tvgsa Rasen, wisa Wiese, 
löm lesen, hous » Hose, trqga tragen, jqgv jagen, s'gga sagen, 
migfi Magen, ltg» liegen, tätig» gestiegen, wöig» wegen, 
kfioug » geflogen, poug» Bogen, truha Truhe, söih» sehen, 
öihar Ähre, tsahar Zähre, tsouh » gezogen, kfiouha geflohen. 

Vor auslautender Lenis ist ebenfalls durchwegs die 
Dehnung eingetreten. -5 tqb Stab, oub ob, iüb Schub, trlb 
Trieb, slb Sieb, houf Hof, rqd Bad, glqs Glas, groß Gras, 
inons Moos, ti\g Tag, slqg Schlag, teöig Weg, Stöig Steg. 
troug Trog, püg Bug, tsüg Zug. 

Vor den Fortes p (westg. bb), t (wg. dd), k ( gg ), ff 
(wg. p), 88 (zz aus t), / (aus k) ist im Inlaut die Kürze 
immer erhalten geblieben, ebenso vor ky, pf, ft, st, ht, 
i: rnppa Baben, wött» wetten, ninkk» Mücke, hoff» hoffen, 
öss» essen, mqyy» machen, Iqyya lachen, döky» decken, gipß 
Gipfel, kyröftig, kräftig, rqit» rasten, trqyt» trachten, tvisS» 
wischen. Das Gleiche gilt für die Formen, in welchen 
diese Konsonanten auslautend sind. 

Doch bilden hier eine Beihe von Wörtern mit kurzem 
Vokal und auslautender Spirans Fortis (ahd.) eine Aus- 
nahme, indem in ihnen der kurze Vokal gedehnt wurde, 
der auslautende Spirant zur Halbfortis geschwächt erscheint, 
die im Satzinlaut vor Vokalen als Lenis auftritt. grif 
Griff, illf Schliff, pfif Pfiff, stuf Schluff, Söif Schiff (mhd. 
schef), pts Biss, ksTs (mhd. geschiz) lat. nuces, rls Biss, süs 
Schuss, slüs Schluss, fordrüs Verdruss, gr/ns Genuss, kslous 
Schloss, ksous Geschoss, Sprössling, gwls gewiss, (mhd. ge- 


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— 110 - 

tris), döis das, irfis als satzauslautende Frage, was? im 
Innern oft nocli trqss zumal vor Konsonanten, stiy, Stich, 
prii /, Bruch, grüy, Geruch, kimiqy Geschmack, Geruch (mhd. 
(j ie$mach), pöiy Pech, plöiy Blech, striy Strich, sliy Schlich, 
Sprüy Spruch, kyouy Koch, löiy Lech, aber lötyj, pöy Bach 
in *tarl&pQx Starkenbach, Weiler 2 Stn. westl. von Imst, 
pqlm9piiy Flurname bei Imst, Palmenbach, sonst immer 
poy mit Kürze. 

Aus der Tatsache, dass Wörter von der Form kurzer 
Vokal + inlautender Spirans Fortis nie Dehnung haben, er- 
gibt sich von selbst, dass die Dehnung eines kurzen Vokals 
vor auslautender Spirans Fortis nicht durch die inlautenden 
Formen verursacht sein kann, wie man allenfalls für aus- 
lautende Lenis annehmen könnte und für die Schriftsprache 
auch anzunehmen hat (Wilmanns, deutsche Gramm. § 245). 
In der Imster Ma. haben sich die gedehnten Formen über 
Sing, und Plur. verallgemeinert. Der Wechsel von kurzem 
und langem Vokal innerhalb der Flexion desselben Wortes 
kommt nicht mehr vor. Mit dieser Dehnung vor aus- 
lautender Spirans Fortis steht unsere Ma. nicht vereinzelt 
da; das Alemannische kennt sie (vgl. Heusler a. a. 0. 22 A.) 
und im Bairischen ist sie ltegel. Hier haben alle Wörter 
mit kurzem Vokale und (im Mhd.) auslautender stimmloser 
Konsonanz die Dehnung erfahren (Weinhold, bair. Gr. §§ 7. 
36, 48, 51, 55, 61 u. ö.). Dass die Dehnung heute nicht 
überall durchgedrungen ist, erklärt sich durch den Einfluss 
der inlautenden Formen, denen gesetzlich die Kürze zu- 
kommt. Vielfach hat das Bair. noch das Nebeneinander 
von gedehnten, ursprünglich auslautenden und kurzen, ur- 
sprünglich inlautenden Formen bewahrt (Schmeller Maa. 
Bai. S. 160, § 691). 

Aus dieser Tatsache geht deutlich hervor, dass seiner- 
zeit kurzer Vokal mit auslautender Konsonanz (Fortis) anders 
gesprochen wurde als mit inlautender Konsonanz. Für den 
letzteren Fall, wenn Fortis Konsonanz auf den kurzen Vokal 
folgte, ist es sicher, dass der kurze Vokal den stark ge- 
schnittenen Silbenaccent hatte. Man vgl. z. B. nur die 
Entwicklung des germ. einfachen inlautenden p, t, k zur 


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111 


Geminata Jf, zz, //. Die Vorstufe für die Dehnung der 
auslautenden Form kann nur eine Aussprache des Vokals 
unter schwach geschnittenem Accente gewesen sein. Wörter 
mit kurzem Vokale und auslautender Lenis können nur 
unter schwach geschnittenem Accente gesprochen worden 
sein; wäre der Vokal scharf geschnitten gewesen, so hätte 
nach dem Silbenaccentgesetze (Sievers Phon. S. 206) die 
Lenis zur Fortis werden müssen. Das mhd. Auslautgesetz 
kann nicht durch das Silbenaccentgesetz erklärt werden, 
weil die Schreibung p, t, c für h, d, y ebenso nach langem Vo- 
kale und l, r, m, n, (y) auftritt wie nach kurzem. Ich sehe 
für die Erklärung dieser Dehnung keine andere Möglichkeit, 
als dass die auslautenden Formen den schwach geschnittenen 
Vokal hatten, die inlautenden den starkgeschnittenen. 
So war z. B. von yrlf Vorstufe der Dehnung gr\f mit 
schwach geschnittenem Vokale, im Inlaut war er stark 
geschnitten; griffe ; fürs Bairische im Ganzen vgl. z. B. 
köbf Plur. kepf (Schmeller a. a. 0.) aus köpf, PI. köpfe. 
Dass dieses Gesetz, Dehnung des Vokals einsilbiger Wörter, 
nur im Satzauslaut (vor Pause) eingetreten ist, leuchtet 
ein; denn die inlautenden Formen des Wortes sind konform 
der Inlautstellung im Satzgefüge (vgl. dazu die Dehnung 
im Schwäbischen, Kauffmann, a. a. 0. § 127 ff.). 

Dehnung vor t gleich einfachem d: pöit» beten, pöitl» 
betteln, g»pöit Gebet, pröit Brett, uQte waten, kylqt» Klaue, 
(mhd. klate), kylatld klettern (zum vorigen), kyrovtd Kröte, 
fgpir Vater, güt»r Gatter, stöitig widerspenstig (mhd. stetic), 
sllt3 Schlitten, pout Bote, plt Zuwarten (mhd. bife), töit ‘Göth’, 
tout» Patin (mhd. tote), ksout geschnittenes Heu, das gebrüht 
wird (zu ‘sieden’ *gisot). Dass das t in den inlautenden 
Formen zur Zeit der Dehnung und früher Anlaut der schwach- 
tonigen Silbe war, kann nicht bezweifelt werden, also ahd. 
be-tön , kro-ta, va-ter-, demnach hatte der Stammvokal 
schwachgeschnittenen Accent, die Dehnung vor t ist also 
identisch mit der vor den inlautenden Lenes : Kurzer Vokal 
in offener Silbe wird gedehnt. Dass die Wörter mit aus- 
lautendem t die Dehnung aus dem Inlaut überkommen haben, 
ergibt sich aus den zahlreichon Beispielen, in denen aus- 


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112 


lautende Kürze in den Inlaut übertragen wurde, got Gott, 
mit mit, srit Schritt, trit Tritt, snit Schnitt, .tut M. ein- 
maliges Sieden, glqt. glatt, plqt Blatt, sqt satt, stqt Stadt, 
Daraus erhellt auch, dass die Ma. vor auslautender 
Verschlussfortis den Vokal nicht dehnte; in einer 
solchen Silbe wurde also der (oben für alle einsilbigen 
Wörter angesetzte) schwachgeschnittene Accent durch den 
starkgeschnittenen ersetzt und zwar gesetzmässig, wie sowohl 
die Überzahl der Beispiele mit auslautender Fortis t und 
aller mit auslautender Affrikata erweisen; anzusetzendes 
str)ky erscheint in der Imster Ma. als striky, im grössten 
Teile des Bairischen aber als strik; ebenso Inist: mit, srit, 
spit.t, kyopf mit Kürze, östlich mit Länge, mit, srit, spits, 
k/oitpf. Wie sich die Erhaltung der Kürze in Snitt» (ahd. 
snita) Schnitte, sitt» (mhd. site) Sitte, erklären lässt, steht 
dahin. Letzteres kann unter schriftsprachlichem Einflüsse 
stehen, denn für das nhd. Sitte ist meist prauy verwendet. 
Das erstere ist ein schw. Fern.; möglich, dass die Flexions- 
endung des einen oder anderen Kasus seinerzeit so beschaffen 
war, dass ein n auf t folgte, wodurch dieses in den Silben- 
auslaut zu stehen kam. Die Erhaltung der Kürze in fött»r 
Vetter, kyöttn» Kette, kyuttl» Kuteln, hqttl» Ziege (mhd. hatte), 
spqttl» kleine Schaufel des Malers (mhd. spatle) ferner in 
gritt», glitt», kst ritt», ksnitt», ksott» geritten, gelitten, ge- 
stritten, geschnitten, gesotten, muss in der Weise erklärt 
werden, dass neben Formen, in welchen t die Folgesilbe 
anlautete, solche bei welchen eine Silbentrennung t-r, t-n, 
t-l getroffen wurde, Bestand hatten. Diese verdrängten die 
andern, denen Dehnung hätte zukommen müssen. Für pitt» 
(schw.) bitten, muss ahd. bitten gefordert werden, trött» 
treten (nur schw r .) hat ein ahd. Fakt, tretten ; demnach sind 
wohl auch für jött» jäten, kyn'ött» kneten (beide schw.), Fakti- 
tive Ursache der tt. Vor ts gleich westgerm. tt hat Dehnung: 
leyrits Kritz, gits»l » kitzeln, smiits Schmutz, kylouts» Klotz, 
pits» Pfütze ; aus den Gesetzen der Ma. lässt sie sich nicht 
erklären; sie müssen die Dehnung fremdem Einflüsse ver- 
danken. smarouts» schmarotzen, ist ein Lehnwort (Kluge, 
e. Wb. S. 329). Unklar ist die lautliche Entwicklung von 


\ 


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113 


spijts Spatz, stftlss Stutzen, kürzen (PBB. 14, 465), touts» 
Kreisel, Klotz, kleiner Mensch (zu mild, takten H), kyratsk » 
Traggestell (auf dem Rücken getragen) zu mhd. kr eite, 
smöits»b schmunzeln, zu mhd. »motzen (vgl. Kluge, e. Wb. 
schmunzeln). 


Vor stimmhaften Lauten. 

§ 81. Vor den inlautenden Fortes ll, mm, nn (yy) ist 
die Kürze des Vokals durehgehends erhalten: falls fallen, 
tcölb wollen, tsilh Zülle, dilb Dachboden (mhd. dille), salb 
Schelle, qlh alle, stemm s stemmen, stoimms schwimmen, 
grimmo Bauchgrimmen, voonno Wanne, tinns Stirne (mhd. 
tinne), henns Henne, sinnig sinnig. Auch wo im Auslaut 
etymologische Fortis stand, ist die Kürze erhalten : fqll, Fall 
stqll Stall, hall hell, inall schnell, foll voll, Stamm Stamm, 
tumm dumm, sinn Sinn, i k/onn ich kann. Dehnung zeigen 
tnou Mann (ahd. man, mannes), Flur, mandsr, Dem. mandb, 
fqal Fell; es hat qa auch im Inlaut: Flur, fqalsr. In beiden 
muss die Dehnung von den einsilbigen Formen ausgegangen 
sein, für die schwach geschnittener Accent im Satzauslaute 
anzusetzen ist: man, fil. Vgl. k/rditm Krampf (mhd. kram 
Gen. ltrammes) und kyremmig einen leichten Krampf habend. 
Vor den inlautenden Lenes l, m, n ist die Dehnung regelmässig: 
tsöh zahlen, stqah stehlen, söils schälen , tsils zielen , nnqls 
mahlen, höib höhlen; nuums Name, sums schämen, itrimo 
Strich, Narbe (mhd. strime), prelms Bremse (mhd. breme) 
maum mahnen, plns Bühne, kslns geschienen, tneino mit 
einem Gespann arbeiten. Ebenso ist vor auslautender Lenis 
Dehnung: tql Tal, dis pst ql Diebstahl, Stil Stiel, tsil Ziel, houl 
hohl, movl weich geschlagen (zu mhd. müllen), tso'um zahm, 
lo'um lahm, tsf Zinn, Al hin, sü Sohn, mou, fqal, kyroüm zeigen, 
dass im Auslaut Dehnung ohne Einfluss der inlautenden 
Formen erfolgen konnte ; die umgekehrte Erscheinung, dass 
kurzer Vokal mit auslautender Lenis heute als Kürze und 
Fortis auftritt, zeigen die Parallelformen: ou an, und onn 
an, letztere als Präpos. in betonter Stellung onn dbr an dir, 
onn sig an sich, foii und fonn von, dsrfo'u davon, fonn dar 
von dir. Vgl. i pinn ich binn (mhd. bin ahd. bim) ; die 

Schatz, Die Mundart von Imst, 8 


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114 


Vorsilbe un- ist immer kurz starktonig; uugqars ungerne, 
unsinnig unsinnig, ntnpQr unpaarig, drurnm Trumm (mhd. 
drum), troll (rnlid. wol), ja, auf eine verneinende Frage, 
wolfl wohlfeil, gegen wouldfSnsr Wohldiener, Schmeichler. 
In den. folgenden ist die Kürze des Vokals vor Lenis bewahrt; 
sie verdanken sie den inlautenden Formen, in welchen l, m, 
n im Silbenauslaut war. pöllsr Böller (mhd. boler), kyoldsrs 
lärmen (zu mhd. kolre), pöldsrs poltern (mhd. bollern), soldsr 
Söller (mhd. solre), hildsrs hohl widerhallen r-Ableitung zu 
‘hohl’), tondsrs donnern, tsimmsrs zimmern (got. timrjan), 
kyommsrs Kammer, nummsrs Nummer, samls sammeln, gromls 
Flachs brechen (Schmeller, b. Wb. I 995), himm ] Himmel, 
Um ml Schimmel, summ»r Sommer, simmsr Schimmer. Vgl. 
die Durchführung der Dehnung in: wo'uml» wimmeln (Wrzl. 
wim, uam), find» die reifen männl. Hanfstengel schneiden, 
Schmeller, b. Wb. I 718 femeln , drelm\ Hebebaum (mhd. 
dremel), wlmsr Narbe, Fleck (mhd. trimer), hottmsr Hammer, 
hämsrs hämmern. In allen konnten Doppelformen, solche 
mit aus- und solche mit anlautendem l, m, n bestehen. 
Kurzer Vokal mit silbenauslautender Lenis l, nt, n, wurde 
wohl nur im Satzauslaute gedehnt, im Inlaut blieb die Kürze ; 
so erklären sich unsere Verhältnisse am einfachsten, n ent ms 
nehmen, kyemms kommen, haben in allen Formen die Kürze: 
nimm, kyimm, gyomms genommen, kyemms gekommen; in 
der Umgebung von Imst ist im Präsens dieser beiden Verba 
(in den «-Formen) die Dehnung durchgeführt: Ind. und Inf. 
Plur. neims, kyelms Part, nermst, kyelmst, aber in Imst nemmst, 
kyemmst; das Part. Prät. zu kyemms lautet in den benach- 
barten Maa. kyeims wie das Präsens. 

§ 82. Vor Lenis r ist Dehnung eingetreten: ffyrs fahren, 
xcöirs wehren, kyöirs kehren (fegen), türs (aus turen) Turm, 
hqars Horn, hisrs Hirn. Im Silbenauslaut: min- mir, disr 
dir, pisdlig Heuhaufe (mhd. birlinc), trqar wer, dqar der, 
qar er, hqa her, fqar vor, iqar Tor (die Entwicklung des 
gedehnten Vokals vor r ist nach den einzelnen Vokalen ver- 
schieden, s. Vokalismus). Vor r + Konsonant und vor rr ist 
die Dehnung je nach den Vokalen eine verschiedene. Mhd. 
irr, ir mit dental. Kons, wurde zu isr gedehnt: isr irr, i»rs 


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irren, ksiir Geschirr, wiart Wirt, hi»rt Hirt, first First, 
hi»rs Hirsch. Folgt auf ir labiale oder gutturale Konsonanz, 
so bleibt die Kürze erhalten: gipirg Gebirge, kyiryi Kirche, 
tsirkj Zirkel, sirpa Scherbe, wirf ich werfe, wirf, stirb ich 
sterbe, stirb. Die Maa. westlich von Imst haben hier vor 
lab. und gutt. Konsonanz die Dehnung (§ 43). Mhd. er 
mit dent. Lenis wurde zu qa gedehnt: qart Erde, wqart Wert, 
hqart Herd, fqarsni Ferse. Kürze blieb erhalten vor rr, r 
mit dent. Fortis, mit lab. gutt. Kons.; vgl. die Beispiele 
§ 40. Auch hier dehnen die Ortschaften im Westen alle 
'er zu qar. Mhd. or mit Dental wurde gedehnt, or mit Lab. 
Gutt. blieb kurz (§ 45). Vereinzelt sind qrt Art, Qrtig artig, 
tsQrt zart, fqrt Fahrt (vgl. dagegen förtig fertig), Qrs, k/öirtss 
Kerze, müirts März, kf'öirt N. Fahrzeug, gepart Geburt. Die 
Behandlung kurzer Vokale vor r beruht auf dem früher ge- 
sprochenen Zungen-r. Mir ist es sehr schwer ein alveolares 
r zu bilden — die Beurteilung der Dehnungen vor r 
kann aber nur dann richtig geschehen, wenn man sich 
über die Artikulation des Zungen-r völlig klar ist. 

2. KÜRZUNG LANGER VOKALE. 

§ 83. Die Fälle sind zu vereinzelt, als dass daraus 
eine Regel gezogen werden könnte, drakslsr Drechsler (zu 
ahd. drähsil), dir nahst der nächste, kyropfs Krapfe (ahd. 
chräpfo), nqyyi nachher, nach (mhd. nächhin, nachher — hier 
mag die Schwachtonigkeit im Satze mitgewirkt haben), 
nqxpir Nachbar (mhd. näehbtir), strqss Strasse, Iqssa lassen 
mit allen Ableitungen: glass Benehmen, sich gehen lassen 
[f gelte ge), Qblqss u. s. w. Die Konj. Prät. der starken Verba 
der 4. 5. Klasse , die im Präsens Kürze bewahrt haben, 
zeigen a (mhd. ce) : pray bräche, stax stäche, namm nähme, 
ass ässe, frans frässe, firgass vergässe, sass sässe, kyamm 
käme. Vergleicht man nominale Ableitungen wie CLssig gut 
essbar (te^ec), kfrass schlechtes Essen ( gevrce^e ), prQx 9 brachen, 
sprqx Sprache, so wird man zur Annahme geführt, dass hier 
analogische Durchführung des kurzen Stammvokals durch 
alle Ablautformen vorliegt. Eine Kürzung liegt auch vor 
in dem harryotl Ruf: Herrgott (nach Ausweis des Vokals 

8 * 


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früh gekürzt, er zu er zu ar), lar/9 Lerche, verlangt älteres 
lerche (ahd. lerahhu). 

§ 84. Kürzung gedehnter Vokale und ursprünglicher 
Längen zeigt sich in der Flexion des Verbums mit inlauten- 
der Lenis l>, g, wenn sich ein stimmloser Kons, anschliesst: 
löiw» leben, löpst lebst, löpt lebt, grqtrd graben, grqpst gräbst, 
grqpt gräbt, fröiu'9 freuen, fröpt freut, kfröpt gefreut (§ 64), 
k/lqgd klagen, k/lqkst- klagst, k/lqkt klagt, geklagt, jrqg» 
fragen (mhd. trügen), frqkst fragst, frqkt fragt. Die ou von 
loum loben, glouu-9 glauben (mhd. loben, gelouben) sind heute 
dieselben, »r lopt er lobt, ebenso » r glopt glaubt. Zu günc> 
geben, Konj. Prät. i gab, aber i gaptor ich gäbe dir, du gapist 
du gäbest. Da diese Kürzung vor stimmloser Flexionsendung 
ebenso alte Längen wie gedehnte Vokale trifft, kann sie 
erst sekundär entstanden sein, veranlasst durch die mehr- 
fache Fortiskonsonanz, so dass also die Tendenz nach Ent- 
lastung überlanger Silben (Paul, PBB. 9, 122) der Ma. nur 
in beschränktem Masse zukommt. Im selbständigen Worte 
fehlt diese Kürzung fast völlig, vgl. k/lqftir, Klafter, dq/t 
Docht, li9/t Licht. Doch pqpst Papst (mhd. bähest ); auch 
propst Propst (mhd. brobest), k/reps Krebs (mhd. krebez), 
opst Obst (mhd. obez), werden spätere Kürzungen sein (krebez 
zu krebes zu krcps zu k/reps). 


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F L E X 1 0 N S L E H R E. 


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I. DAS SUBSTANTIV. 


DIE KASUS DER MUNDART. 

§ 85. Von den vier Kasus des Mhd. (Nom. Gen. Dat. 
Acc.) ist der Mundart der Gen. in freier syntaktischer Ver- 
wendung verloren gegangen. Nur im Sing, kann zu persön- 
lichen Substantiven — solchen, unter welchen der Sprechende 
eine bestimmte Person versteht — ein Gen. gebildet werden. 
Es kann aber auch in diesem Falle ebenso, wie es bei den 
unpersönlichen Substantiven immer geschieht, die syntaktisch 
gleichwertige Umschreibung mit ‘von’ (/«) mit dem Dat. an- 
gewendet werden , die ja auch den Gen. verdrängt hat. 
Diese Sonderbildung des Gen. geschieht auf -s oder -a, ent- 
sprechend den Gen.-Endungen des Mhd. -es, -en. Die Bildung 
auf -s wird gebraucht bei Wörtern mit sehwachtoniger 
Nebensilbe, die auf -a bei solchen, deren letzte Silbe stark- 
oder nebentonig ist, oder auf -s endigt; es sind meist ein- 
silbige. Beide Bildungen haben sich über alle drei Ge- 
schlechter des Substantivs ausgedehnt. Beispiele: Männ- 
liche; auf -s: s Iqarars des Lehrers, s fqtars des Vaters, 
s jakkas des Jakob (jakka ) , s tni/jrfs des Michael 
$ g(p\s des Gabi (Familienname); auf -a: s pök/3 des Bäckers 
(mhd. hecke), s grqffa des Grafen, s hannas » des Hans ( hannas ), 
s wiarta des Wirtes, s smlda des Schmiedes. Boi den letzten 
beiden kann auch die Bildung auf -s gebraucht werden, ihrer 
ursprünglichen Deklination entsprechend: s wiarts, s srnids 
mhd. des urirtes, des smides. Sehr selten ist die Verwendung 
des -s bei «-Stämmen: s griffe. Weibliche: s muatars der 


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Mutter; liier ist auch der Artikel vom Mask. übernommen, 
seltener ist dsr mustsrs mit dem weiblichen Artikel. s pqsas 
der Base, s grqats der Margaretha (grqat). Sächliche, 
s waiux ) des Weibes, s nanmlss des Ännehens (tiamtsl»): 
s waiblts des Weibleins, s wisrlhs des Wirtleins u. a. Diese 
Öen. können nur attributiv verwendet werden; sie stehen 
dabei immer vor dem Substantiv. 

Die Tatsache, dass Feminine einen Gen. auf -s bilden 
können, sowie männliche vokalische Stämme einen auf -<* 
und umgekehrt «-Stämme einen auf -s, zeigt, dass diese 
Sonderbildung den Boden historischer Entwicklung ver- 
lassen hat. Sie ist auf eine bestimmte Wortgruppe be- 
schränkt und es wird nur vom Wohllaute bestimmt, ob der 
Gen. nach der vokalischen Deklination auf -s oder nach der 
der «-Stämme auf -» gebildet wird. Beispiele der Um- 
schreibung mit ‘von’ (/«) : fun Iraror, fun fqtsr, fun pök%, 
fun uisrt ; für mustor, für pQss, fun wuib, fun nannsl», fun 
wisrtl» u. a. 

§ 86. Reste des Genetivs sind erhalten in adverbialen 
Wendungen: stqks des Tages, im Tage, sjqrs des Jahres, im 
Jahre; in ts qwrts des Abends, am Abend, ist das - s des 
Artikels durch die Präposition ts (mhd. se) vertreten, wohl 
weil zu einer Zeit das -s des Artikels bei Sächlichen über- 
haupt nicht mehr als Gen. gefühlt wurde; bei stqks, sjqrs 
hat der Wohllaut das s erhalten; ts morgsts des Morgens, 
morgens, ist nach ts qw»ts gebildet, man würde ts tnqrgss 
erwarten; ts nq%ts nachts; nq/Js ist ein alter Gen., ahd. des 
nahtes Braune, ahd. Gramm. 2 § 241, 2. 

§ 87. Der Gen. Plur. ist völlig geschwunden. Dativ 
und Accusativ werden in beiden Zahlen syntaktisch und 
durch den Artikel von einander getrennt gehalten. Die 
Flexionsendungen jedoch, welche noch im Mhd. und im Nhd. 
die Grundlage der Deklination bilden, sind der Mundart 
als Kennzeichen einzelner Kasus verloren gegangen. Es 
kann zu einem Nom. kein Dat. Acc. derselben Zahl durch 
Anfügung einer Suffixendung gebildet werden. Der Singular 
hat nur eine Form für alle Kasus ebenso der Plural. Diese 
Verhältnisse sind teils durch die Auslautgesetze der Mund- 


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art, teils durch analogische Bildung herbeigeführt worden. 
Im folgenden wird ihre Entwicklung jedesmal bei der Be- 
handlung der einzelnen Klassen dargestellt werden. 


Ä. MÄNNLICHE SUBSTANTIVE. 

Die o- und »'-Stämme. 

§ 88. Die Flexionsendungen der o- und »'-Stämme sind 
im Mhd. gleich: tag, tages, tage, tag; tage, tage, tagen, tage, 
gast, gastes, gaste, gast; geste, geste, gesten, geste. In der 

Mundart sind alle Endungen dieser Stämme verloren ge- 

gangen. Alle kurzen auslautenden Vokale sind abgefallen, 
durch dieses für die Flexion wichtige Gesetz wurden der 
Dat. Sing., der Nom. Acc. Plur., dem Nom. Acc. Sing, gleich. 
Die Endung -en des Dat. Plur. sollte regelmässig entwickelt 
-» lauten; tatsächlich ist sie erhalten in den festen Wen- 
dungen: * d»n qlt » tfygd in den alten Tagen, fu sinn a von 

Sinnen. Sonst ist sie überall geschwunden und der Dat. 

Plur. hat analogisch die Form der übrigen Kasus. Es heisst 
also: i drai tQg in drei Tagen, d» lait den Leuten, pai ds 
göst bei den Gästen, auf d» parg auf den Bergen, mit d» 
fids mit den Füssen. 

§ 89. Der Umlaut im Plural, welcher bei den »'-Stämmen 
im Alid. soweit er möglich war eingetreten ist, blieb auch 
nachdem sich das » der Endsilben zu -e entwickelt hatte. 
Dadurch wurde im Mhd. eine Zweiteilung der »'-Stämme 
herbeigeführt. Die eine Gruppe hatte im Singular und 
Plural denselben Stammvokal, bei den umlautfähigen war im 
Plural der umgelautete. Schon frühe muss der Umlaut bei 
diesen als charakteristische Eigenschaft des Plurals empfunden 
worden sein; denn schon im Mhd. nehmen o-Stämme analog 
den »'-Stämmen im Plural den Umlaut an, vgl. Paul, mhd. 
Gramm.'* § 119, 2. In der Mundart sind heute so ziemlich 
alle o-Stämme zu den »'-Stämmen übergetreten, d. h. sie 
bilden ihren Plural durch den Umlaut des Stammvokals, 
jene natürlich, deren Stammvokal umgelautet werden konnte. 
Durch den Verlust der Flexionsvokale konnte diese Plural- 


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bildung nur gefördert werden, weil sich in ihr der Sprache 
ein Mittel bot die beiden Zahlen von einander zu scheiden. 

Im folgenden sind die starken Maskulina, welche 
ihren Plural durch Umlaut bilden, zusammengestellt. Die 
Anordnung ist zur besseren Übersicht nach Vokalen ge- 
macht. 

§ 90. Dem w entspricht i als Umlauts% - okal, mhd. 
« zu ü: tnly Plur. tslg Zug. fliig, fltg Flug, püg, pig Bug, 
trüg, trxg Trug, f uks, pks Fuchs, tuky, tiky Tücke (mhd. 
tue), ruky, riky Iiuck, sink/, sliky Schluck, grüy, grty Geruch, 
spriiy, sprXy Spruch, prüy, prly Bruch, güs, gls Guss, slüs, 
slts Schluss, farslüs, farslls Verschluss, fardrüs, fardris Ver- 
druss, fluss, fliss Fluss, wurm, teinn Wurm, sturm, stirm 
Sturm, surts, iirts Schurz, wurf, wirf Wurf, lupf, lipf das 
Emporheben (zu lupf» mhd. lupfen), hupf, hipf das Empor- 
springen, zu hupf» hüpfen, süb, slb Schub, sprunn, Sprint} 
Sprung, truifky, trirfky Trunk, punt, pint Bund, grünt, griiit 
Grund, slunt, slint Schlund, wunts, wints Wunsch, tunst, tinst 
Dunst, runit, rittst das Fliessen, das Rinnsal (mhd. runst), 
trumpf, trimpf Trumpf, stumpf, stimpf Strumpf, also die 
gleiche Bedeutung wie Strumpf, strimpf Strumpf, sumpf, 
simpf Sumpf, kyumpf, kyimpf hölzernes Wetzsteingefäss, 
mhd. kumpf. Mit Ausnahme einiger auf u mit Nasal sind 
diese Wörter mit u Angehörige der i- Klasse, schon aus 
lautlichen Gründen, hunt Hund, hat im Plural gewöhnlich 
hunt seltener hint; sils Schuss, hat meist siis. 

§ 91. Zu u» ist i» Umlaut, mhd. uo zu üe: hu»t, hiat 
Hut, fu»8, fi»s Fuss (ursprünglich konsonantisch), gru»s, grias 
Gruss, pß mg, pfliay Pflug, kyruay, kyriag Krug, ßu»y, ßi»y 
Fluch, pltidst, plia&t Blüte, Knospe mhd. bluost, fu»g, fi»g 
„Fug“ in „mit Fug“, umfuag, umfi»g Unfug, Stual, Stial Stuhl; 
nur &u»y hat immer Su»y Schuh. 

§ 92. Dem au entspricht ui, mhd. ü zu tu : pauy, paiy 
Bauch, prauy, praiy Brauch, slauy, slaiy Schlauch, raus, rais 
Rausch, (aus, tais Tausch, Straus, Strais Strauss, gaul, gail 
Gaul. 

§ 93. q hat zwei Umlautvokale wie mhd. a, welchem 
es entspricht. Der eine ist ö, gedehnt öi (mhd., ahd. e): 


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goßt, göst Gast, qst, öst Ast, sqky, söky Sack, sqts, söts Satz 
(der gesprochene), Slqg, Slöig Schlag, Hieb. In allen übrigen 
Wörtern dieser Klassen mit q in der Stammsilbe ist heute 
«, gedehnt a der Umlautvokal des Plural; es liegt liier laut- 
liche Entwicklung vor und Analogiebildung. Den i-Stämmen, 
deren Stammvokal im Plural im Ahd. nicht zu e wurde (d, 
o und umlauthindernde Konsonanz) schlossen sich die o- 
Stämme, welche ihren Plural analog bildeten, an und dieser 
starken Gruppe folgten wiederum »-Stämme, welche im Ahd. 
im Plural e hatten. Die in der Mundart lebendige Plural- 
bildung ist die von q zu a, während q zu ö erstarrt ist. 
Anders ist es vor Nasalen: hier entspricht heute durchwegs 
e im Plural, auch bei ursprünglichen o-Stämmen. Klar ist, 
dass diese Verhältnisse erst infolge späterer, ausgleichender 
Entwicklung entstanden sind, pqy, pay Bach, pqlg, palg Balg, 
trqld, wald Wald, nopf, napf Napf, qrs, drs, slqg, släg Holz- 
schlag, vgl. oben $löig, der verschiedenen Bedeutung ent- 
sprechen verschiedene Pluralformen, Släg ist analogisch ; sqts 
sats Satz, Einsatz, Sprung, vgl. oben söts; hqss, hass Hass, 
fqll, fall Fall, stojl, Stall Stall, holl, hall Hall, Widerhall, snqll, 
Snall Platzgeräusch, mhd. snal, pfql, pfdl Pfahl, sql, säl Saal, 
wql, udl kleines Bachbett, hqlm, haltn Halm, hqls, hals Hals, 
dqrm, darm Darm, pqrt, part Bart, fqnn, farm Farnkraut, 
swqrm, swarm Schwarm, mqrkyt, markyt Markt, pqst, past 
Bast, glqls, gluts Glatze, mask. Bildung wie spits Spitze, plqts, 
plats Platz, stqb, stäb Stab, pqky, paky Pack, Bündel, liQg, hdg 
Hag, dqks, daks Dachs; grqt, grüt Grat eines Berges und 
Gräte des Fisches, drqt, drat Draht, rqt, rät Bat, Slqf, Släf 
Schlaf, Schläfe, dilyt, däyt Docht, mhd. ahd. ditht, tqg, täg 
Tag, als Zeitmass aber Plur. tög vgl. gioU täg gute Tage, 
tsirqa t</g zwei Tage; qblqss und qlqss: Qblass, Qlass Ablass, 
Abkehrvorrichtung an einem Bache, auslqss, — lass , Auslass, 
ein Stück Wald, das nicht abgeholzt werden darf, im 17. 
Jh. ‘Premstair Ort, an dem das Vieh vor den Bremsen Schutz 
im Gehölz fand, allqss, — lass Einlass. Stomm, Stemm Stamm, 
tomm, temm Damm, Swomm, Swemm, Schwamm, tsond, tsend 
Zahn, ahd. zand,Stond,Stend Stand, prout, prent Brand, kyronts, 
kyrents Kranz, Suonts, Sweuts Schwanz, Slonts, Slents das 


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Herumsehlendern, zu mhd. slenzen, Sronts, Srents Schranz, 
tonts, tents Tanz, kyrompf, k/rempf Krampf, tompf, tempf 
Dampf, hompf, hempf Hanf, goijij, ge>}>] Gang, kylotpi, kylerpq 
Klang, trogky, trenky Trank, rauft, reift Ranft, Rand. 

§ 94. o lautet zu ö um, gedehntes oh zu öi, mhd. o 
zu (sekundärem) ö: poky, pöky Bock, roky, röky Rock, Stoky, 
Stöky Stock, tSopf, tsöpf Schopf, kyopf, kyöpf Kopf, kyropf, 
kyröpf Kropf, kynopf, kynöpf Knopf, tropf, tropf Tropf, wolf, 
wölf Wolf, fros, fröS Frosch, pros, pröS Brocke, troug, tröig 
Trog, häuf, höif Hof, kyouy, kyöiy Koch. 

§ 95. om wird zu öi, mhd. ou zu öu: kyouf, kyöif 
Kauf, tronf, tröif Traufe (ahd. trouf), Soup, Söip Schaub, 
Strohbündel, poiüm, peim Baum, söhnt, selm Saum, troum, trelm 
Traum, rouy, röiy Rauch, stoup, Stöip Staub. 

§ 96. qa lautet zu qa um, mhd. 6 zu oe: tqad, tqad Tod, 
trqaSt, trqaSt Trost, rqaSt, reaSt Rost, flqciy, flqay Floh, Stqas, 
Stqas Stoss, tqas tqas Tosen. Dieser organisch entwickelte 
Umlaut von qa zu qa hat auf jene qa gewirkt, welche mhd. 
ei entsprechen: rqaf, rqaf Reif, Swqaf, Swqaf Schweif, Strqaf, 
strqaf Streif, srqa, srqa Schrei, kyrqas, kyrqas Kreis, swqas, 
streas Sclnveiss, trqad, trqad Getreideernte, mhd. der treid, 
strqay, strqay und strqay Streich, tqal, tqal und tqal Teil, 
Iqast, Iqast und IqaSt Leisten; ferner noch süom, stiem Schaum, 
mhd. schein), hum, liinn Lehm, mhd. leim. 

§ 97. Die umlautfähigen Maskulina auf bilden den 
Plural regelmässig durch Umlaut: nqgl Nagel, ist das ein- 
zige dieser Gruppe, dessen q zu öi umlautet, und beweist 
dadurch den frühen Übertritt dieses konson. Stammes zu 
den «-Stämmen; ahd. negili, Braune, ahd. Gramm. § 216, 1, 
§ 27, 4. sqttl, sattl Sattel, hosp ], hasp] Haspel, Sncibl, Sn all 
Schnabel, tötlf tädl Tadel, Stadl, Stadl Stadel, irq/lf tradl Wade, 
Stahl, Stahl Stahl; morpjl Mangel und ortgl Angel, haben meqgl, 
engl vgl. oben § 93, hondl aber hat handl Handel, fougl, 
föigl Vogel, mottdl, möid\ Form, Modell (mhd. model), giifl, giß 
Höhlung in Felsen vgl. § 62, pitkkl, pikkl Buckel, fqart\, fqart\ 
Vorteil, selbst mqass] Meissei, bildet niqassl . Nie tritt der 
Umlaut ein bei säg} Sauglarntn, pfull Pudel, humml Hummel, 
Plur. säg], püdl, humml. ln öpß Apfel, ist die umgelautete 


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Form auch in den Singular gedrungen. Ahd. aphul Plural 
ephili; nach dem Plural ist ein Singular *apliil gebildet 
worden, dem öpfj, entspricht ( *aphil wurde zu ephil), Plur. 
öpfl. Uuffl Staffel, Stufe, kylaff] Klöpfel mhd. kleffel, haben 
im Singular einen umgelauteten Vokal ; aus dem ahd. Plural 
*sla/fali, klaff all, in welchem a bereits vom i der Schlusssilbe 
affieiert gewesen sein muss, konnte späteres steffel kleffel 
mit dem offenen Umlauts-e bervorgehen und den Singular 
beeinflussen. Die Plurale lauten heute Staff], kylaff], 

§ 98. Auch die Substantive auf -er haben im Plural 
Umlaut: summar, simmar Sommer, kyummar, k/immer Kummer, 
tsüirar, tsiwar Zuber, Souwar, Söiwar Schober, qkyar, akyar 
Acker, ho'umar, heims r Hammer, ouinar, elmar Verlangen, 
Begierde ahd. Amar, jdümar, jelmar Jammer, otpjar, eipjar 
Anger; die Analogiebildung hat also überall die historisch 
berechtigten Lautformen beeinträchtigt, tsähsr Plural tsähar 
Zähre, hat im Singular Umlaut wie die im vorigen § ge- 
nannten Staffl, kylaff], Nur rniayar Wucher, bildet den 
Plural ohne Umlaut: wuayar, 

§ 99. Die Wörter auf -a (mhd. -en, o-Stämme) lauten 
alle um: wiiga, w&ga Wagen, fffia, fada Faden, hqfa, hdfa 
Hafen, pouila, pöida Boden, oiifa, öifa Ofen, türa, tira Turm 
(setzt turen aus mhd. turn voraus), tsqara, tsqara Zorn, dqara 
hat zwei Plurale mit verschiedener Bedeutung: dqara Sehliess- 
dorn einer Kette, dqara Dornen spinae’; auch ein Singular 
dqara ‘spina’ ist häufig gebraucht. Es ist möglich, dass 
der Singular dqara schon sehr alt ist. Im Ahd. flektiert 
der ursprüngliche «-Stamm dorn nach der o-Deklination, 
Braune, ahd. Gramm- § 229, 1 ; es kann nun sehr wohl 
sein, dass im Ahd. auch ein Plural nach den «-Stämmen 
gebildet wurde, dass dann dorni den Singular beeinflusste. 

§ 100. Jene Wörter, deren Stammvokal nicht umlaut- 
fähig ist, bieten keine Besonderheiten. Sie haben im Plural 
dieselbe Form wie im Singular. Zu den Vokalen, die nicht 
umgelautet werden können, gehört auch das « der Ma. 
Einige Beispiele mögen die hiehergehörigen Gruppen ver- 
anschaulichen: Striky Plur. Striky, Strick, Srit Sing, und 


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Plur. Schritt, Mb Trieb; kyneyt Knecht, herpSt Herbst, wöig 
Weg; trial Unterlippe (mhd. Iriel), wiart Wirt, diab Dieb; 
Staig Steig, kyail Keil, Strait Streit; parg Berg, tnarS Marsch; 
fintjzr Finger, widar Widder; griff] Griffel, paih] Beil, Sliss] 
Schlüssel, Stempf] Stössel (mlid. stempfel); söiga Segen, röig a 
Regen; k/hiig König, piodlig (piarl-) Heubündel (§ 43), 
j adlig einjähriges Stück Vieh, hampflig Hänfling, hantSig 
Handschuh, saidlig ( sairl -) Säuerling, laippts Lenz (mhd. 
lengez), 

§ 101. Mehrere Substantive bilden den Plural durch 
die Endung -ar, mit der auch Umlaut des Stammvokals 
verbunden ist. Ausgegangen ist diese Bildung von den 
Sächlichen, bei denen sie die regelmässige ist, und in das 
Maskulinum durch solche Wörter gedrungen, die männlichen 
und sächlichen Geschlechtes waren, gart Plur. gartor Ort 
(heute noch in. und s ), Silt, Siltar Schild, grint, grintsr Kopf 
(mhd. grint), iQab, Iqawar und Iqab Laib. Regel ist diese 
Pluralbildung bei jenen einsilbigen Mask. geworden, welche 
im Mhd. auf Lenis « endigten. Das n ist geschwunden, 
der vorhergehende Vokal nasaliert: mou, mandar Mann, 
tsa'u, tsäir Zaun, kStrdu, kStrair wälsebtirol. castraun ital. 
castrone, su, str Sohn, lua, libr Lohn; immer ohne Umlaut 
sind Stüo, Stiihr Stein, rtü, riiär Rain; man kann darin den 
Beweis erblicken, dass die Endung -er sich bei diesen 
Wörtern frühe schon festgesetzt hat, zu einer Zeit als mhd. 
ei in der Mundart noch nicht zu dem umlautfähigen ga (tia) 
sich entwickelt hatte. Schon Oswald von Wolkenstein hat 
steinei \ Auch das aus dem Nhd. in die Mundart gedrungene 
faräi Verein, hat im Plur. fardir wie Sdi Schein, Sdir. 
mounat (m. und s.) Monat, Plur. mounatar und mounat, an 
dieses scheinen sich angeschlossen zu haben: §wat Abend, 
üwat und üwatar, sQlat Salat, sdlatar, Spagat, Spagat, Spagat 
und Spdgatar. Häufig bilden einen Plural auf -ar die Namen 
der Wochentage: suntig Sonntag, suntig und suntigar , analog 
die übrigen auf -ig : mätig , er/tig, pfinstig, fraitig, somstig, 
Montag, Dienstag, Donnerstag (mhd. p/imtag), Freitag, 
Samstag. 


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Die «-Stämme. 

§ 102. Die männlichen «-Stämme haben sich im 
Singular zu zwei Gruppen entwickelt. Die eine zeigt die 
Form des Nom. über den Dat. und Acc. ausgedehnt; mhd. 
bote erscheint als pout und dies ist die Form des Singulars, 
der Plural lautet pout 3, entsprechend mhd. boten. Die zweite 
Gruppe hat im Nom. die Form des Dat. Acc., der ganze 
Singular lautet auf -3 aus ebenso der Plural: slifa Plur. 
sllta Schlitten. 

§ 103. Zur ersten Gruppo gehören alle Substantive, 
welche Lebewesen bezeichnen: kynqp Plur. kynqppd Knappe, 
sits, sits 3 Schütze, pöky, p'ökya Bäcker (mhd. becke), hqar, 
hqar* Herr, prints, prints» Prinz, ksöll, ksöli* Geselle, kyilf, 
kyilff 3 Gehilfe, sorg, sorg* Scherge, örb, örud Erbe, grqf 
grqffj Graf, tauig, tsuig* (tsaig, tsaig*, mhd. ziuge und geziuge 
voraussetzend; die Urkunden haben immer des sind {sein) 
gezuigen, gezeugen) Zeuge, pirg , pirga Bürge, nqrr, nqrra, 
Narr, frqts, frqts* Fratz (übles Kind), pu*, vgl. § 65, pu3w3 
Bube, f'ottor, fött3r3 Vetter; first, jirst* Fürst, ments, mentss 
Mensch. Nur schwach sind in der Mundart: rls, riso Biese, 
(ahd. riso und risi), paur, paar» Bauer. Dieser Klasse der 
schwachen Substantive haben sich alle Fremdwörter an- 
geschlossen : sqldqt, Soldqt* Soldat, sendarm, sendarm* Gens- 
darm, affskyOd, affakyßt* Advokat, kyontsliSt, kyontslist » Kanz- 
list, rekyrut, rekyrutt* Kekrut, kyumadant, kyumidant* Kom- 
mandant u. a. m. Völkernamen: pqar, pqar* Baier, stvqb, 
suqu’3 Schwabe, sqks, sqksa Sachse, swöid, suöid* Schwede, 
prais, praiso Preusse, umlti, tcalts* Wälsche, frantsous, fran- 
tsousa Franzose, tirk, lirks Türke, kyrqioqt , kyrqwqtt* Kroat, 
poul, poul* Pole, jüd, jüd» u. a. Familiennamen mit be- 
tonter letzter Silbe: wöirts, wöirts* VVörz, renn, renn 3 Renn. 
Mhd. Christen, beiden haben sich diesen angeschlossen: kyrist, 
kyrist * , hqad, hqad* und haid, haid*. Tiernamen: hqs, b qso 
Hase, pqar, pqar* Bär, oks, oks* Ochse, rqts, rqts* Ratte (mhd. 
ratze M.), rqp, rqpp* Rabe, löib, löiico Löwe, qff, qff* Affe, 
firjky , firjky* Fink, spqfs, äpQts» Spatz, stur, stilra Staar, 


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128 


snepf, snepf» Schnepfe, hosrijk y, kairöky» Heuschrecke, gair, 
gair» Geier (mhd. st. und schw.), hi»rs, hi»rs» Hirsch. 

§ 104. Zur zweiten Gruppe gehören alle unpersönlichen 
schwachen Stämme. Singular und Plural lauten gleich- 
förmig auf -9 aus. Einige Beispiele : Mit » Plur. Mit* Schlitten, 
rföma Riemen, stoky» Stecken, sirp» Scherbe (westgerm. 
*skirbj- voraussetzend, § 61), Mylex 9 Schenkel, raiff» Reifen 
(mhd. rtfe pruina) ; gort» Garten, aber pmpprt Baumgarten, 
Jn&qert Heimgarten, Plur. peipprt, hßrydrt. 

Anm. Zu erwähnen sind einige unpersönliche Wörter, die im 
Singular die apokopierte Form des Nom. haben : mou Mond (mhd. 
mänc), mqa Mai selten mqaij» (mhd. mein), miiirts März (mhd. merze). 
Plurnle duzu kommen nie vor. Mhd. » merze hat im Singular selten 
Smarte» neben smarte , im Plural Smarte»', psqltn, psqlm» Psalm, steht 
unter fremdem Einflüsse. 

§ 105. Mehrere der hiehergeliörigen Wörter bilden 
ihren Plural heute durch Umlaut des Stammvokals in An- 
lehnung an die o- und «-Stämme : Srqg» Plural Mag» Schrägen, 
kyrqg» Plur. kyräg » Kragen, mt}g», mag » Magen, Sqd», säd» 
Schaden (die ursprüngliche Form des Nom. ist erhalten in 
»s ist sqd es ist schade), Iqd», lad» Laden, pqr», pär» Barn 
(ahd. parno), tvqs», träs» Rasen, grQw », graut» Graben, pqkk», 
pakk » Backen, kyqst », k/usta Kasten, pqts», patsa Knollen 
aus Kot, Teig, kyqrr», kyarr» Karren, pqlk x », palk x » Balken, 
Fenster, gqlg», galg » Galgen, pqll», pall » Ballen (aber Plural 
snqapqll» Schneeballen), fotin», f ein» Fahne (nur mask.), dro'um» 
Plur. dräm » und drelm» Dachbalken (mhd. st. und schw.), 
ttöttm» Plur. nelm» und näm» Name, soum», selrn» und säin» 
Samen; räum» Rahmen und gadoyk y» Gedanken (mhd. gedanc 
und gedanke ) haben nie Umlaut. Schwache Mask. mit kurzem 
o im Stamme lauten nie um: proky» Plur. proky» Brocken, 
kyno/y'» Knochen, kyohe» Kolben, stoll » Stollen, kynoll» 
Knollen, soky» Socken, pfost» Pfosten, tropf» Tropfen, zu 
tsopf» Zopf (Schmeller bair. Wörterb. 2 II. 1145) ist eine 
häufige Nebenform tsopf Plur. tsopf. Gedehntes mhd. o 
lautet um in: poug», pöig » Bogen, srouf», Sröif» Schrofen, 
nicht aber in: kynoud» Knöchel, u in prunn», prinn» Brunnen, 
au in knuff», kaff» Haufen ; dagegen: puts» Plur. puls» Butzen, 
tupf» Tupfen, stiits» Stutzen, nuts» Nutzen (heute nur schwach, 


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mhd. st. und schw.), gauma Gaumen, duurm Daumen. Der 
Umlaut zeigt sich also nur bei <? vollständig durchgeführt, 
bei andern Vokalen ist er vereinzelt. Aus der Tatsache, 
dass das einzige schwache Mask., welches in den Imster 
Urkunden des 15. Jahrh. vorkommt, mhd. schade, durchwegs 
die Formen Sing. Nom. schad, Gen. Dat. Acc. Schaden, Plur. 
schaden aufweist, ergibt sich, dass der Umlaut an und für 
sich schon als Charakteristikum des Plurals gefasst wurde 
und dass nicht erst eine Ausgleichung des Singulars statt- 
gefunden hat, bevor der Umlaut eintrat; es war demnach 
nicht die direkte Analogie zu etwa mhd. wagen, faden als 
Singular-Formen wirksam; der Plural zeigt sich hier unab- 
hängig von der Singularflexion. 

§ 106. Mit abweichender Entwicklung sind zu ver- 
zeichnen: ngb\ Plur. nab | Nabel, ermj Plur. erm} Ärmel, 
u»sigl Einsiedel (ahd. nabulo, ertnilo, einsidilo). Sie haben 
sich der grossen Gruppe der starken Mask. auf -J ange- 
schlossen. Die Mundart kennt keinen männlichen «-Stamm 
mit einer solchen /-Ableitung, welcher der schwachen Flexion 
erhalten geblieben wäre und auf -h auslauten würde, gattr 
Gatter (ahd. gataro) hat im Plur. neben gätsr seltener gätsrs 
als Rest der ursprünglichen Deklination ; kyöifar Käfer, hat 
immer kyöifdr. 


Die jo-Stämme. 

§ 107. Einfache /o-Stämme sind selten. Sie haben 
sich teils der o-, teils der «-Deklination angeschlossen. Ihre 
ursprüngliche Flexion muss früh verloren gegangen sein, 
sonst wäre der Übergang in die «-Klasse nicht zu erklären 
(vgl. Paul, mhd. Gramm. § 121. 1); denn ihr Plural war dem 
der o- und /-Stämme gleich und die lautgesetzliche Ent- 
wicklung ihrer Deklination hätte zu einem Zusammenfall 
mit diesen Stämmen geführt. Nur kyßs Käse, und hötp 
Axtstiel (mhd. bereits help), erscheinen heute wie die starken 
Stämme, Plural kyßs, hölp. rtikks Rücken, hat im Plural 
rukks und rikkä. wökka Weck; wgatsa Weizen, Plur. auch 
weßts»\ diese drei sind schwach geworden, higrf Hirt, Plural 
hiarta flektiert heute wie die persönlichen schwachen Stämme. 

Schntz, Die Mundart von Imst. 9 


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130 


§ 103. Die 70 - Stämme auf ahd. -äri haben sich regel- 
recht entwickelt und lauten im Singular und Plural auf -ar 
aus; im Plural tritt nie der Umlaut ein. Vgl. Singular und 
Plural Iqardr Lehrer, mtyhvqytar Nachtwächter, trqgur Träger, 
mqdar Mäher (Bildung zu mqd Mahd), su»/t»r Schuster, 
raitar Reiter, qrmtav Arbeiter, fiarar Führer u. a. 

Anm. An dieser Stelle sind eine Gruppe von Substantiven auf 
-if zu nennen. Sie sind von Zeitwörtern abgeleitet, ihre Grundbedeutung 
ist die einmalige, rasche Tätigkeit; es sind demnach Nomina actionis. 
Ihrer Flexion nach decken sie sich mit den soeben genannten ./o-Stämmen 
auf -3i\ Vgl. ritsar ein einmaliges, rusches Ritzen, stqastur ein unver- 
muteter, rascher Stoss, kylokytr zu kylokya klopten, fqnr das rusche 
darüber hin Fnhrcn mit der Hand, das Durch/. ucken zu Jota. plintskyr zu 
plintak» blinzen, plitsar zu plilta blitzen, ruttter zu rottte schütteln, sittter 
zu sittl» schütteln, Iqyypr das schrille Auflachen zu Iqyy» lachen, wusstet- 
zu wtsste winseln, driitr zu dri Sa drehen, Hupfer zu Hupfe stossen, palter 
zu palte bellen, oiiytskar zu oiiyiska ächzen, tsukyar zu tsukya zucken, • 
prilter zu prilte brüllen, ih uky.tr zu ilrukyj drücken, huaSltr zu liuasta 
Husten, kyurrar zu kyurr.t knurren, äpritxar zu Sprits 3 spritzen, Slipfer 
zu ilipfe schlüpfen, trissar zu tr/ssa wischen, kyrqyyar zu kyrqyya krachen; 
die Beispiele lassen sich häufen. Man vgl. aus dem Nhd. Seufzer, 
Jauchzer. Bei Schmoller sind solche nur spärlich belegt (bair. Wörtorb. 2 
II. 231, 708}. 

t? 109. Reste anderer Stämme. Die wenigen wo- 
Stänime sind mit den o-Stämmen zusammengefallen, snqu 
Schnee, kylqa Klee, wra Weil, ptnt Plur. pati und pai Bau, 
sqa See; sqtte ist schwach geworden und lautet im Plural um: 
satto Schatten. 

Die langsilbigen «-Stämme sind bereits im Ahd. (Braune, 
ahd. Gramm . 2 § 229) zu den o- und /-Stämmen übergetreten. 
Von den kurzsilbigen kommen nur noch sig Sieg, und frid 
Friede, vor; frlda verrät nhd. Einfluss, hu Sohn, ist' (bereits 
behandelt (§ 101). sitta ist heute weiblich. Die drei 
Verwandtschaftsnamen prvadar Bruder, swqgar Schwager, 
ftVar Vater, bilden den Plural durch Umlaut: prbdar , swagar , 
fütar: daneben auch, wohl in Anlehnung an fötlar (§ 103), ein 
fätara. 

Anm. Die urkundlichen Belege für die Deklination des starken 
Mask. zeigen folgende Verhältnisse: Der Gen. Sing, hat immer s (brie/s, 
kaufs, pharrers, Ilttebers, inauyels }; der Dativ ist ohne Bildung, nur 


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1471 an sant Veitz tage Im Plur. sind der Nom. Gen. Acc. immer 
ohne Endung, der I>at. hat ohne Ausnahme -en. Von umlautfähigen 
sind belegt: Acc 1468 Ogker , agker, müngl , 1524 bSch, sienrft, Dat. 1471 
Nfiizn, 1524 margtstiigen, das in einem Zusatz von späterer Hand 
morlchtsfagen geschrieben ist. Der Dat. Plur. ist also noch nicht den 
übrigen Kasus angeglichen worden; dass dies auch in der Ala. zu dieser 
Zeit noch nicht der Fall war, wird durch die Tatsache wahrscheinlich 
gemacht, dass das vordere Otztal den Dat. Plur. heute noch auf n bildet: 
laitri Leuten, haisani Häusern, kyidn Kühen. Die übrigen Kasus haben 
den Kndungsvokal verloren. Der Umlaut im Plural erscheint ebenfalls 
über die o-Stämme ausgedehnt; das Nebeneinander von ägker und agker 
1468, margtstdgen und morkhtslagen 1524 ist bloss durch den Schreib- 
gebraucli veranlasst, die a sind ebenso als Umlautsvokale (jj 37) auf- 
zufussen wie die a. 

Das schwache Alask. zeigt den Nom. durchwegs ohne Endung, 
den Gen. Dat. Acc. dagegen immer auf en, n gebildet. Vgl. z. B. Nom. 
1448 Gerhah , her, Hanns , 1450 scharf; Gen. Herren , fürsten , perchtolden , 
Hannsen , Micheln , Matheisen , Jörgen ; Dat. hannsen , namen , garten , 
Jacoben , Acc. prunnen , scharfen u. s. w. Da der einzige Nom. der un- 
persönlichen schwachen Alask., den die Urkunden bieten, die Apokope 
des mhd. e zeigt, 1450 scharf, lind andrerseits alle persönlichen schwachen 
Mask. den Nom. apokopiert haben (1448 graue zu Tyrvl , 1450 graffe zu 
Tyrol sind starre Wendungen), den Gen. Dat. .Acc. aber auf en bilden, 
so muss man schliessen, dass die heute geltende Trennung zwischen 
persönlichen und unpersönlichen »-Stämmen damals noch nicht vor- 
handen war; die Katsprotokolle des 17. Jahrh. aber weisen sie auf; 
es kommt dort kein apokopierter Nom. von unpersönlichen Alask. vor, 
wohl aber apokopierte Dat. Acc. von persönlichen. Der Plur. hat in 
allen Kasus en ; die beiden einzigen belegten umlautfähigen sind 1450 
schaden Gen. Acc., 1451 prunnen Nom. Gen. Acc.; soweit daraus, dass 
kein umlautfähiges mit a vorkommt, welches nicht den Umlaut hätte, 
Schlüsse gezogen werden können, zeigt sich, dass der Plural analog zu 
den starken Alask. Umlaut annehmen konnte, auch ohne dass die Kasus 
des Sing, ausgeglichen waren, prunnen ist ohne Umlaut; die betreffende 
Urkunde schreibt für, würden , bezeichnet also das umgelauteto n. 


B. WEIBLICHE SUBSTANTIVE. 

Die a- und ,/ä-Stämme. 

§ 110. Der Singular geht im Mhd. in allen vier Kasus 
auf -e aus; die Mundart hat diese Endung in lautlicher Ent- 
wicklung verloren. Demnach bleibt es der Beobachtung 
entzogen, oh und inwieweit in der Mundart die im Ahd. 

9* 


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ohne Endling erscheinende Form des Nom. (Braune, alid. 
Gramm.- § 207. 2) vorhanden gewesen ist. Der Singular 
mhd. gäbe erscheint als gqb Gabe. Der Plural hat in allen 
Kasus die Endung -», welche auf -en zurückgeht; diese 
kommt, im Mhd. nur dem Gen. Dat. Plural zu. Sie hat sich 
über den Nom. Acc. ausgedehnt, gewiss unter Einfluss der 
schwachen Feminina, die im Plural im Mhd. -en haben. 
Dieselbe Entwicklung wie gqb : gqw» haben folgende «- 
Stämme: gnqd, gnqd» Gnade, hart, hart» Herde, tsql, tsQl » 
Zahl, kywql, kywql » Qual, rar, qar 9 Ehre, Iqar, Iqar» Lehre. 
sqal, seal » Seele, qa, qaij» (vgl. § 5) Ehe, qart, qart » Erde, 
hu»t, hu»t» Hut, das Hüten, fu»r, fu»r » Fuhre, pit, pitt» Bitte, 
spais, Spais» Speise, fröid, frönt» Freude, sond, sond» Schande, 
ml, sld » Scheidung, das Absondern, rqas, rqas» Reise, pu»s, 
puoss» Busse, grenis, grentsu Grenze, pov, poum Bahn, pin, 
pattvi Pein, gmu», gmuän» Gemeinde, wqad, wqad» Weide, 
sh Id, sidd» Schuld, su»l, su»l» Schule, hqb ( hqw» J Habe, strqf, 
straff» Strafe, fqrb, f<rrw» Farbe, wag, wqg» Wage, kylqg, 
k/lqg.) Klage, frqg, frqg » Frage, anssqg, aussqg » Aussage, 
oütsqug, antsqag» Anzeige, sqy, sqyy» Sache, sprqy, sprqy» 
Sprache, <}y, qy» Ache, sqrg, sqrg » Sorge, folg, folg» Folge, 
tru.ig, truag» Traglast, lüg, lüg » Lüge (setzt ein * Inga vor- 
aus) lög, tilg» Lage, holtslöig, -löig» Holzlege, mistlöig Mist- 
lege, paiyt, paiyt» Beicht, snaid, snaid » Schneide, Wagemut, 
„Schneid“ (der Flurname snaid» fordert ein schwaches mhd. 
snide), sonts, sonts» Schanze, pflöig, pflöig» Pflege, rui, ruij» 
Reue, fair, fair» Feier, fqryt, fqryt» Furcht, wais, wais » 
Weise, wayt, wqyb Wacht, wqy, wqyy» W 7 ache, wail, waib 
Weile, pqr, pqr » Bahre, wid, wid» Strang aus Zweigen, sqr, 
sär» Schar, an, au» Au, hilf, hilf» Hilfe, kfqr, kfqru Gefahr, 
möss, möss» Messe, stimm, stimm» Stimme, pit das Warten 
(auf eine Schuld ohne Schein, mhd. bite), mqas, mqass » ge- 
rodeter W'aldstrich. — Die jd-Stämme sind im Mhd. bereits 
mit den d-Stämmen zusammengefallen : sind, sind » Sünde, 
höll, höll» Hölle, röid, röid » Rede, ripp, ripp » Rippe, 
kylemm, kylemm» Klemme, trnjky , tregky» Tränke, stuir, 
stuir» Steuer (vgl. § 54). Ferner gehören hierher alle mit 
der Ableitung auf -utj (ahd. ung, unga)i tsbhuij Ziehung 


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Flur. taiahutja, mu.mutj, muantttja Meinung, faldutj , faldmp 
Faldung, Ina Hut) , tsaiturp Zeitung, Iqasun , Iqasmp Erlös. 
hoffnmj, haffntnp Hoffnung, <#/«», (o/turp) Achtung, pössamn 
Besserung, farsomluij, farsomlutja Versammlung u. a. Die 
wenigen Feminina auf -nis haben im Plural nissa ; vom 
Standpunkt der Mundart aus kann nicht mehr beurteilt 
werden, ob ahd. nissi oder nissja zu Grunde liegt (Braune, 
alid. Gramm. 2 § 201. 1) färiiis, für nissa fahrendes Gut, 
finitarnis, finStarnissa Finsternis, pagröibmis, pagröibniissa 
(auch sächlich) Begräbnis, trildnis, wildniss» Wildnis, pswßr- 
7118. pSv^arnissa Beschwerlichkeit, padreimis, pedreijnissa Be- 
drängnis. Die Feminina auf mhd. irrne (/d-Stämme) gehen 
im Singular auf -in ans; daneben kommt seltener -n vor; 
der Plural lautet -inns, sie schliessen sich also den starken 
Stämmen an. pairin und pairti, pairinna Bäuerin, martin, 
triarfy, wiertinna Wirtin, haiaarin, haisarp Häuserin u. a. 
Die Wörter auf -ai (nhd. -ei) haben im Plural aija, Swalna- 
rai, iwdineraija Schweinerei, littanai, littanaija Litanei, sin- 
tarai, Sintaraija Schinderei, sennarai , sennaraija Sennerei, 
liawalai, liawalaij » Liebelei, Sraitcarai, Sraiwaraije Schreiberei. 
Dieselbe Pluralbildung haben auch alle auf einen Konsonanten 
ausgehenden Fremdwörter: pröidig, pröidig a Predig, nqtür, 
nqtüra Natur, figür , figüra Figur, ür , üra Uhr, fabrik /, 
fabriky» Fabrik, müsig, tnüsiga Musik, ass, asse Ass im 
Kartenspiel, meditsi, meditsln» Medizin, mikstür, mikstüra Mix- 
tur, prantS, prantSa Branche, Trupp, post , poSte Post, kyitär, 
k/itara Guitarre. 

Die än- und jdn -Stämme. 

§ 111. Im Mhd. ging der Nom. Singular auf -e ( zunge ) 
aus, die übrigen Kasus des Singulars und die des Plurals 
hatten die Endung -en. Die Mundart hat im Sing, und 
Flur, -a, also den Nom., der * tsuvp mit Abwertung des -e 
lauten sollte, den übrigen Kasus angeglichen. Bei manchen 
Wörtern kann ein abweichender Plural gebildet werden auf 
-na: slüwa, Plur. Stau) » und st&bma Stube, Stauda, Plur. Stauda 
und Staudna Staude, kyirya, Plur. kyirya und kyiryna. Doch 
ist diese Pluralbildung keine feststehende; sie kann nicht 


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bei allen Femininen verwendet werden, jedoeh bei allen auch 
fehlen. Ihre Entstehung erklärt sich am einfachsten so: 
für die d-Stämme muss eine Deklination gäh, Flur, gäben 
vorausgesetzt werden, da der Abfall des auslautenden -e 
früher erfolgte, als der des -w. Für die dn-Stämme setzen 
die heutigen Verhältnisse einen Sing. Stuben, Flur, stuben 
voraus. Aus gilb : gäben entnahm das Sprachgefühl ein 
Plural bildendes -en, welches nun neu an ön-Stämme trat; 
wie gäben zu gab bildete man stubenen zu stuben und aus 
stubenen hat sich das heutige stübm» entwickelt. Jetzt hat 
diese Gleichung keine Geltung mehr. Die Pluralendung -n» 
kommt fast ausschliesslich schwachen Stämmen zu. 

§ 112. Bereits in ahd. Zeit sind d- Stämme in die 
Deklination der dw-Stämme übergetreten; die Mundart hat 
eine Keihe von Beispielen aufzuweisen. Eine genaue Schei- 
dung der heute im Sing, auf -» auslautenden weiblichen 
Stämme in ursprünglich starke und schwache ist nicht immer 
möglich (Braune, ahd. Gramm. 2 ij 208. 2). Ursprünglich 
stark flektierten : womp», Flur. tvomp» und wotnptn » Bauch 
(ahd. wamba ) gr/» Ufermauer, grtmv» , Plur. gru»ir» und 
grudbm» Grube, maur», Plur. maur » und maurn» Mauer, 
portd Borte, sait», Plur. sait» Seite, wund» Wunde, hoad » 
Heiderich, stand» Staude, mail» Meile, sqlw» Salbe, sqrt» 
Scharte, pint» Binde, eint» Binde, wind» Winde, irunt» 
Schrunde, staig» Hühnersteige; prukk» Brücke, hitt» Hütte, 
k/ripp» Krippe, suir» grosser, leerer Kaum, Scheuer, und 
wohl noch andere der auf -» auslautenden Feminina, für 
die mir keine Belege starker Formen zu Gebote stehen. 
Die Aufzählung der ä- (jä-) Stämme bei Grimm, Gramm. I, 
ist nicht erschöpfend. 

§ 113. Die Wörter, welche im Plural neben der Form 
des Singulars, also der regelmässigen Entwicklung, die Bil- 
dung auf -n» haben, sind: pfaiff», pfaiffn » Pfeife, saiu», 
saibm» Scheibe, sqa/f», aoaffn» Seife, Snpf», sup/n» Schuppen, 
k x htpp», k/luppm» Kluppe, wipp», irippm» Witwe, gltif», 
glüfn» Stecknadel, Swqltc», swqlbm » Schwalbe, hous», housn» 
Hose, mgs», mqsn» Narbe, Fleck (mhd. mäse), /tos», ntjjtn» 
Nase, pQs», pqsn» Base, tass». tassn» Tasche, goss», gossns 


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- 135 - 


Gasse, kyrqts», kyrqtsn» Kratze, Spaten, kyqts», kyotsn» Katze, 
sprits», Sprits n» Spritze, pßonts», pflontsn » Pflanze, Sqad», 
Sqadn» Scheide, kyiry», kyiryn» Kirche, kytüy», k/aiyn» Ge- 
fängnis. bqky», hqkyn» Hacke, Stieg», Sti»gn» Stiege, glokk», 
glokkp» G locke, Slqg». S/ögij» Schlagfalle, früh», trühns Truhe, 
plqh», plölin » Blähe, sqg», sQgij», Säge, supp», mpptn» Suppe; 
vereinzelt haben auch noch andere Wörter diese Bildung 
des Plurals; doch ist ihre Anwendung nach meinem Sprach- 
gefühl individuell und nicht allgemein in Gebrauch. Gehört 
habe ich Plurale wie: Smittn » zu Smitt» Schmiede, fiqssn» zu 
dqSS» Flasche, kylausn» zu kylaus» Klause, Verhau beim 
Holzrichten, tanbm» zu taute» Taube, Strqssn» zu Strqss 
Strasse, qlbmo zu olb Alpe, kylasst i» zu kylass Klasse, fa- 
brikyn» zu fabriky Fabrik. 

§ 114. Von schwachen Femininen, die den Singular 
und Plural gleich haben , seien angeführt : u-ösp» W espe, 
ggrir» Garbe, silte» Silbe, /* antr» Haube, räf» Eiterkruste, 
(zu ahd. hruf ), osp» Espe, Sölf» Schale von Früchten (ahd. 
scelimt), kyipf» Wagenleiste, kyqlw » weibl. Kind, das zum 
erstenmal trächtig ist (zu Kalb), soul» Sohle, Sol» Schale, 
nql» Ahle (vgl. g 73), roll» Rolle, Sali» Schelle, in oll» Schnalle, 
tsail» Zeile, troll» Wolle, fail » Feile, nall» Genick (zu ahd. 
Iincl Hinterhaupt), kyqpp» Kappe, phhm» Blume, komm» Schen- 
kel (ahd. Iiamma), pfru'um 9 Pflaume, höifomm» Hebamme, 
rqas» Rose, Iqtts» Wagenspur, im Plur. Geleise, ins» Wiese, 
Iqtt» Latte, tult» Zitze, kyrout» Kröte, sqal» Saite, plqtt» 
Platte, ni»t» Niete, ironts» Wanze, Stalls » Stelze, wqlts » Walze, 
Sqat» Hobelspan, Swqrt» Schwarte, kyruSt» Kruste, pirst» 
Bürste, kyarSt» Kirsche, warts » Warze, stoß» Stift, hqft» 
Hafte, pfonn » Pfanne, rinn» Rinne, Sin» Schiene, län» La- 
wine, phr» Bühne, Bretterboden, tonn» Tanne, sann» Sonne, 
iconn» Wanne, nunn» Nunne, tinn» Stirn (mhd. tinne), kyrinn» 
Kerbe, Kinne (mlul. krtnne), lu'.m» Lehne (mhd. leine), ln Ly» 
Lücke, folg» Feige, fhtig » Fliege, lary» Lerche, i royy» Woche, 
Siedle» Schlehe, fu»g» Fuge, tri»g » Wiege, tsi»y» Zieche, Decke, 
pu»y» Buche, piry» Birke, sqlli » Weide (mhd. sollte), Spott y» 
Speiche, saile» Seihe, tsqrg » Zarge, tsiinij» Zunge, Stotjg» 
Stange, S/iint» Schlinge, Slogn » Schlange, tsotjy » Zange, 


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136 


lylifpp Klinge, paija Biene (mild. bk), diarna Dirne; lölska 
Holzschicht (zu nhd. leg gen), ökka Egge, kyöirtsa Kerze, 
diUa Dachboden (vgl. nhd. Diele), Idtna Leine, kyrukya Krücke, 
mukka Mücke, prukka Brücke, heijqe Hängvorrichtung, Ge- 
stell, das an der Wand hängt, kyölla Kelle, triass » Drüse, 
{.tritt » schmales Brettchen (germ. *bridjön -) , paila Beule, 
fniyt » Fichte, kenn* Henne, tailla Zülle, Schiffchen, honthöiw» 
Handhabe. 

§ II 5. Die mehrsilbigen Feminina mit der Ableitung 
-ala. -ila, - ula , -ara u. s. w. gehen heute alle auf -» bezw. 
auf -la, ra aus. Die hierher fallenden Stämme sind also 
alle schwach geworden. Die Mundart kennt kein mehr- 
silbiges Femininum auf -l, -r (im Gegensatz zum grössten 
Teile des Bairisch-Österreichischen, wo diese Feminina alle 
auf -l, -r auegehen). w qdla Nadel, kyügla Kugel, gowla, 

Gabel, k%qyla¥,&c\\e\, siyla Sichel, äissla Schüssel, musla Muschel, 
qssla Assel, gqassla Geissei, prennössla Brennessel, sqytla 
Schachtel, hqttla Ziege (mhd. hatele), tqfla Tafel, tqytte Dachtel, 
Ohrfeige, Imjgl » Lunge (und luipj»), kyondla Kanne (mhd. 
kanele ), mondla Mandel, waidla Weide, grotnla Flachsbreche 
(vgl. Sehmeller, bair. Wörterb. 2 I, 995), stndla Schindel, 
äaufla Schaufel, qrgla Orgel, driSSla Drischel, trvlgla Ballen 
(vgl. mhd. welgeln ), pqppla Pappel, gurgla Gurgel, daiksla 
Deichsel, kyontsla Kanzel, nüdla Nudel, wnytla Wachtel, 
hayla Hechel, iwöigla Schwegel, gruspla Gruspel, omila Amsel, 
qksla Achsel, spindla Spindel, liquid Haselnuss, wurtsla Wurzel 
(und icurtsa ), fqkyla Fackel, tsussl a unordentliches Weib, 
öidla Erle, ompla Ampel; dass reg\ Regel, und päs] Base, 
mundartliche Lehnwörter sind, ist leicht zu ersehen; qd»ra 
Ader, qUra Natter, plqtara Blatter, Blase, qlitara Elster, 
sqltara Barnbaum, an welchem die Ketten hängen (vgl. nhd. 
Schalter), hqlftar» Halfter, kyomtnara Kammer, nummara 
Nnmmer, kylompara Klammer, etpjara grosser Anger, fast 
nur als Flurname gebraucht (zu ‘Anger’), löiwara Leber, föi- 
dara Feder, kyilwera junges weibl. Schaf (ahd. chil purred), 
spiltara Zaunspilter, silpara Splitter, tsittara Zither, Iqatara 
Leiter, raitara Kornsieb (mhd. ritere). Auf -a auch im 
Singular lauten auch alle folgenden aus (abweichend vom 


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137 


Bairischen im allgemeinen): söig»s » Sense (mhd. segense ), 
mjtps» Schelle (Schöpf, tirol. Id. S. 075), omm»s» Ameise, 
pimm»s» Binse, PQxx 9ta Speckseite (zu ahd. paeho), öig»rt » 
B'iesenfleck (mhd. egerte), tsügat» Holzlast, welche am Boden 
geschleift wird (zu 'ziehen'), Iu3n»t» an einen Baum gelehnter 
Holzhaufen, goss»t» in einer Pfanne kalt gewordenes Schmalz 
(zu 'giessen'), hetjipt» eine Reihe aufgehängter Gegenstände. 
Als schwach flektierend werden für die Mundart vorausgesetzt: 
h yöttn» Kette, fqarsn» Ferse, kyistn» Kiste; auf einen starken 
Stamm weist kyuyy» Küche, weil *k/nx.X n9 zu erwarten wäre, 
falls ein schw. ahd. kuchina vorläge; schwach ist pir» Birne. 

Die ursprünglich schwachen Stämme frau Frau, hu»r 
Hure, zeigen im Singular heute eine starke Form, beide 
wohl unter nhd. Einfluss. Vgl. die schwachen Formen in 
der Zusammensetzung: fraurtqg Frauentag (in Imst der 15. 
August), hu»r»poky, liu»r»jäg»r. 

Die Feminina abstraeta. 

§ 116. Die von Adjektiven abgeleiteten Substantive 
gehen heute bei einigen auf Konsonanten, bei der Mehrzahl 
aber auf -» aus ; die ersteren müssen auf den ahd. Singular 
auf -i (hohl), die übrigen auf die Nebenform auf -in zu- 
rückgeführt werden; es sind die alten Doppelformen (Braune, 
ahd. Gramm.-' § 212) erhalten. In der Entwicklung der- 
selben bevorzugt die Mundart die Form auf -in, sie weicht 
also vom mhd. Gebrauche ab (vgl. Paul, mhd. Gramm.' 
§ 126. 3). leg >} Länge, prqat Breite, grggs Grösse, hqay 
Höhe, Hab Liebe, hens Hitze; so weit Plurale Vorkommen, 
werden sie auf -9 gebildet. Alle übrigen haben im Singu- 
lar -a wie im Plural : wait» Weite, ti»ff» Tiefe, sinöil» Schmäle, 
itcöxy» Schwäche, dirr» Dürre, uaiss» das weiss Sein, swörts 9 
Schwärze. real» Röte, etpj» Enge, li»yt» das licht Sein, 
ritjtj» Leichtigkeit an Gewicht (zu mhd. ring), finstar» Finster- 
heit, stikyl» Steilheit (zu stikyl steil), gröid» Geradheit, tuir » 
Teuerung, saiw»r» Sauberkeit, kyi»l» Kühle, füll» Vollsein, 
kswinih Geschwindigkeit, wild» Wildheit, sair» das sauer 
Sein, störy» Stärke, hört» Härte. mö\g»r» das mager Sein, 
sOn» Schönheit, trikyn» Trockenheit u. a. m. 


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138 


Die /-Stämme. 

£ 117. Die regelmässige Entwicklung der Endungen 
der / - Stämme führte mit analogischer Verdrängung des 
Dat. Flur, zum Schwunde derselben, gqas Sing, und Flur. 
Geiss, arw9s Erbse. Die Doppelformen des Singulars (mhd. 
Nom. Ace. kraft, Gen. Dat. kraft, krefte) wurden meist zu 
Gunsten des Nom. Acc. ausgeglichen. Der Umlaut im 
Flural ist nur bei einem Teile erhalten ; diese und die 
beiden angeführten haben auch den Flural ohne Endung. 
stqt, stöt Stadt, f iq/t, na/t Nacht, mqkt, mökt Magd, fordfj/t, 
firdä/t Verdacht, hont, hent Hand, wont, went Wand, potjk /, 
petjk / Bank , gons, getis Gans, k/u», k/i» Kuh, sau, sai Sau, 
buff, hiff Hüfte, Jur/, fr/ Furche, luft, lift Luft (auch Mask. 
erstarrt ist der Dat. Sing, u d»r lift in der Luft), k/luft, 
k/lift Kluft, gruft, grift Gruft, flu/t Flucht, Flur, in snqaßi/t 
Schutzorte vor Schnee im Hochgebirge, prust, prist Brust, 
pilrt, plrt Bürde, sn/t, si/t Sucht, Krankheit, fru/t. fr i/t 
Frucht, warst, wirst Wurst, k/unst, k/inst Kunst,, haut, hait 
Haut, maus, mais Maus, laus, lais Laus, praut, prait Braut, 
fa'ust, fdist Faust. Der umgelautete Gen. Dat. Sing, hat 
sich über den Nom. Acc. ausgedehnt in sail Säule (alid. 
sül), öih Mutterschaf (ahd. au Gen. ewi, Braune, ahd. Gram. 2 
Sj 219, 3), sär Schere (ahd. scär) ; der Plural wird zu diesen 
auf -9 gebildet: sail», öiw a, söra, sie fielen also mit den a- 
Stämmen zusammen. Dasselbe musste eintreten bei tir 
Thüre, dem der Umlaut auch im Nom. Acc. zukam (ahd. 
tvri). Zu orjkst Angst, k/rqft Kraft, können zwei Plurale 
gebildet werden: epkst, k/röft und erdest», k/röft»; letztere 
stammen aus dem Dat. Flur., der sich in den festen Wen- 
dungen i d» n erjkst » in den Ängsten, pai, fu k/röft 9 bei, 
von Kräften, erhalten hat. 

§ 118. Eine Reihe umlautfähiger /-Stämme und alle 
nicht umlautfähigen bilden den Flural mit -», sind also in 
die Analogie der d-Stämme übergetreten. Für die letzteren 
erklärt sich der Anschluss leicht : die Gruppe der «-Stämme 
hatte eine ungleich grössere Anzahl von Substantiven; dass 
das Streben, den Flur, vom Sing, zu scheiden, der Mundart 


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eigen ist. zeigt die ganze Entwicklung der Deklinationsver- 
liiiltnisse. Die Tatsache, dass auch umlautfähige /-Stämme 
zu den «-Stämmen übergetreten sind, zeigt, dass der Um- 
laut bei den Femininen nicht produktiv geworden ist, wie 
bei den Maskulinen. Die Beispiele für diesen Übertritt 
sind: wall Welt, Flur, wall», tsait , tsait» Zeit, pßiyt. pfli/t» 
Pflicht, srift, srift» Schrift, fr ist, frist » Frist, taiy, lat/» 
Leiche, trift, tri ft» Trift, ksiyt, ksiyti Geschichte, siyt, siyt» 
Schicht, Taglohn, hqats»t, hqats»t» Hochzeit, qnr»t, qrw»t» 
Arbeit; die auf -halt (- kyait ): ksunthait Gesundheit, qawikyait , 
eawi kyait» Ewigkeit u. a.; troyt, trqyto Tracht, slqyt, slqyt» 
Schlacht, joyt, joyt». jqkt- jqkta Jagd, lost, lost » Last, tqt, Iota 
Tat. qrt, qrt» Art. fort, fort 3 Fahrt, söt, sota Saat, pnrg, purg 9 
Burg, gapart, gapürt» Geburt; die auf - soft : qag»sqft, qagasqft» 
Eigenschaft, früitSqft , fruVsqft» Verwandtschaft. Der um- 
gekehrte Fall, dass d-Stämme den Plural durch Umlaut 
bilden, kommt nie vor. aut», Ente, ist die Form des ahd. 
Gen. Dat. anuti ; das -» weist darauf hin. dass es zu den 
dn -Stämmen übergetreten ist. 

§ 119. Wörter anderer Stämme sind frühe schon zu 
den i- und d-Stämmen übergegangen. Zu hont ist der alte 
Dat. Plur. erhalten in ts hont » zu Händen, fu hont» von 
statten. Von den Verwandtschaftsnamen hat suöstar im 
Plur. su-östar », Schwester, toylar Tochter, ist selten, Plur. 
töytar, muatar Mutter, hat mi»t»r und mi»t»r», letzteres in 
Anlehnung an suöst»r » und fatar» (vgl. § 109). 

Anm. Das starke Fein, zeigt in den Urkunden im Sing, überall 
die apokopierten Formen, im Plur. sind nur Gen. und'Dat. belegt, beide 
auf eit , n. 

Vom schwachen Fern, ist der einzige belegte Nom. Hausfrau: 
1448 u. 5. ; Gen. Dat. Acc. zeigen ausnahmslos -e», Hausfrau en , Jungk- 
fraicen, Dat. seiln (2) 1471, Acc. messerschmilleit, gertcstuben rnd pod- 
t-tuben 1451; gasstn 1471; leider kommt nur der oben genannte Nom. 
vor, doch darf man sohliessen, dass die Flexionsendungen des Singulars 
sich lautlich entwickelt haben, der Nom. also sein e verlor; war das 
in der Mundart der Fall, so ist er erst Bpät in Analogie zum Dat. Acc. 
umgebildet worden. Wichtig ist, dass der Sing, der schwachen Fern, 
scharf von dem der starken geschieden ist. Dieser hat die Endung e 
(des Mhd.) apokopiert. in jenem sind die schwachen e» des Gen. Dat. 
Acc. erhalten. Der Dat. Sing, seiht zeigt, dass dieses Wort früh schon 
zu den schwachen übergetreten ist. 


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140 


C. SÄCHLICHE SUBSTANTIVE. 

§ 120. Die Deklinationsendungen der o- und jo-Klasse 
unterliegen dem Schwunde nach den Auslautgesetzen der 
Mundart, der Dativ Plural ist überall analogisch verdrängt. 

Die ahd. Neubildung des Plurals auf -ir ist in der 
Mundart herrschend geworden (-ar). Interessant für die 
Geschichte dieses Suffixes sind die erstarrten Genetive der 
Mundart in den Zusammensetzungen k/ölwsrsk/opf, der ab- 
geschnittene Kopf eines Kalbes, k/ölwsr sk/us, Kuh die ge- 
kalbt hat. Sie sind identisch mit den ahd. Genitiven Sing. 
rindares, Kelbirisbach , Pletirsbahc, Braune ahd. Gramm. 2 § 197, 
1. Heute bilden die meisten starken Neutra den Plural auf 
-or: nöSl Plur. nöitdr Nest, fald, faldsr Feld, tisr, tisrsr Tier, 
galt, galtst- Geld, k/ind, k/indsr Kind, find, rindsr Bind, wallt , 
iraiwsr Weib, fuir, fuirsr Feuer, /ca/, fqalsr Fell, pröit, 
pröilsr Brett, lisd, lisdsr Lied, Sait, Saitsr Scheit, rais, raissr 
Reis, lis/t, lis/tsr Licht; gspai, gspaijsr Gebäude, pöt, pöttsr 
Bett, nöts, nötssr Netz, gri/t, gri/tsr Gericht, ksi/t, ksi/tsr 
Gesicht, pilt, piltsr Bild, hemmst, hemmstsr Hemd, gwaks, 
gwakssr Gewächs, k/etji}, k/enqsr Gehänge, ent, entsr Ende, 
ök, ökksr Pick, gtröir, gwöirsr Gewehr, kfrfs, kfrissr Antlitz 
(eine /o-Bildung zu „fressen“ *gafrizzi), pls, pissr Gebiss, 
höft, höftsr Heft, kseft, leseflsr Geschäft, gtri/t, gwi/pr Ge- 
wicht, gm ist, gmistsr Gemüt, gsplist, gsplistsv Geblüte, gtjak, 
gyakksr Genick, gltd, glidsr Glied, mal, swaljsr und swalr 
Schwein, pws, puSr Bein, qa, qar Ei, plai, plaijsr und pluir 
Bleigewicht -Stäbchen, k/etm, k/elmsr Stubenherd (ahd. kernt), 
k/ami, k/amir Kamin, rXs, rissr abschüssige Bodenrinne, 
ksle/t, ksle/Jsr Geschlecht; ft/, flhsr Vieh («-Stamm), tnöir, 
möirsr Meer. 

§ 121. Die Umlautfähigen nehmen im Plural mit der 
Enduug -sr auch den Umlaut an. holte, hö/tssr Holz, ploy, 
plö/ysr Block, lo/, lö/ysr Loch, folky, fölk/sr Volk, ross, 
rösser und ross Ross, jo/, jöy/Sr Joch, mous, möissr Moos, 
kslous, kslöissr Schloss, pusy, pid/sr Buch, tu»/, tis/sr Tuch, 
gust, gistsr Gut, hus, ht.tr Huhn, haus, Itaissr Haus, kyraut, 
k/raitsr Kraut, loup, löipsr Laub, maul, mailst- Maul, drumm, 


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- 141 - 

drininter nhd. Plur. Trümmer (mlul. drin»), luky, 1iky»r 
Deckel, dqrf, darffJr Dorf, pqd, pöidar Bad, rqd, röidor Kad, 
plqt, plötter Blatt, kyqlb, kyölwsr Kalb, grqb, gröiwer Gi'ab, 
grqs, gröis »r Gras, glqs, glöissr Glas, tql, töitor Tal, Spitql, 
spitöiter Spital, lomp, lemp»r Lamm, lond, lendur Land, 
pont, pent9r Band, pfont, pf enter Pfand, gwont, gwenter Ge- 
wand, omt, emter Amt, mqd, mäddr und möidar Mahd, mql, 
wäter Mal, Fleck, dqy, dayysr Dach, fqss, fasssr Fass, sqff, 
saffer Schaff, mqry, maryer die Marke (mhd. marc Neutr.), 
mqs, mCtss»r Mass. Beachtenswert ist, dass auch bei den 
Sächlichen zu q zwei Umlautvokale vorhanden sind, a und 
ö. öi; letzterer ist produktiv geworden, wie der Plur. spi- 
töiter, möid»r (mhd. mäd) erweist. Die Wörter, in welchen 
a herrscht, müssen den Umlaut auf lautgesetzlichem Wege 
erhalten haben (vgl. § 38 ff.). Das Suffix -ir ist also im 
Plural der Neutra früh schon weit verbreitet gewesen, 
andernfalls könnte die Scheidung zwischen a und ö, ö» nicht 
wohl erklärt werden. Dass der Umlaut mit der Endung -sr 
eng verbunden ist, erweist sqal Plur. sqater Seil; ange- 
schlossen hat es sich an tqar, tcpnr Tor. 

§ 122. Selten ist die einfache Pluralform ohne -or, 
die dem Sing, gleich ist. iqf Plur. sirf Schaf, re» y Reh, 
kyits Kitze, pfund Pfund, mim Mus. Einige Wörter haben 
neben der Bildung auf -»r die alte Plur. Form erhalten. 
Beide Plurale haben dann gewöhnlich verschiedene Be- 
deutung. irqart Plur. u-qart Worte, wqnrter Wörter, stuky 
PI. stuky eine Gesamtzahl von Stücken und stikynr einzelne 
Stücke, qart Plur. qurt und earter (vgl. § 101, auch männ- 
lich); zu diesem ist der Dativ qart<> (mhd. Dat. Plur. orten) 
erhalten, daneben wird auch qart als Dat. Plur. verwendet. 
hqr Plur. hqr Haar und härsr einzelne Haare, dinn Plur. 
ditjrj Dinge, diipq-tr einzelne, rqur Plur. rqar, rqar»r Rohr, 
söif Schiff, iöif und iöifar. 

§ 123. Die Deminutive haben in regelmässiger Ent- 
wicklung im Singular und Plural dieselbe Form erhalten; 
Plurale auf -»r kommen bei ihnen nicht vor. föigate Plur. 
fö\g»te Vögelein, waldate Wäldchen, ha ist» Häuschen. Wie 
die Deminutive, welche alle auf -te ausgehen, haben die 


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wenigen Wörter auf -» im Plural nur die Form des Sing. 
tcqpp» Plur. wqpp». Wappen, ais» Eisen ,f»rgqi»g» Vergnügen, 
löitc» Leben, tsqay» Zeichen; feiner die im Mhd. einsilbigen 
auf -r«, das heute über -ren zu r» geworden ist. hier» Hirn, 
gor» Garn, hqar» Horn, kyqar» Korn. 

§ 124. Die «-Stämme. Die im Mhd. erhaltenen 
hat auch die Mundart als schwach flektierend bewahrt. Irn 
Singular zeigt sich überall die apokopierte Form, hart s 
Herz, oug Auge, qar Ohr, uonrj Wange; der Gen. Dat. haben 
die Form dos Nominativs angenommen. Der Plural gebt 
in regelmässiger Entwicklung auf -» aus hart 8» (harter für 
Herz-Karten), oug», qar», wotjtj». Ein erstarrter Dat. Sing, 
erscheint in den festen Wendungen fn harts » von Herzen, ts 
harte» zu Herzen. 

§ 125. Bei Neutralen, welche im Singular auf -»>■ aus- 
gehen, kommt, vereinzelt ein Plural auf -», also -»r», vor, 
der jedesfalls nach dem Muster der schwachen Substantive 
gebildet ist. Schon die Erhaltung der schwachen Deklination 
bei den vier genannten Wörtern zeigt, dass die aus ihr ge- 
bildeten Formen (oug, oug») lebenskräftig genug waren, andere 
Wörter in Analogie zu ziehen. fen&tar Plur .fenitar und fenitar» 
Fenster, lu»d»r Plur. lu»d»r» Luder, fu»d»r Plur. fuadar und 
fu»d»r » Fuder, mössar Plur. möasar und mössar» Messer, aitar 
Plur. aitar, aitar» Euter, wöttar Plur. wöttar und wöttar» Wetter; 
wqssar Plur. mit Umlaut wasaar, selten tcassar»; es ist nahe 
liegend zur Erklärung des Umlauts die /»-Ableitung gu-atsar 
Gewässer Sg. und Plur., heranzuzieheu. Nie tritt diese Plural- 
bildung auf -» ein bei Iqstar Sing, und Plur. Laster, löigar 
Lagerplatz des Viehes (mhd. leger), toundar Wunder , fuatar 
Futter, k/Urftar Klafter, kywqdar viereckiges Gartenbeet (aus 
latein. quudr-). jqr Jahr, hat im Plur. jur und jqra, dies 
besonders gerne im Dativ. 

§ 126. Von den mehrsilbigen Neutren anderer Art 
bilden die auf -niss eine Gruppe. Sie haben im Plural neben 
der Form des Singulars auch die Bildung auf -ar. kfetpiis 
Gefängnis, kfennis und kfeijnissar, teoigtji» Zeugnis, tsaigijis 
und tsaigt}iss»r, hintarnis Hindernis, hintamis und hintarn iss»r, 
glai/nis Gleichnis, glaiynis und glaiynissar, örgernis Ärgernis, 


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143 


brgarnis und örgdrnissdr, trögyis Wagnis, i cggiji» und wi>g- 
giss9r, k/v'mnis Geheimnis, k/üämnis und k/n'miniss»r u. a. 
lb{ Plur. Tbl "Obel, toub\t Plur. toub\t Tobel (nihd. tobel), 
ksittdl Singular und Plural ksimll. Femdwörter nehmen im 
Plural gewöhnlich -ar an. puyanet Bajonnet. payanet und 
payatiBtar, imrtrct Porträt, purtretdr, initrument Instrument, 
inStruinentor, pergdment selten pirment Pergament, Urkunde 
pergdmentar Urkunden, eidment Element, el»ment»r. 

Anm. Dos Xeutr zeigt in den urkundlichen Belegen fiberall 
npokopierte Formen, nur der Dat. Plur. hat immer eti, n. 1448 ist der 
Acc. Plur. rechte (1) neben recht (1 ) erbrecht (6) belegt. Plur. auf er 
kommen vor y fiter, gütern oft, kitider, hindern, ayr 1471; durchwegs 
auf -er bildet den Plural stugh ( stügher ). Der Gen Sing, hat -s. 

Zur L’ber sicht. 

§ 127. Vom gegenwärtigen Standpunkt aus besitzt 
die Ma. folgende Pluralbildungen. 

A. Für das männliche Geschlecht. 

I. Der Plural ist vom Singular verschieden: 

1) durch den Umlaut, 2) durch das Suffix -s, 
3) durch das Suffix -dr. 

II. Der Plural ist dem Singular gleich. 

B. Für das weibliche Geschlecht. 

I. Der Plural ist vom Singular verschieden: 

1) durch den Umlaut, 2) durch das Suffix -a be- 
ziehungsweise -na. 

II. Der Plural ist dem Singular gleich. 

C. Für das sächliche Geschlecht. 

I. Der Plural ist vom Singular verschieden: 

1) durch das Suffix -ar, mit dem sich der Um- 
laut verbindet, 2) durch das Suffix -a. 

II. Der Plural ist dem Singular gleich. 

§ 128. Als Anhang zur Behandlung der Substantiv- 
deklination sei ein Verzeichnis jener Wörter gegeben, welche 
in der Mundart ein anderes Geschlecht haben als im Nhd. 
beziehungsweise im Mhd. Ahd. Durchwegs männlich sind 


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kyröss Kresse, utjgunst Ungunst, hair»t Heirat, rqts Hatte 
(mhd. ratze mask. Bildung >. snök Schnecke, suepf Schnepfe, 
paihj Beil, srauf» Schraube, spits Spitze, ylots Glatze (mask. 
Adjektive substantiviert), trouf Traufe, ttnn» Tenne, fo'un» 
Fahne, tsqah» Zehn, da um» Daumen, tswifl Zwiebel, furm 
Form, luiks» Leuchse, plu»§t Blüte. Knospe, lary Lärche, 
(tätig ist ebenfalls männlich, vgl. latein. larix, radix), putt»r 
Butter, hak» * Fuss (mhd. hehse latein. coxa), gät»r Gatter, 
politir Polster, tsdh»r Zähre, öih»r Ähre; häiröky Heuschrecke, 
spuel» Spule. Immer sächlich sind talhr Teller, ök Ecke. 
kyoul Kohle. 

Doppeltes Geschlecht haben: hu»st» Husten, gams 
Gemse, tauf Taufe, traup» Traube, gtrqlt Gewalt, flqay Floh, 
iqas Schoss, lu ft Luft, wolky » Wolke, höir»daks Eidechse, 
tqts» Tatze (vgl. oben tscah», haks», die mhd. Feminina sind); 
diese haben das männliche und weibliche Geschlecht. Männ- 
lich und sächlich sind : loub Lob, holniig Honig (die Neben- 
form hemig ist nur sächlich), mouturt Monat, tswuig Zweig. 
Weiblich und sächlich ist gxyt Gicht. 


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II. DAS ADJEKTIV. 


§ 129. Von den Kasus sind Nom. Dat. Acc. vorhanden. 
Der Gen. wird durch /« von, mit dem Dat. umschrieben. 
Die Flexion des Singulars ist heute eine zweifache. Ist das 
Adjektiv mit dem bestimmten Artikel verbunden (substan- 
tivisch und attributivisch), so hat sie folgende Gestalt. 


raiy reich. 

Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

dir raiy 

t raiy 

s raix 

Dat. 

in raiy? 

dar raiy 

in raiy d 

Acc. 

da raiy? 

t raiy 

s raix 


Im Mhd. wird in dieser Fügung regelmässig die schwache 
Form verwendet (Weinhold, mhd. Gr.‘ J § 523). Das Mask. 
und Neutr. lassen sich ohne Schwierigkeit auf schwache 
Formen zuriickführen ( der das riehe, dem den riehen ; aus- 
lautendes -e ist geschwunden, -eu zu -o geworden.). Beim 
Fern, entspricht nur der Nom. der mhd. Form (diu riehe); 
der Dat. und Acc. sind analogisch gebildet. Zuerst muss 
der Acc. sich dem Nom. angeschlossen haben, vergleiche im 
Nhd. den Acc. „die reiche“ mhd. die riehen. Beide Kasus 
haben dann auf den Dat. eingewirkt. Einfluss von Seite 
der starken Substantivdeklination des Fern, ist wohl aus- 
geschlossen. 

Die zweite Art der mundartlichen Adjektivflexion wird 
verwendet, wenn das Adjektiv mit dem unbestimmten Ar- 
tikel verbunden wird (substantivisch und attributivisch) 
oder mit dem Possessiv. 


Schatz . Die Mumlart von Imst. 


10 



146 


Mask. Fern. Neutr. 

Nom. a raiyar 3 raiya a raiys 

Dat. in an raiy » in arg raiya in an raiya 

Acc. an raiya a raiya a raiys 

Der Nom. entspricht den flektierten starken Formen 
des Mhd., ebenso der Dat. Acc. des Mask. Neutr. (-em wurde 
wie -m zu -a). Sollen beim Fein, der Dat. Acc. aus den 
starken Formen (mhd. richer, riche) erklärt werden, so ist 
man zur Annahme gezwungen, dass der Acc. sich an den 
Nom. angeschlossen hat und beide Kasus den Dat. sich 
gleich gestaltet haben, dessen -er zn Gunsten des heutigen 
-a verdrängt wurde. Einfacher gestaltet sich die Erklärung, 
wenn auch für unseie Mundart der mhd. Gebrauch voraus- 
gesetzt werden darf, dass im Gen. Dat. in der Verbindung 
mit dem unbestimmten Artikel neben den starken Formen 
die schwachen verwendet werden konnten (Weinhold, a. a. 
0. § 521). Das Nhd. .einer reichen“ ist in dieser Weise 
zu erklären. 

Der Gebrauch des Adjektivs als Attribut ohne Artikel 
ist nur teilweise erhalten; durchwegs nur der Nom., der 
syntaktisch als Vokativ fungiert. Vgl. du qrmar ments du 
armer Mensch, kyluanar Kleiner, o grqassa malt o grosse 
Welt, swqrtsa (du) Schwarze, liaps kyind liebes Kind. Von 
obliquen Kasus mit dieser Konstruktion sind nur einige er- 
starrte Wendungen erhalten; sie zeigen die starke Adjektiv- 
flexion. tunmar weis dummer Weise, slauhar — , guatwilligar 
wais schlauer, gutwilliger Weise. Es sind Genetive; sie 
kommen nur in der Verbindung mit wais vor. Starke Da- 
tive sind von den Fern, mia Mühe, qrwat Arbeit, in Gebrauch: 
mit filar — , grqassar — . hqrtar mia mit vieler, grosser, harter 
Mühe; pai hqrtar qrwat bei harter Arbeit. Sonst: pai guatar, 
rauhar, sleytar wittaruq bei gutem, rauhem, schlechtem 
Wetter; mit waissar fqrb mit weisser Farbe, pai sleytar kyost 
bei schlechter Kost. Individuell mag noch die eine oder andere 
Verbindung dieser Art gebraucht werden, aber nur bei 
wenigen. Die s. g. unflektierte Form bewahren noch die 
Wendungen ileyt — , guet — , rauy — , sia wöttar, schlecht, 
gut(es), rauh(es), schön Wetter; oj guat glicky auf gut 




147 


Glück. Vom Mask. kommt nur guot, sleyt wöig gut(er), 
schlechter) Weg, vor. 

Der Plural endigt beim Adjektiv beute auf -o, rat/#, 
in allen Kasus der drei Geschlechter. Es ist dies die Form 
der schwachen Flexion (mhd. -cm). Beim zweiten Paradigma 
ist die starke Pluralflexion verdrängt worden. Erleichtert 
wurde die analogische Bildung der heutigen Verhältnisse 
durch den Dativ (mhd. riehen wurde zu raiyo) sowie durch 
den Nom. Acc. des Neutr., dessen -in zu -o geworden ist; 
in zweiter Linie durch die Gleichförmigkeit des schwachen 
Flurais, dessen -en überall als -o auftritt. 

Im prädikativen Gebrauch des Adjektivs kann für 
alle Geschlechter in allen Kasus des Sing, und Plur. neben 
der (unflektierten) einfachen Form, raiy, eine auf -or, raiyor, 
angewendet werden. Wahrscheinlich ist die flektierte Form 
des Nom. Sing. Mask. (mhd, richer) die Grundlage für diesen 
Gebrauch; vielleicht hat auch der Gen. Sing. Fern, zur Ver- 
allgemeinerung beigetragen, indem das wais in Wendungen 
wie kyrogkyor wais, guotor wais kranker, guter Weise, und 
ähnlichen wegtiel und der Gen. des Adjektivs erstarrte. 
Vgl. or i st kyronky/r fnrt und ksuntor kyemnio, er ist krank 
fort und gesund gekommen, si hqwf Iqyyotor tsuo ksaukt, 
sie haben lachend zugesehen (geschaut), si sai gwqksnor 
kStqrwo sie sei erwachsen gestorben, or hqts kyqltor gosst 
er hat es kalt gegessen, s gros grmior mdijo das „grüne 
Gras“ mähen. 

§ 130. Die Flexion des Pronominaladjektivs t/a (mhd. 
ein) hat sich in der Mundart in vierfacher Weise ausge- 
staltet. 1. Es ist mit dem bestimmten Artikel verbunden 
(als Substantiv und Adjektiv); seine Flexion in dieser 
Stellung deckt sich mit der des Adjektivs. 



Mase. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

dor uh 

t HO 

s uo 

Dat. 

in u'ono 

dtr uo 

in ihno 

Acc. 

thn u'ono 

t. m 

s UO 

Flur. 

N. t ihn» 

D. ihn u'ono 

A. t u'ono. 


Seine Bedeutung in dieser Verwendung ist : ‘der eine, 
der andere’. 

10 * 


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148 


2. Es ist substantivisch als Zahlwort und Pronomen 
gebraucht (ohne Artikel). 



Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

U9r 

imid 

iws 

Dat. 

ulm 

udrd 

um 

Acc. 

uvn 

U9M 

U9S 


Diese Formen entsprechen der starken Flexion des Mhd.: 
einer, eini'u, eines. Der Dat. Acc. üan sind auf Formen mit 
langem Nasal zurückzuführen, da heute n im Auslaut steht; 
früheres eineme, einen über einm, einn zu der heutigen Form 
mit Lenis. Daneben ist eine Form uam, in schwachtoniger 
Stellung um, vorhanden, welche als Dat. und Acc. verwendet 
wird und die Funktion eines verallgemeinernden Pronomens 
hat, mit dem der Sprechende immer sich selbst meint. Vgl. 
du mua&t um it gwqlt öUtiä, du musst mir nicht Gewalt an- 
tun, st tarffa n u9tn m ohröida, sie dürfen mich schon an- 
reden. Der Dat. Fern, ultra hat sein -» (mhd. einer konnte 
nur zu tiar werden) in Analogie zum Nom. uana angenommen, 
der auch den Acc. beeinflusst hat; für mhd. eine wäre «ä 
zu erwarten. Im Fern, ist also wie beim Adjektiv für alle 
Kasus eine einheitliche Form hergestellt worden. 

3. Es steht attributiviscli als Zahlwort. 



Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

tW 

iw 

iw 

Dat. 

(tw) um 

iwr 

um 

Acc. 

tfon 

tif) 

U9 


Der Nom. geht auf die s. g. unflektierten Formen zu- 
rück, der Dat. Acc. tan sind wie in 2. zu beurteilen; die 
Formen des Fern, sind normal entwickelt, aus mhd. einer, 
eine konnte nur iiar, ult werden. 

4. In seiner Verwendung als unbestimmter Artikel 
zeigt es die in der schwachtonigen Stellung entwickelten 
Formen; die erweiterten des Dat. und Acc. sind sekundär 


entstanden auf Grundlage 

der einsilbigen. 


Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. » 

9 

9 

an, anan, nan 

ara 

an, anan, i 

an, anan, nan 

a, ana na 

a, ana, na 


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149 


Die einsilbigen Formen decken sich mit Abschwächung 
des Diphthongs zu » mit denen von 3; die zweisilbigen sind 
aus der Verbindung des unbestimmten Artikels mit Prä- 
positionen hervorgegangen. Den Ausgangspunkt bildete die 
Präposition nöiw» neben. Vor vokalischem Anlaut stellt 
sich nach dem » das n ein. Aus einem Dat. nöiw» n»n 
stu» neben einem Steine, wurde mechanisch ndn als Dat. 
des unbestimmten Artikels nach andern Präpositionen ver- 
wendet: hintdrndn poum hintereinem Baum, untersten k/qrb, 
unter einem Korbe, iwdrndn pröit über einem Brette. Nach 
nöiu&Mtt haben sich weitere Verbindungen einsilbiger Prä- 
positionen gebildet wie fqar dndn vor einem, pai dndn bei 
einem ; neben diesen erweiterten Formen wird die einfache 
9)i gebraucht, fqar m vor einem, tsud dn zu einem, hinter 
an hinter einem, unter d n unter einem, »non trat auch an 
zweisilbige Präpositionen, so dass wir heute drei Fügungen 
besitzen : hinter dn, hinter ndn, hinter dndn. Dem Ineinander* 
greifen dieser Fügungen ist es zu verdanken, dass die Prä- 
position nöiw» auch einsilbig als nöiw, vor stimmlosen Kon- 
sonanten als nöp, auftritt, ebenso göigd gegen, auch als 
göig, gök: nöiw» mter, nöib mdr neben mir, nöiw» dter, nöiw» 
iter, nöp t»r neben dir, göig » t lait gegen die Leute, gök ter 
k/irxd gegenüber der Kirche (gegen die Kirche hin). Seltener 
ist ndn nach einsilbigen Präpositionen: in nen stqll in einem 
(einen) Stall, auf ndn haus auf einem Haus. Die Formen 
dnd, nd des Acc. Fern. Neutr. erklären sich in gleicher Weise. 
nöiw» nd kyiäte neben eine Kiste, hinter n» wont hinter eine 
Wand, unter dnd plqtte unter eine Platte; gleichwertig sind 
hinter d , unter ». fqar » bitte vor eine Hütte, fir » kyu» 
für eine Kuh, daneben fqar dnd, fir dnd, selten bei einsilbigen 
Präpositionen nd, fqar nd. in » haus in ein Haus, hintern d 
glasld hinter ein Gläschen, fir dnd dqy für ein Dach, nöitcd 
nd loy neben ein Loch. Der Dat. Fern, könnte in regel- 
mässiger Entwickelung nur zu dr geworden sein; »r», das 
ausschliesslich vorkommt, ist in Analogie zum zweisilbigen 
Acc. dnd gebildet; rd ist theoretisch zu fordern aber nach 
Konsonanten nach den heutigen Artikulationsverhältnissen 
nicht möglich (vgl. § 57). Dass die Herleitung dieser zwei- 


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150 


silbigen Formen aus einer Kombination der zweisilbigen 
Präpositionen mit den einsilbigen Kasus des unbestimmten 
Artikels und der analogen Weiterbildung daraus das richtige 
trifft, erweist der Umstand, dass die zweisilbigen Artikel- 
formen nur in der Verbindung mit Präpositionen verwendet 
werden; der Dat. kommt überhaupt nicht ohne Präposition 
vor — wo man den einfachen Artikel erwarten würde, 
steht die Präposition in : in an pua einem Buben, in ara 
swöstar einer Schwester, in an waib einem Weibe (darüber 
s. u. § 144). 

Das Pronominaladjektiv kyiia kein, flektiert wie u't 8 
als Adjektiv, kyu.tr keiner, wie tär 2 als Substantiv. 



Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

kyiia 

kyiia 

kyiit 

Dat. 

kytian 

kyuar 

kyuan 

Acc. 

kyv'an 

kyiia 

kyiia 


Plur. kyiia na 


Nom. 

kyuar 

kyitana 

kyüas 

Dat. 

kyuan 

kyiiara 

kyuan 

Acc. 

kyuan 

kyitana 

kyuas 


PI ur. kymna 


§131. Wie ruiy werden sämtliche Adjektive flektiert, 
wobei die lautliche Gestaltung des Wortes keinen Ertrag 
tut. Die jo-Stämme haben den im Mhd. als e erscheinenden 
Vokal verloren und sind nur mehr am Umlaut bezw. an 
der Konsonantendehnung als solche zu erkennen, soweit 
das j überhaupt eine Wirknng hinterlassen hat. Auch die 
wo- (und w-) Stämme decken sich mit den o-Stämmen. Die 
Flexion der Partizipien ist dieselbe wie die des Adjektivs. 
Die des Präsens endigen auf -at (aus ent), die des Präteritums 
auf -a (aus -en) und -t, -at. Iqyyat lachend, wQksat wachsend; 
gllha geliehen, das im Auslaut geschwundene n ist in den 
inlautenden Formen bewahrt: glihnar geliehener, da glihna 
den geliehenen; kslqga geschlagen, kSlqgga geschlagene. 
In derselben Weise zeigen die Adjektive auf -a (mhd. -en) 
im Inlaut das « : trukya trocken, trukynar trockner, off» offen, 
off na offenen. Schwache Partizipien : tsöilt gezählt, tsöilta 
gezählte; kyöftat geheftet, kyöj tatar gehefteter. 


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151 


§ 132. Die Bildung des Komparativs erfolgt heute 
durch das Suffix -9 r , rai/»r; bei den umlautfähigen tritt 
meistens der Umlaut ein, der, ursprünglich durch das Suffix 
-ir hervorgerufen, sich zum Komparativ- und Superlativ- 
bildungsprinzip entwickelt hat. 

Der Superlativ hat das Suffix -st, rui/ßt. Sein Stamm- 
vokal ist derselbe wie der des Komparativs; wo dieser den 
Vokal des Positivs urnlautet, hat auch jener den Umlaut. 
Die Flexion des Komparativs ist von der des Positivs nicht 
verschieden, der Superlativ erscheint nur mit dem bestimmten 
Artikel verbunden. 



Mask. 

Fern. 

Neutr. 

Nom. 

d»r rai/9r 

t rai/9r 

s rai/3r 

Dat. 

in rai/srs 

dgr rai/9r 

in rai/»r9 

Acc. 

dd rat/itr» 

t rui/9r 

s rai/»r 


Plur. 

t rai/9r» 


Nom. 

9 rai/9r»r 

» rai/»r9 

9 raiysrs 

Dat. 

in 9ii rai/9r» 

in 9rd rai/3r9 

in an raiyßr» 

Acc. 

9n rai/»r» 

» rai/ßrd 

3 rai/3rs 


Plur. 

rai/9r» 



d»r rui/ßt 

t rai/ßt 

s rui/ßt 


in rai/ßt» 

d3r rai/st 

in rai/ßt* 


d» rai/ßt» 

t rai/st 

s rui/ßt 


Plur. / rai/stn. 

Die Adverbien des Positivs und Komparativs stimmen 
mit der nicht flektierten Form überein; auch der Stamm- 
vokal ist derselbe. N ur / qst fast, und su'i, schwachtonig s«, 
sw schon, zeigen die alte Form. Sie haben sich der Be- 
deutung nach vom Adjektiv isoliert wie im Nhd. 

Erhaltene Reste der mhd. Adverbien auf -liehen zeigen 
gdiigs 'jählings’, allmählich, mhd. gaehelichen, glai/lig », gleich- 
lieb ; darnach gebildet scheint das vereinzelt gebrauchte 
tetmigj wenig. Das Adverb des Superlativs ist dem Nhd. 
gleich an, 9n, in rai/it» am reichsten, dn ksaid»st» am ge- 
gescheitesten, in wßniksts am wenigsten. 

§ 133. Die umlautfähigen, im Komparativ und Super- 
lativ umlautenden Adjektive der Mundart sind; swq/ schwach, 


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152 


Komp, swöyyar, Sup. swöyst; stqry stark, störyar, störyst ; 
qry arg, örgar, örkst ; qrm arm, örmar, ärmst; wqrm warm, 
w örmar, wärmst; gqrf scharf, görffiar, sörfst; smql schmal, 
smöilar, smöilst; loytj lang, lenyar, leyyst (lenkst) : pony bang, 
petjtjar, peykst; tso'utn zahm, tseimar , tseimst ; löinn lahm, 
lelmar, leimst ; olt alt, öltar, öltast ; kyqlt kalt, kyöltar, kyöltast; 
mqt matt, möttar, möttast ; glqt glatt-, glöttar, glöttagt; sqt 
satt, söttar, söttast; nqss nass, nossar, nössagt; plqss blass, 
plössar, plössast; swqrts schwarz, swörtsar, swörtsast; qltg 
falsch, f ölt gar, f ölt sagt; yrqd gerade, gröidar, gröidast (Vgl. 
S. 68). 

Dass sich der U mlaut’analogisch weiter ausdehnte, zeigen 
p/qb blau, plöiuar, plöipst; grqb grau, gröiwar, gröipst (mhd. 
blute-, grau -) ; nqha nahe, nüihnar, nöihna&t und nahnar, nähnagt 
toll tüchtig, töllar, tölst; f oll voll, f Öllar, fölst; yroub grob, 
gröiwar, gröipst; noub\ nobel, nöiblar, nöiblst; teolf ] wohlfeil, 
wölflar, wöljlst. kyurts kurz, kyirtsar, kyirtsait; ksunt gesund, 
ksintar, ksintast ; runt rund, rintar, rintagt,; tum dumm, timmar, 
timgt; kyrump krumm, kyrimpar; junn jung, jiyyar, jiijkgt; 
trukya trocken, trikynar , trikynast; kylnag fein, kyliagar, 
kyliakst ; gnuag genug, gyiagar; rqat rot, rqatar, rqatast; nqat 
(nur prädikativ gebraucht, sieh Lexer II. 103) nötig, »s hqt 
nqat es ist nötig, hat not, miar tnats nqatar ich kann es eher 
brauchen; rqay roh, rqahar, rqayst ; hqay hoch, hqahar, h/ayst, 
frqa froh , frqaar, frqast; grqas gross, grqmsar, grqagt (frühe 
Synkope). Analogische Umlautbildung zeigen deutlich fol- 
gende: hqakl heikel, hqaklar, hqaklgt; prqat breit, prqatar, 
prqatast; hqas heiss, hqassar, hqassast; wqoy weich, tcqoyar, 
wqaygt; plqay bleich, plqayar, plqayst. Sie schlossen sich 
den Adjektiven an, deren qa sich aus 5 entwickelt hat. 
rauy rauh, raihar, raiyst; saur sauer, sairar, soirst; faul, 
faul, failar, failst ; slauy schlau, slaihar, glaiygt; sauwar sauber, 
saitcarar, saiwarst ; selbst zum alten /o-Stamme luk locker, 
kann ein Komparativ likkar, ein Superlativ likst gebildet 
werden. Es ist zu beachten, dass zu allen Adjektiven 
neben der umgelauteten Stammform im Komparativ und 
und Superlativ vereinzelt auch die nicht umgelautete, also 
die des Positivs vorkommt. 


\ 


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153 


Nie tritt der Umlaut ein bei kylqr klar, kylqrer, kylQrSt. 
1t oy flach, flqyyer selten flöyyer, ftqyßt und Jlöyst. Die Ad- 
jektive mit betonter Nebensilbe haben den Vokal des Posi- 
tivs auch im Komp. Superl. nqrret närrisch (mhd. tiarreht), 
nqrreter, nqrretst ; qrtig artig, Qrtigar, qrtikst ; fqrtoig farbig, 
fqrwiger , fqrwikst ; strqfpqr strafbar, strqfpqrer, strqfpqrst; 
nqrhqft nahrhaft, nQrhofter, nQrhqftest; Sqdhqft schadhaft, 
iqdhqfter, SqdhqfteSt ; die auf -som können auch Umlauten: 
hqalsom heilsam, hqalsomer, hqahomst seltener hqalsemer, 
hqalsemSt; SpQrsom sparsam, SpQrsomer, spqrsomit, vereinzelt 
spqrsemSt; lonksum langsam, loijksomer, lotjksemer, lenksonier, 
leijksemer, lonksomst, lonksemst. leyksomst, lerfksemst. 

Der Vokal der Komparativ- (und Superlativ-) Endung 
war einst synkopiert worden ; das beweisen folgende Doppel- 
formen: kylu't klein, kylwmer, kylvaner und kylvodor, kylüddr, 
kylubst, kyliäst ; die d stammen aus einer einstigen Laut- 
folge nr (vgl. § 72). prah braun, prätn9r, prdidsr, prdist ; 
/de fein, fätder, fainer, fdist ; sia schön, Sfanar, Stader, gibst; 
grib grün, qr&nar, gr fader, griaSt. 

§ 134. Isolierte Komparative und Superlative sind : 
ouwer ober, ouwerät und öiwarSt; unter unter, unterst; die 
Annahme, dass outeerit, unterst sowie die Komparative als 
mit den Suffixen ahd. or, ost gebildet für unsere Mundart 
vorausgesetzt werden dürfen, wird durch den Mangel des 
Umlautes befestigt, pösser besser, pöSt beste, zu guet; Adverb. 
mi), mr.arar mehr, mquSt meiste (mhd. mt, mir er, meiste), 
ein erweiterter Superlativ zum Komp, tnqarer ist mqarikSt; 
zu mm wird mieit gebildet. Zu fil viel, auch fiter, fÜSt; 
zu wtanig wenig, mbnigar, wfbnikSt und minder, mindest; zu 
lots (mhd. letze) schlecht, übel daran, lötser, lötseSt, daneben 
ein Superlativ löst mit isolierter Bedeutung ‘der letzte’. 


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III. DAS PRONOMEN. 


§ 135. Mlid. ich tritt in betonter Stellung als * auf, 
sehwachtonig in pro- und enklitischer Stellung als i. in 
letzterer auch als ig. ig hat sich aus ich gebildet wie das 
Adjektivsuffix mhd. -lieh heute zu lig geworden ist (§ 75); 
wie aus altem vrilich frailig, so aus Fügungen wie bin ich, 
sag ich unser pinnig, sQgig. Schwund des Konsonanten konnte 
nur in sehwaehtoniger Stellung eintreten, zunächst in Fü- 
gungen wie <l<l pinn i gcare da bin ich gerne, i ggci it ich 
gehe nicht Dom hochtonigen ich ist der Konsonant durch 
Einwirkung des unbetonten i verloren gegangen. Die Formen 
des Aec. ml, mi, mig sind genau in gleicher Weise zu be- 
urteilen. 

Der Gen., der nur in der Verbindung mit der Prä- 
position wöig» wegen, vorkommt, lautet mäinsr, maiddr , zeigt 
also eine erweiterte Form. Das -er (er) ist vom starken 
Femininum des Adjektivs übertragen worden; das d in der 
Nebenform minder wird durch mhd. minre (Weinhold mhd. 
Gr. 2 § 471) erklärt. 

Der Dat. ist mi»r in betonter, m»r in unbetonter Stel- 
lung, also normal entwickelt. 

Der Plural: Im Nom. ist mm- und in er allein gebraucht; 
über m für w vgl. § 63. Der Gen., mhd. unser, wird nur 
in der Verbindung mit wöig» wegen, verwendet und in der 
Fügung mit mr, einer; wöig» n ins»r, inner üdr unser einer. 
i ist aus h umgelautet; ursprünglich kam der Umlaut des 
u zu ü nur dem Acc. (ahd. misili) zu, er hat sich über alle 


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155 


Formen des Stammes uns ausgedeht. Dat. Ace. lauten ins 
(vgl. das Possessiv ins»r). 

§ 136. Mbd. du. Es erscheint als du in starktoniger, 
als du, d» in schwachtoniger Stellung. Von dem gedehnten 
ahd. mild, du ist keine Spur vorhanden. Die schwächste 
Form t mit Schwund des Vokals wird noch in dem t der 
zweiten Person Sing, des Verbs gefühlt: löpSt lebst du. 
du löpS du lebst, aber auch (du) löpät. Nur bei der zweiten 
Person kann das pronominale Subjekt fehlen ; die alte Satz- 
fügung mit dem enklitischen Anschluss des schwachtonigen 
Pronomens, der das st der deutschen Konjugation in der 
zweiten Person erzeugt hat, ist also noch lebendig, du ist 
proklitisch, d» enklitisch: dü pi§S»s du bist es, du musst 
folys du musst folgen, i ei» d» teilst wie du willst. 

Der Gen. (mhd. dm) lautet dalnsr, ist also zu beur- 
teilen wie mainsr. Der Dat. zeigt die Formen di»r, dar, 
der Acc. di, di, dig; für sie gilt das über den Dat. Acc. 
der ersten Person bemerkte. 

Im Plural fehlen die mhd. Pluralformen ir u. s. w. 
gänzlich ; dafür sind öis ihr, eitky»r euer, etiky Dat. und Acc. 
euch, gebraucht. Zu öis (älter bair. fy) lautet die schwach- 
tonige Form ös, »s; an die zweite Person Plur. des Verbums 
ist s suffigiert und mit t zu ts verschmolzen, so dass neben 
einander z. B. ös howHx und ös hqwst ihr habt, hömt öis 
und hqwsts öis verwendet werden. 

§ 137. Das Reflexivum. Der Gen. mhd. sin zeigt sich 
in erweiterter Form xalnsr, sa'tdsr und fungiert nur als Gen. 
des geschleehtigen Pronomens der dritten Person, im gleichen 
Umfange wie die Gen. der Pronomina der ersten und zweiten 
Person. Der mhd. Acc. sich hat die Form sig und wird 
nur schwachtonig in der Enklise gebraucht; sig ist das 
Reflexiv für den Dat. und Acc. des Sing, und Plur. 

§ 138. Mhd. er. Der Nom. hat sich in starktoniger 
Stellung zu rar, in schwachtoniger zu »r entwickelt. Der 
alte Gen. es ist nicht erhalten. Der Dat. im, mhd. im, wird 
immer starktonig verwendet; in unbetonter Stellung er- 
scheint er als y, nach Vokalen n, aber nur enklitisch, im 


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158 


tn»ts ni/t ihm tut es nichts, »r hot n dir-)/- göiw » er hat 
ihm aber gegeben, H laih»n s galt sie leihen ihm das Gold ; 
wo dieser Dat., der auch als Reflexiv gebraucht wird, (wie 
im Mhd. Ahd.), vor dem Verbum steht, ist immer ein starker 
Ton damit verbunden. Die auslautende Nasalis erscheint 
also hier wir beim Dat. Acc. der Formen von mhd. ein in 
der Mundart als Charakteristikum dieser Kasus. Ganz gleich 
sind diese Verhältnisse im Acc. dieses Pronomens: in in 
starktoniger, > e i, n in nebentoniger Stellung, in tcqart in» 
mu*n» ihn wird man meinen, »s hqt \i glai% troff» es hat 
ihn gleich getroffen, tn»r $lqg»n wir schlagen ihn. Nur 
wenn der Dat. und Acc. in schwachtoniger Stellung ver- 
bunden erscheinen, zeigt sich bei beiden eine regelmässig 
entwickelte Form »n», aus im, in über enen: m» gait »n» 
man gibt ihm ihn. Dass in »n» der Dativ an erster Stelle 
steht, möchte man aus Verbindungen wie gib m»r \i 
gib mir ihn, i tu» d»r n ich tue dir ihn, und analogen 
schliessen. 

§ 139. Mhd. si tritt im Nom. als sl in betonter, si in 
schwachtoniger, s » in enklitischer Stellung auf. Schwund 
des Vokals kommt nie vor. Der Dat. mhd. ir (ire) lautet 
i»r», in der Enklise »r»; es liegt hier — an Erhaltung des 
ahd. u als » ist nicht zu denken — eine Erweiterung durch 
die schwache Adjektivendung -en vor, die wohl durch das 
Fern, des Possessivs vermittelt wurde, ln der Verbindung 
mit ic'öig», U'öigm i»r » und wüig»r», kann ebenso ein Dativ 
wie ein Gen. vorliegen. Der Acc. ist ganz dem Nom. gleich: 
si, si, s». Von den alten Doppelformen dieses Pronomens, 
mhd. st«, si, sie ist in der Mundart keine Spur nach- 
zuweisen. 

§ 140. Mhd. 8z. Der Nom. und Acc. werden heute 
nur schwachtonig gebraucht: »s und enklitisch s, der Acc. 
nur s. »s niQ/t sig es macht sich; toi» tusts wie tut es; 
wqar gaits wer gibt es; nur nach s, S des Verbums wird 
im Acc. auch »s gebraucht, i wqass»s ich weiss es, gegen 
* k/oufs ich kaufe es; iraSS »s wasche es, wa§8»ts waschet es. 
Für den Dativ ist das schwaehtonige #, nach Vokalen n, also 
dieselben Formen wie beim Mask., gebraucht; die starktonige 


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157 


Form wird auch hier wie im Nom. und Acc. durch das 
Substantiv ersetzt; das gleiche gilt für den neutralen 
Plural. 

§ 141. Der Plural des geschlechtigen Pronomens. Für 
den Nom. Acc. gilt «», wo er betont ist, si in proklitiseher 
und enklitischer, s» nur in letzterer Stellung, st höw» t iuld 
sie haben die Schuld; hqw» si t iuld ? haben sie die Schuld? 
si hqw»s sie haben es; tcqs kyentm» prauy »? was können 
sie brauchen? Im Acc. ist das starktonige st für das Mask. 
Fern, selten. Der Dativ lautet in», in», »n», dem nhd. ihnen’ 
entsprechend ; das zu Grunde liegende -en ist als schwache, 
vom Adjektiv übernommene Kasusendung aufzufassen. Auch 
im Plural haben die schwachtonigen Formen die starktonigen, 
mhd. st, siu, sie, verdrängt gleich wie im Sing. Fern, und 
beim Personalpronomen. 

§ 142. Die Possessiva, mai mein, ddi dein, sdi sein, 
i»r ihr (im Mhd. fehlend), ins»r unser, enkysr euer, flektieren 
genau so wie d»r u» und u» (§ 130). Vgl. d»r ddi der 
Deine, s ddi holts dein Holz und ddi hoUa, dair hitt » deiner 
Hütte, i d»r ddi hitt » (in) deiner Hütte. i»r ist ebenso wie 
im Nhd. für den Sing, und Plur. verwendet, si hqt i»r %i 
hu»t sie hat ihren Hut, si göitc» sig mit i»nj, tsuig tsfrld» 
sie geben sich mit ihrem Zeug zufrieden; i»rg kann in 
beiden Fällen sowohl eine Einzahl als eine Mehrzahl von 
Besitzenden vertreten. 

Sehr häufig ist die meist mit dem bestimmten Artikel 
verbunden auftretende Weiterbildung der Possessiva auf - ig : 
mdtnig, ddinig, sämig, isrig, ins» rüg, etiky»rig. Selten steht 
hier der unbestimmte Artikel. 

§ 143. Mhd. der diu duz. Es hat sich in zweifacher 
Weise entwickelt, 1. aus den betonten Formen 2. aus den 
unbetonten. Die ersteren fungieren heute als Demonstrativ 
und Helativ wie nhd. ‘der die das’, die letztem als bestimmter 
Artikel. 1. Die Formen des Sing. Mask. sind: Nom. dqar; 
Gen. nur in der Verbindnng mit wöig» als dösswöig»; Dat. 
und Acc. dein. Syntaktisch sind beide Kasus geschieden, 
den lautlichen Zusammenfall mag einerseits eine schwächer 
betonte Dativform dem verursacht haben, andrerseits die 


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158 


Dative der Formen von mhd. ein (u'm, an), von im (# w), 
in welchen ja das auslautende n ebenso wie im Acc. in der 
lebenden Mundart als Kasusendung gefühlt wird. Der Sing. 
Fern, di» im Nom. und Acc. entspricht dem mhd. Acc. die; 
vom Nom. diu ist keine Spur vorhanden, di» kann sehr 
wohl im Satzgefüge vor einem folgenden a, e , o in ahd. Zeit 
aus diu entstanden sein, Analogie zum Acc. ist ebenfalls 
möglich. Der Dat. mhd. der erscheint als dear und dear »; 
letzteres entspricht nhd. ‘deren’, dqar wird vor dem Sub- 
stantiv gebraucht, also attributivisch, substantivisch nur als 
Kelativum, wenn sich ihm ein enklitisches Wort anschliesst. 
dqara kann nicht attributivisch stehen, dear hilf.» dieser 
Hütte, sqg dear» sage der, dear » mqg numat öppe» ‘der mag 
niemand etwas’, diese achtet niemand, dear m»s furt hqt 
der man es fort hat. Der Gen. ist in attributiver Verwendung 
als d-ß,ra vorhanden : »s sal dqar» k/Jnd»r es sind die Kinder 
‘dieser Frau’, i dear» lait tu»ts ni/t deren Leuten (den 
Leuten dieser Frau) tut es nichts; als Relativ: dear» haus 
»r görpt hqt deren Haus er geerbt hat; Der Nom. Acc. 
Neutr. lautet döis, entsprechend dem mhd. dez, das sich in 
der Stellung vor i im Satze entwickelt hat — duz ist zu dez 
ist, das sehwaehtonige daz ist zeigt sich schon im Ahd. als 
deist. Der Dat. dein ist zu beurteilen wie beim Mask. Der 
Plural lautet für alle drei Geschlechter gleich. Nom. di» 
ebenso der Acc.; das Neutr. mhd. diu ist verloren ge- 
gangen. Als Gen. erscheint dear» in der gleichen Ver- 
wendung wie bei Sing. Fern, qlh lait, dqar» galt alle Leute, 
deren Geld. Der Dat. dein » zeigt eine erweiterte Form. 

§ 144. Der Entwicklung unter schwachem Accent ent- 
sprechen die Formen des bestimmten Artikels. Mask. Nom. 
dar, Gen. s, Dat. in, n, n, Acc. d», in. Über die Ver- 
wendung des Gen. vgl. § 85. Der Schwund des anlauten- 
den d ist aus der Stellung im Satze zu erklären ; frühe 
Gelege bietet Weinhold, bair. Gramm. S. 376. Die Form in 
mit dem dem Dat. und Acc. eigenen n ist offenbar bezüglich 
des V'okals durch die Präposition in, i in, beeinflusst; auf 
lautlichem Wege ist die Entstehung des in aus dem voraus- 
zusetzenden ein, en nicht denkbar. Der heute herrschende 


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159 


mundartliche Sprachgebrauch, jeden Dat. mit der Präposition 
in zu bilden, erklärt sich aus dieser Vermischung des Dat. 
des Artikels mit der Präposition in. Vgl. in fqtar dem 
Vater, i dar muatar neben dar muatar der Mutter, i dar kyirya 
neben dar kyirya der Kirche, i da lait neben da lait den 
Leuten, i da peim neben da peim den Bäumen; beim Ad- 
jektiv: i dar raiy neben dar raiy der reichen, i da raiya 
neben da raiya den reichen; beim unbestimmten Artikel 
steht im Dat. immer in s. o. ; beim Possessiv: i dar tndi 
neben dar nun der meinen, » da sdtna neben da so'ma den 
seinen ; hier kann in nicht fehlen, wenn das Possessiv als 
Attribut vor einem Substantiv steht: i mdm fqtar meinem 
Vater, i mciir muatar meiner Mutter; selbst beim substan- 
tivischen Pronomen i miar neben miar mir, i diar neben 
diar dir, in etfky neben eijky euch, * weint und weint wem. 
Steht in, i als Präposition, so lautet die Konstruktion genau 
gleich: i dar kyirya in der Kirche, in etjky in euch u. s. w. 
Die Formen p, n werden nach Präpositionen gebraucht. 
auf p tiS auf dem Tisch, hin tarn parg hinter dem Berge, 
fnant houf vor dem Hof, nöiwan ätual neben dem Stuhle, 
fttn qkyar vom Acker, tsun oks zum Ochsen. In derselben 
Weise werden %i, n beim Acc. verwendet. auf# wöig auf 
den Weg, untarp pouda unter den Boden, göigan gqrta gegen 
den Garten. Die dem Dat. eigene Neubildung mit in, i fehlt 
dem Acc. gänzlich; es kann nur heisen: da fqtar und in fqtar 
den Vater, nicht aber * da fqtar. 

Der Nom. des Fern, ist t, also mit völligem Schwunde 
des ursprünglichen Diphthongs; dass die Fortis t erscheint 
für die zu erwartende Lenis d, erklärt sich aus der Stellung 
des Artikels im Satze, t verbindet sich mit den folgenden 
Konsonanten nach den Gesetzen der Mundart: t qlt die alte, 
t honsa die Hose, t Iqg die Lage, t nqyt die Nacht, p muatar 
die Mutter, tonna die Tanne, tiky die Dicke ( diky ), kqb die 
Gabe (gqh), pfqrha die Föhre (fqrha), pfonna die Pfanne, 
kyirya die Kirche. Der Acc. ist dem Nom. gleich: t. Der 
Gen. lautet dar-, er kommt nur bei persönlichen Substantiven 
vor (vgl. § 85). Der Dat. ist dem Gen. gleich: dar-, in Ver- 
bindung mit vokalisch auslautenden Präpositionen zeigt sich 


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160 


r analog dom $, n des Mask. pair bei der, tsur, tsuar zu 
der, für von der, nöiwar neben der. 

Der Nom. Ace. des Neutr. ist s. ebenso der Genitiv; 
der Dat. ist dem des Mask. gleich, s qrwet» das Arbeiten, 
s m ad las des Mädchens, in kyind dem Kinde, fqart} haus vor 
dem Hause, unter n dqy unter dem Dache, nöiwan pöt neben 
dem Bette. 

Der Plural lautet im Nom. Acc. wie im Fern, t für 
alle drei Geschlechter; der Dat. ist da (*' da) ; der Gen. 
kommt fast nur in dem Ausdruck dar kyindar farmöiga der 
Kinder Vermögen, vor. 

§ 145. Mhd. diser fehlt der Mundart, ebenso das ein- 
fache jener. Von diesem hat sich eine Spur in eihqlb (mhd. 
enhalb) erhalten, doch hat es nicht mehr die Bedeutung ‘jen- 
seits’ sondern ist zum Ortsnamen geworden, unter dem man 
in Imst die Gegend über dem Inne, also Arzl, Imsterberg 
versteht, ts eihqlb zu — , auf — auf — , fu — von — . 
Als Kompositum ist erhalten dqarjeintg derjenige ; beide Be- 
standteile werden flektiert, dqar wie das Demonstrativ, 
j einig wie das Adjektiv in der Verbindung mit dem be- 
stimmten Artikel, di» j einig diejenige, döisjeinig dasjenige, 
Dat. (i) deinj einig», (i) dqarjeinig u. s. w. 

Mhd. sölp erscheint als salw»r, salt; beide Formen sind 
unflektierbar und können für alle drei Geschlechter ver- 
wendet werden. Sie tragen immer einen Hauptton und be- 
deuten selbst’, ctersall (mhd. derselbe) flektiert wie ein 
schwaches Adjektiv; es bedeutet jener , t sali ‘dieselbe’, in 
sali » ‘demselben', s sali ‘dasselbe’, t sali e ‘dieselben’ u. s. w. 
‘jene, jenem, jenes, jene’. 

Mhd. solch ist erhalten in » sölnar ein solcher, zu dem 
auch eine erweiterte Form a sölnigar vorkommt. Beide 
haben immer den unbestimmten Artikel bei sich und werden 
wie das Adjektiv flektiert. Das « ist als Rest des ein ( söl - 
Heiner zu ' sölhner zu sölnar ) : a sölna, a sölnigs eine solche, 
ein solches, Plur. sölniga, sölna solche. 

§ 146. Das alte Fragepronomen wer , waz ist relativ und 
fragend gebraucht, wqar Neutr. wqs, wqss, schwachtonig wqs. 
Dat. weitn in regelmässiger Entwicklung; seltener ist wein 


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161 


mit dem charakteristischen n. Acc. wein. Das Nebeneinander 
von weim und wein im Dat. hat ein analoges weint für den 
Acc. hervorgerufen. * wqass it weim de gmuet hqSt, ich weiss 
nicht, wen du gemeint hast, neben nein de gmuet hqst. 

Gewöhnlich als Fragepronomen, seltener als Relativ, 
wird verwendet: derwöii ‘welcher’. Es ist zusammengesetzt 
aus dem Artikel und wöil (ahd. welih); beide werden flektiert. 
Das einfache *wöil ‘welch’ fehlt. Die Erweiterung auf -ig: 
derwöilig , die gleich wie derwöii flektiert, kommt nicht 
häufig vor. Das nhd. ‘was für einer’ kennt die Mundart: 
wqss firi&r; uer wird flektiert. Weiterbildungen dazu sind 
wqssflrner (als Stamm davon gilt heute wqssftrn - . er ist 
Flexionsendung), wqesfirniger (aus dem vorigen mit -ig ge- 
bildet), wqssfiriger (nach wqssfhütr) ; sie haben immer den 
unbestimmten Artikel vor sich, ihre Bedeutung ist die des 
nhd. was für einer’. Ihre Flexion deckt sich mit der von 
» rai/er. 

§ 147. Teils Fragepronomen, teils unbestimmtes ist 
derwöider ‘wer von zweien, der eine von beiden (ahd. wedar); 
es hat immer den bestimmten Artikel vor sich und flektiert 
wie das Adjektiv in dieser Stellung (Fern. Nom. t wöider, 
Neutr. swöider). 

Von Indefiniten kommen vor: der k/uetwöider ‘keiner 
von beiden’, zusammengesetzt aus k/u'j kein, und dem ahd. 
deweder-, der mtwöider ‘der eine von beiden, aus tie ein, und 
ahd. deweder ; der ietwöider ‘jeder von beiden’, auch allge- 
mein ‘jeder’ (mild, ietweder ) ; en ieder ‘jeder’ ist nur mit dem 
unbestimmten Artikel verbunden in Gebrauch, -er ist heute 
Flexionsendung. Fern, en iede ‘jede’, Neutr. en ieds ‘jedes’. 
(Spät ahd. ioweder ; doch lässt sich ieder , ebenso wie nhd. 
‘jeder’ als spätere Bildung ie-der, ie-diu auffassen). Jung 
ist der ied ‘jeder’, Fern, t ied, Neutr. s ied. üpper ‘ctwer’ je- 
mand, ist nicht flektierbar, das alte Neutr. üppes etwas, 
ist erstarrt. meinet niemand, öttlige etliche; andere 
fehlen. 

Amn. Die urkundlichen Belege des Pronomens sohliessen sich 
näher den mhd. Formen an: ich , mich, wir, uns, er, es, im, sy, ir; der 
Dat. Plur. des geschlechtigen Pronomens erscheint als in, inn, 1473 

Schatz, Die Mundart Ton Imst 11 


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162 


in neben inen, später regelmässig inen. >Ihd. der zeigt als Artikel und 
als Demonstrativ, Relativ die gleichen Formen: der, des, dem, den; 
die, dy, der, der , die, dy; das, des; Flur, die, dy (y wird im Auslaut 
für mlid. ie (ü r) geschrieben), der, den, die, dy. In den Formeln nach 
dem egemelln landsrechien ist in den frühen Urkunden der Artikel 
als dem belegt, sonst immer als den ( Dat. Flur.). Mhd. dis er ist im 
Aco. Neutr. belegt ditzs, dizs, im Acc. Masc. disen brief. Das Possessiv 
ir ist bereits für den Sing. Fern, und den Plur. gebraucht: mit Ir 
arbait, Acc. ir phriind, iren erben, ir lebtag. 


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IV. DAS ZAHLWORT. 


§ 148. Von den Grundzahlen hat nur ua 1, eine 
Flexion (§ 130). tswqa 2, ist nicht flektierbar ; es entspricht 
dem ahd. Neutr. zwei ; auch die Fern. Form zwo hätte zu 
tswqa werden müssen. Vom alten Mask. zwene ist keine 
Spur vorhanden. Die Zahlen 4 — 19 haben, wenn sie nicht 
attributiv (vor einem Substantiv) stehen, eine Endung 
die auf die alte Pluralendung des Neutr., -iw, zurückgeht. 
Von 3 sind Doppelformen erhalten : drai mhd. dri und drui 
mhd. Neutr. drin, letzteres nur von der Stundenzeit ge- 
braucht, hqlwa drui halb drei, drui drei Uhr. fiar 4 und 
fiara, z. B. wiaf\ sali? fiar kyraitsar — fiara. Wie viel sind 
es? Vier Kreuzer — vier, fimf, fimfd 5; söks, süks» 6; 
slwa, sibma 7; qht, qht» 8; nai, naina 9; tsöiha, tsöihna und 
tsei, tsein a 10; die Formen ohne h sind jungen Ursprungs 
und dürfen nicht mit Notkers zen in Verbindung gebracht 
werden, elf , elf» 1 1 ; selten ist ualf, walfa ; tswölf, tswölfa 
12; draitsel, draitsen 9 13; in den mit 10 zusammengesetzten 
Zahlen ist die ältere Form tsöih », tsöihn » seltener gebraucht. 
fiartsei, fiartsena 14 ; fuftsel, fuftseua 15 (über den Schwund 
des Nasals vgl. Kauffmann PBB. 12, 512 A.); seytsei, sey- 
Isena 16; svwatset , siwatsena 17; qytsei qytsen» 18; naitsei 
naltsena 19. Die Zehnzahlen 20 — 90 sind heute Zusammen- 
setzungen der betreffenden Einheit mit tsk (zttg mit der 
Synkope des u). tswuatsk 20 ; draisk 30 ; fiartsk 40 ; fuftsk 50; 
seytsk 60; mwatsk 70; dqytsk 80; nait.sk 90; die Zwischen- 
zahlen 21—29 u. s. w. gehen auf eine Zusammenfügung der 
Einer mit der Zehnzahl durch und zurück; dieses und hat 

li* 


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164 


sich unter Schwachton zu a entwickelt, uanatswuatsk 21 ; 
tswqaadraisk 32; druijaßarlsk 43; fiarafuftsk 54; fimfaseytsk 
65; söhsagiwatsk 76; sihmadqytsk 87; qytadqytsk 88; nainanaitsk 
99. Vor dem vokalisch anlautenden mhd. ahzec ist das d von 
und erhalten und durch die Silbentrennung von qytadqytsk 
u. s. w. auf die Zehnzahl übertragen worden: dqytsk. Um- 
gekehrt hat sich der Anlaut der Zehnzahl in den Zusammen- 
setzungen festgesetzt in den übrigen Zahlen ausser den 
Zwanzigern. Man würde als Wirkung des cl z. B. *draij9 
trank (aus dd), ’fmf» pfiartsk (aus df), *fiara tseytsk (aus ds) 
u. s. w. erwarten. 

hundart 100; tausat 1000; die Zwischenzahlen werden 
durch einfache Anfügung an hundart (selten durch eine Ver- 
bindung mit und) gebildet. Vgl. hundart qyt 108 ( hundart 
und qyt). Die Zahlen 4 — 19 behalten in diesen Zusammen- 
setzungen die Fähigkeit ein Endungs-e anzunehmen, drai- 
hundarttswölf gulda 312 Gulden, tswqatausatundfimfa 2005. 

§ 149. Die Ordinalzahlen von 2—19 werden durch 
Anfügung eines t an die Grundzahl gebildet. Sie flektieren 
wie die Adjektive mit dem bestimmten und unbestimmten 
Artikel, dar tstcqat , a tmqatar der zweite, ein zweiter ; dar 
fuftsöihat der fünfzehnte; zu dmi ist die Ordinalzahl dar 
drit, a drittar vom alten Ablautstamm gebildet (ahd. dritto), 
zu u'a 1, ist (wie ahd. Bristo ) dar qarät im Gebrauch. Von 
20 an werden die Ordinalzahlen durch ist ( ast ) gebildet, dar 
tswuatskist, der 20., dar fimfasiwatskast] der 75. Der Vokal 
dieses Suffixes zeigt sich synkopiert in : dar hundartst der 
100., der tausatst der 1000. 

Eigentliche Distributivzahlen fehlen; für nhd. 'je zwei' 
wird tswqu und tswqa gebraucht, t&fqy einfach, draiskfqy 
d reissigfach, fünfmal fünfmal, huudertmql hundertmal u. s. w. 
Zu erwähnen sind die adjektivischen Bildungen dritsig,fiarlsig, 
fimftsig dreifach, vierfach, fünffach (nur beim Kartenspiele 
verwendete Ausdrücke); es liegt ihnen wohl dasselbe Suffix 
zu Grunde, welches uatsig einzig, hat. (Vgl. Kluge, etym. 
Wb. 5 ‘einzig, winzig’). 


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V. DAS VERBUM. 


§ 150. Vom Aktiv ist in der Mundart das Präsens 
(Indicativ, Konjunktiv (Optativ) und Imperativ) und der 
Konjunktiv Präteritum erhalten. Alle diese Modi haben 
Singular und Plural. Von den Nominalformen des Verbums 
sind vorhanden: Infinitiv Präsens, Partizip Präsens und Prä- 
teritum ; das Gerundium fehlt. 


Das starke Verbum. 


§ 151. Mit Ausnahme des Imperativs sind die durch 
die Entwicklung der Flexionsendungen entstandenen Formen 
logisch nicht mehr so bedeutsam, dass sie ohne Pronomen 
verwendet werden könnten (doch vgl. § 136). Der Indikativ 
des Präsens zeigt folgende Formen, Staig» steigen. 


Sing. 

1 . Staig 

2. StaigSt StaigS 

3. Staigt 


Plur. 

Staig» Staig 
Slaigdt Staig»ts 
Staig ». 


Die 1. Sing, zeigt den mhd. kurzen, auslautenden Vokal 
apokopiert; in der 2. 3. ist der inlautende Vokal synkopiert. 
Erhalten ist er als » in der 2. nach (p) t (fc) d, s, S des 
Stammes : rait»St reitest, Snaid»St schneidest, Suiss»St schies- 
sest, in der 3. nach ( p ) t (&) d: j>int»t bindet, suidH siedet. 
Dass diese Verhältnisse erst spät aus Gründen des Wohl- 
lautes geregelt worden sind, erweisen die urkundlichen Be- 
lege (§ 170 Anm.). Analog sind die Verhältnisse im Kon- 
junktiv Präsens (und beim schwachen Verbum im Präsens 


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166 


und Partizip Präter). V r on den Doppelformen der 2. Sing, 
ist StaigSt die primäre ; sie geht auf eine sekundäre Bildung 
zurück, welche schon im Ahd. vorhanden ist (Braune, ahd. 
Gramm. 2 g 306, 4. 5). Das t setzte sich in den Stellungen 
fest, in welchen das Pronomen du enklitisch an die 2. Person 
trat; aus -st ging St hervor. Wenn in der lebenden Mund- 
art das Pronomen schwachtonig auf das Verbum folgt, wird 
du in dem t gefühlt. Staig St auf \i poum ? Steigst du auf 
den Baum? Aus satzphonetischen Scheideformen und solchen 
Stellungen wie der vorhergenannten erklärt sich die Neben- 
form StaigS. Die 1. Plur. Staig » entspricht in regelmässiger 
Entwicklung mhd. stigen ; Staig wird nur verwendet, wenn 
das Pronomen nachfolgt und enklitisch ist und auch in 
diesem Fall kann Staig» gebraucht werden. Staigmsr steigen 
wir, wie mhd. stige wir (Paul mhd. Gramm. 4 § 155, 2, Wein- 
hold, bair. Gramm. § 283). Das e von mhd. stige wir wurde 
synkopiert. Die 2. Plur. zeigt einen Vokal ». Lautgesetz- 
lich kann dieser nur aus ent entstanden sein, oder aus ge- 
decktem langem Vokal; letzterer war in den Formen desKonj. 
vorhanden und dieser hat wohl auf den Indikativ gewirkt.: 
doch ist ent als Endung der 2. Plur. Ind. nicht abzu- 
weisen (Weinhold mhd. Gramm. 2 g 369, bair. Gramm. § 284). 
Die 3. Plur. endet auf -»; die Endung ent (des Mhd.) ist 
durch Analogiebildung nach der 1. Plur. einerseits, nach 
der 3. Plur. Konj. andrerseits verdrängt worden. Die Neben- 
form der 2. Plur. Staigsts ist durch Enklise des schwach- 
tonigen Pronomens entstanden. Staig»ts kann ‘steiget’ und 
steiget ihr* bedeuten ; öis Staig»ts und öis Staig»! ihr steigt, 
Staig» ts und Staig»ts öis steiget ihr. Diese Bildung ist der 
ahd. Erweiterung der 2. Sing, is: ist vollkommen parallel. 

g 152. Die Formen des Konj. sind : 

Sing. Plur. 

1 . Staig Staig» 

2. StaigS StaigSt Staig»t Staig»ts 

3 . Staig Staig». 

Die Entwicklung der Endungen ist wie im lnd. zu be- 
urteilen; die Synkope in der 2. Sing, ist analog zu der im 


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167 


Ind., lautgesetzlich hätte der lange Vokal des Ahd. als » er- 
halten bleiben müssen, Staigät und Staig»ts sind seltener, 
da der Konj. meist in Wendungen gebraucht wird, in welchen 
das Pronomen vorausgeht. 

Der Imperativ hat im Sing, regelmässig die Stamm- 
form: Staig steig; der Flur. Staig»! ist analog dem Konj. 
und Ind. gebildet. Die Form -» ts fehlt dem Imp., sie konnte 
hier nicht entstehen, da das Pronomen sich nie enklitisch 
anschliesst. Dies gibt auch den Hinweis, dass »ts als Endung 
verhältnismässig jung ist; es kann sich erst gebildet haben, 
nachdem der Imperativ analogisch die Endung -»t erhalten 
hatte. Sonst wäre es nicht zu erklären, dass der Imp. nicht 
auch » ts hätte, das im Ind. (Konj.) mit » t gleichwertig ist. 

§ 153. Der Konjunktiv des Präteritums unterscheidet 
sich in den Flexionsendungen nicht vom Präsens. 

Sing. Plur. 

1 . St lg Stig» Stig 

2. Stig St Stig»t StXg»ts 

3 . Stig Stig». 

Der Infinitiv endigt auf -» in regelmässiger Entwick- 
lung des -en ; das Part. Präs, auf -»t (aus ent), das des Prät. 
auf -» (aus -en). Über die Flexion des Part. vgl. § 131. 
Staig» steigen, Staig»t steigend, gStig» ( kStig »), gestiegen. 

Die Vorsilbe mhd. ge des Part. Prät. erscheint als g 
vor Vokalen und stimmhaften Lauten, als k vor /, s, mit h 
verbindet sie sich zu tcy : dagegen fehlt sie vor den Ver- 
schlusslauten gänzlich. Dies gilt für alle Verba, für die 
starken und schwachen. Vgl. öss» essen, goss» gegessen, 
llg» liegen, glöig» gelegen; mqyy» machen, gmqyt gemacht: 
jqg» jagen, gjqkt, gjöit gejagt; tröffe wählen, gwöilt gewählt; 
fqr» fahren, kfqr» gefahren; sits» sitzen, ksöss» gesessen; 
hqass» heissen, kyqass» geheissen; hau» hauen, kyaut gehauen; 
paiss» beissen, piss»' gebissen ; pfent » pfänden, pfentst ge- 
pfändet; ti» tun, tou getan; tsql» zahlen, tsqlt ‘gezahlt’; 
kyuij» kauen, kyuit gekaut; denky» denken, devkyt gedacht; 
druky» drücken, drukyt gedrückt; göiw» geben, göiw » ge- 
geben ; graiff» greifen, griff» gegriffen. Für d und g möchte 


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168 


man t und k erwarten (ged- geg- über gd, <jg zu t, k). Ent- 
standen ist dieser Schwund durch Assimilation des g an 
den Konsonanten, zunächst an k in ky, dann an g\ wie kyuij» 
k/uit bildete man göito» Part, gone» für *köiw<> u. s. w. 

§ 154. Die Ablautgruppen der starken Verba sind in 
der Mundart erhalten ; der Vokal bezw. Diphthong des Ind. 
Prät. ist verloren wie der Modus. Der Konj. Prät. kann 
zu jedem starken Verbum auf »t + Endung vom Stamme 
des Präsens nach Art der schwachen Verba gebildet werden. 
Manche haben nur diesen schwachen Konj. Prät., dagegen 
noch die starken Partizipien; wenn aber dieses schwach 
geworden ist, ist auch der Übergang zu den schwachen 
Verben vollzogen. Kein starkes Verb hat das Prät. bewahrt, 
wenn das Part, schwach gebildet wird. 

Die Verba der 1. Ablautreihe. Mhd. Präs, stigen, Konj. 
Prät. stige, Part. Präs, gestigen. Die Mundart hat ? zu ai 
entwickelt, kurzes i vor Lenis gedehnt, stetig », stfg, kStlg» ; 
wai-x » weichen wiy, gwiyy » ; Straiy» streichen ätriy, kitri/y » ; 
Sla iy» schleichen äliy, Icsliyy» ; paiss» beissen piss, piss» ge- 
bissen ; raiss» reissen riss, griss» ; iaiss», giss, Hiss» ; ämatss» 
schmeissen Stniss, Hmiss » ; p»flaiss» befleissen p» fl iss, pefliss » ; 
raits reiten rit, gritt»; ärait» schreiten Srit, Hritt»; strait» 
streiten strit, kstritt »; pfaff» pfeifen pfiff, pfiff » ; graff» greifen 
griff, griff»; sla ff» schleifen slff, Hl ff»; plaiw» bleiben pltb 
pllw» ; raiic» reiben rib, grlw »; äraiw» schreiben ärlb, kirfw»; 
traiw» treiben Mb, Mw» ; äpaiu ■» speien iplh, Hplw » ; änuiu» 
schneien änlb, Hnn, W; äain» scheinen Sin , Hin» ; äraij» 
schreien Sri», käri»; in den Präteritalformen dieses Verbs 
erscheint der Vokal der Endung überall mit dem i des 
Stammes zum Diphtong i» verbunden, d und t wechselt 
in: laid» leiden lit, glitt»; Snaid» schneiden änit, Hnitt»; 
verallgemeinert wurde d in maid» meiden mul, gmld» und 
raid» drehen rld, grvl» ; in letzterem ist bereits im Ahd. 
das Part, giridun allein herrschend, (Braune ahd. Gramm. 2 
§ 330, 2). Man vgl. dazu die Mask. änit Schnitt, rit Kitt, 
aber rid Drehung, Krümmung, tsaih» zeihen tsly, tsih»; 
laih» leihen lly, glfh»; saih» seihen sly, gsih»; selten ist 
tiaig», gqig» neigen. Mhd. sclndm hat sich in der Mundart 


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169 


mit dem reduplizierenden scheiden vermischt. Im Präs, 
kommt fast nur Sgada (mhd. scheiden) vor, im Prät. Sqadat 
und sind (selten) im Part, kSqadat ; dafür ist regelmässig 
Prät. itd, ksida in Verwendung. Selten gebraucht sind die 
Part, kswiga geschwiegen, dlgo gediehen, die Präs, dazu 
fehlen. — Die Kindersprache bildet nicht ungern schwache 
Prät. und Part, zu allen starken Verben. 

§ 155. Die Verba der 2. Ablautreihe. Mhd. Präs. 
hinge, biegen, Konj. Prät. bvge, Part, gebogen-, die Verba 
dieser Reihen haben in der Mundart im Präs, die Diphthonge 
ui und i», im Prät. u oder w, im Part, o oder ou ; ü und ou 
vor Lenis und zum Teil vor t. Die ui im Präs. Ind. Imp. 
Sing, sind ziemlich fest, doch kommen auch Formen mit 
ia vor, eine durch die Schriftsprache wesentlich geförderte 
Analogiebildung nach dem Plural. Das u des Konj, ist nicht 
umgelautet worden. Präs. Sing. Ind. 1. puig, 2. puigS, 
puigSt (ki), 3. puigt, Imp. puig ; daneben seltener plag, piagi, 
pingt, pi»g\ Plur. Ind., Konj. Inf. i»: piaga; Konj. Prät. püg, 
Part, poug» biegen ; luig, Hags, lüg. gloug» lügen ; truig, trüg», 
troug 3 trügen, Konj. Prät. nur schwach trügst-, Huig, fliag», 
flüg, kf longa fliegen; fl ui/, fliaha, flu/, kftouha fliehen; tsui/, 
tsiaha, tsiiy, tsouha ziehen; der Wechsel zwischen h und g 
ist in diesen beiden zu Gunsten des h aufgegeben, k/rui/, 
kyriaya, kyriayat, kyrnyya kriechen; ruiy, ri»/»t, gro/y » riechen; 
Smiag a schmiegen, hat nur das Part, stark ksmouga-, Suis 
iiassa, Suss, kiossa schiessen; Sluis, Uiassa, Ums, kälossa 
schliessen; gtiis, giassa, goss, goss a giessen; fardruist, far- 
driassa, fardrvss, fdrdross » verdriessen ; gpitis, gpiassa, grjossa 
gemessen ; Spruist, äpriass », ipriassat, kipross » spriessen ; fluist, 
fliassa, flu ss, kflossa fliessen; nuis, niasa niesen; ui ist sehr 
selten, das Prät. ist nur schwach niasat, gpiast ; puit, piat a, 
piatat, pouta neben poti» bieten ; kylnib, kyliawa, kylüb, kylouwa 
klieben ; äuib, äiawa, iah, kiouwa schieben ; sluif, Uiaßa, Uuß', 
kSloff» schliefen ; ituib, itiawa, Uüb, kStouw» stieben ; truift, 
tri, >ß triefen, Prät. triaffat, triaft ; kfruir, kfriar», kfrür, kfrqar» 
(or zu gar) gefrieren; farluir, farliar», farlür, farlqara verlieren; 
in beiden ist r auch im Präs, fest geworden, d und t wechselt 
in siada sieden, suid, sut, ksotta wie noch im Nhd.; suußa 


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170 


saufen, satigs saugen, haben im ganzen Präsens au, in» Part. 
ksoffs, ksougs, der Konj. Prät. ist suff, saugst. Zu den 
schwachen Verben übergetreten sind von dieser Klasse: 
pluijs bläuen, ruijs reuen, kyuijs kauen ; ihnen fehlte im 
Präsens der Wechsel ui : i», sie konnten sich wegen der 
Sonderentwicklung des Stammvokals als starke Verba nicht 
halten, pruijs brauen, ist durch das nhd. praijs, praus nahezu 
verdrängt. 

§ 156. Die 3. Ablautreihe, a) Mhd. binde, band, bunden, 
gebunden ; die Mundart hat im Präsens im Part. Prät. u, 
im Konj. Prät. aber a, also einen Umlautvokal. Hier liegt 
keine rein lautgesetzliche Entwicklung vor; wenn das a 
durch die i der Konjunktivendung umgelautet wäre, müsste 
eine Verallgemeinerung des a vom Sing. Ind. Prät. über 
das ganze Präteritum für sehr frühe Zeit angenommen 
werden; dafür aber fehlt es an Belegen. Man muss sich 
mit der Annahme begnügen, dass das ursprüngliche u des 
Konj. in Analogie zu den Konj. der Verba der 4. und 5. Reihe 
welche umgelautetes a haben, durch « verdrängt wurde; 
dass das Bestreben die Vokale des Konj. und Part. Prät. 
zu trennen mitgewirkt hat, wird durch die Abteilung b) 
dieser Reihe, welche im Konj. u im Part, o hat, nahe gelegt. 
prinns, prann, prunn s brennen; rinne, rann, grunn » rinnen; 
sinns, sann, ksunns sinnen; Spinne. Spann, kSpunns spinnen; 
dsrtrinn », dbrtrann, dsrtrunn» entrinnen; gwinns, gwann, 
gwunns gewinnen; pints, pant, punta binden; Stints , Slant 
(gewöhnlich Slintst), kilunts verschlingen (alid. slintan); Sints 
(Prät. fehlt), kSunts schinden; wints, v:ant, gwunts winden; 
Swints, Stcant, kStcunts schwinden; fsrSwinds (seltener ist 
hier nt bewahrt fsrimnt»), fsrSuand, fsrSwunds verschwinden; 
finde, fand, kfunde (d im Prät. wie im Präs.) linden; dringe, 
dragg, druggs dringen; k/liggs, kylagg, kyluggs klingen; 
gliggs, glagg, gluggs gelingen; siggs, sagg, ksuggs singen; 
fsrsliggs, fsrSlagg, fsrSlugge ‘verschlingen’ sich verwickeln; 
Spriggs, Spragg, kSpruggs springen; tswiggs, tswagg, tswuggs 
zwingen; higkys, kyugkys hinken; sigky», sagky, ksugky», 
sinken; Stigkys, Stagky, kStugkys stinken; trigkys, tragky, 
trugkys trinken, wigkys, gwugkys winken; priggs, pruggs 


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171 


bringen (Part, häufiger prqyt ; Konj. präyt ; über das starke 
Part. vgl. Kluge, Pauls Grundr. I. S. 376). 

b) Mhd. hilft, helfen (half), hülfen, geholfen. Die Mund- 
art hat den Wechsel im Präs., mhd. i und e, teilweise ge- 
wahrt; e vor r. I wurden zu a, gedehnt zu ea; im Konj. 
Prät. fehlt der Umlaut, hilf, half», half, k/olff» helfen; i 
ist im Präs. Sing. Ind. Imp.; gilt, galt », gult, golt» gelten; 
küicül, kSwall », kSuall»t, kSwoll» anschwellen (mhd. geswellen ) ; 
mal/», gmoly» melken (im Präs, überall «, im Prät. schwach), 
von mhd. stu'elzen ist nur die 3. Sg. Ind. Präs. Smiltst erhalten, 
desgleichen das Part. kSmolts » geschmolzen, die übrigen 
Formen werden vom Fakt. Smölts» (ahd. smelzen) gebildet; 
von mhd. beleihen, schelten sind die Part, pefolh», ksolt » 
erhalten, die übrigen Formen sind schwach; ganz schwach 
geworden sind: pall» bellen, wall» wälzen, Salb schellen. 
Vor r zeigen sich die Vokale i, a, n, q in Stirb. Starte», Starb, 
kstqrw » sterben; wirf, warf», warf, gworff '» werfen; fdrdirb 
f»rdarw», f»rdurb, f»rdqrtc » verderben ; von mhd. bergen ist 
das Präs, als parg», das Part, als pqrg» vorhanden. Mhd. 
werden ist zu ivqar» geworden mit Schwund des d : Präs. 
wear, wear», Konj. Prät. war, Part, gwqar» (und wqar» nach 
einem Part., yllh» wqar» geliehen worden). 

§ 157. Die 4. Ablautreihe. Mhd. nitne, nemen ( nam ), 
naeme, genommen. Die Mundart hat: nim, nemrn», namm, 
gtjomm » nehmen; priy, pro//», pra /, pro//» brechen; Sti/, 
Stö/y», stay, kStoyy» stechen; Spriy, spröy/», Spray, kspro //» 
sprechen; trif, troff», traf, troff» treffen; auffallend ist die 
Kürze des Vokals im Konj. Prät. gegenüber mhd. ce, ahd. 
d ; sie kann nur durch eine Ausgleichung der Quantität aller 
Ablautvokale entstanden sein. Nominale Ableitungen von 
diesen Stämmen zeigen die Länge spr<i/ Sprache; pro/ brach. 
d»rsriky3 erschrecken hat i im ganzen Präs, unter Einfluss des 
Mask. sriky» Schrecken, und um es von darsrök y» in Schrecken 
setzen, zu scheiden; Prät. dorsrak/ Part. d»rsrok/» (Vgl. 
Braune ahd. Gr.. 2 § 341, 2); früh schon in die 5. Reihe über- 
getreten ist kyimrn, kyemm», kyam, kyemm» kommen (Braune 
a. a. 0. § 340, 2). Gedehnter Stammvokal liegt vor in: 
dortswqar» schwären, d»rtSuür, d»rtswqar», das ganze Präsens 


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hat m ; stqals stöhlen stül, kstuul»; Analogiebildung nach den 
Verben der 2. Reihe zeigt die Nebenform des Präs, dieses 
Verbums Stuil, veranlasst durch die Übereinstimmung des 
Konj. und Part. Schwach geworden sind: Sqars scheren, 
dröSS * dreschen, feyts fechten; zu flöxü flechten ist das 
Part, kfloyts noch vorhanden, löSss löschen, hat sich mit 
dem Faktitivum vermengt; selten sind Präs, dsrlist erlischt, 
Part. dsrlosSs erloschen. Mhd. bern ist der Mundart nicht 
erhalten, das Partizip gspours zeigt im gs und our nhd. 
Einfluss. 

§ 158. Pie 5. Ablautreihe. Mhd. sihe, sehen, (sack) 
sähe, gesehen. Die Mundart hat: »ly, söihs, säy, lc söihs 
sehen; ksiyt, ksöihs, kstiy, ksöih 3 geschehen; iss, össs, ass, 
gösss essen ; f argiss, fsrgösss, fsrgass, fsrgösss vergessen ; 
über die Kürzung des Stammvokals im Konj. Prät. vgl. das 
bei der vierten Reihe bemerkte; assig gut zum Essen, 
kfräs schlechtes Essen (mhd. gevraeze) zeigen die Länge. 
göiws geben, hat in der 1. Präs. Sing. Ind. gib, in der 2. 3. 
gaiät, galt, entsprechend mhd. gist, gtt; das gleiche ist der 
Fall beim ./-Präsens ligs liegen, l/iist, lait, mhd. list, lit; 
Prät. gab, lag, göiws, glöig». sitss sitzen, hat wie llgs im 
Präs. t. im Prät. mit Kürzung sass, im Part, ksösss. Schwach 
geworden sind: pflöig s pflegen, wöigs wiegen, pswöigs be- 
wegen, tcöiws weben, löiss lesen, mösss messen, pitts bitten, 
Part. Prät. giltst, j'ötts jäten, trötts treten (mhd. neben treten 
ein Fakt, treten, das sicher mitgewirkt hat die starke Flexion 
zu verdrängen), kynött * kneten. Vom Stamme wes- sind an 
Verbalformen erhalten: Konj. Prät. war wäre, und Part. 
Prät. guöiss, nicht selten ist das schwach gebildete gwöst 
gebraucht. 

§ 159. Die 6. Ablautreihe ist die schwächste, Aveil sie 
nur zwei Vokalstufen hat, von denen die eine nur dem Konj. 
Prät. zukommt. Dieser ist in der Mundart nur bei drei 
ursprünglich starken vorhanden ; sein Vokal ist i» aus üe, 
also umgelautet. Es sind ft»r zu fgr» fahren, trüg zu trögs 
tragen, Slüg zu Stögs schlagen; letzteres hat den gramma- 
tischen Wechsel wie im Nhd. aufgegeben. Diese drei haben 
im Präsens in der 2. 3. Person den Umlaut föirst fährst, föirt 


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fährt, Slöist schlägst, slöit schlägt, tröist,tröit, trägst, trägt ; 
aus slöist Statt lässt sich vermuten, dass bereits in ahd. Zeit 
g für h eindrang; denn slehis, slehit hätten nicht zu sleist, 
sleit werden können und später eingeführtes g für h wäre 
nicht vokalisiert worden. Schon im Ahd. kommt im Prät. 
Sing, g für h vor, Braune a. a. 0. § 346, 2. Die Partizipien 
lauten kförs, trqg», kSlqg ». Starke Partizipien (neben schwachen 
Konj.) sind vorhanden von Ujd» laden, ghqds ; mqls mahlen, 
gwql»; tcqks» wachsen, gwqks » ; äqff» schaffen, käqff» und kioff't ; 
ganz schwach sind nqga nagen, puz/ß backen, uöts waten. 
wtiää» waschen, grqw» graben ; äöpfs schöpfen, höiws heben, 
Suöirs schweren , sind j- Präs. ; zu letzterm wird das Part. 
kitcour 9, also in nhd. Lautform, (für Imst wäre kiwqars zu 
erwarten) gebraucht. 

§ 160. Die ursprünglich reduplizierenden Verba sind 
stark zusammengeschmolzen, fqlls fallen, fölst, fölt fällst, 
fällt, fi»l fiele, kfqll» gefallen; hqlt» halten, hislt, k/qlt»; das 
komponierte kxqlt» (mhd. gehalten), behalten ist ganz schwach 
geworden; rqts, ri»t, grqts raten; grqts geraten, gelingen, 
entbehren, Part, grqts; hqasss, hm, k/qass » heissen; Stqasss, 
äti»s, kStoass » stossen, louff» laufen, li»f und Ivff im An- 
schluss an die 2. Reihe (schon mhd., Paul, mhd. Gramm. 
§ 164 A. 3). Iqssn lassen, zeigt Formen, die der schwaeh- 
tonigen Stellung im Satze zugeschrieben werden müssen. 
Überall ist der Stammvokal q kurz, du Iqät du lassest, weist 
auf frühe Synkope des ahd. i ( läzist zu *l&zst *ldst), Iqt er- 
lässt (schon ahd. lat). Die 1. Plur. Iqss», loss, in der schnellen 
Rede manchmal bei Enklise des Pronomens lommsr (vgl. 
mhd. län wir) ; die 2. Iqssst, Iqt, die 3. Iqss». Der Konj. Präs, 
hat die Formen Iqss, IqsssS tqä, Iqss, Iqssa, lqss9t, Iqss»; der 
Imp. hat Iqss, seltener Iq in schwachtoniger Stellung, Plur. 
Iqssst, Iqt; der Konj. Prät. Im, dies ist die regelrechte Form; 
daneben kommt vor eine schwache Bildung Iqssst, eine Misch- 
bildung lisssst, in welcher an die ursprünglichen Konjunktiv- 
formen die heute gebrauchte schwache Präteritalendung trat, 
und lia$t, deren t ebenfalls dem schwachen Prät. zu ver- 
danken ist ; das Part, glqt, also schwach gebildet. — Starke 
Partizipien haben folgende bewahrt: ilqffa schlafen, kälqff a, 


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Priit. Konj. Hoffst, sehr selten Slisf; sqlts» salzen, ksqltss; 
imqltss schmalzen, Mtnqltss-, ganz zu den schwachen über- 
gegangen ist: plq& blasen, prqts braten, iponn s spannen, 
ponns bannen, fqlts falten, w qly» walken, hau» hauen, fqhs 
fangen (mhd. vdhen), oufoqqs anfangen. 

„ Das schwache Verbum. 

§ 161. In der lebenden Ma. müssen zwei Gruppen 
unterschieden werden , die einsilbigen und die mehrsilbigen 
Stämme. Die einsilbigen flektieren im Präsens genau wie die 
starken Verba, tsqag s zeigen, Präs. Ind. Sing. 1. tsqag. 2. 
tsqagit, tsqagi, 3. tsqagt, Plur. 1. tsqag s, tsqag, 2. tsqagst, 
tsqag»ts, 3. tsqag s ; Präs. Konj. Sing. 3. tsqag, Imp. 2. tsqag 
Plur. tsqagst , Part, tsqag »t. 

Die mehrsilbigen haben folgende Präsensformen : reyn» 
rechnen, südls sudeln, qrwst » arbeiten, painig» peinigen. Präs. 
Ind. Singl. 1. reyn», sudl», qrwst», painig», 2. reyns&t, sudisst, 
qrwstsit, palnigsit , (neben »At auch es), 3. reynst, südist, qr- 
wstst, painigst, Plur. 1. reyn», südls u. s. w., selten die 
kürzere Form ohne » vor dem enklitischen msr z. B. qr- 
w»tm»r , 2. reynst , reynsts u. s. w. 3. reyn»; Konj. Sing. 
3. reyn», südls, qrwst», painig », die übrigen Formen gleich 
dem Ind. ; Imp. Sing. 2. reytt», südls, qrwst», painig », Plur. 
reymt. 

Das » der 1. Sing, lässt sich nicht anders als aus -en 
entstanden erklären; dies ist die Fortsetzung des ahd. im , 
en der schwachen Verba der 2. und 3. Klasse (Paul mhd. 
Gramm. § 167, 3). Die Endung dieser Verba hat sich er- 
halten und in der Entwicklung der Mundart auf alle mehr- 
silbigen ausgedehnt, während sie den einsilbigen verloren 
ging; ich verweise auf die mehrsilbigen Feminine, welche 
heute alle der schwachen Deklination zugefallen sind § 115. 
Eine gleiche Verschiebung der ursprünglichen Klassenver- 
hältnisse zeigt die 2. 3. Präs. Sing. Ind., deren Vokal » als 
Entsprechung des langen 0, e der ahd. Konjugation zu deuten 
ist, ahd. salbös, haben, salböt, habet-, die mehrsilbigen vom 
Typus reyn», südls haben daneben Formen mit p, J also 
reynit, reytjt, südist, südff für das häufigere mit, nst, l»St, 


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l»t\ es ist dies die Entsprechung für die mit kurzem Vokal 
gebildete Endung (der ahd. 1. Klasse). Der Imp. Sing, reyn» 
u. s. w. ist analogisch gebildet. 

§ 162. Das Präteritum wird zu allen schwachen Verben 
auf »t gebildet: tsqagat ich würde zeigen, reynat, sadlst, qr- 
ie»t»t, painigat. Die Flexionsendungen sind dieselben wie im 
Konj. Präs.; 2. tsqagat St, qnvatatät, 3. tsqagat, qrwatat, Plur. 
1. tsqagat», qr watet», tsqagat mar zeigten wir, 2. tsqagat ats, 
tsoagatat, 3. tsqagat 9 . Auch hier bieten die schwachen Verba 
der 2. 3. Klasse des Ahd. die Erklärung; die langen Vokale 
der Konj. Endung öti. eti blieben erhalten und diese Bildung 
dehnte sich über die gesamten schwachen Verba aus: der 
kurze Vokal der Prät. der 1. schwachen Klasse musste der 
Synkopierung erliegen. Der ganze bairische Dialekt hat 
heute diese Bildungsweise vgl. Weinhold, bair. Gramm. § 316. 
Dass in der Ma. die Konj. Bildung auf »t- dominierend ist, 
zeigt die 2. Sing., deren Endung nicht »St, ist, wie man nach 
dem t erwarten würde, sondern st, also ohne Vokal. Die lang- 
silbigen der ahd. 1. Klasse haben in der Ma. durchwegs iin 
Prät. at, der 'Rückumlaut’ ist überall analogisch beseitigt. 
Vgl. degk/ii denken, Prät. deqkyat, Part. Prät. derjkyt ; prenn» 
brennen, prenn»t, prent ; kyenn» kennen, kyennat. kyent-, 
renna rennen, rennst, grent ; nenn» nennen, nennst, gnent. 
Das Part. Prät. endet auf t bei denen, welche in der 3. Präs. 
Sing. Ind. die Synkope haben : tsqagt gezeigt, gfrqgt gefragt, 
kyqst gehasst, kyötst gehetzt,; auf »t nach p, t, k: gsoppat 
zu schoppen, glqatat geleitet, gQrtat geartet, gnqakat geneigt, 
zu nqak» neigen (trans.), ferner bei den mehrsilbigen : greyiiH 
gerechnet, ksüdlat gesudelt (seltener greygt, gsüdlt), gqrwatat 
gearbeitet, painigat, gepeinigt. Über die durch Vokalisierung 
des g entstandenen Formen der Verba sqg» sagen, jqg» jagen, 
löig» legen, vgl. § 36, § 76. Ihre Part. Prät. sind Über- 
reste der Part. Bildung der ahd. schwachen Verba der 
1. Klasse, ebenso auch kyöt gehabt (ahd. gihebit, vgl. Braune 
ahd. Gramm. 2 § 368, 2). 

§ 163. Einzelne schwache Verba sind zu den starken 
übergegangen. In die erste Ablautreihe: wais» weisen, Prät. 
wie, Part, gwis»; prais» preisen, prls, prls»; glaiy» gleichen, 


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gliy, gli//»; spraiss» spreitzen, Spriss , kspriss ■>; snaits» 
schneuzen, snits, ksnits» ; alle auf weiterem Gebiete, vgl. für 
die beiden letzten Schmeller b. Wb. 2 II. 591, 706. waih» 
weihen, hat tcailiH und tot/, gwai/t und gwlh » ; laiU läuten, 
lait»t, glaitst, selten glitt». In die dritte Ablautreihe: tsint » 
zünden, Prät. tsintst, Part, tsunt »; sirnpf» schimpfen, ksumpf »; 
wints » wünschen, gwunts » neben gwinst ; zweifelhaft ist, ob 
dsrmss» erwischen, Part. dsrwusi » hieher gehört, vielleicht 
haben sich zwei Wortstämme vermischt (vgl. Schmeller a. 
a. 0. II. 1042). Zu den vier Zeitwörtern frqg» fragen, 
jqg» jagen, sqg» sagen, wq/%» machen, können Prät. nach 
Art der reduplizierenden Klasse gebildet werden: fri»g, 
ji»g, si»g, tni»y und mi»/t ; westlich von Imst und in Vorarl- 
berg sind die Part. k/rQg », gjög» vorhanden. Vgl. Wein- 
hold, bair. Gramm. § 323. Zu stök/p stecken, Kommt ein 
(intrans.) Prät. stak/ vor, das nach dem alten Prät. stucta 
gebildet sein dürfte. 

§ 164. Zu verzeichnen sind die vielfach zusammen- 
gezogenen Formen von hqw» haben: Präs. Sing. Ind. 1. hon» 
ich habe (ahd. mhd. Ad»), 2. hqst (mhd. Aast), 3. hqt (mhd. 
hät), Plur. 1. hqw», hontmsr haben wir (mhd. hän wir) selten 
hqbmsr, 2. htjwst, höw»ts, 3. hqw»; der Konj. ist regelmässig, 
1. 3. hqb, 2. hqps, Plur. 1. 3. hqw», 2. hQwsts. Das Prät. 
zeigt die kontrahierte Form hat, die sich mhd. haste ver- 
gleicht und ein ahd. *hdti erschlossen lässt (vgl. Braune 
a. a. 0. § 368, 4). Part, k/öt gehabt, dagegen k/öpt zu 
höiw» heben. 


Unregelmässige. 

§ 165. wiss» wissen. Präs. Sing. Ind. 1. wqas, 2. wqast, 
3. wqas ; es sind regelmässig entwickelte Formen ; neben 
wqast kommt selten wqas&St vor, eine deutliche Analogie- 
bildung. Plur. wiss» ( wissmsr ), wisset, wiss»; Konj. wiss, 
wiss»St, wiss, wiss», wissst, iviss»; Konj. Prät. wi$t und wöit 
(mhd. wiste, wBste). Das Part. Prät. gtmst ist eine Neu- 
bildung zum Inf.; mhd. gwist müsste als *gwiät erscheinen. 

Mhd. touc und gan haben sich zu schwachen Verben 


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entwickelt: taug s taugen, mit dem Vokal des Sing., und 
gwunn » gönnen, mit dem Vokal des Plur. 

kyenns können. Präs. Sing. Ind. 1. 3. kyonn, 2. kyon&t 
( kyontS ); Plur. kyenn », kyennst, kyenns ; Konj. kyenn u. s. w.; 
Prät. kyaiit, Part, kyent. Der Sing. Präs, ist regelmässig 
(mhd. kan, kaust); der Vokal des Plurals ist jedenfalls von 
dem nhd. 'S zu trennen und als umgelautet aus o zu er- 
klären, das analogisch nach dem Sing, für das ursprüngliche 
m eindrang. Brenner erklärt PBB. 20, 87 den Umlaut durch 
die suffigierten Pronomina wir , si. Der Konj. Prät. kyant 
geht sicher auf eine ältere Stammform kan zurück; der 
Umlaut vergleicht sich dem von hat hätte. 

tarf dürfen, ist völlig schwach ; Plur. tarff », Prät. tarffst 
Part, tarft. Da die Ma. westlich von Imst die Form tqarf 
hat, haben wir *derf vorauszusetzen und sind demnach ge- 
zwungen anzunehmen, dass ein Zeitwort mit e im Stamme 
früh das Prät. -Präs. ahd. darf, durfun verdrängt hat. 

Ahd. scal soll, wird nur noch als Konj. gebraucht. 
Präs, soll, Prät. sölt, söt. Das ö wird als späterer Umlaut 
zu o zu fassen sein, da der grösste Teil des bairischen 
Dialektes Formen mit o kennt; Weinhold a. a. 0. § 327, 
Braune a. a. 0. § 374. Der Konj. söt zeigt Schwund des 
l wie wöt wollte s. § 74. 

mög mögen (wie nhd.), 2. mgkSt sekundär gebildet; 
Plur. möigs, Konj. möig, öi ist Umlaut zu a (ahd. magun ) ; 
Konj. Prät. meyt, e kann lautlich nur aus altem ö (mhd. 
möhte) erklärt werden; das Part, gmökt ist nach dem Präs, 
gebildet. In der Umgebung von Imst ist im Präs. Ind. 
Plur. und Konj. vielfach mlgs, mig in Gebrauch (umgelautet 
aus ahd. mugun ); auch die alte Bedeutung ‘vermögen, können’ 
ist in diesen Maa. noch erhalten. 

muss muss, hat in der 2. musst die ursprüngliche Form 
mit altem st erhalten; der Plur. und der Konj. haben Um- 
laut missss ; der Konj. Prät. zeigt das alte st : misst, das 
Part, ist nach dem Präsens gebildet, ymisst. 

§ 166. Mhd. wellen. Präs, will, 2. sekundär wilst, Plur. 
und Konj. wölls mit ö als Umlaut von altem a. Der Konj. 
Prät. wot, wöt, daneben wolt, irölt, das Part, gwölt. 

Schatz, Die Mundart von Imst. |2 


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§ 167. Die Formen zu mhd. bin. Präs. Sing, pinn, 
pist pis, iSt iS; in der 2. 3. sind die Doppelformen genau 
so unterschiedslos verwendet wie St, s als Endung der 2. 
Sing, des Verbums (§ 151): der Plural 1. so», 2. sait, 3. s«7 
in Analogie zur 1. Plur. wie bei Stau/». Der Konj. sai, saist 
saiS, sai Plur. saij», saij»t saij»ts, saij»; die Konj. -Bildung 
geschah im Anschluss an die regelmässigen Verba. Der 
Imp. sai, Plur. sait-, der Konj. Prät. war, nhd. wäre, das 
Part, gwöis » ‘gewesen und gwöst, letzteres eine junge Bildung 
und nicht mhd. gewest entsprechend, da st und nicht st 
erscheint. Inf. Präs. sch. 

§ 168. Mhd. tuon. Die 1. Sing. Präs. Ind. tu» ist 
sekundär nach der 2. tu»st, 3. tust gebildet, da ahd. tuon 
zu tii» hätte werden müssen. Der Plur. 1. tfS, 2. ti»t, 3. ti» 
zeigt Umlaut wie der Konj. ti», ti»st, Plur. ti»ij», ti»ij»t, der 
die gewöhnlichen Endungen zeigt. Inf. mit Umlaut ti» wie 
möig», mi»ss», k/enn». Imp. tu», Plur. t.i»t, Konj. Prät. tat 
u. s. w. wie mhd. taste, Part, ton mhd. getan. 

169. Die Verba mhd. gen, sten. Inf. gi», sti. Präs. 
Sing. gqa, yqast, gqat, stqa, stqaSt, stqat Plur. gO, gqat, gi», 
stib, Stqat, sti 5; die 1. Sing, hat sich nach der 2. 3. gerichtet, 
die 2. Plur. zeigt wie bei sai, ti» (sait, ti»t), die ursprüngliche 
Bildung ohne n im Gegensatz zum Alemannischen. Der 
Konj. Präs, hat im Plur. neben den dem lnd. gleichen Formen 
auch nach Art der regelmässigen Verba erweiterte: gqaij», 
gqaij»t, gqaij», stqaij», stqaij»t. Imp. gqa, stqa, gqat , stqat. 
Das Part. Präs, ist durch Anfügung von »t an die Infinitiv- 
form sekundär gebildet : gun»t, iti.m»t. 

Der Konj. und das Part. Prät. werden dazu von den 
Stämmen gang, stand gebildet. Konj. gaytj, Stand; Part. 
goijtj», kstond» (mhd, gangen, gestanden). Der Vokal des 
Konj. « ist nicht klar. Von diesen Stämmen sind auch 
Pi äs. Formen im Gebrauch: Präs. lnd. Imp. Plur. yetpp, 
getppt, Konj. geipj u. s. w. ; stend», stend»t, Konj. stend ; sie 
zeigen ebenso Umlaut wie ti» tun, möig » mögen, k/enn» 
können, mi»ss» müssen. Keine Doppelform hat der Sing, 
lnd. Imp. Präs. 

§ 170. Die Bildung ders. g. zusammengesetzten Formen 


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des Zeitwortes geschieht ganz wie im Nhd. Vgl. i honn 
kälqg» ich habe geschlagen, si höw» ksöit sie haben gesagt, 
du pist kfqll» du bist gefallen (ich schlug, sie sagten, du 
fielst); »r litih kilqy» er habe geschlagen, si war» tjwöst sie 
wären gewesen ; i wqar qrw»t» ich werde arbeiten ; der Konj. 
Prät. wird häufig umschrieben: »r wür kyemw» er würde 
kommen, öis tat»t louff» ‘ihr tätet laufen’, (er käme, ihr 
liefet); i toqir Mikyt ich werde geschickt, m»r wür» kälQg» 
wir würden geschlagen, » r ist ylopt wqar » er ist gelobt 
worden. 

Anm. In den Urkunden zeigt die Konjugation des Verbums 
folgende Verhältnisse : Die 1. Präs. Ind. Sing, ist npokopiert, die 3. hat 
Synkope des Vokals der Endung; 1. gib, hat, räeff, bekenn; lob vnd 
versprich, 3. geschieht, schafft, stost, gibt, begibt , zeucht, rerlusst, gepewt 
gegen puitet, verachtet; die 1. Plur. hat -en ebenso die 3.. nur in den 
Formeln ansehent horent oder lesent, ansehent leseni oder hörent lesen 
der Urkunden vou 1448, 1450 zeigt sich -ent. Vom Verbum substun- 
tivum ist die 1. und 3. Pluralis einmal als sind, sonst immer als sein 
belegt. Der Konj. Präs. Sing, zeigt Apokope, der Plural kommt nicht 
vor; der Konj. Prät. Sing. ( tvurd , weit, ging, abging, sach, war, wür, 
wer, au/giib, pegab, kam, slurb, warf, hunk, füer, ausschlueg) hat Apo- 
kope, nur je einmal (.käme, liesc, würde, fände ) ist der Endungsvokal 
noch geschrieben, hunk und fände machen es wahrscheinlich, dass 
damals noch u der Vokal des Konj. Prät. der starken Verba der 3a. Klasse 
war und nicht das « der lebenden Ma. Das Part. Prät. endigt bei den 
starken auf -en, bei den schwachen auf t. Die Vorsilbe ge- wird meist 
geschrieben ; doch zeigen die Belege hingeben, geben, körnen, nachgangen, 
pracht, petracht, than, dass sie bereits zu dieser Zeit so behandelt wurde 
wie heute. Die Formen des schwachen Part, geme.lt, gerächt , petracht, 
sowie die oben angeführten Präsentia verlasst, gepewt lassen ersehen, 
dass die Synkope des Endungsvokals ohne Rücksicht auf die voran- 
gehende Konsonanz durehgeführt worden ist, dass sich aber aus Gründen 
des Wohllautes nach Verschlussfortis der Vokal der Endung erhalten 
konnte; in der lebenden Ma. erscheinen die Verhältnisse genau geregelt, 
vgl. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte’ 8. G3. 


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Verlag von KARL J. TRÜBUER in Strassburg. 


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Dur zweite Band iSnimmbllduncs- und Flexlonzlehrc, Syntax, Sammlung der ln- 
»chrjften und Glon«ar) erscheint Knde 1890. 

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("Quellen und Forschungen, Heft 68). AL L— 

In Vorbereitung sind: 

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lehre der altslawischen (altkirchenslavisclien) Sprache. Deutsch von 
Dr. Erich Berneker. 8°. ca. lü Bogen. 

Simonyi, Sigmund (Prof. n. der Univ. Budapest), Die ungarische Sprache. Ge- 
schichte und Grammntik. sL ca. Bogen.